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Zul-aer Mzeiger

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Nr. 2 1927

^ulda, Dienstag, .4 Januar

4. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser

* ©'mnirenc Soldaten der französischen Besatzung in Kehl mißhandelten deutsche Passanten. Die Franzosen wurden ver­haftet.

* In zwei Unterredungen sprach sich der französische Außen- MlNlsier Briand über die politische Weltlage aus. Er bekannte sich zur Politik des Friedens.

* Bei einem Lawinenunglück am Arlberg in Tirol wurden acht Personen, darunter zwei Reichsdeutsche, getötet.

* Der Erpreßzug BukarestKonstanza entgleiste in der Nähe des Bahnhofs Trajan. Acht Personen wurden dabei getötet.

* Das Erdbeben in Südkalifornien und in Mexiko in der Silvesternacht hat schätzungsweise für 2% Millionen Dollar Schaden verursacht. Menschenleben sind nicht zu beklagen.

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Wird der Reichstag aufgelöst?

Von einem politischen Mitarbeiter wird uns ge- schrieben:

Die innenpolitische Lage wird wirklich immer ver­wirrter. In einem Neujahrsartikel hat der Vorsitzende der Sozialdemokratie, der Reichstagsabgeordnete Müller (Franken), nichts anderes gefordert als eine Regierungskoalition vom Zentrum bis zur Sozial­demokratie, dauernd unterstützt durch die D e u t s ch e Volkspartei, ohne daß diese in der Regierung selbst vertreten sei. Sonst bliebe nichts als die Reichstag s- a u f l ö s u n g.

Man weiß allzu genau, daß derartige Artikel herzlich wenig mit der praktischen Politik zu tun haben, vielmehr im allgemeinen nur dazu dienen, dem Wähler aller­hand vorzuerzählen. Die Sozialdemokratie ist nämlich bemüht, die Fäden, die ihr Beschluß, den Rücktritt des Kabinetts Marx zu verlangen, zerrissen hat, wieder an­zuknüpfen. Man will alle die Geschehnisse ungeschehen machen, würde es aber lieber sehen, wenn das neue Kabinett durch Dr. Wirth gebildet würde. Um ein Schlagwort zu gebrauchen: ein solches Kabinett trüge den Charakter derWeimarer Koalition", aber, da es nur über eine Minderheit im Reichstag verfügen würde, bedürfte es der dauernden Unterstützung durch die Deutsche Volkspartei, die allerdings in der Person ihres Parteivorsitzenden, Dr. Stresemann, wahrscheinlich im Kabinett vertreten wäre. Freilich nicht parteimäßig, sondern als Fachminister.

Das Zentrum wäre ebenso dafür zu haben wie, die Demokratische Partei. Diese hat soeben erst in Sachsen erklärt, nicht mit den Deutschnationalen eine Regierung bilden zu wollen, so daß man auch in diesem Lande jetzt, nach zwei Monaten, schon wieder mit einer Neuwahl zum Landtag rechnet. Will man die Neubildung des Kabinetts im Reiche überhaupt parteimäßig auf­ziehen, so liegt alles in der Hand des Zentrums. Dort sind die Ansichten aber immer noch nicht geklärt; der Parteivorsitzende Marx und mit ihm die überwiegende Mehrheit der Partei lehnt cs ab, mit den Deutschnatio­nalen zusammenzugehen, verharrt also auf dem Stand­punkt, der ja letzten Endes die ganze Krise herbeigeführt hat. Selbst ein Mann wie S t e g e r w a l d , der früher eine scharfe antisozialdemokratische Einstellung hatte, ist jetzt trotz jener Ereignisse im Reichstag ein Befürworter des Zusammengehens mit der Sozialdemokratie. Das Zentrum hat ja 1925 ein Kabinett unterstützt, in dem auch deutschnationale Minister saßen, dabei aber immer be­tont, daß es sich parteimäßig nicht daran gebunden be­trachte. Damals saßen Dr. Brauns als Reichsarbeits- und Dr. Frenken als Reichsjustizminister, also zwei Zentrumsmitglieder, im Kabinett. Aber jetzt hat man es fast offiziell abgelehnt, eine Regierung auch nur zu unter­stützen, die etwa von den Deutschnationalen bis zur Wirt- fchaftsparlei reiche.

Was eigentlich werden soll, wenn das Zentrum auf diesem Standpunkt verharrt, weiß wirklich kein Mensch, weil auch der Plan einesBeamtemninistermms" auf stärksten Widerstand stößt, and) damit nicht zu rechnen ist, daß die Deutsche Volkspartei ein Kabinett mit Einschluß und führendem Einfluß der Sozialdemokratie jetzt noch unterstützt. Angesichts dieser verzwickten Situation wird immer offener von einer R e i ch s t a g s a u f l ö s u n g gesprochen, obwohl man sich dabei durchaus nicht verhehlt, daß bei diesem Experiment vielleicht gar nichts heraus­kommt. Denn nur schlagkräftige Wahlparolen können einen Reichstag wesentlich umgestalten und eine solche Parole ist nirgends zu entdecken. Als letzte Hoffnung bleibt noch das Eingreifen des Reichspräsidenten. Irgend­eine Regierung m üsscn wir ja doch haben und sie zu schaffen ist auch möglich, wenn die Fraktionen des Reichs­tages, besser gesagt, ihre Führer sich nur ein wenig dieser Notwendigkeit anzupassen vermöchten. Es wäre dann besser, man ließe eine solche irgendwie geartete Regierung erst einmal regieren, als durch ein fanatisches Beharren aus allen möglichenGrundsätzen" eine ge­regelte Staatstätigkeit unmöglich zu machen und den Reichstag auszulösen.

Ein neuer VesatzuugszwMerifall.

M i t Erschießung gedroht.

An, Silvesterabend holten ein französischer Unter­offizier uud zwei Soldaten in betrunkenem Zustand in Kehl einen Arbeiter vom Rade herunter und nahmen ihn, die Fahrradlaterne fort, angeblich, weil er sich über fi* lustig gemacht habe. Einen zweiten Radfahrer wollten die Franzosen ebenfalls vom Rade herunter reißen; dieser entkam jedoch, woraus sie ihm mit Erschießen drohte N. Auf die Anzeige des ersten Arbeiters hatte

Die Wirren in Mittelamerika.

Amerikas Nikaragua-Politik.

Die neuen mexikanischen Llgesetze sind mit dem 1. Januar 1927 in Kraft getreten. Präsident Calles hat in feiner Neujahrsbotschaft nochmals seine Politik be­gründet und dabei erklärt, er werde auch in Zukunft an der von ihm bisher geführten Ausländerpolitik s e st h a l t e n.

Der Kongreß, der zu einer Sondersitzung zusammen­getreten war, sprach Calles nach einer häufig von großen Beifallsstürmen unterbrochenen Sitzung das Ver­trauen aus. Der Führer der Farmer im Kongreß, Soto y Gama, protestierte gegen die Aktion der Wall­street und die Machenschaften der amerikanischen Ll- maguaten und gab der Hoffnung Ausdruck, daß das amerikanische Volk in seiner Gesamtheit mit dieser Art Politik nicht einverstanden sein werde. Ganz Südamerika stehe im Streit uni Nikaragua auf feiten Mexikos. Der Kapitalisteneinbruch in Nikaragua zwinge seiner ganzen Aufmachung nach den Beobachter zu der Fragestellung, ob die Vereinigten Staaten seinerzeit in den Weltkrieg eingetreten seien, um die Sache des Rechts und der schwächeren Staaten zu verteidigen, oder ob nicht doch der Wunsch nach Erschließung neuer Märkte maß­gebender gewesen sei. Die gegenwärtige Stunde sei wieder sehr kritisch. Gama erklärte, er glaube nicht an einen Krieg mit den U. S. A. Aber Mexiko werde seine Ehre zu schützen wissen. Der Arbeiterabgeordnete Martines hielt eine ähnlich scharfe Rede gegen die U. S. 9L Er erklärte, Nikaragua führe seinen Freiheitskrieg.

*

Präsident Diaz gegen Mexiko.

Der verstimmte Coolidge.

Der Staatspräsident der konservativen Negierung von Mexiko, Diaz, verÄfss-^»licht eine Erklärung, in der er die Behauptung aüWM, dir m e x i k anische Re­gierung habe eine neue Expedition ausgerüstet, um Waffen und Munition sowie Flugzeuge und mili­tärisches Personal nach Nikaragua zu bringen. Die zum Schutze des Lebens und Eigentums amerikanischer Bür­ger vorgenvmmenL Landung amerikanischer Seesoldaten tm>aiim«smmi-i8«iiB^^ amtsgm

Mach Dem Meujahrsempfang beim Meichsprä entsn Die fremden Diplomaten verlassen das Reichspräsi­dentenpalais nach dem Ncujahrsempfang. Vorn der

amerikanische Botschafter Schur man, links neben ihm der rumänische Gesandte C. E. Nano.

inzwischen die französische Gendarmerie die Verfolgung der Täter ausgenommen. Diese wurden auch bald ge­stellt und nach einer körperlichen Untersuchung, bei der bei einem der Soldalcu die Laterne vorgcfunden wurde, festgenourmen und auf die Wache gebracht. Dort er­gingen sie sich in wüsten Beschimpfungen der Deutschen.

teer ZwischenW in Mainz.

Main z. Der Mainzer Anzeiger berichtet über folgenden neuen Zwischenfall: Am Reujahrötag stieg ein französischer Fliegeroffizier mit einer Frau in Gonzenheim in die Straßen-, bahn. An der StationWaggonfabrik" wollte er das Endziel des Fahrscheines nmgcändert haben, was der Schaffner pflichtgemäß ablchnie. Darauf verlangte der Offizier von dem Beamten, den Strich auf dem Fahrschein wcgzuradicrcN und eine neue Markierung vorzunehmen. Als der Schaffner

in Nikaragua bedeute keineswegs eine Begünstigung seiner Regierung.

Präsident Coolidge gab nach einer Besprechung mit Staatssekretär Kellogg über die Opposition gegen die Entsendung amerikanischer Seestreitkräfte nach Nikaragua der Presse zu verstehen, daß eine wohlwollendere Mit­arbeit an der amerikanischen Außenpolitik erwünscht und- erforderlich sei, da andernfalls im Ausland M i ß v er­st ä n d n i s s e hervorgerufen werden könnten. Als Bei­spiel hierfür wurden die bereits dementierten Gerüchte, über angebliche Schritte Amerikas zwecks Anerkennung Sowjetrußlands zitiert.New Bork Herald and Tribune" meldet, Coolidge f e i st a r k v e r st i m m t über die Kritift die die Nikaraguapolitik des Weißen Hauses seitens ver-" schiedener Senatoren erfahren habe. u

Die in Santiago de Chile erscheinende ZeitungLa Nacion" schlägt vor, daß die. südamerikanischen Staaten in der Nikaraguafrage ihre guten Dienste anbiejeu sollten.

Zu den Kämpfen in Nikaragua.

Mexiko, 3. Jan. (W.B.) Wie der hiesige Vertreter der liberalen Regierung von Nicaragua erklärt, haben die liberalen Truppen den Truppen des Präsidenten Diaz bei Telica eine Niederlage beigebracht und zahlreiches Kriegs­material erbeutet. Wie aus Managua gemeldet wird, sollen bei der Schlacht bei Las Perlas 302 Mann getötet und 150 verwundet worden sein. Die Liberalen sollen 300 Gefangene gemacht haben.

Managua, 3. Jan. (W. B.) Nach der Schlacht zwi­schen den Liberalen und den Konservativen wurde kein Versuch gemacht, die Toten zu begraben. Zahlreiche Ver­wundete blieben in benachbarten Sümpfen liegen und fanden dort den Tod. Tausende von Geiern kreisen jetzt über dem Schlachtfelde. Ein Veteran des Weltkrieges, der zahlreiche Kämpfe der z-ntralamerikanifch-n Revolu­tion mitfocht, berichtete, daß der Anblick nach der Schlacht unbeschreiblich gewesen sei und daß er sich abwenden muß­te, da er solche Schreckensszenen nie gesehen hätte. Der Oberkommandierende der konservativen Kräfte gibt be­kannt, daß es notwendig sein wird, jeden tauglichen Mann zwischen 12 und 50 Jahren unter die Fahnen zu rufen.

mich dieses Ersuchen mitber Begründung ablehnte, daß er sich dadurch einer Urkundenfälschung schuldig machen würde, antwortete der Offizier mit einem Schlag ins Gesicht des Schaffners, der seine Beherrschung wie auch die übrigen Fahrgäste nicht verlor. Der Offizier gehört dem 33. Flieger- regiment an.

Echo de Paris" stellt eine Umfrage an über eine frühere Räumung des Rheinlandes. Jetzt wird ein Schreiben Clemenceau s veröffentlicht, der sein Bedauern äußert, dem Wunsche des Blattes, sich zu dieser Frage zu äußern, nicht nachkommen zu können. Ich stamme aus der Zeit, in der die Journalisten dem Publikum ihre Ansichten vortrugen, anstatt das Pnbli-- kum darüber zu befragen. Wenn ich übrigens unter den tragischen Umständen, die wir durchleben, glauben würde, etwas Nützliches sagen zu können, so würde ich nicht warten, baju aufgeforbert zu werden. Ich habe mich vor nicht langer Zeit in dieser Lage befunden. Schließ­lich lege ich auch weniger Wert auf das, was die Men­schen sagen, als auf das, was sie tun.

potiiische XunOfdpau.

Deutsches Reich.

Zusammentritt des Reichskabinetts.

Die erste Woche im neuen Jahr wird allem Anschein nach von Regicrungsverhandlungen freibleiben. Der Reichspräsident hat entsprechend seinem Entschluß bei der Vertagung der Krise vor Weihnachten noch keine Empfänge und keine Beauftragung in Aussicht genom­men. Das parlamentarische Leben wird erst um den 10. Januar wieder in Gang kommen, sobald der Zusam­mentritt des Haushaltsausschusses Fraktionsverhand- lungen nach sich zieht. Das geschäftsführende Reichs­kabinett wird erst Mitte der Woche zu feiner ersten Sitzung wieder zusammentreten.

Aus In- und Ausland.

Berlin. General Pawels; und LcgationZrat Forster be­geben sich Ende der Woche zur Fortführung der Verhandlungen über die Frage der O st s c st u n g c n, die in Genf während der Ratssitzung des Völkerbundes offen gelassen worden ist, nach Paris.

Newyork. Die prohibitiousfcindlichen Mitglieder des amerikanischen Kongresses wollen die außerordentlich hohe Zahl von Todesfällen infolge Genusses von schlechtem Alkohol zum Gegenstand einer großen Debatte im Senat und im Reprä­sentantenhaus machen.

Hankau. Tie hier aus den Außenstationen cingctroffencu katholischen Priester berichten über zahlreiche s r c m d e n - und ch r i st c n f c i n d l i ch c Ausschreitungen der Chinesen, die Kirchen in Brand setzten und katholisches Eigentum plün­derten.

Padang (Sumatra). Eine kommunistische Bande über- fiel einen Bahros, um sich in den Besitz der Statious- kassc zu setzeni Das Eifenbahnpersonal konnte sich durch schnelle Flucht in Sicherheit bringen. Ein Eingeborenenober- Haupt wurde von Kommunisten gefangengenommen und er­mordet. Verschiedene Ortschaften haben militärisch- Hilfe erbeten.