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öarr Anzeiger
Nr. 2 <7 — 1926
Tageblatt für Rhön unö Vogelsberg Zulöa- unö Haunetal * Möser Kreisblatt
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Fulda, Freitag, 24. Dezember
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3. Jahrgang
Der Engelsruf.
Friedensgedanken zu Weihnachten 1926.
,,. . . und Friede den Menschen auf Erden."
Lauter, dringender denn je, seit der Weltkrieg über die Erde raste, seit sich Europas Völker in wildem Hasi oerkrampften, tönt heute der-Engelsruf, der Engcls- wunsch und weckt die heimliche Sehnsucht der Völker und Menschen. Aber Menschenschicksal scheint es zu- sein, daß dieser Engelsruf ein — Wunsch bleibt.
Gewiß — zwischen den noch vor acht, neun Jahren 4iLAiâauBia.-j>ft»^^ irr der:. M ^c , und im Westen Europas scheint ja Friede zu herrschen oder sich doch endlich allmählich herabzusenken. Wir Deutsche haben uns ja im Laufe dieses Jahres — und teilweise auch mit Erfolg — abgemüht, unser Verhältnis zu den aderen Nationen wieder zurückzuführen in jene Grenzen, die durch die Bestimmungen von Versailles gezogen, von der Gegenseite aber weit überschritten waren. Und jenen „Frieden" brachten uns nicht wirkliche Friedensüringer, sondern Zwingherren. Nichts von dem allmählichen „Frieden auf Erden" ent
sprang daraus, sondern ein erbittertes, zähes Ringen eines Volkes, das wieder empor will zum Platz an der Sonne nach schwerstem Ntederbruch. Es kommt kein Friede hernieder auf die Erde, solange dieser „Friede" besteht, solange noch Millionen von Deutschen unter fremder Gewalt argwöhnisch umspäht und beobachtet, die Kerzen des Weihnachtsbaumes entzünden und dabei mit heimlicher, drängender Sehnsucht des Vaterlandes, der Mutter Heimat gedenken. In den Schneebergs» Südtirols, auf den weiten weihen Ebenen im Osten unseres Vaterlandes klingt durch das „Stille Nacht, heilige Nacht" dies heimliche, drängende Sehnen,
„. . . und Friede den Menschen auf Erden."
Lauter, dringender denn je tönt heute der Engelsruf, der Engelswunsch auch hernieder auf unser deutsches Volk, das wieder einmal in sich grimmiger denn je befehdenden Kampfgruppen sich gegcnüberftcht, in den anderen den Feind, nicht bloß den Gegner sieht. Schärfer denn je sind noch in der letzten Woche vor Weihnachten die Parteimeinungen und -absichten aufeinandergeplatzt und der Reichstag war der Schauplatz stärksten Unfriedens. Niemand fühlt sich natürlich
schuldig, jeder schiebt dem andern die Schuld zu — wie cs ja immer zu geschehen pflegt. Wer ist denn „guten Willens", wie die Engel cs wünschend rufen? Wille zum Hatz, Wille zum lieblosen Kampf, Wille zur Hetze gegen den andern durchtobt so unser politisches Leben, dah man immer stärker bezweifeln möchte, ob hier je ein Vcrftchcnwollcn, ein Wille zur Gemeinsamkeit, ein „guter Wille" entstehen wird.
„. . . und Friede den Menschen auf Erden."
Lauter, dringender denn je tönt heute der Engelsruf, der Engelswunsch, da sich auch die sozialen Klassen erbittert gegenüberstehen in einem Kampf, unter dessen Folgen alle Teile leiden, nicht bloß die Unterlegenen und Unterliegenden. Und weil dieser Streit vielleicht noch wilder, wenn auch stumm und zähe geführt, noch schonungsloser geführt wird, gilt auch der Engelswunsch noch jenen, die „guten Willens" sind, stärker als anderswo.
Weihnachten 1926! Du Fest der Liebe, trage auch ein wenig von diesem, deinem Geiste in die Herzen des deutschen Volkes, das der Liebe so dringend bedarf!
Stürmische Weihnachtsfahrt.
Nirgends auf der Erde wird wohl das Weihnacht s f c st mit solcher Innigkeit, mit solcher Hingebung an seinen religiösen, an seinen unvergänglichen Gedanken- und Empfindungsgchalt gefeiert wie in Deutschland. Und gerade Deutschland ist es nun schon seit Jahren be- schieden, sich nicht ungestört, mit voller seelischer Sammlung in das Ewigkeitserlebnis eines fröhlichen, seligen Friedenszustandes verseilten zu können. Von innen wie von außen her werden wir imnM wieder, wenn die Weihnachtsglocken sich anschicken, der nach Erlösung sich sehnenden Menschheit ihre himmlische Botschaft zu ver- künden, in die Welt des Unfriedens und der Zerrisscn- Heit zurückgeworfen — als stünde es in den Sternen ge- schrieben, daß das deutsche Volk nach den langen Jahren des Krieges und des Nachkrieges erst eine noch längere Reihe von Jahren der Friedlosigkeit zu durchlaufen habe, ehe cs wieder einer wahren Weihnachtsstimmung soll teilhaftig werden dürfen
Mit der echt preußischen Pünktlichkeit, die man an ihm in seinen rcichbewegten Amtsjähre» genügsam ken- ' ncngelcrnt hat, ist der frühere Reichskanzler Dr. Luther zum Weihnachtsfest wieder in die Heimat zurückgekehrt. In den fünf Monaten seiner Abwesenheit bat er viel gr- schen, viel erlebt und wohl auch viel Zeit zum Nachdenken über deutsche und andere Schicksalsfragen gehabt. Man hat ihn, in den südamerikauischen Staaten besonders, geehrt und gefeiert, wie allenfalls vor dem Welt- kriege Deutsche in der ä^mbe zuweilen gefeiert wurden. Ungezählte Tausende von Kilometern hat Herr Dr. Luther drüben im Flugzeug zurückgelegt und den heimatlichen Boden auch erst nach zum großen Teil sehr stürmischer Überfahrt wieder betreten können. Aber der erste Eindruck, dèn er hier empfing, besteht in der Erkenntnis, daß auch für Deutschland die Zeit ruhiger Fahrten noch immer Nicht gesommert ist. In nein Augenblick, da der Nachfolger Dr. Luthers im ReiÄSlauzleramt sich anschiâeu wollte, durch Einbeziehuu-s der Sozialdemokratie wieder einmal einen Pèrfüch mit der „Großen Koalition" in der EP^rrgrerung zu machen, geriet das Reichsschiff aber- k in stürmische Gewässer. Einstweilen ist cs gc» Ä komm, n Gl vom Fleck, niemand weiß zu sagen. Hits - Wieder flot-zumachen sein wird. Dr. Luther ist ge* ‘^ ^lcht der Mann, unerbetene Ratschläge zu erteilen, , y ycit!l romand etwa an ihn mit der Frage heran, n™ r sollte, ob er vielleicht, trotz trüber Erfahrungen ^ow, w.>! G' w Zeit, Lust verspüren mochte, das
Steuerruder des Reiches wieder in die Hand zu nehmen, er würde schwerlich sich von der Aussicht locken lassen, über kurz oder lang mit seinen Ansichten von bieitr oder jener Reichstagsmehrheit im Stich gelassen zu werden. In der Leitung der deutschen Reichsbahn erwartet ihn jetzt ein sehr wichtiger und sehr einflußreicher Posten, von dem er zwar vorübergehend durch die Laune der vorgeschriebenen Auslosung getrennt worden ist, der ihm aber sicherlich erhalten bleiben wird, da alle beteiligten Stellen gerade auf seine umfassende Sachkenntnis, auf seinen schöpferischen Arbeitswillen den größten Wert legen..
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über Nacht hat sich zu der inneren Krisis, unter deren Zeichen der Reichstag nach vollendetem Kabinettssturz in die Weihnachtsferien gegangen ist, auch wieder ein recht bedrohliches außenpolitisches Sturm weiter im Osten tote im Westen des Reiches gegen uns zusammengezogen. Der Militärputsch in Litauen ist zwar in aller Eile von der dortigen Volksvertretung nachträglich gutgehcißen und in seinen nächsten Folgen anerkannt worden, aber die daraus entstandene Unruhe in Rußland wie in Polen bleibt natürlich von diesen parlamentarischen Beschlüssen unberührt, und wenn erst der Schnee wieder vor wärmeren Winden dahinschmelzen wird, kann niemand wissen, was der Frühling diesen östlichen Randstaaten — und ihren Nachbarvölkern an Überraschungen, an Verlegenheiten, an Verwicklungen bringen mag.
Aber das sind noch verhältnismäßig entfernte Sorgen. Im Augenblick sind alle unsere Empfindungen wieder vom Westen her aufgestört worden. Das französische K r i c g s g e r i ch t i n L a n d a u hat cs für zulässig und anscheinend auch für nützlich befunden, durch grei- sprechung eines geständigen Totschlägers in Offiziers- uniform unserem Volk eine Herausforderung ins Gesicht zu schleudern, die teilt Deutscher ruhig hinzunehmen gm sonnen sein wird. Wir alle fühlen es: Hier handelt es sich um mehr als um eine'zufällige, aus menschlicher Un Zulänglichkeit entsprungene Verirrung. Hier handelt es sich um den mit vollem Bewußtsein geführten Schlag einer gepanzerten Faust, einer Faust, die vom französischen Generalstab und seinen — uniformierten und niditunifoiiniertc.il — Handlanger» gelenkt worden ist. Nicht der kleine Herr Rouzicr, nicht die armen deutschen Angeklagten, die das französische Militärgericht ins Gefängnis schleudern will, sind die eigentlichen Objekte dieser Justiz. Die deutsch-französische Ausgleichs- und Versöbnunaspolitik ist es, die hier in Landau zur strecke gebracht werden feite; Md die deutschen Pressevertreicr
mußten wohl, was sie taten, als sie unmittelbar nach geschehener Tat an Herrn Briand ein entrüstetes Protest- telegramm absandten, um ihn keinen Augenblick darüber in Zweifel zu lassen, welcher Frevel an den höchsten Gütern der europäischen Völkergemeinschaft, von der ja auch in Paris seit Locarno und Thoirv so viel geredet wird, hier verübt »vorden ist. Die zuständigen Reichsminister sind diesem Beispiel, obwohl das Stabinett, dem sie angchören, zurzeit keine volle politische Handlungsfähigkeit besitzt, unverzüglich auch mit außerordentlich scharfen Einspruchserklärungen gefolgt. Der Minister für die besetzten Gebiete, der deutsche Botschafter in Paris haben sich in Bewegung gesetzt, um der französischen Regierung klaren Wein darüber einzuschenken, was für ein Spiel von ihren beauftragten Organen hier getrieben wird, und durch alle deutschen Parteien, von ganz links bis ganz rechts, geht ein Schrei der Entrüstung über diese unerhörte Rechtsbeugung, die, bis sie zur Wahrheit geworden war, kein Mensch für möglich gehalten hätte.
Das bißchen Weihnachtsfreude, das wir in Aussicht hatten, ist so mutwillig zerstört worden. Das Reichsschiff ivtrb sich, wenn erst die innenpolitische Krisis überwunden ist, abermals auf stürmische Fahrten gefaßt zu machen haben. Dr. Sv.
ReparÄionssachlieserungen im November
Für 28 Millionen Mark.
Im Monat November sind für Frankreich 303 Verträge im Werte Von 24,2 Millionen Reichsmark genehmigt worden. Hierdurch erhöht sich der Wert aller in der Zeit vom 1. September 11)24 bis zum 30. November 1926 genehmigten französischen Sachliefcrungsvcrträgc (ohru: Kohlen und Farüstofslicscrungcn) auf 361,9 Millionen Reichsmark. Von den Novemberverrragen beziehen sich Verträge int Werte von über 7,2 Millionen Reimsmark auf Lieferungen für Kriegsbeschädigte, während der Rest auf Verträge mit anderen Personen und die frau- zösifchc Verwaltung entfällt. Den Hauptteil der Verträge — 15 Millionen Reichsmark — bilden Vertrage über Nadelschnittholz und Tclcgrapbenstangen. Für Belgien wurden im Berichismonar 120 Verträge tm Werte von 3,8 Millionen Reichsmark genehmigt. Der Gesamtwert aller seit dem Inkrafttreten des Dawes-Planes ge- netmiiatcu bcglgifchcn Verträge stellt sich damit auf rund 78 -Aillionen Reichsmark. Von best November vertragen beziehen sich 13 Verträge auf die Lieferung chemischer Produkte im Berte von über 2 Millionen Reichsmark.