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Unterhaltungâtt f

Las einige Volk.

Erzählung von P a n t c l e i in o n R o m a n o s f. ^sm,7 f (Aus dem Russischen übertragen von H. Liedtke.)

Zwei Tage nach dem Kirchiveihsest erschien ein Befehl des Amtssowjets, Brennholz für den Bedarf der Staatsfabrik anzu­fahren. — „Aus jeden Bürger kommen sechs Fuhren", verkün­dete der Vorsteher in der Gemeindeversammlung, Alle blickten sich an und schwiegen. Schließlich fragte jemand aus den Hin­teren Reihen: „Und wenn einer nicht fährt?"

„Dann muß er Strafe absitzen und nachher das Doppelte fahrens

„Das kommt auf Fronpflicht hinaus", ließ sich eine Stimme vernehmen.

„Nicht auf Fron-, auf Bürgerpflicht."

„Nicht gegen den Schädel, aber auf den Schädel,"

„Bürger, arbeitet mit dem Kopf". schrie der Gemeindevor­steher. „Die Regierung bemüht sich für euch...“ (er nahm ein Lineal in die Hand und schlug damit den Takt), „versorgt euch nach Kräften. Seht ihr das ein oder nicht?"

„Ihr habt arg viel für uns getan", ertönte höhnisch eine Stimme von hinten.

„Soviel als möglich war... Ihr habt eine Schule."

„Ja, mit der ist auch nichts los."

„Ihr habt ein Krankenhaus," fuhr der Vorsteher fort, ohne die Einwendung zu beachten, „ein Bolkshaus."

Es entstayd Lärm.

„Ich bin neulich in das Krankenhaus hineingelappt, man hat mir mein Geld abgenommen", kreischte ein pockennarbiges Bäuer­lein, das sich von seiner Bank erhob und einen mit schmutzigen Lappen umwickelten Finger hochreckte.

„Bürger, Ruhe!" rief der Sekretär, sich am Tisch neben Iden Vorsteher stellend. „Ich schlage vor, die Auflage zu leisten. lIn so schwerer Zeit müssen verständige Bürger..."

„Ack was! Was noch für eine Auflage?"

j „Wir haben schon alles mögliche geleistet. Genug jetzt. Wenn wir uns immer mehr auflegen lassen, bleiben uns zuletzt INicht die Unterhosen", schallte es von allen Seiten.

„Es wird vorgeschlagen, das Brennholz anzufahren."

„Umsonst soll man fahren?" — „Fest Zusammenhalten; nichts können sie uns anhaben!" — „Wir fahren nicht. Schwerenot! Spanne Deine Weiber an!" brüllte die Versammlung.

„Zur Ordnung..." - . K k -

„Wir fahren nicht. Zum Teufel noch einmal!"

Der Vorsteher stopfte sich die Ohren zu, spie aus und ging vom Tisch zum Fenster.

„Zum letzten Male schlage ich der Versammlung vor zu fahren."

„Fest bleiben! ..." „Karrt selbst."

„Unter diesen Umständen gebe ich bekannt, daß jeder, der seine Weigerung erklärt hat, die doppelte Fuhrenleistung erfüllen muß." Der Vorsteher schloß das Buch und ging dem Ausgange zu.

Alle rührten, erhoben sich, setzten die Mutzen auf und knöpf­ten die Röcke zu.

„Was gab es bei euch für ein Geschrei?" fragte ein Schuster vom Gutshof, der vorbeikam, als die Bauern die Schule ver- ließen.

„Sie wollten uns einen Strick um den Hals werfen."

„Nun?"

j' „Du siehst, er sauste heraus wie eilt verbrühter Hund."

„Man hat ihn hochgenommen, Brüderchen", prahlte das 1 pockennarbige Bäuerlein.

„Also ist das Volk einig."

A . . .. „Sehr , . „ wir-waren- selbst erstaunt. Hätten wir uns von Anfang an aus uns besonnen, so würden wir nicht die Kopf­steuer und auch keine anderen Abgaben bezahlt haben. Bei uns wissen wir allein Bescheid, bei euch mögt ihr tun was ihr wollt."

„Und wie ist es, sie können jetzt nichts gegen euch ausrich- ten?" fragte der Schuster.

Der. an den sich der Schuster mit der Frage wandte, griff in die Tasche nach dem Tabaksbeutel. Die anderen sahen aus ihn mit, einem Ausdruck, als hänge alles von ihm ab. — „Er spricht, daß man verurteilt wird, doppelt soviel Fuhren zu leisten", erwiderte er endlich.

„Und wieviel Fuhren soll jeder leisten?" fragte der Schuster.

„Sechs. Und fährt man nicht, dann zwölf."

„Prämie", meinte der Zimmermann Ssenjka. „Und wenn man wieder nicht fährt, vierundzwanzig. So die Reihe aufwärts."

„Unsere Dummköpfe sind' alle gefahren", bemerkte der Schuster.

„Kein einiges Volk." — —

Am Morgen stand der Schuster früher als oewöhnlich aus Rasch äugte er aus dein Flur erst nach der einen," dann nach der anderen Straßenseite: er erblickte den Kopf eines Nachbars der ebenfalls vom Flur aus Umschau hielt, und versteckte sich

„Den Teufel auch, sechs und sechs gibt zwölf, zwölf und zwölf gibt vierundzwanzig..."

„Fahre lieber, aber vorsichtig, daß niemand dich bemerkt" riet die Frau.

„Da sieht einer her."

Die Frau trat hinaus und erblickte zwei Köpfe, die sich, als sie die Türe zuschlug, augenblicklich verbargen.

„Wie sie da schon anschirren," sagt der Schuster, „man kann sich auf diese verdammten Kerle nicht im geringsten verlassen,"

„Und ivas hatten sie gestern beschlossen?"

„Nicht zu fahren, komme ivas walle."

„Nun, Du spannst auf jeden Fall an. dann wird man sehen. Aussvanncn können wir immer noch", meinte die Kran.

Was ist ... .

Was ist des Menschen Leben? Ein Braird, geheim genährt; Ein Lust- und Echmcrzerbeben, Ein Wandern, karg gewährt.

Was ist des Menschen Leben? Erblühte Freudigkeit!

Ist Auf- und Niederschweben Im Atemzug der Zeit.

Was ist des Menschen Leben? Ein Gehen in Sehnsuchtsland; Ein schöneres Erheben In Gottes Hut und Hand.

Wilhelm Graf.

„Anspannen, ivarum nicht. Das kann nichts schaden." — Und er ging auf den Hof, blieb dort aber stehen und horchte.

' „Du Satan, 'klettre in die Gabel"), wohin zerrt Dich der Böse?", schrie einer auf dem Nachbarhof, und man vernahm ein Geräusch, als wenn der Schtcier stolperte und sich mit der Hand auf den Mund schlug.

„Alle Wetter, es ist nicht anders, sie spannen an", sagte der Schuster, suchte fieberhaft nach Geschirriemen, legte dem Pferde den Zaum an, richtete ihm die Ohren gerade und zog es am Zügel zur Gabel. Der Gaul aber reckte den Hals hinter dem Zaum lang aus unb wollte nicht in die Gabel steigen.

„3um Donnerwetter, kriech' hinein..."

Hier erschrak der Schuster und schlug sich ebenfalls mit der Hand auf den Mund.

„Wohin fährst Du?" rief man vom Nachbarhof. f ^

„Nach Wasser/: . . T

„Und ich dachte schon..," £

„Und Du?" V „ -

„Nach Gras für die Pferde." 4--

Plötzlich lief jemand über die Straße und schrie: „Ach Teufel, Teufel, vom Unterdorf sind sie gefahren."

„Wer?"

„Ja. alle. Zuerst Sacharka, der Kommunist, dann hinter­einander noch fünf Mann. Und als sie sahen, daß diese schon an der kleinen Brücke vorfuhren, öffneten sich auch bei den übrigen die Tore, und sofort schossen sie auf angeschirrten Pfer­den heraus, als wären die Gäule im Geschirr geboren worden. Mit einem Wort, es klappte wie bei einer guten Feuerwehr. Nun galoppierte der ganze Wagenpark."

„Ach, das Pack!..."

Kaum waren diese Worte gefallen, so öffneten sich auch im Oberdorf alle Hoftore, die Türflügel flogen gegen die Mauern, die Pferde stürmten mit den Holzschlitten wie auf einer Parade Kopf an Kopf heraus und jagten davon, um die Gespanne vom Unterdorf einzuholen.

„Gut, daß ich anschirrte," sagte der Schuster zu seinem Nach­bar, sein Pferd antreibend, „sonst wäre ich schön hineingesallen. Sich einmal an, was das für ein Volk ist!"

„Es ist ein Elend

„Wohin fahrt ihr mit dem ganzen Torf?", fragte an der Brücke ein entgegenkommendes Bäuerlein, fein Pferd anhaltend und die endlose Fuhrenreihe betrachtend.

„Nach Brennholz für die Staatssabrik."

„Da legt ihr euch gründlich ins Zeug. Dafür werdet ihr auch an einem Tage fertig fein. Von uns fährt nur einer, fünf fahren nicht. Aber ihr seid ordentlich ausmarschiert — eine Lust zu sehen." v—

„Ach ja, wir sind ein einiges Volk."

•) Dit cSobtldtichit! an einspännigen Fahrzeugen, in der dar oorgefpannfe Pferd stehlt

Heiteres.

Zu schüchtern. Dame (in der Sommerfrische zur Vermie­terin): Was ist Ihr kleiner Bub so schüchtern!" — „Ja, der hat sich schon nicht getraut, allein auf die Welt zu kommen. Er ist nämlich ein Zwilling."

Der glückliche Erbe. Schmidt hat eine große Erbschaft ge­macht. „Hurra!" ruft er freudestrahlend, „von jetzt ab mache ich schon jeden Montag früh „Wochenende!"

Nach der Untersuchung. Arzt: „Na, die Sache ist nicht so schlimm, damit können Sie fünfundsicbzig Jahre alt werden!" — Patient: „Was wollen Sie, Herr Doktor! Ich bin doch ein- undachtzig!"

Vor Gericht. Präsident: „Angeklagter, gestehen Sie Ihre Schuld ein?" — Angeklagter: „Nein. Die Rede meines Ver­teidigers hat auch mich von meiner Unschuld überzeugt."

Rätselecke.

Abstrich-Rätsel.

Gluten, Diener, Geweih, Lila, Welt, Silben, Hau?, Gabeln.

Von jedem der vorstehenden Wörter soll die Hälfte der Buchstaben gestrichen werden. Die übrig bleibenden Buchstaben nennen nacheinander gelesen ein Sprichwort.

Verwandlung.

Wie kann man mit 4 Zwischenstufen „Sonne" in „Regen" und „Nebel" in „Sturm" verwandeln?

Jedes Wort soll durch Umänderung von je 2 Buchstaben in ein neues Hauptwort verwandelt werden, jedoch ist Umstellen der Buchstaben nicht gestattet. Der betreffende zu ändernde Buchstabe ist durch ein bezeichnet, die andern Buchstaben durch Sterne.

Sonne, * * '+' ’+ *, '+''+' * * *,

* * * + 4-, + * + * *, * + .+ * *,

Regen.

Nebel, **'+*+, +’ * "4-" * *,

;-F;+ * * *, * * * + ;+, * * 4-. * 4-', Sturm. "

Lösungen aus voriger Rummer.

Lösung des Rebus:

Kehr dich bei rechter Zeit, Dann fällt die Karr' nicht auf die Seit'.

Lösung des Arithmogryphs: Kohlrabi, Hhio, Kai, /okal, Zlabbk, Kar, Aaal, Allo. — Kohlrabi.

Lösung des SpitzenrätselS: PNJNZFRJEDRJ airouei siohl nnefgleasses g n e l s r e i e een

Prinz Friedrich

CHVONHOMBURG i 0 0 I i a r aeniu drgglldulker n e a 3 e 8 e s t l n a von Homburg, tv oon steift.)

Reue AniA'-mugen zur MeptmsM und Simulation.

(Ein Kapitel aus der gerichtlichen Medizin.)

Von L. At. D i c ck - M a n.

Während früher die Rechtsprechung allgemein als sachlich- juristische Angelegenheit betrachtet wurde und die Wertung der Sachvcrstündigenaussagcn als ziemlich nebensächlich galt, gehen neuerdings die Bestrebungen auf eine möglichst individuelle Er­fassung des Tatbestandes" aus. Nicht nur die allgemeine Zu- rcchnuvgsfähigkeit, wie sie der berühmte § 51 Str.G.B. fordert, wirb in Betracht gezogen, man versucht heute vor allem in die Wechselbeziehungen zwischen der die Tat begleitenden psychischen Beschaffenheit und der physifchen Konstitution des Angeklagten einzudringen, kurzum, die psycho-physische Anormalität zu er­gründen. Von den sich daraus ergebenden Problemen seien hier Zwei näher betrachtet, die. als immer wieder vorkommend, auch von allgemeinem Interesse sind: Die Psychologie der Klepto­manie unb der Simulation.

Unter Kleptomanie versteht die Wissenschast einen inneren ■vang jum Stehlen, der, im Gegensatz zum Diebstahl, nicht von Gewinnsucht ober Interesse am Objekt begleitet ist, also ge­wissermaßen einen „ideellen Diebstahl". Während früher die Ansicht vorherrschend war, es handle sich dabei um spezifisch- „rankhafte Veranlagung. Haben neuere psycho-physiologische Untersuchungen erwiesen, daß die. Kleptomanie nur eine beson- aere Auswirkmigsart geistiger Störungserscheinungen ist. Man hatte fich früher zu einseitig auf die psychische Seite des Problems fcftgelegt; erst nachdem man neuerdings dazu über- gmg. den Gesamtkomplex geistig-organischer Eigenarten zu er- Torfajcn gelang die einheitliche Gestaltung dieser seltsamen Jnormalthit. Als Anregung für die neue Einstellung diente die auffallende Beobachtung, daß nur selten Männer, dagegen über» wiegend Frauen Kleptomanen sind. Bei näherer Untersuchung in flagranti gefaßter weiblicher Personen wurden fast ausnahms- los sexuelle Anormalitäten oder Abweichungen festgestellt. Ein charakteristisches Symptom dieser sexuellen Neurasthenien ist Sie sogenannte „Gefahrsucht": Die damit Behafteten finden Gc- wuen daran, sich aufregenden Gefahren auszusetzen, sie ver- wcheu z. B. kurz vor fahrenden Autos oder Straßenbahnen den eg zu kreuzen, von in Seincgnng befindlichen Fahrzeugen ab» nn^r^ "' °- Die damit verbundene Aufregung, die der Uâ ^l, veranlagte Mensch vermeidet, gilt der von körperlichen iff LT^ beeinflußten Psyche als geistige Anregung. Es nbni das Kokain dem Kokainisten und Opium Unfrrf *P^m )ur den Mürphnwmaucn. Exakt durchgesührte fnltr B haben nun ergeben, daß die Kleptomanie eben» hoch bÄ'd’? Folgeerscheinung dieser Gefahrsucht ist: „Stiehlt" des .umso lieber und eher, je größer die Gefahr Wert für ^wardcns ust. Diese Feststellungen sind von großem in b J te*c Heilbehandlung der Unglücklichen: Man versucht Ienkunasknn»"s". PWchologsschcn Therapie die sogenannte „Ab- wie bereit«^ d. h. man lenkt die Gefahrsucht, von dc-/ stellt crniQ^nt der Stehltricb nur eine Erscheinung bar» Thcra^ Gefahren ab und hat mit dieser Forschung sh,^r o ? gehabt, luefe Ergebnisse wissenschaftlicher K Lud umso mehr zu begrüßen, "da verschiedentlich mente hiè »X^un.g berichtet wurden, inbem unlautere Ele Kleptaman ^^uugmsuallc. Neigung von Personen, die sie als t - au kannten, auszunutzen versuchten,

' Viel schwieriger und noch lange nicht einheitlich erfaßt ist das Problem der Simulation. Man versteht darunter das Er- cheucheln von Krankheiten, die Verstellung der wirklichen Art der Individualität. Während man in der Kriegszeit derartige Fälle ziemlich einseitig beurteilte, sie einfach als böswillige Ver­stellung auslegte, ist heute wenigstens die Problemstellung ver­tieft worden: Die Psychologie unterscheidet heute die bewußte .Simulation von der unbewußten. So einfach es auf den ersten Gedanken hin erscheint, bewußte Verstellung von unbewußter > Zwangsvorstellung zu unterscheiden, so schwer" wird dieses oft in der Praxis des Gerichtes. Ter Laie übersieht nämlich hier zu­meist ein wichtiges Moment: Der gesunde Mensch, der versuchen wollte, eine besondere Art von Geistesstörung wie Tobsucht oder Verfolgungswahn zu simulieren, oder, was in Wirklichkeit viel Ihäufiger vorkommt, der Hysteriker, welcher geistige Unzurech­nungsfähigkeit vorzutäufchen trachtet, indem er die bei sich selbst bemerkten Symptome einfach steigert, diese Menschen werden von einem gewiegten Psychiater natürlich bald entlarvt, denn einmal gehört schon eine ungeheure Selbstbeherrschung dazu, eine solche Rolle konsequent durchführen zu können, zum an» deren aber sind zugleich so genaue Kenntnisse der Steigerungs- erscheinungen erforderlich, wie sie eben nur der Fachpsychiater besitzt. Die Selbstbeherrschung, die schließlich ein Gesunder auf­wenden könnte, fehlt dem Hysteriker vollkommen, und um« gekehrt kann der geistig normale Laie niemals die Aeußerungs- erscheinungen psychischer Anormalität so wiebergeben, wie es dem Hysterischen für den Anfang wenigstens möglich ist. Mit diesen beiden Gegcnsatzsormcn bewußter Simulation ist aber die Charakteristik bei weitem nicht erschöpft, derartige Fälle sind in der Praxis nicht, wie der Laie meint, das Hauptgebiet für den Sachverständigen. Für ihn stellen sie im Gegenteil nur die mühelos zu entlarvenden „Anfängerleistungen" dar, die der gewitzigte Simulant stets vermeidet, weil er von der Erfolg­losigkeit überzeugt ist. Die problematischste Form bewußter Simulation ist heute für den Psychiater die sogenannte „Rausch­simulation". Man versteht darunter, kurz gesagt, die geistigen und organischen Störungsfolgen nach Mißbrauch von Rausch­giften wie Alkohol, Aether. Morphium, Kokain, Haschisch u. ii. m. Aus die speziellen Aeutzerungsarten dieser „Suchten" näher einzngchen, würde zu weit führen, hier seien sie nur in­sofern betrachtet, als sie für das Problem der Simulation Be­deutung haben. In unserer Zeit, wo das häufige Vorkommen der Giftsuchten ein trauriges Zeichen von Degeneration ist, haben auch Menschen, die mit den Gesetzen in Konflikt gekom­men sind, versucht, ihre Mentalität unter diese „Zeichen der Zeit" zu stellen, um bic Sachverständigen täuschen und die Richter zu mildem Urteil beeinflussen zu können. Der „Rausch- gift-Simulant" nimmt also das Eist absichtlich, um Körper und Geist in eine anormale Form zu bringen. Die sich danach äußernden Störungserscheinungen sind anst ch zwar nicht simu­liert, da sie aber bic vorher bewußten Folgen darstellen, rechnet man sie mit Recht zu den Fällen bewußter Simulation, insofern als es sich um bic direkten Folgen handelt. Hier springt nämlich der Pfeil auf den Schützen zurück; für den Psychiater erweitert sich das Problem zur komplexen Art: Wird dem in Haft befindlichen Rauschgift-Simulanten das Narkotikicm plotz- lick entzogen, was mit ber Inhaftnahme natürlich der Fall ist, so stellen sich jene schweren. Körperlichen und geistigen Ctnrnn- gen ein die man ass „AbstinenzersMnunäcu" bezeichnet. Bleibt

der Simulant auf freiem Fuße, so wird es ihm aus freiem Willen meist unmöglich, infolge ber Angewöhnungssolge, auf das Rauschgift zu verzichten, er verfällt ihm immer intensiver, und damit stellt sich eine andere indirekte Form ein, die der so» genannten „Verfallserscheinungen", welche gleichfalls, ivenn auch langsamer, zu tiefgehenden psychischen und physischen Anormali­täten führen. In beiden Fällen dieser indirekten Folgen, bei den „Abstinenz-" und auch bei den „Verfallserscheinungen" handelt es sich also um Umstellungen in der Individualität, die vorher nicht gewollt waren, schon deshalb nicht gewollt sein konnten, weil die damit verbundenen Schmerzen zu groß sind, als daß sie jemand freiwillig mit Bewußtsein aus sich nehmen mürbe. Somit ist die Rauschgift-Simulation als psycho physio­logischer Grenzzustand zu bezeichnen: Die gewollten, direkten Folgen stellen eine Form bewußter, die ungewollten, in» direkten eine unbewußter Simulation dar.

Diese Grenzform ergibt natürlich, was die Festsetzung des Strafmaßes anbetrifft, erhebliche Schwierigkeiten. Während bewußte Simulation Strafverschärfung zur Folge hat, muß bei unbewußter Milderung in Betracht gezogen werden. Die am häufigsten vorkommenden Arten unbewußter Simulation sind die infolge geistiger Zwangsvorstellungen und die aus psycho­physischer Wechselwirkung infolge veränderter Lcbcnsbedingun- gen entstandenen. Was erstere anbetrifft, so ist eine nähere Be­trachtung in diesem Rahmen unmöglich, sie sind wissenschaftlich noch wenig geklärt und bleiben eines der strittigsten Kapitel der modernen Psychiatrie. Von der zweiten Art ist die dem Laien bekannteste und für ihn auch interessanteste die der sogenannten „Haftpsychose", Daß die veränderten Lebensbedingungen äußerer Art, Nahrung und Unfreiheit in ber Haft, gleich ob Untersuchungs- oder Strafhaft, so wie innerlich die schweren seelischen Aufregungen, auf Körper und Geist zugleich eimvirken und sich wiederum auch wechselweise beeinflussen, ist jedermann klar und verständlich. Aber selbst bei den an der Anklage per» sönlich Unbeteiligten, den Zeugen, zeitigt das Ungewohnte der Atmosphäre einer Gerichtsvcrnehmung oft psychische Einwir­kungen anormaler Art: Angst vor unbewußt irriger Aussage und Furcht, einen Menschen ins Unglück zu stürzen, verwirren häufig den Intellekt. Die wissenschaftliche Forschung hat aus derartigen Beobachtungen ein Problem spezialisiert: die Aus­sagepsychologie. Auf unbewußte Simulation infolge Haft­psychose ist z. B. zurückzusühren, daß die Aussagen des Häft­lings mit der Zeit immer widersprechender werden; unbewußt simuliert auch ber Zeuge, wenn er, aus den bereits genannten Motiven heraus, angibt, sich des näheren nicht mehr zu erinnern oder nur das vorbringt, was den Angeklagten nicht belastet.

Von den verschiedenen Methoden, die zur Ergründüng dieser schwierigen Verhältnisse individueller Anormalität versucht wor­den sind, seien zum Schluß erwähnt: bic Methode ber Tiefen­psychologie und die ber experimentellen Psychologie. Beide Arten haben jedoch kaum brauchbare Erfolge erzielt. Tic Tiefen­psychologie, die mit Hypnose arbeitet und vereinzelt von den Behörden hcrangezogën wurde, scheitert an der logisch nid;r darstellbaren Gesetzmäßigkeit psychischer Art d. h. sie laßt keine objektive Wertung der auf hypnotischem Wege erlangten Gr» Kenntnisse zu. Und die experimentelle Psychologie kann, als rein physiologisch eingestellt, auch nur physiologisch zu wertende Re- sultate liefern, bic nur teilweise Einblick in die Psyche ge währen, insoweit, als sie direkte Folgen sind.