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Kul-aer Anzeiger

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Nr. 267 1926

Fulda, Freitag, 19. November

3. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser

Reichspräsident von Hindenburg weilte Donnerstag in Dresden zur Einweihung der neuen Jnfanterieschule.

* Der auf den 22. November anberaumte Wiederzusammen- tritt des Reichstages ist auf Dienstag. 23. November, verlegt worden.

* Durch ein (Störfeuer wurden in Rappelsdorf bei Meinin­gen 57 Wohnhäuser mit sämtlichen Nebengebäuden vernichtet.

Banken und Wirtschaft.

Von volkswirtschaftlicher Seite wird uns geschrieben:

Sehr zufrieden ist die Geschäftswelt großer wie kleiner Art durchaus nicht mit der Geldpolitik der de ii t - schen Banken. Das gilt ebenso von der Reichsbanl wie von den Privatbanken und sonstigen Bankinstituten, die für die Hergabe von Kredit in Frage kommen. Jene Zeiten, da der Erzeuger so gut wie gar keinen Kredit er­hielt, da der rauhe Wind dieser Kreditzurückhaltung alle Inflationsblüteu vom Baum der deutschen Wirtschaft

einem

das bei

herabblies, liegen schon weit hinter uns, aber noch immer verfahren die deutschen Banken mit einer Kreditzurück- Haltung gegenüber der einheimischen Wirtschaft, die in merkwürdigen Gegensatz steht zu dem Wohlwollen, i den deutschen Banken ausländische Kreditforde­

rungen genießen.

Leider liegt den Banken auch viel mehr an ganz großen Finanzierungssachen, wobei man sich sehr ent­gegenkommend zeigt, so bei dem Russenkredit, bei dem Zu­sammenschluß der Farben- und Chemischen Industrie usw. Dem kleineren Gewerbetreibenden, dem Kaufmann gegen­über ist man aber häufig von einer Verschlossenheit, die in der Lage des Geldmarktes nicht die geringste Begrün­dung findet. Die Banken scheinen entschlossen zu sein, bei diesem Verhalten zu verbleiben; wenigstens erklärte auf der Tagung der rheinischen Industrie in Aachen der Direktor vom Schaaffhausenschen Bankverein, daß die Banken den Kurs ihrer bisherigen Politik nicht ändern Wurden, sondern die bisherigen Grundsätze als richtig und auch für die Zukunft maßgebend bleiben sollten. Ge­wiß wäre eine besinnungslose Hingabe der zur Verfügung stehenden Gelder keineswegs zu billigen. Aber es gibt hierbei doch auch einen mittleren Weg, also ein größeres Entgegenkommen, ohne daß nun gleich das Entstehen einer Scheinblüte mit inflationistischen Tendenzen" zu be­fürchten wäre, wie sich der Direktor des bekannten Bank­vereins ausdrückte.

Nach den Äußerungen jenes Bankdirektors scheint man nun auch nicht an die Herabsetzung der Zinssätze zu denken. Auch hier wieder eine halbe Wahrheit; gewiß zwingt teurer Kredit dazu, die Lagerbestände abzustoßen, für diesen Zweck auch die Preise herabzusetzen. Die Erfahrungen haben aber gelehrt, daß jeder Betrieb eine derartige Noßkur nicht allzulange aushält, bei den Banken in immer größere Verschuldung gerät und schließlich bankerott werden kann. Wieweit derartige Lagcrbèstände unnötig sind, ihre Abstoßung daher eine vom Wirtfchafts- standpunkt aus nur zu begrüßende Notwendigkeit ist, dürfte außerordentlich verschieden je nach dem einzelnen Fall fein.

Es ist also möglich, daß steigende Zinssätze und sollende Preise Hand in Hand gehen aber in der Regel werden sic cs nicht tun. Es ist unverständlich, daß sich die "Ausführungen in der erwähnten Sitzung gegen die Gleich­setzung der Zinssätze mit den übrigen Unkostenkonten werthen. Gerade die Höhe dieser Zinssätze herabzudrücken, ist ja dem Warenerzenger gar nicht möglich, während das bei den anderen Unlostenkonten wohl möglich erscheint. Der Kaufmann und der Fabrikant werden deswegen mit Fischt ganz besonders harte Vorwürfe gegen übertriebene Zinsforderungen erheben und diese ebenso in die Produk- tionskosten hineinkalkulieren müssen wie alle anderen Arten von Aufwendungen. Ob daher wirklich durch die Zinspolitik der Banken nun die Gelder immer in die Richtung gelenkt werden, die am besten dem Interesse der deutschen Wirtschaft entspricht, darf man doch wohl etwas bezweifeln. So einfach regelt sich das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage doch nicht, wie das auf eine rein natürliche Weise geschehen könnte, sondern es sind gerade recht starke Einflüsse am Werke, Wirtschaftsgebiete mit überfließender Kapitalversorgung zu bevorzugen, ihnen noch weitere Mittel zuzuleiten, während andere Zweige der Wirtschaft infolge des Kreditmangels schwer bedroht sind.

Es ist in letzter Zeit wiederholt vorgekommen, daß besonders große Aktienausgaben bei den Banken eine sehr ^ngc Förderung gefunden haben. Hier hatte man soviel wie man nur brauchte. Gerade bei dem schweren Kampf, den die deutsche Wirtschaft jetzt nach dem Zusam- menbruch des englischen Bergarbeiterstreiks wieder wird wbren müssen, ist es aber besonders notwendig, daß von ? Banken reichlich Geld in den Kreislauf der Wirtschaft u -w'^eitel wird. Es ist ein offenes Geheimnis, daß m ftMf nicht sehr erfreut ist über die Zurückhaltung -Privatbanken in ihrer Kreditpolitik. Andererseits Reichsbank aber selbst nicht mit der Ellenbogen wie sie wohl möchte. Besser wäre es imSite deutsche Wirtschaft könnte ihren Geldbedarf

. Kapitalmarkt decken, als daß sic für diesen nnch Amerika wandert, andererseitsdas Ausland wohlwollende Aufnahme am deutschen Geld- , Das dürfte nur geschehen, wenn wir Über«

' â? gerade dies ist ja in keiner Weise der Fall, u würden zweifellos in ihrem eigenen Interesse ' .^'w sie auf die Interessen der Wirtschaft eine ^s größere Rücksicht nähmen. -

Der Reichspräsident in Dresden,

Einweihung der neuen Znfanterieschule.

Hindenburg über Erziehung des Offiziersnachwuchses.

Reichspräsident von Hindenburg hat sich in Beglei­tung des Reichswehrministers Dr. Geßler und des Chefs der Heeresleitung, Generals Heye, nach Dresden begeben, um dort die neue Jnfanterieschule einzu- weihen. Zum Empfang des Reichspräsidenten waren auf dem Neustädter Bahnhof die Spitzen der Staats- und städtischen Behörden erschienen. An Stelle des erkrankten Ministerpräsidenten Heldt begrüßte der Volksbildungs­minister Dr. Kaiser den Reichspräsidenten namens der sächsischen Regierung. Der Reichspräsident fuhr nach Ent­gegennahme der Meldungen des Vorgesetzten der Jnfan- terieschule, Generalmajors von Amsberg, sowie des Wehrkreiskommandokommandeurs, Generals Wöllwarth» der mit seinem Stabe ersck'.uen wm im offenen Auto mit dem Reichswehrministcr Dr. Geßler, l o n einer zahl­reichen Menschen in enge ft ü r i. isch begrüßt, durch die Königsbrücker Straße, wo Milu rvercine und In­nungen Spalier bildeten, nach der Gc nisonkirche. Vor der Kirche hatte eine Ehrcnkompa nie des 10. In­fanterieregiments Aufstellung genommc deren Front der Reichspräsident abschritt. In der Gari .onkirche fand aus Anlaß der Einweihung der neuen Jnfanterieschule ein kurzer Gottesdienst statt, an dem das Offizicrlorps und die Waffenschüler der Jnfanterieschule sowie Abordnungen der Truppenteile des Standortes Dresden teilnahmen.

Nach dem Gottesdienst nahm der Reichspräsident vor der Garnisonkirche Den Vorbeimarsch der dort aus­gestellten Truppenteile entgegen und begrüßte die erschie­nenen ehemaligen Kriegsteilnehmer. Er begab sich dann im Kraftwagen nach dem neuen Gebäude der Jnfanterie- schnlc, wo der Inspekteur des Erziehungs- und BilduiizS- wesens, Generalmajor von Metzsch, ihn begrüßte. Auf dem Hofe hatten die Jnsanterieschülcr in einem offenen Viereck Aufstellung genommen. Der Reichspräsident richtete eine kurze An s p r o ch e an sie, in der er etwa ausführte: Er wolle durch seine Anwesenheit zeigen, welch hohenWerterderErzichi: ngdes Offi­ziersnachwuchses beimeffe. Der Waffenschüler müsse vor allem gehorchen lernen, damit er später zu befehlen verstehe. Er dürfe nicht vergessen, daß ihm in seinen Untergebenen ein kostbares Gut des Vater­landes anvertraut sei, das er zu b r a v c n , a u f r c ch t e n deutschen Männern erziehen soll, denn er habe die Pflicht, Achtung und Kameradschaft zu wahren, die mehr

Schwierigkeiten der Abrüstung.

Lord Cecilslauwarmer" Optimismus.

Im Oberhaus erklärte anläßlich einer Abrüstungs- dcbatte Lord Cecil als Vertreter der Regierung, die wich­tigste Frage sei nicht, ob die allgemeine Abrüstung erreicht werden könne, sondern wie sie erreicht werden könne. Unterseeboote und Kriegführung mit chemischen Mitteln müßten vollständig abgeschasft werden. Doch diese Frage zu regeln, sei nicht leicht. Bezüglich der Untersee­boote herrsche keine Einstimmigkeit. Die Kommissionen und Nnterkommissionen seien zu der Ansicht gelangt, daß eine Haltung des guten Willens von jedermann eingenom­men sei. Die Erörterungen hätten gezeigt, daß eine allge­meine Abrüstung im Bereiche des Möglichen liege. Es sei Sache der vorbereitenden Abrüstungskommission, an erster Stelle, und für die Völkerbundvcrsammlung an zweiter Stelle, ein definitives Schema zu formulieren.

Daily Chronicle" sagt in einem Leitartikel: Lord Cecil hat in seiner Rede hinsichtlich der Aussichten der Ab- rüstungskonferenz einen lauwarmen Optimimus gezeigt. Die Wahrheit ist aber, daß bisher der Kern des Problems mit seinen Schwierigkeiten un be- rührt aeblieben ist.

Die Vorbereitung der Weltwtitschaffs- ronserenz.

Der Entwurf des Konferenz program ms.

Der in Genf tagende Ausschuß der Weltwirtschafts, konferenz schlägt in seinem dem Völkerbundrat vorgeleg­ten Tagungsbericht vor, die Weltwirtschaftskonferenz auf den 4. Mai 1927 einzuberufen und alle Völkerbundstaaten und wirtschaftlich bedeutenden Nichtmitglieder zur Teil­nahme aufzufordern.

Der Entwurf des Konferenzpro gr a mm s umfaßt in seinem ersten Teil die gegenwärtige Wirt­schaftslage, die nach den wichtigsten Gesichtspunkten ent­sprechend der Auffassung der einzelnen Länder und nach den damit gegebenen Problemen untersucht werden soll, sowie die Ursachen und wirtschaftlichen Strömungen, die auf den Weltfrieden Einfluß haben können.

Der zweite Teil ist in drei Kapitel: Handel, Industrie und Landwirtschaft gegliedert und enthält im ersten Kapitel (Handel) folgende Materien: A. Freiheit des Handels; B. Zolltarife und Handelsverträge Hindernisse für den internationalen Handel; C. Indirekte Mittel zum Schutz des nationalen Handels und der nationalen Schiffahrt.

sein müsse als alltägliche Freundschaft, wenn man sie richtig auffasse, wie er auch im täglichen Leben den rich­tigen Ton finden müsse, den Ton der Ritterlichkeit, frei von Überhebung. Die Waffenschüler sollen eingedenk fein, daß sie die Tradition der alten Armee zu be­wahren und fortzusetzen haben. Der Reichspräsident schloß mit den Worten:So eröffne ich denn die Jnsan- tcrieschule in dem festen Vertrauen, daß sie die Pflege- stâtte alter deutscher Soldatentugenden sein möge, dann wird auch dieses Haus dem Vaterland! nützen."

Nach der Ansprache schritt der Reichspräsident die Front der Infanterieschüler ab und nahm die Vorstellung der am Neubau beteiligten Heeresbeamten sowie einer Arbeitgeber- und Arbeitnebmervertrctung entgegen. Im Anschluß hieran begab sich der Reichspräsident zu dem zur Erinnerung a ' d'e ii" Weltkrieg gefallenen ehemaligen sächsischen Kadetlc., ^, richteten Denkmal, wo sich auch eine Abordnung ehemaliger sächsischer Offiziere eingefunden hatte. Hier legten der Reichspräsident, Reichsminister Dr. Geßler und General Heye einen Kranz nieder. Nach einem Frühstück kehrte der Reichspräsident wieder nach Berlin zurück.

Ein Zwischenfall.

Während der Fahrt des Reichspräsidenten vom Neu­städter Bahnhof zur Garnisonkirche ereignet sich ein Zwischenfall. In der Königsbrücker Straße sprang ein Mann aus das T r i t t b r - ; . u ' Autos, redete aus den Präsidenten ein und versuchte ihm ein Schreiben zu geben. Er wurde sofort von Polizeibeamten ergriffen, wobei er die Worte murmelteIch bin Jesus Christus". Die Polizei untersuchte den Mann auf Waffen. Man fand nichts weiter als ein Buch. Der Verhaftete machte den Eindruck eines G e i st e s k r a n k e n , der an­scheinend ein Bittgesuch an Hindenburg abgeben wollte. Er ist ein stellungsloser Kellner, der erst kürzlich aus einer Heil- und Pflegeanstalt entlassen worden ist. Die Kommunisten versuchten eine Gegenkundgebung gegen den Reichspräsidenten, doch wurde ihr Zug von der Polizei nicht durchgelassen.

Dresden. Zu dem Zwischenfall in der Königsbrücker Straße beim Besuch des Reichspräsidenten teilt das Presseamt des Polizeipräsidiums mit: Bei dem Täter handelt es sich um den früheren Kellner Krause, der bereits viermal wegen Ep' - lepsie ht einer Heil- und Pflegeanstalt untergebracht, am 14. September d. I. aber entgegen dem Anraten der Arzte auf Bitten seiner Familie entlassen worden war. Krause wurde sofort in die Anstalt zurückgebracht. Ein Attentatsversuch liegt nicht vor. Krause hatte weder Waffen noch hat er den Versuch gemacht, sich an den Reichspräsidenten beranzudrängen.

Das zweite Kapitel (Industrie) weist folgende Gruppen auf: 1. Lage der Hauptindustrien: 2. Charakter der gegenwärtigen Schwierigkeiten in der Industrie und ihre internationalen und kommerziellen Ursachen und ihre Ursachen, soweit sie mit den Verhältnissen der Industrie selbst, mit dem Handel oder mit der Währung Zusammen­hängen; 3. Möglichkeit zur Lösung.

Das dritte Kapitel behandelt die L a n d w i r t s ch a f t und ist in folgende Gruppen eingeteilt: l. Die gegen­wärtige Lage der Landwirtschaft tu bezug aus die Lage in der Zeit vor dem Kriege und soweit sie die Erzeugung, den Verbrauch, die Lagerbestande, die Preise und Die Freiheit im Handelsverkehr mit landwirtschaftlichen Pro­dukten betrifft; 2. Möglichkeiten für ein internationales Vorgehen, a) Entwicklung der internationalen Zusam- menarbeit, der Organisation für Produktion und Ver­brauch, inbegriffen Die verschiedenen Systeme des Kon­sumwesens, b) ständiger Austausch aller zweckdienlichen Nachrichten, die sich auf die Verhältnisse Der Lage in der Landwirtschaft in den einzelnen Ländern beziehen, wissen­schaftliche und technische Untersuchungen, Rechnungs- wesen, landwirtschaftliche Kredite usw.

/politische Rundschau.

Deutsches Neicb

Deutsch-dänische Verhandlungen über Fischereisragen.

In nächster Zeit werden zwischen Dänemark und Deutschland Verhandlungen betreffend Fischereifragen in der Ostsee eingeleitet werden. Diese betreffen besonders Schutzmaßnahmen für Butt in Gewässern, die teils an Deutschland, teils an Dänemark grenzen. Die Verhand- lungen sollen auf beiden Seiten durch je einen Vertreter der Regierung, der Wissenschaft und der praktischen Fischerei geführt werden.

Fleißner sächsischer Ministerpräsident?

Wie gemeldet wird, wird die sozialdemokratische Landtagsfraktion den früheren Unterrichtsminister Her­mann Fleißner für das Amt des sächsischen Ministerpräsi­denten in Vorschlag bringen. Für das Landtagsprasi- dium wird die sozialistische Landtagsfraktion als stärkste Partei des Landtages den früheren sächsischen Wirtschafts- Minister Schwarz Vorschlägen.

Aus In- und Ausland.

Berlin. Der Reichstag hält seine Plenarsitzungnicht am Montag, den 22., sondern erst am Dienstag, den ft No- vember, ab mit der TagesordnungAuswärtige Polittl".

Berlin. Nach längerem schweren Leiden verschied der frühere Chefredakteur der Deutschen Allaemeinen Zeitung,