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Zul-aer Anzeiger

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Nr. 229 1926

Fulda, Dienstag, 5. Oktober

3. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Nach einer amtlichen Veröffentlichung besteht zwischen Deutschland und Frankreich Einverständnis darüber, daß die strafrechtliche Sühne des Falles Germersheim ein Zusammen­wirken der zuständigen deutschen und französischen Organe er« fordert.

* Der Kölner Parteitag der Deutschen Volkspartet wurde mit der Annahme einer Reihe von Resolutionen geschloffen.

* Der bekannte Schriftsteller Frhr. von Schlicht (Gras Bau- dissin) hat in Weimar Selbstmord begangen.

* Der Vizepräsident des Danziger Bolkstages, Zentrums« abgeordneter Franz Splett, ist von einem Auto überfahren worden und an den Verletzungen gestorben.

* Der erste Paucuropäische Kongreß ist in Wien durch eine Rede des früheren österreichischen Bundeskanzlers Dr. Seipel eröffnet worden.

Die Kölner Re-en.

Von besonderer politischer Seite wird uns geschrieben:

Ebenso wie die Deutschnationale Volkspartei hat auch ^ie Deutsche Volkspartei ihren diesjährigen Parteitag in K ö l 11 abgehalten. Das ist nicht nur innen» -politisch bedeutsam, sondern vor allem auch außenpolitisch.

Außenminister Dr. S t r e s e in a n n, der ja gleich­zeitig auch Vorsitzender der Deutschen Volkspartei ist, chatte in Köln die Ausgabe, die Schranken aufzuweisen, innerhalb deren sich seine Politik bewegen muß, weil sie «ine unbedingt deutsche bleiben will. Die Reden, die vor acht Tagen P 0 i n c a r é gehalten hatte, waren vom fran­zösischen Gesamtkabinett gebilligt worden, sind also als offizielle Negierungsverlautbarungen zu betrachten ge­wesen. Daß in diesen Verlautbarungen versucht worden war, die Behauptung von der angeblichen Schuld Deutschlands am Kriege auch in die Gegenwart hinüberzuretten, nnb daß diese Anklagereden ausgerechnet von Poincarè gehalten wurden, erzwang es einfach, daß der deutsche Außenminister in unzweideutiger Form _ gegen diese Anklage Protest einlegte. Nun nimmt man es

^ 'n Paris Übel, daß Dr. Stresemann auf Poincarös sophistische Unterscheidung zwischen demdeutschen Volk" und demkaiserlichen Deutschland" als dem angeblich Schuldigen am Kriegsausbruch nicht eingegangen ist, und fühlt sich sogar veranlaßt, in auffallend scharfer Form darauf hinzuweisen, daß die Reden PoincaröSsowohl hinsichtlich ihrer Form wie auch hinsichtlich ihres Inhalts vom gesamten Ministerrat gebilligt waren und sie die bleibende Ansicht der französischen Regierung darstellten*.

Dr. Stresemann hat betont, daß trotz jener Reden das Ziel der deutschen Außenpolitik dasselbe bleibt, und die Tatsache, daß die Tagung der Deutschen Volkspartei in Köln stattfand, unterstrich die Selbstverständlichkeit dieses Zieles: Befreiungdesdeutschen Bodens von der Besetzung durch fremde Truppen. Innenpolitisch hat sich der Führer der Deutschen Volkspartei zurück­haltend geäußert; er ist ein viel zu guter Politiker, um nicht zu wissen, daß innenpolitisch die Dinge noch viel zu sehr in der Schwebe sind, daß die Entwicklung in den kommennden Monaten sich noch viel zu wenig übersehen läßt.

Großes Gewicht ist in Köln auf die wirtschaft­liche Diskussion gelegt worden. In scharfer Form pro­testierte der Abg. Gramm namens der Landwirtschaft dagegen, daß immer nur der Konsumentenstandpunkt als maßgebend betrachtet wird, daß große Teile unseres Volkes leider immer noch nicht erkannt haben, wie wesent­lich es ist, daß Stärkung und Förderung der Produktion, vor allem auf dem Gebiete der L a nd- wirtschaft, Voraussetzung jeder vernünftigen Kon- sumentenpolitik sind. Es kommt zuerst auf die Erzeugung, kn zweiter Linie auf die Verteilung an. Abg. Cram^rr wies aber auch darauf hin, wleche fast untragbaren Lasten die soziale Fürsorge auf die Schultern der deutschen Wirt­schaft gelegt hat, und er warf dann den Gedanken eines Arbeitsdien st jahres wieder in die Diskussion, vedanken, die von dem Arbeitnehmervertreter Abg. T h i «C ausgenommen und als zwingende Notwendigkeit bezeichnet wurden. Neichswirtschaftsminister Dr. Curtius führte gleichfalls aus, daß die deutsche Wirtschaft Lasten zu tragen habe, die jede Ellenbogenfreiheit nach der wirt­schaftspolitischen Seite hin ebenso unmöglich machen wie nach der sozialpolitischen Seite hin. Hatte Dr. Strese« mann als das Ziel unserer Außenpolitik die Verstän - P i g u n g zwischen Deutschland und Frankreich bezeichnet, so betonte andererseits Dr. Curtius die Notwendigkeit, das deutsche Reparationsproblem in den Kreis der inter­nationalen Schuldverpflichtungen hineinzustellen. Er warnte davor, den Franzosen zu versichern, daß wir in der Lage seien, ihnen die Währung zu stabilisieren. Frank­reich sei selbst durchaus fähig, diese Aufgabe zu erfüllen, und ob es überhaupt sehr zweckmäßig sei, die außer­ordentlich schwierige Frage einer Mobilisierung der deut­schen Neparationsschuldverschreibungen gerade jetzt und für den Zweck einer französischen Wührungsstabilisicrung dnzuschneidcn, hält der Minister für mindestens sehr frag­lich. Dieser Zweifel in die Durchführbarkeit einer solchen Mobilisierung bedeutete nicht, daß Dr. Curtius die von Dr. Stresemann in T H 0 i r y gemachte Anregung miß­billige. Seine Mahnung klang dahin aus, nicht leicht­herzig und oberflächlich von diesen Dingen zu reden, die für die deutsche Wirtschaft, die deutsche Währung und die deutschen Finanzen von sorgenschwerster Bedeutung sind.

*

J^uf dem Parteitag der Deutschen Valkspartei in Aoln sprach noch Reichstagsabgeordneter B e y t h i e n Per die Sorgen des gewerblichen Mittelstandes. Nach

Europäische Einigungspläne.

Sund für EukSpäisHe Verständigung.

Herbeiführung der europäischen Entspannung.

Eine Konferenz von Staatsmännern und Politikern, die unter dem Vorsitz von Emil Borel, ehemaligem fran­zösischen Minister, zu Genf stattfand, beschloß einstimmig die Konstituierung des Bundes für Europäische Verständi­gung sowie die Veröffentlichung eines an die Völker Europas gerichteten Manifestes, dcni die Vertreter von 24 europäischen Nationen zugcstimmt haben. In diesem Manifest wird auf den jetzt zutage getretenen Ver­söhnungswillen der einzelnen Regierun­gen hitgcwiesen und auch an die Mitarbeit der Völker appelliert.

Der Bund setzt sich im wesentlichen zum Ziel, das Verständigungswerk der Regierungen zu ergänzen und deren künftige Schritte vorzubereiten, indem er auf die Völker selbst einwirkt und in ihnen das Bewußtsein ihrer Solidarität wachzurufen sich bemüht. Zu seinen Haupt­aufgaben gehört demnach die Herbeiführung der europäischen Entspannung sowie der morali­schen und effektiven Abrüstung, die Beseitigung der Ur­sachen künftiger Kriege durch freundschaftliche Verständi­gung, schließlich die tunlichste politische und wirtschaftliche Annäherung der europäischen Völker zwecks Wahrneh­mung ihrer gemeinsamen Interessen. Der Bund beob­achtet die st r e n g st e Neutralität in allen inneren Fragen politischer und sozialer Natur. Er betrachtet die Erhaltung der nationalen und kulturellen Eigenart jedes Volkes als unentbehrliche Vorbedingung aller europäischen Zusammenarbeit. Von deutschen Persönlichkeiten, die sich für die Ziele des Bundes einsetzen, seien genannt Reichs­kanzler Dr. Marx, Dr. Stresemann, Dr. Wirth, Dr. Luthe'' sowie eine Reihe namhafter Parlamentarier von der Deut­schen Volkspartei bis zur Sozialdemokratie.

Abschluß der Aussprache wurde eine Reihe von Ent­schließungen angenommen, so über das Neichsschulgesetz, über die Landwirtschaft und über Beamtenfragen. In seinem Schlußwort erklärte Geheimrat Kahl, daß, wer draußen darauf spekuliert habe, daß es einen linken oder rechten Flügel der Partei gebe, durch diesen Parteitag enttäuscht worden sei. Die Versammlung brachte dem Außenminister Dr. Stresemann ein dreifaches Hoch nn* dem Vorsitzenden, Geheimrat Kahl, eine stürmische Ovation dar. Damit war der Parteitag beendet.

Irland, Lhamberlam und Mussolini.

Das Ergebnis der Ehamberlainschen Konferenzen.

Der englische Außenminister Chamberlain, der wieder in London eingetroffen ist, gab Pressevertretern gegen­über Erklärungen über seine Besprechungen mit Briand und Mussolini ab. Die Zusammenkunft von Tboiry fasse er als einen weiteren Schritt in Richtung auf den Wiederaufbau Europas uuo als eine natürliche und sehr befriedigende Folge des Lvcarnovertrages und des Ein­tritts Deutschlands in den Völkerbund auf. Er sei nicht der Meinung, daß ein freundschaftliches Verhältnis zwi­schen zwei Nationen gegen ein: dritte Nation gerichtet sein müsse, und begrüße alle persönlichen Berührungen der Außenminister der verschiedenen Länder miteinander.

über seine Besprechung mit Mussolini sagte Chamberlain, sie sei sehr herzlich gewesen. Es seien Fragen behandelt worden, die Italien und Großbritannien berührten und über die bereits ein schriftlicher Gedanken­austausch im Gange gewesen sei. Natürlich seien gleich­zeitig dir größeren Fragen der europäischen Politik durch­gesprochen worden. Ohne Überraschung, aber mit großer Zufriedenheit habe man ein erhebliches Maß der Überein­stimmung zwischen den beiderseitigen Auffassungen fest- gestellt. Die Politik der beiden Länder richte sich auf die Erhaltung des Friedens, die für den wirtschaft­lichen Wiederaufbau der Welt so nötig sei. Auch mit Briand habe er eine sehr freundschaftliche Unterredung ge­habt und er sei in der Lage gewesen, Briand alles über die Besprechung mit Mussolini mitzntciwn, waS diesen habe interessieren können. Briand seinerseits habe ihm über den Inhalt seiner Besprechung mit Dr. Stresemann Mit­teilung gemacht. Er sei jetzt in der glücklichen Lage, nicht nur offiziell zu den Ministern des Äußern von Italien und von Frankreich im besten Verhältnis zu stehen, son­dern auch mit ihnen Beziehungen persönlicher Freund­schaft angcknüpft zu haben, die von ihnen, wie er glaube, ebenso geschützt würden wie von ihm. Seit Locarno glaube er sagen zu können, daß er auch in einem ähnlichen Freundschaftsverhältnis zu Dr. S t r e s e - m ann stehe.

Nach näheren Einzelheiten über seine Unterredung mit Mussolini befragt, sagte Chamberlain, man habe den entschlossenen Willen bekundet, die ^ocarno» Politik fortzusetzen. Tboiry sei nur erwähnt wor. den als erfreuliches Zeichen für eine dauernde Besserung der internationalen Beziehungen. Aus weitere Fragen sagte Chamberlain, es würde eine Dreistigkeit sein, wenn er sich über innere Angelegenheiten Italiens äußern wollte. Für England sei der Faschismus nicht geeignet, aber für Mussolini empfinde er große Achtung und Be­wunderung. *

Der römische Berichterstatter derTimes" erfährt, daß Briand sich formell verpflichtet habe, die italienische

Erster Paneurova-Kongreh.

Die Frage der nationalen Minderheiten.

In Wien wurde der vom Grafen Coudenhove ein- berufene erste Paneuropäische Kongreß durch eine Rede des früheren Bundeskanzlers Dr. Seipel als Vorsitzenden eröffnet. Einleitend lvies er daraus hin, daß sich heute Vertreter aller europäischen Staaten eingefunden haben, um bei voller Wahrung ihrer Kultur und Geschichte an dem Gedanken eines geeinten Europas zu arbeiten. Bundeskanzler Dr. Ramek hieß namens der österreichischen Regierung den Kongreß willkommen, dessen Wege und Ziele in Österreich vollstes Verständnis fänden.

Nach einer Begrüßung durch Vertreter der Stadt Wien hielten Vertreter der verschiedenen europäischen Staaten in alphabetischer Reihenfolge kurze Ansprachen. Der Vertreter des deutschen pancnropäischen Komitees, Reichstagsprâsident Löbe, führte unter Beifall aus, der Geburtstag der Pancuropüischcn Union werde einst als ein historischer Akt in der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit gelten. Der ungarische Dele­gierte von Lukacs wies auf die fehlerhafte Konstruk­tion des Völkerbundes hin und betonte, der Kernpunkt aller europäischen Fricdensprobleme liege in einer be­sonderen Entwicklung der französisch-deutschen Beziehun- gen. Der ehemalige Reichskanzler Dr. Wirth empfahl zur Schaffung deS Europäischen Reiches die Auflösung des Völkerhasses.

Am Schluffe der politischen Aussprache auf dem Pau- curopäischen Kongreß begründete der deutsche volkspartei­liche Reichstagsabgeordnete Dr. Mittelmann folgenden von ihm eingebrachten Antrag: Ter erste Paneuropäische Kongreß wolle die Einsetzung eines Ausschusses be­schließen, derdieFragedernationalenMinder« heilen zum Gegenstand eingehender Prüfung macht.

Regierung über jeden Schritt in den, augenblicklichen fran­zösisch-deutschen Besprechungen unterrichtet zu halten, und daß die italienische Regierung über diese Zusage sehr befriedigt sei.

Der Zwischenfall von Germersheim.

Eine objektive Untersuchung gefordert.

Zu dem Germersheimer Zwischenfall wird von zu­ständiger Stelle mitgeteilt, daß die Angelegenheit von deutscher Seite sofort nach Bekanntwerden der ersten Ein­zelheiten des Tatbestandes anhängig gemacht worden ist, und zwar sowohl vom Auswärtigen Amt der französischen Regierung gegenüber als auch vom Reichslommissar in Koblenz gegenüber der Rheinlandkommission und den französischen Kommandostellen. Die diplomatischen Verhandlungen werden seitdem auf beiden Wegen fortgesetzt. Es kommt zunächst darauf an, mit größter Beschleunigung eine einwandfreie objektive Feststellung des Sachverhalts herbeizuführen, der durch die bisherigen Erhebungen der deutschen und der französischen Behörden noch nicht in allen Einzelheiten hinreichend aufgeklärt erscheint.

Zwischen beiden Regierungen besteht Einverständnis darüber, daß die strafrechtliche Sühne dieses ernsten Falles ein Zusammenwirken der zuständigen deut­schen und französischen Organe und die Vernehmung aller von den deutschen Behörden namhaft gemachten Zeugen erfordert. Ebenso besteht Einverständnis darüber, daß unverzüglich Maßnahmen getroffen werden müssen, um eine Wiederholung derartiger beklagenswerter Vorkommnisse zu verhüten. Über die Einzelheiten des beiderseitigen Zusammenwirkens, insbesondere über die Form der Beteiligung des bayerischen Untersuchungs- leiters, sind die Erörterungen noch im Gange.

Ziele der Christlichen Gewerkschaften.

Jm Rahmen der Kundgebung der Christlichen Gewerk«' schäften in Recklinghausen sprach Ministerpräsident a. D. Stegerwald über die Zic'.c der Christlichen Gewerk­schaften. Er führte n. a. folgendes aus:

Die vollständigen Strukturveränderungen in der deutschen Wirtschaft hätten den Hintergrund für die bekannte Rede Dr. Silverbergs in Dresden gebildet. Die Verständigung in der Kohlenindustrie sei sehr viel schwieriger als in anderen Industrien, weil bei der Kohlcuindustric ein großer Bruchteil des Gesamtwertes sich im Lohn äußere. In Düsseldorf sei der Faden der Dresdener Rede Silverbergs wcilergesponncn worden. Daß sich gerade im Westen der stärkste Widerspruch qcgen die Silvcrbcrgschen Auslassungen bemerkbar machen wurde, sei vorauszusehen gewesen. Die christliche Arbeiter­bewegung stehe bewußt auf dem Boden der christlichen ^vc.t- anschauung, die aber kein Hinderungsgrund für den Loyn­aufstieg der Arbcitcrschicht sei. Sie wolle eine Reform -.er Gesellschaftsordnung mit der richtigen Rangordnung der sittlichen und moralischen Werw und stehe bewußt auf d m Boden der Vollsgcmcinschaft. An Stelle des Klassenkamti ÄTÄÄ- 8 *^ F £ lSri«K sSSSr'w

n Verminderung der Erwcrbsloscnzahl muffe

das Arbeüspwgramm"des Reiches unbedingt durchgesüdrr werden. G.aen die Zinspolitik der Banken müsse m.t dra­konischen Mitteln vorgegangen werden.