Zul-aer Anzeiger
Zulöa / Sia« 2
Fulda, 2. Vktober
1926
ktjg
Sonntägliche Betrachtung.
r . Psalm 5, V. 2 und 3: Herr, höre meine Worte, éK merke auf meine Rede; vernimm mein Schreien, I ? mein König und mein Gott, denn ich will vor dir i beten.
' au den Gütern, die frühere Geschlechter der Gegenwart vor- ,„US hatten, gehört auch das Gebet. Unsere Vorfahren brachten ihre Anliegen und Nöte, und ihrer waren auch nicht wenige, Gebet vor Gott. Das gegenwärtige Geschlecht ist zum größ- icn Teil gebetslos geworden, weil es glaubens- und gottlos geworden ist Die Zweifel, die die moderne Weltanschauung in Jen Herzen weckt und nährt, die furchtbaren Ereignisse der letz- jm Vergangenheit haben den Unglauben und die Gottlosigkeit, die kein Gebet kennt und braucht, groß werden lassen. Und doch bat vielleicht keine frühere Zeit das Gebet so nötig gehabt wie es die Gegenwart hat. Das Beten gehört zu den herrlichsten Vorrechten der Eotteskinder. Aber nicht jeder weiß, was ein echtes Gebet ist. Der Psalmensänger, der vor seinem König md seinem Gott beten wollte, wußte es, wenn er aus der Tiefe seines Herzens herausholend, inständig spricht: Herr, höre «eine Worte, merke auf meine Rede; vernimm mein Schreien! Li weiß: Das Gebet ist ein Reden mit Gott, eine Zwiesprache, die der Mensch mit seinem Gott und Vater hält. Gewiß es wird mch heute gebetet, aber es wird vielfach in Gedankenlosigkeit jebetet. Wer nicht bloß mit dem Munde, sondern vor allem mit seinem Herzen mit Gott redet, der tritt aus dieser Welt der Not, aus dieser Welt des Kummers und des Leides heraus in eine Welt der Gnade und der Hilfe. Denn Gott ist nahe allen, die ihn anrufen, allen die ihn mit Ernst anrufen. Im Hebet schütten wir unser Herz vor Gott aus, machen wir unserem gepreßten Herzen Luft. Gott dürfen wir alles, auch das Geheimste, das Verborgenste sagen. Es gibt Sorgen und Nöte, die man keinem Menschen sagen kann und darf, und die doch das Herz voll, übervoll machen, daß cs zum Zerspringen, zum Ueber- laufen voll ist. Solch ein Herz hatte der Sänger des 5. Psalmes, hast du's nicht auch, hast du's noch nie gehabt? Hast du die Angst und Not eines solchen Herzens noch nie erfahren? Persönliche Not oder Angst um eines, das dir lieb und wert ist und mit deinem Herzen fest verwachsen ist. Das muß man tragen, ohne daß man davon auch nur ein Sterbenswörtchen einem andern sagen darf. Aber das darf man, und das ist uns ein reicher Trost: sein Herz ausschütten vor Gott, von dem Menschen sich zurückziehen, um mit Gott allein zu sein, um sich an Gott festzuhalten. Herr, höre meine Morte, merke auf meine Rede; vernimm mein Schreien, mein König und mein Gott, denn ich will nor dir beten. Ein solches Gebet wird auch erhört. Gewiß .nicht immer wann und wie wir es wollen. Gott läßt sich auch nm seinen Kindern nichts vorschreiben. Er tut, wie er es für nicht hält. Darum gehört auch zu einem rechten, gläubigen ttet, was Jesus in Gethsemane betete: Nicht mein, sondern ! dein Wille geschehe! Gottes Hilfe, nach der wir schreien, kommt I W rechten Zeit und Stunde. Herr, lehre uns recht beten!
—Schl.
politische Rundschau.
Deutsches Xeitb.
Wahlen in der KnappschaftSversicherung.
; Im gesamten deutschen Bergbau, haben in den letzten jTagen die Wahlen der Angestellteuvcrtretcr für die Hauptversammlung des Reichsknappschaftsvereins, die o b e r st e K ö r p e r s ch a f t i n d e r S o z i a l v e r s i ch e r u n g der Arbeitnehmer des Bergbaus, stattgefunden. Die Wahlen brachten den einzelnen Angestelltenorganisationen folgende Ergebnisse: der Gewcrkicbattsbund der Anaestellten
Zum 100. Todestag Johann Peter Hebels.
Am 22. September jährte sich zum 100. Male der Tag, an dem der liebenswerte Dichter Johann Peter Hebel in Schwetzingen gestorben ist. Er ist in Basel im Jahre 1760 geboren und I mit Prediger und Gymnasiallehrer in Karlsruhe. Mehr noch ls seine alemannischen Gedichte, die einem Goethe seinerzeit sehr ut gefielen, sind seine Erzählungen im Rheinischen Hausfreund gekant geworden. Es gibt wohl wenig Menschen, die nicht schon irgcndcinmal eine Geschichte von Johann Peter Hebel gelesen hätten.
Wir denken heute über die Lesestücke in älteren Schulbüchern ganz anders, so daß sehr wenig Stoff in die neueren Bücher chlnubergenommen werden konnte. Die Moralpredigt, die noch n- unser Jahrhundert hinein der Hauptinhalt eines Schul- .elebuches war, hat keine pädagogischen Freunde mehr. Aber N.J^hnun Peter Hebel, der in den Geschichten seines Schatz- witlcins ganz gerne seine Leser ein bißchen ins Gebet nimmt A » lunt Nachdenken anregt, tut das in einer Weise, die keinen anßog erregen kann. Deshalb finden wir seinen Namen auch ^ den neuesten Auflagen aller Lesebücher wieder. Der ale- 'annyche Dichter ist längst deutscher Dichter geworden.
S kann prachtvoll erzählen. Flüssig und leicht verständ- 7 l!‘ sein Stil; seine Sprache ist so reich an dem lebendigen, Men Wortschätze eines tüchtigen deutschen Stammes; seine !cr sind vor allen Dingen die Kinder und alle erwachsenen Eschen, deren größter Vorzug ist, daß sie sich ein kindliches Nrz bewahrt haben und die cs diesem Herzen schuldig sind, daß bisweilen erfreuen. Aber auch vom rein künstlerischen -landpunkt aus kann man den netten Anekdötchen und Manchin schaurig erzählenden Geschichten nur gut sein, denn wahre Perlen guter Fabulierkunst. So wie Hebel das !oa™ ; ™a5 er meint, besser und treffender läßt es sich nicht den K verschmitzter mag wohl selten einer gefunden wer- Äcitkrö L bcr eine schalkigc Begebenheit an die andere zu Warn St Man braucht nur einmal die Erzählung: Be- Cckimcik^ , . ahrt (wie der reisende Handwerksbursche im del i "^ Angesichts einen Lastkahn neckaraufwärts trei- , "ad nachher noch Fahrgeld bezahlen will) gelesen manne n„U^^ alsdann â Bild von dem lieben Dichicrs- ri*tio cWdWien, so wird man die Fältchen an den Schläfen bh'tzeln sehen “Ub ^" ausgemachten Schalk aus seinen Augen luiw^„^°?"'Sen, die beim Lesen oder Hören einer Erzäh- • Sch atz kästle in des Rheinischen Hausfreundes Mfrif^ Hebel Freundschaft geschlossen haben, seien zur icnaitib»9 *?er Erinnerung eine Anzahl von Ueberschriften in Hgs.'. Kiuntverstan; der geheilte Patient; das Mittagessen Zundelheiner, der Zundclfriedcr und der rote Ure mit Gleichem: das letzte Wort; eine sonder- iad)C >,"^eche; die Tabacksdose ; die Hochzeit auf der Schild- Icitfi\„„ »zp^^/s^mled. Vielleicht bringen die Erinnerungen Ute ),„' , «sch, das ganze Schatzkästlein (Rcklam) oder eine ihn man S t ^raus (Jnselbüchlein) eigens zu besitzen, so er dort die Geschichte nocheinmal vollständig lesen, von w eine Kostprobe sei;
(GDA.) erhielt mit 79 684 Stimmen1 bref Vertreter,*und vier Stellvertreter, der Allgemeine Freie AngestellteKbund (Asa) mit 63 421 Stimmen drei Vertreter und zwei Stell- Vertreter, der Gesamtverband Deutscher AngesteLtenge- werkschasten einschließlich Reichsverband Deutscher Bergbauangestellter erhielt 1045 Stimmen, es entfielen darauf aber keine Vertreter. In den einzelnen Bezirksknappschaften stellen der Gewerkschaftsbund der SLngcstellten 23, der Asabund 19 und der Gescimtverband Deutscher An- stelltengewerlschasteu einschließlich Reichsveirband Deutscher Bergbanangestellter acht Vertreter. , ,
Für Erhöhung der Friedensmiete.
Der preußische Wohlsahrtsmivister Hi tisiefer ver- öffentlicht im Amtlichen Preußischen Press'Äienst einen Aufruf, der eine Privatarbeit des Ministers Larstellt und in dem es u. a. heißt: Wir können und missten die Ar- beitslofigkeit dadurch erheblich vermindern, °daß wir die Wohnungsnot beseitigen. Somit das Wohnungswesen in Preußen allmählich gesundet, brauchen wir eine Bautätigkeit. die für die nächsten Jahre 2 (40 0 0 0 neue Wohnungc II jährlich herstellt. Dafür werden an öffentlichen Beihilfen jährlich e i n c M i lt i a r d e M a r k benötigt. Als Duelle für diese össentktchcn Beihilfen sammt bis auf weiteres die H a n s z i us st c u e r, die nötigenfalls a » s z u b a » c n fein würde, in Frage. Um diese eine Milliarde Mark aus der Haaszinssteuer für Neubauzwecke zu erhalten, ist die Erhebung von etwa 50 % der Friedensmiete bei Berücksrchiignwg der Ausfälle und der gesetzlichen Befreiung nötig. NÄlig wäre also eine weitere Steigerung der Mieten um
30 % der Friedensmieten. » I
Norwegen.
X Norwegische Minister unter Anklage. Am 4. Oktober beginnt vor dem Obersten Gerichtshof in Oslo der Prozeß gegen den im 75. Lebensjahr stehenden früheren Ministerpräsidenten Abraham Berge und die Mitglieder seines damaligen Kabinetts Micheler, KlLngcirberg, Wes- ring, Holmboe, Middelthon urüv Penger. Die Anklage lautet aus Verletzung der Versaisung. Im Jahre 1923 hatte die Regierung Berge 2 5 Millionen Kronen in Form einer Anleihe ver Rorm'egischen Handelsbank zur Verfügung gestellt, ohne dem Storthdig davon Mitteilung zu machen. In der Anklageschrift wird betont, daß es sich bei der Angelegenheit Berge n i ch t u m e i n e n Krimiualfall handelt, sondern lediglich um eine Frage der Verfassung.
Aus Zu- und Ausland.
Berlin. An Stelle des verstorbenen Abgeordneten Fischer tritt der Parteisekretär Hermann Wäger, Berlin (Sozialdemokratische Partei) in den R-cichstag ein.
Paris. Nach einer Meldung der .Chicago Tribune" aus Teheran wird die Untersuchung des gegen den Schah gerichteten Komplotts eifrig fortgesetzt. Eine weitere Anzahl höchst c h e n d c r P c r s ö u l l ch k e i t e n ist verhaftet worden. Zahlreiche Selbstmorde von höheren O s s l; i c r e n werden berichtet, die der Verhaftung wegen ihrer Beteiligung an dem Komplott hauen entgehen wolleir
London. Einer Agennirmeldung aus Konstantinopel zu- folge hat die T ü r k e i mit C h i n a einen F r c n n d s ch a j i s - und Unterstütz u n g s v c r l r a g abgeschlossen.
Madrid. Aus Grund des UrteilsspruÄs des Kriegsgerichts sind 4 Obersten, 3 Oberstleutnants, 12 Maiore, 18 Hauptleute und 5 Leutnants der Artillerie wegen Benikigung an der jüngsten Ausstanvsbewcgung degradiert wocdcar — Primo de Rivera ist zum Ehrendoktor der Universität Salamanca ernannt worden
Kingston (Jamaika). Die 76 Gefangenen, die an den Ausschreitungen im hiesigen Zuchthaus am 4. September teil« nahmen, sind mit Billigung des Gouverneurs durchgepcitscht worden. Die Komiilission, welche die Angelegenheit untersucht, tagt noch.
Washington. Der deutsche Geschäftsträger 'n Washington, Botschaftsrat .Dieckhoff, überreichte dem Präsidenten Coolidge als Geschenk der G u > e n b e r g - G c s e I l s ch a s t das Buch: .Die Geschichte der Deutschen Druckkuust."
Washington. Das neue Alkoholschmnggelabkonimen zwischen Amerika und England ist durch ctiien Notenaustausch als vom 25. September ab wirksam erklärt worden. Es sieht die Zusammenarbeit der Behörden beider Regierungen in der Verhinderung nngesetzlichen Alkohol Handels zwischen britischen und amerikanischen Gebieten vor.
„---Also legte sich der Anton neben seinen Herrn, mit dem Kopf unten und mit den Füßen oben, neben des Herrn Gesicht, weil er meinte, er liege wieder in seinem eigenen. Eine Stunde vor Tag aber, als der Herr erwachte, kam es ihm vor — er wußte selbst nicht recht wie? — „Soll ich denn gestern Abend Backfteinkäs haben heraufkommen lassen?“ dachte er. Als er aber sich umdrehen wollte, ob ein Schränklein in der Wand fei, fühlte er auf einmal neben sich etwas Lebendiges und Warmes, und das Warme und Lebendige bewegte sich auch. Jetzt rief er: „Anton, Anton!" mit ängstlicher und leifer Stimme, daß der unsichere Echlafkamerad nicht aufwachen sollte, und derjenige, den er wecken wollte, war doch der Schlafkamerad. „Anton", schrie er endlich in der Herzensangst, so laut er konnte: „Was befehlen Jhro Hochwürden?" erwiderte endlich der Anton. — „Komm mir zu Hilfe! Es liegt einer neben mir.“ — „Ich kann nicht, neben mir liegt auch einer", erwiderte der Bediente und wollte sich strecken, so zwar, daß er mit dem linken Fuß unter des Herrn Kinn kam. „Anton, Anton!" rief der Herr, „meiner reißt mir den Kopf ab", und suchte ebenfalls mit den Füßen eine Hebung. „Meiner will mir die Siafe aufschlitzen", schrie noch viel ärger der Anton. „Wirf deinen heraus!" schrie der Herr, „und komm mir zu Hilfe". — Also faßte der Bediente seinen Mann an den Beinen und dieser, als er Ernst sah, faßte er feinen Mann ebenfalls an den Beinen, und rangen also die beiden miteinander, daß keiner dem andern konnte zu Hilfe kommen. Und der Bediente fluchte wie ein Türke, der Herr aber fluchte zwar nicht, aber doch rief er die unsichtbaren Mächte an, sie sollten seinem Gegner den Hals brechen."---
Was die Hersfelder Stiftsruine erzählt.
Von Minna H e ns c l l -Hersfeld.
Grau und verwittert streben die Mauern der Stiftsruine zum Abcndhimel empor. Rosenrote Wölkchen jagen, vom sanften Wind getrieben, über das alte Gemäuer hin. Durch die hohen Bogenfenster flattern die Vögel ängstlich aus und ein und singen ihr Nachtlied. Es ist an einem lauen Sommerabcnd, als mir plötzlich der Gedanke kommt, die letzten Stunden des Tages in der Stiftsruine zu verbringen, denn nach des Tages Lasten sehne ich mich gern nach einem stillen Plätzchen. Schnell ist mein Entschluß gereift. Gerade als die letzten Sonnenstrahlen die grauen Mauern und Türme vergolden, schreite ich durch das alte, knarrende Tor in das Gotteshaus ein. Auf einem bemoosten Grabstein setze ich mich nieder. Wildes Gerank zieht sich darüber hin. Ganz leise streicht der Abendwind über mich hin, und es ist mir, als höre ich in seinem Säuseln eine geheimnisvolle Stiimme. Ich glaube, es sind die grauen Mauern, die mir ihre Lcbcnsgeschichte aus längst vergangenen Tagen zuraunen. Aufmerksam lausche ich ihrer Erzählung:
Vor vielen tausend Jahren stand hier auf derselben
Lebenshaltungskosten im September 1926
Leichter Rückgang. )
Die Reichsindexziffer für die Lebenshaltungskosten (Ernährung, Wohnung, Heizung, Beleuchtung, Bekleidung und „Sonstiger Bedarf") ist nach den Feststellungen des Statistischen Reichsamts für den Durchschnitt des Monats September mit 142,0 gegenüber dem Vormonat (142,5) um 0,4 % zurückgegangen. Die Ausgaben für die Ernährung haben sich trotz weiteren Anziehens der Preise für einzelne Rabrunasmittel infolge des starken Rückganges der Kartoffel- und Gemüsepreise vermindert. Die Bekleidungsausgaben haben gleichfalls nachgegebeu. Die Heizungskosten hingegen sind durch den Übergang zu den Winterpreisen für Hausbrandkohle leicht gestiegen. Tie Wohnungsausgaben sind unverändert geblieben.
*
Die amtliche Großhandelsindexziffer vom 29. September.
Die auf den Stichtag des 29. September berechnete Großhandelsindexziffer des Statistischen Reichsamts ist gegenüber dem 22. September mit 126,7 unverändert geblieben. Von den Hauptgruppen haben die Industrie- stoffe geringfügig (auf 124,1) nachgegeben, während die Agrarerzeugnisse keine Veränderung erfuhren.
Kongresse und Versammlungen.
k. Ende der internationalen Polizeikonsercnz. Die Berliner internationale Polizeikoufcrenz ist geschlossen worden, nachdem alle Entschließungen, die ihr Vorlagen, an gen omni e n worden waren. Die Beschlüsse beziehen sich durchweg auf die internationale Zusammenarbeit der Polizei. Ein Beschluß verlangt Erleichterung des Auslieserungsversahrcns bei gemeinen Verbrechern. Es soll in Zukunft nicht mehr ans diplomatischem Wege, sondern zwischen den einzelnen Polizei- Verwaltungen erfolgen. Wichtige Beschlüsse wurden auch über den Ausbau der weiblichen Polizei gesüßt und über den Kamps gegen den Alkoholismus und den internationalen Handel mit Rauschgiften.
Zeitgemäße Betrachtungen.
(Nachdruck verboten.)
Reden und Schweigen.
Sei guten Mutes, doch red nicht viel, — das ist wohl jedem zu raten, — reden allein bringt uns auch nicht zum Ziel, — steh'n nicht dahinter die Taten. — Reden ist Silber und Schweigen ist Gold, — das hat schon mancher erfahren, — wer dieser Weisheit Beachtung gezollt — wird sich vor Schaden bewahren.
Schmiede du Pläne, soviel du nur willst, — das wird dir keiner verargen, — doch wenn du schassend den Tatendrang stillst, — pflege mit Worten zu kargen. — Reden verraten beizeiten dein Ziel, — halte sie nur noch im Traume, — aber im übrigen rede nicht viel, — halt deine Zunge im Zaume.
Das ist für manchen kein leichter Entschluß, — immerhin, wer zu viel redet, — hat hinterher oft den großen Verdruß, — daß man die Rede befehdet. — Wenn nur ein Wort von der Rede mißfiel — wirkt schon dies eine Wort schädlich, — darum sag niemals ein Wörtchen zuviel, — aber eins wen'ger ist rätlich!
Wer im politischen Leben heut steht, — der ist als Redner erkoren, — drum muß er reden so gut wie es geht, — sonst geht sein Ansehen verloren. — Schwungvoll erklärt er im Draufgängermut— dem Gegner Kamps bis aufs Messer, — mancher wird sagen: die Rede war gut, — mancher denkt: Schweigen wär besser!
Durch Reden wird oft der Frieden gestört, — und jäh sein Werk unterbrochen, — das haben wir letzthin wieder gehört, — Poincarë hat gesprochen! — Dem Wunsch, dem ein Deutscher Ausdruck verlieh, — vermag er nimmer zu dienen, — am sonnigen Himmel von Thoiry — sind wieder Wolken erschienen.
Stellte die Welt auf den Frieden sich ein, — darf man sich nicht mehr befehden, — soll der Locarno-Geist segensreich sein, — darf man so viel nicht mehr reden! — Wer zu viel redet und wer zu viel grollt, — schürt ja den Brand wieder weiter, — Reden ist Silber und Schweigen ist Gold, — das gilt auch ferner.
E r n st Heiter.
Stelle eine Kirche, die Abt Lullus gegründet hat und in der er die Gebeine seiner Freunde Wigbert und Witta zur ewigen Ruhe bettete. Doch davon weiß man jetzt nichts mehr. Lange Zeit danach legte ein anderer Abt den Grundstein zu diesem Gotteshaus. Wir haben damals viel Schönes erlebt. Es kam dann die Einweihung dieses prächtigen Baues. Außer Kaiser Konrad III. waren noch andere Große bei der Weihe zugegen. Auch sonst wurden schöne Feste in diesen Mauern gefeiert. Später weilte Luther hier und viele fromme Mönche lauschten seinen Worten. Ja, diese prächtige Kirche war weit und breit berühmt. Im hellen Sonnenschein blitzte das Kupferdach über der Krypta den Wallfahrern schon aus der Ferne entgegen. Hell klangen die Glocken im Katharinenturm durcheinander, wenn sie die Leute, ob arm oder reich, zur gemeinsamen Andacht riefen. Und sie kamen alle gern. Den- mächtigen Bau mit seinen kühn in die Luft ragenden Türmen wollte Jeder sehen. Altar und viele Seitengänge waren mit reicher Bildhauerei geschmückt. Das Hauptschiff wurde von schlanken Säulen getragen, die mit kunstvollen Kapitalen verziert waren. Aber inmitten dieser Pracht und Herrlichkeit brach plötzlich eine böse Zeit heran. Es war der siebenjährige Krieg. Die Franzosen hatten in dieser Kirche große Masten Getreide aufgespeichert, in der Absicht noch einige Tage in Hersfeld zu bleiben, um ihr Unwesen weiter treiben zu können. Aber unaufhaltsam drang ihr Feind, der Erbprinz von Braunschweig, vor, und die Franzosen traten in eiliger Flucht den Rückzug an. Ehe sie jedoch abzogen befahl ihr Heerführer, das Getreide in Brand zu stecken, damit es nicht in die Hand der Feinde falle. Rasch griffen die Flammen um sich und die ganze Kirckp: glich einem ungeheueren Feuermeer. Donnernd krachten die Balken zusammen und prasselnd folgten die hohen Wände des Hauptschiffes nach. Niemand vermochte den schrecklichen Brand zu hemmen. Rauchende Trümmer zeigten am anderen Morgen die Stätte, wo die prächtige Kirche gestanden hatte. Im nächsten Frühjahr hausten die Franzosen abermals in dem Gotteshaus, das man inzwischen wiederbergestellt hatte. An den Mauern errichteten sie große Backöfen, zu deren Bau sie die Steine von den schönsten Grabmälern wählten. Niemals werden die spä- teren Geschlechter die Schändlichkeiten, die sie an dieser Äirdje vollbrachten, vergessen. Die Ruinen, die von der einst so herrlichen Kirche geblieben sind, sollen jedem, der sie sieht, ein Denkmal und ein ernster Mahner sein an große Tage und große Männer.
Ein jäher Windstoß, dem ein krachender Donner folgt, schreckt mich plötzlich aus meinen Träumen auf. Ein greller Lichtstrahl erhellt das Gotteshaus und die Erinnerungen aus uralten Zeiten tauchen noch einmal vor mir auf.