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ul-aer Anzeiger

lichs Mark. Sel L^^s^^sti»<«m-«» Swrch Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg »feS?ÄS^'JB Julèö' und Haunetal♦ Iulöaer Krelsblatt

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Nr. 224 1926

Fulda, Donnerstag, 30, September

3. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die Typhusepidemie in Hannover hat bis jetzt insgesamt 143 Todesopfer gefordert.

* Verhaftet und nach Landau ins Gefängnis übergeführt wurde der französische Leutnant Rouzier, der die blutige Tra­gödie in Germersheim verschuldete.

* Jm Laufe der nächsten Zeit sollen 3000 Mann der Nhein- landbesatzung zurückgezogen werden.

* Ein ungeheurer Wirbelsturm verwüstete die Stadt Vera­cruz, zahlreiche Häuser sind zerstört.

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ZmekKvliWe Mnterriistungen.

Von besonderer Parlamentarischer Seite wird uns geschrieben:

Wir befinden uns innenpolitisch in einem gewissen Stande der Ruhe, denn die Geschehnisse der Außenpolitik haben so sehr alles Interesse in Anspruch genommen, daß für parteipolitische Auseinandersetzungen wenig Neigung bestand. Hinsichtlich dieser A u ß e n P 0 l i t i k ist es ihrem Leiter gelungen, zwar nicht die Kritik an Einzelmaß­nahmen zu unterbinden, aber doch zu erreichen, daß der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund und die sich dar­aus für uns ergebenden Folgerungen auch von den früheren Gegnern als vollzogene Tatsache angenommen wird. Wenn in der nächsten Woche der Auswärtige Aus­schuß des Reichstages wieder zusammentritt, wird er sich weniger mit jenem Geschehnis als mit dem beschäftigen, was man als das Geheimnis von Thoiry immer noch bezeichnen muß, außerdem natürlich, durch die Vor­gänge in Germersheim dazu veranlaßt, mit der ganzen Frage derRückwirkungen".

Ob der gegenwärtig in Köln abgehaltene Parteitag der Deutschen Volkspartei innenpolitisch eine Änderung bringen wird, ob man sich namentlich mit einem Weg beschäftigen wird, auf dem diese Partei in die Preußenregierung, die Sozialdemokratie in das Reichs- kabinett gelangt, diese Fragen sind bislang ungeklärt. Die LeLiehlUlgLn , zwischen der Deutschen Vollspartei und den Deutschnationalen sind nicht ganz klar; gewisse Äußerun- gèn Dr. Stresemanns, der neben seinem Ministeramt Führer der Volkspartei ist, haben bei der Rechten ver­stimmt wie bei der Deutschen Volkspartei manches Wort deutschnationalerseits gegen die Außenpolitik. Auf der anderen Seite scheint aber in der Sozialdemokratie immer mehr die Abneigung gegen die Deutsche Volkspartei, besser gesagt, gegen den früher abgelehnten Eintritt in die Re­gierung überwunden zu werden, besonders da gesetzgebe­rische Aufgaben wichtigster Natur den Reichstag im Winter beschäftigen werden. Natürlich zeigt man sich in Preußen noch hartköpfig, weil man dort die Volkspartei entbehren zu können behauptet; aber es ist anzunehmen, daß man schließlich doch mit sich reden lassen wird, sonst hätte schon das Zentrum dafür gesorgt, daß von den schon eingeleiteten Besprechungen nichts in die Öffentlichkeit drang.

Eine solche Änderung der deutschen Innenpolitik Würbe vielleicht auf der Rechten zu einer heftigen Oppo­sition führen, die um so schärfer werden würde, weil von den Dentsckmationalen der Kampf gegen die deutsche So» carno-Völlerbundpolitik ausdrücklich abgebrochen worden ist. Eine Opposition, die aber bei den bevorstehenden gesetzgeberischen Arbeiten zu schweren parlamentarischen Konflikten führen könnte. Um nur ein Beispiel zu nennen: die immer noch schwebende Fürsten abfin- dungsfrage, dann was wohl noch kritischer ist der Entwurf des Reichsschulgesetzes, wo die Weltanschauungsgegensätze besonders stark aufeinander- stoßen, wie eine mehr als fünfjährige vergebliche Be­ratung ausgiebig bewiesen hat. Gehen doch hierüber die Ansichten schon der Volkspartei und des Zentrums er­heblich auseinander, während die Deutschnationalen ge­gebenenfalls sogar einen Volksentscheid und damit die Lösung der so viel umstrittenen Frage herbeiführen wol­len. Und schließlich fängt es auch an nicht zuletzt wegen der Zahlungen aus dem Dawes-Plan mit unseren Reichsfinanzen ebenso kritisch auszusehen wie mit denen der Kommunen und Länder; man munkelt von Steuerresormpläncn kurz, an Stoss zu innerpoli­tischen Auseinandersetzungen fehlt es für die Folgezeit durchaus nicht, wobei man auch an die Frage der Er­werbslosenfürsorge denken mag.

Entscheidendes für eine parteipolitische Umbildung ist aber für die nächste Zeit wohl nicht zu erwarten, weil das Zentrum seinen Reichsparteiausschuß erst für Ende Oktober einberufen hat; auch in dieser Partei hat man mit allerhand innerpolitischen Fragen zu tun, kurz­um, cs ist dafür gesorgt, daß im Winter eine partei­politische Langeweile nicht obwalten wird.

Diedelltsch-sranzösischenVeziehungen

Erklärungen des preußischen Ministerpräsidenten.

Der preussische Ministerpräsident Braun gewährte dem Austenpolitiker desMatin" eine Unterredung. Er betonte hierbei, daß die junge Preußische Republik nichts mit Reaktion und Militarismus zu tun habe. Der Mi- nisterprüsidcnt erklärte weiter, seiner Ansicht nach müßte» die wohlverstandenen Interessen der Völker auf fried­liche m Wege gelöst werden können. Das komme besonders für Frankreich und Deutschland in Frage. Es sei in letzter Zeit mit Recht betont worden, daß die mate­riellen Interessen der beiden Völker sich in glücklicher Weise ernannten. Eine weitgehende Analeich n g auch

Die Tragödie von Germersheim.

Berhaflullg des Leutnants Rouzier.

Germersheim in Erregung.

Der französische Unterleutnant Rouzier, durch dessen Revolver in Germersheim friedliche deutsche Bürger ge­tötet oder verletzt worden sind, ist c n d l i ch in Haft genommen worden und befindet sich im Militärge­fängnis von Landau. Die Erregung in der Stadt ist noch immer sehr groß und dadurch gesteigert worden, daß von französischer Seite der Versuch gemacht wurde, die Schuld an den letzten blutigen Vorgängen den Opfern in Germersheim zuzuschieben. So verbreitet das offiziöse französische Havasbureau über die blutigen Vorfälle folgende Schilderung:

Rach de» in Mainz eingegangenen Erkundigungen über den zwischen einem französischen Offizier und met?» r- reren Deutschen in Germersheim entstandenen Streit er­gibt sich, daß im Laufe des Sonntags französische Soldaten mehrfach von diesen Deutschen provoziert worden sind. Am 27. September gegen 1 Uhr früh hüllen sechs Deutsche einen Offizier am Stadttor angegriffen. Der bedrohte und geschlagene Offizier habe in Notwehr einen seiner Angreifer verwundet, nachdem er zuvor einen Schreckschuß abgegeben habe. Aus Sem Heimwege fei er erneut ange­griffen worden; er habe sich ein zweites Mal verteidigen müssen und dabei einen Deutschen getötet und einen an­deren verwundet. Vom französischen Militärgericht sei eine Untersuchung eingeleitci worden.

Hierzu bemerk! das offiziöse deutsche Wolffburean: Daß die französische Telegraphenagentnr in ihrer Darstel­lung des Vorfalls versuchen würde, den Deutschen die Schuld zuzuschieben, kann nicht überraschen. Die in Gang befindliche Untersuchung, an der deutsche Stelle» be­teiligt sind, wird Klarheit über den tatsächlichen Sachver­halt bringen.

Die deutsche Untersuchung, die mit peinlichster Ge­wissenhaftigkeit durchgesührt worden ist, hat unzweideutig festgestcvt, daß Leutnant Rouzier nicht provoziert wurde und nicht in Notwehr gehandelt hat. Rouzier ist als Deutschensresser und Deutschenhasser schon feit langem bei der Bevölkerung bekannt und gefürchtet. Er soll auch der Rädelsführer bei den Ausschreitungen während des in Germersheim abgehaltenen Kriegerfestes gewesen sein, die zu einem unliebsamen diplomatischen Nachspiel geführt haben.

Von bayerischer Seite ist mit Rücksicht auf die blutigen Ereignisse in Germersheim gegen die Abhaltung eines

der g e i st i ge n G r u n d st i m m u n g e n der vetven Nationen werde nicht unmöglich sein, wenn man guten Willen habe und wenn man aus beiden Seiten sich nicht scheue, die alten Irrtümer anszurotten. Frankreich und Deutschland könnten den Frieden Europas sichern, wenn sie eine Politik der Annäherung und der Ver­söhnung betrieben. Die historische Epoche des gegen­seitigen jahrhundertelangen Sichzerfleischeus müsse für immer abgeschlossen sein.

Wir leben, so erklärte der Ministerpräsident zum Schluß, in einem Jahrhundert, das wir mit Stolz das der Technik nennen; wir wollen, daß es gleichzeitig ein Jahrhundert der Kultur ist. Aber alle Reden über Kul­tur und zivilisierte Menschheit werden nur Phrasen und Lüge sein, solange die Möglichkeiten und Vorbereitungen zu blutigen Auseinandersetzungen bestehen. Wir, Deutsch­land und Frankreich, sollten dafür sorgen, daß die Technik sich nicht gegen ihre menschlichen Urheber richtet in der Form fürchterlicher Waffen und Zerstörungsmittel.

politische Rundschau.

Deutsches Reich.

Besuch des Reichsjustizministers im Rcichspatentamt.

Der Reichsminister der Justiz, Dr. Bell, stattete dem Reichspatentamt einen Besuch ab. In der Ansprache an die Beamtenschaft betonte der Minister das große Inter­esse, das er dem Patentamt als der P s l e g e st ä t 1 e d e s Erfindergeistes und einem der wichtigsten Organe des Handels und der Industrie von jeher entgegengebracht habe. Er wies auf den bevorstehenden Abschluß der Arbeiten zur Revision des Patent-, Gebrauchsmuster- und Warenzeichengesetzes hin, bei der er sein Augenmerk dar­auf richten werde, unter möglichst vollkommener Ausgestaltung des Erfinderschutzes den be­rechtigten Wünschen von Handel und Industrie Rechnung zu tragen. Den Leistungen der Behörde, die im nächsten Jahre ihr 50 j übrige 6 Jubiläum feiere und auf eine Zeit erfolgreicher Arbeitsleistungen und glänzender Entwicklung zurücksehen könne, widmete der Minister warme Worte der Anerkennung, ebenso den Verdiensten ihres Präsidenten.

Verhandlungen über die Fürstenabfindung.

Die Verhandlungen zwischen dem preußischen Staats- minifterium und dem Herrn von Berg als dem General­bevollmächtigten der Hohenzollernschen Vermögensver­waltung über die vermögensrechtliche Auseinandersetzung zwischen dem Lande Preußen und den Hohenzollern haben erhebliche Fortschritte gemacht. Der Entwurf des Ab- findungsverträgès sollte bereitsamMöntag das preußische Kabinett beschäftigen, ist aber schließlich von der Tages­ordnung ^ber Kabinettssttzung ohne Debatte abgesetzt worden. -----

Balles, der von den französischen Truppen geplant war, Einspruch erhoben worden. Ter Ball wurde daraufhin abgesagt. Weiterhin wurde der Garnison von Ger­mersheim das Verlassen der Sia fernen nach 9 Uhr abends verboten.

Der N c i ch s k o m in i s s a r für die besetzten rheini­schen Gebiete, Votschaftcr Freiherr Langwcrth von Sim­mern, ist zu Besprechungen für kurze Zeit in Berlin ein­getroffen.

stnstnögende RâUAUngsmaßnahmtn.

Zurückziehung von nur 3009 Mann.

Wie Wagners Südwestdrutscher Nachrichtendienst von gut unterrichteter Seite erfährt, bestätigt es sich, daß die seinerzeit angegebene Zahl von 50006000 Soldaten, die das besetzte Gebiet räumen sollten, nicht den tatsächlich in Aussicht genommenen Räu'.nungsplünen entspricht. Die Nhcinlandürsattung beabsichtigt, im Laufe der nächsten Woche 25003000 Mann zurückzuziehen. Der Abtransport dieser Truppen ist feit einigen Tagen in die Wege geleitet. Man hat damit begonnen, kleinere Truppenkontingente aus der Umgebung von Mainz und Koblenz zurückzu- zichen. Ein Teil bet französischen Truppen wird direkt in die französischen Garnisonen abtranspvrtiert, während cs sich bei dem anderen Teil nur um eine Verschie­bung handelt.

Wie verlautet, wird das Artillericregiment Nr. 311, das durch die Germersheimer Vorfälle befanntgeworbeu ist, ebenfalls zurückgezogen und durch das Artillerieregi- ment Nr. 312 aus Mainz ersetzt. Der Beginn der Frei­machung rechtsrheinischen Gebietes hängt wohl damit zu­sammen, daß beabsichtigt ist, noch im Laufe dieses Jahres das rechtsrheinisch besetzte Gebietin Weit- möglich stem Maße zu räumen.

*

Ein Foirm Germersheims.

DaS Bürgermeisteramt der Stadt Germersheim hat an den Völkerbund, an die Reichsregicrung und an die bayerische Regierung einen Notruf gedrahtet, in dem auf die schwere B e dräng »i s der Stadt durch die Besatzung hingc- wiesen und die sofortige Einsetzung eines unpartei­ischen Schiedsgerichts zur Untersuchung der kürzlichen Vorfälle sowie die schnellste Entfernung aller fremden Truppen aus den Mauern der Stadt gefordert wird.

Aus In» und Ausland.

Bern. Der Nationalrat ratifizierte mit allen gegen zwei kommunistische Stimmen de» Handelsvertrag mit Deutschland.

Washington. Das Yustizamt gab besannt, daß die Zahl der im letzte» Fiskaljahre wegen Verletzung des Pro- bibitioiisgesetzes erfolgten Verurteilungen 44022 be­trug. Freiheitsstrafen wurden 5066 verhängt, die Geldstrafen beliefen sich aus über sieben Millionen Dollar.

La Paz. Der frühere Reichskanzler Dr. Luther ist hier eingetroffeit. Von der Regierung Boliviens und vom Deut­schen Klub wurde ihm ein warmer Empfang bereitet.

Teheran. Nach einer lebhaften Debatte über das Regie- rungsprogramm Hal das Parlamem mit 85 gegen 12 Stim­men ein Vertrauensvotum für die Regierung ange­nommen.

Geheimrat Duisberg.

Professor Dr. C. Duisberg vollendete am 29. September sein 65. Lebensjahr. Als Leiter der Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer und Co., Lever­kusen, schloß er 1916 die gesamte deutsche Farbenindustrie zu einer Interessengemeinschaft zusammen, und infolge

feiner Anregung erfolgte vor einem Jahre die @rün- dung der I. G. Farbcnindustrie A.-G., die die gesamte' deutsche Teerfarbenindustrie umfaßt. Seit fast zwei 'Fabren steht Geheimrat Duisberg an der Spitze des meichsverbau des der Industrie, in dem er eine hervorragende Rolle spielt. Sieben Universitäten, haben ihm die Ehrendoktorwürde verlieben.