Zul-aer Anzeiger
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yu. 219 — 1926
^ulda, Donnerstag, 23. September
3. Jahrgang miMinewMiu
Meine Zeitung für eilige Leser.
* Vor seiner Abreise von Gens hielt Reichsaußenminister Dr. Stresemann noch zwei bedeutsame Reden, in denen er die Erwartungen Deutschlands nach dem Eintritt in den Völkerbund deuilich umriß.
* Die Reichsregicruttp wird voraussichtlich Freitag eine große Kabinettssitzung abhalten, um sich über ihre Stellung zu den Verhandlungen Tr. Stresemanns mit Briand schlüssig zu Werden.
* Zu blutigen Ereignissen kam eS in Breslau, alS eine Menge Erwerbsloser in die Bannmelle eindrang, um vor dem Rathaus zu demonstrieren. Zwei Personen, darunter eine Frau, wurden bei den Abwehrmaßregeln der Polizei erschoßen.
* Bei einem Wirbelsturm in Paraguay wurden 150 Personen gelötet und große Verwüstungen angeridnet.
Das Ziel.
Die Abreise der deutschen Delegation aus Genf steht unmittelbar bevor und man wird darangehen, die Bilanz aus dem zu ziehen, was in Gens gehandelt uns gesprochen, vor allem aber versprochen und erreicht ist. Allmählich beginnt auch das Dunkel sich zu lüften, das über der geheimnisvollen Zusammenkunft von T h 0 i r y schwebte, besonders, da es L 0 u ch e u r ist, das anerkannte Haupt der französischen Schwerindustrie, der jene Ver- Handlungen demnächst in Berlin fortsetzen soll. Auch Dr. Stresemann ist ein klein wenig aus der bis- herigen Zurückhaltung herausgetreten, indem er auf einem Bierabend der deutschen Kolonie in Genf Aus- führungen machte, die nicht mehr zu mißdeuten sind. So sagte er: „Hier in Genf haben wir nicht die Frage gestellt, ob noch eine kleine Verringerung der Truppenzahl im besetzten Gebiet erfolgen könnte, hier hatte es sich für uns um die Frage gehandelt, ob überhaupt die Besetzung deutschen Gebietes noch vereinbar ist mit der Mitarbeit Deutschlands im Völkerbund; für uns hat es sich auch darum gehandelt, ob das Saargebiet noch auf Jahre hinaus unter französischer Herrschaft bleiben soll oder ob deutsches Land wieder zu Deutschland zurückkehren bars.”
Jede deutsche Regierung der letzten Zeit hat ja den deutschen Standpunkt vertreten, daß die Besetzung deutschen Landes zum Widersinn werde in dem Augenblick, da der Vertrag von Locarno in Kraft tritt und Deutschland Mitglied des Völkerbundes ist, weil es im besetzten Gebiet nicht souverän ist, weil die Besetzung ein Faustpfand darstellt, das durch die Verträge von Locarno und Genf ersetzt sein müsse. Hinsichtlich des Saargebiets liegen bekanntlich die Dinge so, daß 1935 eine Volksabstimmung über die künftige staatliche Zugehörigkeit erfolgen soll und im Falle des Wiederanschlusses an Deutschland die Saargruben zurückgekauft werden müssen. Mindestens ist daher die fremde Herrschaft im Saargebiet ebenso unverträglich mit der Mitgliedschaft Deutschlands beim Völkerbund wie die Besetzung des Rheinlandes, über den Ausgang der Volksabstimmung macht man sich auch in Frankreich nicht mehr die geringsten Illusionen.
Wenn Dr. Stresemann in seiner Rede vor der deutschen Kolonie nun fortfubr, es spiele im Leben eines Volkes gegenüber der politischen Freiheit gar keine Rolle, wenn es dafür Belastungen finanzieller Art, die es tragen könne, und sogar schwere Lasten aus sich nehme, so liegt in dieser Andeutung der Versuch einer Kompromißlösung, weil wir das, was wir als unser Recht betrachten, durchzusetzen nicht in der Lage sind. Dr. Stresemann spricht hier wohl ganz unmißverständlich von dem bekannten Plan, die eineinhalb Milliarden Reichsbahnobligationen als Kaufsumme für die Befreiung von fremder Gewalt zu verwenden.
Als das unverrückbare Ziel der deutschen Politik bezeichnete Dr. Stresemann die Wiedererringung der deutschen Souveränität aus deutschem Boden, als nächstes die Wiederherstellung unseres Selbstbestimmungsrechtes als Volk. Das alles sei aber nur erreichbar aus dem Wege von Kompromißlösungen. Man könne ganz zufrieden sein mit dem, was wir bisher als Erfolg zu verbuchen haben, wenn man sich einmal überlege, wie die Dinge vor sieben Jahren gelegen hätten. Damals, in Versailles, die Ablehnung des deutschen Ersuchens, in den Völkerbund ausgenommen zu werden. Jetzt, nach Räumung des Ruhrgebiets und der ersten Besatzungszone, ist dieser Eintritt vollzogen, einfach deswegen, weil die anderen Völker es empfunden haben, daß die Gemeinschaft der Rationen unvollständig sei, solange die deutsche Nation ihr nicht angehöre. Freilich, fügt Dr. Stresemann hinzu, müsse man sich darüber klar sein, daß vieles an den Dingen, so wie sie jetzt sind, noch unvoll, kommen sei. Angesichts der vorhandenen Unterscheidung in große und kleine Rationen konnten mir selbstverständlich nur als vollberechtigtes großes Volk nach Genf gehen.
Noch an einen anderen wunden Punkt rührte der Reichsaußenminister, über den am gleichen Tage in Genf eine erbitterte Auseinandersetzung stattgesunden hatte. ®as ist jene Unterscheidung zwischen den Völkern, die l'erechtigi sind zur Übernahme von Kolonialman- d n ie II, und jenen, denen dieses Recht immer noch ab» besprochen wird. Eine derartige Unterscheidung könne Deutschland für sich nicht anerkennen. Stresemann will oder diese Streitfrage nicht unmittelbar zur Erörterung bringen, weil wir dringendere und wichtigere Ziele zu erreichen haben. Aber er macht einen ausdrücklichen Rechtsvorbehalt, aus den wir im passenden Augenblick zurückkommen werden.
Unendlich mühsam ist die Arbeit, Deutschland wieder jene Stellung im Kreis her Völker zu verschaffen, die inne zu haben mir beanspruchen müssen. Mühsam ist die Ar- Veit und lang der W^, Enttäuschungen siegen genug auf
Abschied von Genf.
MkehrDr.SttesmannSnachZekün
Kabinet 1 ssitzung am Freitag.
NcichSaußrnminister Dr. Stresemann hat am Mitt- woch Genf verlassen und wird für Donnerstag in Berlin zurückerwartet. Vorläufig ist vorgesehen, daß am Freitag vormittag eine Kabinettssitzung unter dem Reichskanzler stattfindel, in der der Reichsaußenminister abschließend über die Genfer Tagung berichten und ausführlich auf seine Besprechungen mit Briand in Thoiry zurückkommen wird. Falls das Kabinett, was anzunehmen ist, einen Beschluß saß«, in dem die Politik des Reichsautzenministers sanktioniert wird, so wird voraussichtlich schon in nächster Zeit eine Fortsetzung der in Thoiry geführten Besprechungen, sei es in Paris oder Berlin, stattfinden. — In parla- mentarischen Kreisen des Reichstags rechnet man damit, daß der Auswärtige Ausschuß des Reichstages etwa Anfang nächster Woche zusammentreten wird, um den Bericht des Reichsaußenministcrs Dr. Stresemann über die Völkerbundtagung in Gens und über die Besprechungen mit Briand cMgcgenzunchmen. Wie weiter verlautet, beabsichtigt die kommunistische Reichstagsfrak- tion den Antrag zu stellen auf sofortige Einberufung des Reichstags. Dieser Antrag dürfte jedoch keinerlei AuS- sicht auf Verwirklichung haben, da zu seiner Durchführung die Zustimmung von mindestens einem Drittel der Reichö- tagsabgeordneten notwendig ist.
Die Emigleit der beatmen Delegation.
Vor seiner Abreise aus Gens empfing Dr. Stresemann Vertreter der Presse, denen gegenüber er betonte, daß die Mitglieder der deutschen Delegation Eindrücke der Genugtuung aus Gens niitnehmen. In allen Fragen, die die deutsche Delegation in Gens beschäftigt haben, sei sie einer Auffassung gewesen. Daraus möge Mu auch die Gewähr cn^lcbmen. Laß yic vou HeuM- land verfolgte Politik sich auf die große Mehrheit des Parlaments und darüber hinaus auf die große Mehrheit des deutschen Volkes stützen könne. Dr. Stresemann kam sodann nochmals auf seine Rede vor der deutschen Kolonie in Genf zurück und gab im einzelnen die Hauptpunkte dieser Rede wieder, in deren Mittelpunkt die Rheinlandräumung und das Verhältnis des Saargebietes zu Deutschland standen. Zum Schluß bemerste Minister Dr. Stresemann noch zu der Frage, ob Deutschland einen ständigen Vertreter für den Völkerbund delegieren wolle, daß dies nicht die Absicht der Regierung sei. Er legte Wert darauf, die Vertretung im Rate selbst zu führen und auf diese Weise die persönlichen Beziehungen zu verstärken.
Briand auf LltkarZb.
H a v a s ü bei den M i 11 i ft e t r a t.
Briand hai Paris verlassen, um sich etwa acht Tage lang auf dem Lande anszuhaiten. Nach Beendigung des MinisterratS erklärte, wie noch nachträglich bekannt wird, Briand einem Vertreter des ..Matin": „Zweifellos wer
ihm und werden auch in Zukunft nicht fehlen. Ueber Schnelligkeit und Art der Fortbewegung wird es auch an inneren Kämpfen und Zwistigkeiten nicht mangeln, aber für alle Deutschen steht dahinter das gleiche Ziel.
Fürst und Fürstin Pillow befinden sich gegenwärtig auf der Durchreise in Berlin, von wo aus sie nach Italien weiterreisen werden. Wie es heißt, wird eine Zusammenkunft zwischen Fürst Bülow
und dem Reichskanzler Dr. Marx stattfinden. Furst Bülow, der ehemalige Reichskanzler, steht jetzt im Alter von 77 Jahren und lebt in ber Regel in Klein-Flottbek bei Hamburg.
'ErrichtMg 'von^eutschen Vertretungen inIFrankreich"
Berlin. Wie mitgeieilt wird, wird in den nächsten Tagen ein deutsches Generolkonsulat in Marseille errichtet. Konsulate werden in Bordeaux, Le Havre, Lyon und Algier folgen.
den die Kanzleien und die Techniker sich bald an die Arbeit begeben. Wir werden alsdann sehen, in welchem Augenblick eine neue Begegnung opportun sein wird. Aus alle Fälle will ich mich inzwischen einige Tage ausruhen, denn ich befürchte, daß mir in der Folgezeit bis zum Monat Dezember diese ernsten Verhandlungen nicht viel Muße lasten werden."
Die Agentur Havas beschäftigt sich in einer offiziösen Auslassung mit den Verhandlungen, die im letzten fran» zö scheu Ministerrat geführt wurde». CbmobI die offizielle Mitteilung nicht von den Gegenständen spreche, die ore beiden Minister angeschnitten hätten, wisse man durch Pressemitleilungen, daß die Besprechungen namentlich dir Räumung des Rheinlandes und die Rückerstattung des Saargebietes und als GeaeMeiftuna die demnächstige Kvinmerzmlisieruna eines Teiles Der Reichseijenbahn- Obligationen betroffen haben Tei französische Minister des Äußern habe sich wohl nehmet, irgendeine Verpflichtung hinsichtlich dieser Probleme zu übernehmen oder auch nur den geringsten Voreulwuri eines Abkommens ouszuarbeuen.
Artikel 431 deS FricdensvrrtragcS von Versailles gestattet, so sagt die Verlautbarung weiter, die R ä ii - inung des Rheinlandes vor den vorgesehenen Zeilfristen, aber unter der Bedingung, daß Deutschland alle seine Verpflichtungen erfüllt habe. WaS die Reparationen betreffe, so erfülle das Reich bis seht getreu die Verpflichtungen nach dem Dawcs Plan, aber es scheine nicht. daß nach mm jüngsten Bericht das gleiche Ergebnis hinsichtlich der Entwaffnung erzielt worden sei. Tie Regierung werde also im Einverständnis mit ihren Sachverständigen die Bedeutung Dieser Verpflichtungen abschätzen und feft.uistellen haben, in welchem Maße sie die Fortsetzung Der Besetzung af 5 Sanktion rechtfertigen. Die Rückerstattung des Saargebietes an Deutschland vor Der vorgesehenen Frist von fünfzehn Jahren und dèc damit in Zusammenhang stehende Botts- abstimmung sei durch den Versailler Vertrag vorgesehen. Die Bedingungen dieser Operationen und ihre Folgen jeder ?!rt müßten sehr cinaehend geprüft werden.
Was hie teilweise Mobilisierung der Reichseisen- babnobligatroncn betreffe, so fei sie sehr wünschenswert, aber ihre Verwirklichung ergebe Schwierigkeiten finan» zieller und politischer Art, die eine eingehende Prüfung erforderten, da der Beistand Deutschlands nicht allein für den Erfolg dieser Operationen genüge. Man müsse auch mit den Dispositionen des Weltmarktes rechnen. Diese ganz schematische Aufzählung genüge, so schließt HavaS seine Mitteilung, um die Vielseitigkeit und Bedeutung der Lösungen, die eintreten sollen, ans- zuzeigen. Unter diesen Umständen sei es vollkommen natürlich, daß sich die Regierung mit allen unerläßlichen Garantien umgeben »volle. Erst nachdem sie im Besitze aller technischen Elemente der Dispositionen fet, könne der Ministerrot in seiner demnächstigen Sitzung die Prüfung der offiziellen Bedingungen einer deutsch-französischen Abmachung, als deren Anhänger er sich jedoch schon jetzt einstimmig erkläre, fortsetzen.
Der Orkan in Amerika läßt nach.
\ 368 Leichen geborgen.
Bisher konnten in Miami und dessen nächster Um- 'gebung, also nur in einem Teilabschnitt des Katastrophengebietes, 368 Leichen geborgen werden. Wie aus Mo« lbike (Alabama) gemeldet wird, dauerte der Orkan in der Stadt 19 Stunden. Der angcrichtete Sachschaden ist auch hier beträchtlich, doch sind Menschen nicht ums Leben gekommen. Wie aus New Orleans gemeldet wird, verlor der Orkan im südlichen Teil des Staates Misiisiippi an Stärke. Der Sachschaden in Pensacola ist sehr groß, Verluste an Menschenleben sind hier nicht zu verzeichnen. Der bei der Louisville and Nashville-Eisenbahn augerichtete Schaden beträgt schätzungsweise eine Million Dollar. Auf den Grand Turk- und Câtees-Jnsclu hat der Orkan ebenfalls bedeutenden Schaden angerichtet. 4090 Personen sind obdachlos.
Wirbelstürme in Paraguay.
Bei einem Wirbelsturm, der den unteren Teil der Stadt Encarnacion (Paraguay) heimsuchte, wurden 150 Personen getötet und 500 verletzt. Mehrere Boote aus dem Fluß Parana sind gekentert. Der Schaden wird auf eine Million Dollar geschätzt.
Liquidation der ^eichsgeireideflelle.
Ihre Bedeutung im deutschen Wirtschaftsleben.
Vor einigen Tagen hat in Berlin Die letzte AussichtSra!?- fitzung und die letzte Gescllschasicrvcrsaminlung Der Reichs. gcircidcstcUe stattgesunden, in Der die Liquidalionsschlnschiwnz genehmigt und dem Liquidator Entlastung erteilt worden ist. Damil ist die Auflösung Der RcichSgctrcidcstelle endgMtm vollzogen, nachdem ihr Betrieb bereits feit dem Fabre 1.- entsprechend der Begrenzung ihrer Aufgaben fortlau, ^nv immer mehr cingcschränkl worden war. „. ... „„
Der jetzt liquidierten Reichsgeircidestelle wird offiziös ein Nachruf gewidmet, dem folgendes zu entnehmen ist: Man wirr heute, rilckblickciid auf die Kriegs- und Rachkilegszen, sagen können, daß die Rcichsgelreidesteüe ihrer vaupiau,gäbe, der Aukrechierbaltung und Sicherstellung rer 5rotberforguna deS Deutschen Volkes, unter den ver- fdücDcnartigftcn und schwierigsten Umständen stets gerechl ge. worben ist Die Mängel, die sich im einzelnen ergaben, waren durch die zwangsläufige Umstellung der deutschen Gelreidr- Wtrlschgst auf Die ScldstversorgMg aus der nach Menge tote