Untechaltungsblatt
Der Irre von H-court.
Die seltsame Geschichte einer Liebe.
Von Artur Fritsch.
(Nachdruck verboten.)
, Gewitterschwül lastet die Nacht über dem Park des' Irrenhauses zu R. Ein wenig streichelt der Wind die Kronen der uralten Bäume. Ab und zu geistern ein paar; Mondstrahlen hastig über das Heim der Lebendig-Toten.I Eine herzbeklemmende Stille liegt über dem Ganzen, manchmal unterbrochen von dem wilden Schrei eines der in dem düsteren Hause Gefangenen.
f Der Wärter, den sein vorschriftsmäßiger Gang an der Parkmauer entlangführt, blickt sich immer wieder ein wenig ängstlich um. Kriecht da nicht irgendetwas neben, ihm durch das dichte Laubwerk? Wieder raschelt's. Er ist wirklich nicht feige, der alte Soldat —, aber ist denn der Schatten da nicht ein Lebewesen? Einer seiner Pfleglinge etwa? Sinnestäuschung wohl; der Wärter geht weiter.
Plötzlich springt cs ihn an, reißt ihn zu Boden, schnürt ihm die .Kehle zusammen, trommelt mit Steinen auf seinen Kopf . . . Bewußtlos bleibt er liegen.
Ein gespenstisches Etwas aber erhebt sich neben dem zu Boden Geschlagenen: einer der Irren ist's, der feyt, den Browning des Wärters schwingend, davonstürzt.
Und ein paar Minuten später, während wütende Donnerschläge dröhnen und lange Blitze das Nachtdunkel erleuchten, kniet der Irre an dem Bachlern, das den Park durchquert, kniet da und hält in den Armen eine als Frau gekleidete Puppe. Die Haare streichelt er ihr, reißt an ihnen und streichelt sie wieder. Greiit oann nach der Gitarre, die er mit sich geschleppt hat, fährt mit zitternden Fingern über die Saiten, spricht uns >nmt und heult schaurig sinnlose Worte durcheinander. Klingt s nicht zwischendurch immer wieder: „Manon?"
Ein neuer Donnerschlag. In allernächster Wabe fährt der Blitz hernieder. Der Irre hört und steht es nicht, nur Puppe und Gitarre hat er im Auge. Doch nun fällt sein Blick zur Seite; den Brorvning des Wärters siebt er und zuckt zusammen. In dem wehen, wunwa Kops des Kranken versucht irgend etwas zu denken, grübelt's.
Hastig nimmt er die Waffe, springt ans, rennt, die Puppe nach sich schleifend und die Gitarre unter den Arm gepreßt, davon. An der mächtigen Linde macht er balt, läßt alles fallen und lehnt zart und behutsam icinPüpp- chen an den Baum — drückt ihm die Arme nach hinten, damit es fein gerade stehen kann.
Und weiter formt sich in seinem Kopf das Bild der Gedanken, immer klarer wird's. Gravitätisch tdj reitet jetzt das arme Menschenkind von der Linde weg, aen Browning so merkwürdig aus die Schulter drückend, bleibt stehen. Dann kreischen in die Stille zwischen zwei Donnerschlägen hinein grausig ein paar Kommando- ^WPvrte: „Gebt — Feuers
Aufflammt's im Dunkeln, zwei — drei Schüsse knallen. Siehst du die Fetzen fliegen vom Puppenköpschen? Siehst du den Irren hinrasen zum Püppchen, hie rauchende Waffe noch in der Hand . . . wie er das leblose Ding herzt und kost und streichelt und küßt? Hörst ou ihn schreien und rufen: „Manon?"
Mit einem Donnerschlag zusammen peitscht noch ein Knall. Schwer zu Boden schlügt der arme Irre, sein zerfetztes Püppchen an sich drückend. Und aus der kleinen Wunde am linken Auge rieselt sein Blut hin über die Marrs.
* , *
*
Spielabend im Garden-Clnb. Lange, weite Räume mit Riesenpalmen, mächtige Spieltische, Ledersessel in endlosen Reihen, Herren in Abendkieidnng -- über allem dicker Tabaksrauch. In einer keinen Rische, abgesondert von den übrigen, dicht am Fenster, das auf den Park hinausgeht, sitzt der lange Berlhausen mit seinem Freunde von C. Vom Garten heraus Hofften durch das geöffnete Fenster die Weisen der Zigeunerkapelle.
! Seit einer halben Stunde schon ist Berlhausen so uniruhig. Immer wieder springt er auf, geht ein paar Schritte aus und ab, blickt aus dem Fenster, läßt sich wie- der in den Sessel satten, raucht hastig und nervös, entzündet eine Zigarette an der anderen. Wieder lehnt er «m Fenster. Von unten her tönen die Geigen Der Un- 'ftslrn, singen ein Lied unendlich traurig und schwermütig. Dine Stimme klingt herauf; zitternd in verhaltenem Schmerz spricht einer der Zigeuner das Lied von — Manon.
' Was ist mit dem langen Berlhausen? Wird er nicht fahl im Gesicht, krampfen sich nicht seine Hände ums Fensterkreuz ? Was suchen seine Augen in der dunklen Ferne, )vas sinnt er? Immer noch singt der Ungar da unten von seiner Manon.
Weißt du noch, Berlhausen, wer einstmals dies Lied sang? Weißt dri noch, wie du drüben warst vor bem Krieg, du mit deinem Heinz in dem französischen Nest, wo euch das Mädel, dies seltsame Ding — hieß sie nicht sManon? — das gleiche Lied sang? Denkst du noch Manchmal daran, langer Junge, daß diese Manon irgendwo verscharrt liegt drüben bei H-court? Oder denkst du daran, daß man deinem Heinz jetzt gerade vielleicht in seiner Zelle die Puppe, die er Manon rüst, wegnimmt, weil der arme Kerl keine Ruhe gibt in der Nacht? Was stehst du da hinten, Berlhausen?
, Plötzlich wird der schwere Vorhang zurückgerissen, Diener kommt: ein Telegramm. Noch immer lehnt Berlhausen am Fenster und lauscht mit verzerrtem Ge- iiajt den Klängen der Ungarn. Jetzt eine grelle Dissonanz, ein Aufkreischen der Geigen — wie ein Aufschrei dort süh's an, ein letzter, todwunder Schrei. Verstört »„Endet der Lange sich um, nur allmählich in die Wirklich- wißt^ Z^lEhrend, nimmt das Telegramm von der Schale,
L.. Da — was ist? Berlhausen, der Riescnkerl, dieser M.une, schwankt und fällt zurück in den Sessel. Der Freund f urzt hinzu, doch der Lauge wehrt ab, bringt keinen Ton Aver die zusammengekniffenen Lippen. Dann springt' er uud rast davon, ohne dem Freunde ein Wort des Ab- ^cylcds zu sagen, stürzt hinaus, rennt ziel- und planlos Durch die Straßen. Immer wieder denkt er an das Lied der Zigeuner und immer wieder hält er vor die Augen ras Telegramm. Das Telegramm mit der Meldung, daß ^rinz soeben im Irrenhause zu R.sich erschossen habe.
Bist doch verdammt lange umbergerannt, Bcilhau- sen, in jener Nacht! Der Freund fand dich endlich wieder im Klubgarten neben den Zigeunern, die immer wieder „Manon" spielen mußten, brachte dich nach Hause. Es hat dich wahrlich arg mitgenommen, daß dein Freund Heinz starb, der doch schon so lange ein Lebendig-Toter war. Am Schreibtisch hast du gesessen, über dir an der Wand das Bild des Toten, vor dir sein Tagebuch, in dem du berumbtätterteft, das dir erzählte von ihm, das dir sprach von gemeinsamem Erleben.
„H-court, Juni 1911.
Nun also sind wir in H-court, der gute Berlhause'-t, mein Mentor, und ich, und suchen mit unsagbarem Eiser nach den Steinen. Selten war ich so mit Leib lind Seele meinem Studium verfallen wie hier in diesem wundervollen kleinen Rest. Als wir gestern nachmittag in dem Garten des Maires gruben, sah uns seine Nichte, die kleine Manon, neugierig zu. Wir plauderten. Mir scheint's, als ob der sonst so nüchterne Berlhausen sich ein wenig in das bildhübsche Mädelchen verliebt hat. Und sie?"
„H-court. Juli 1914.
Ein Grab.
Es liegen Veilchen dunkelblau Auf einem Grab im Abend tau, Ein kleines Mädchen kniet davor Und hebt die Hände fromm empor:
„O sagt, ihr Veilchen, in der Nacht Der Mutter, was der Vater macht, Daß ich schon stricken kann und daß Ich tausendmal sie grüßen lass'!"
| :j : H. v. Eil m.
Wochenlang hat das Tagebuch nichts mehr von mir gehört. Was liegt nicht alles hinter mir! Vor drei Wochen ungefähr saß ich abends mit ihr — wer wohl? nun natürlich Manon! — an dem kleinen Bach, der durch das Gehöft ihres Onkels fließt. Auch Berlhausen war dabei. Bis spät in die Nacht hinein haben wir geplaudert. Mitten im Gespräch sprang sie plötzlich aus, huschte davon und kam zurück mit ihrer Gitarre. Sang uns dann mit zitternder Stimme ein unendlich feines Lied von einer Manon, von deren großer Liebe und ihrem furchtbaren Ende . . . Als sie geendet hatte, war Berlhausen verschwunden. Übers Haar strich ich ihr uns zog sie an mich. Manon, was waren das für Tage und Nächte, die nun folgten.
Ich muß fort, Manon! Krieg soll es geben. Muß fort und kann nicht einmal Abschied von Dir nehmen, weil Du gerade bei Deinen Eltern bist. Eben kommt Berlhausen: heute noch müssen wir weg!
Ein paar Zeilen habe ich dem Maire noch gegeben, einen Bries für Manon, in dem ich Abschied nahm. Fort denn in die Heimat!"
* * *
Berlhausen las mit geröteten Augen. Der Morgen brach herein. Ein paar Seiten weiter fand er geschrieben:
„B-ville, August 1914.
So seltsam lenkt uns der dort oben! Immer näher kommen wir im rasenden Vorwärtsdrängen dem Ort, wo ich wahrlich die schönsten Stunden meines Lebens verbracht habe. Eben sagte mir Berlhausen, er habe den Auftrag, mit unserer Kompagnie morgen früh das vor uns liegende H-court zu stürmen. Herrgott, was soll das werden!"
„H-court, August 1914.
Heute früh haben wir H-court genommen. Berlhausen und ich rasten mit den ersten Leuten unserer Kompagnie durch die (uns beiden so wohlbekannten) Straßen und Gäßchen, da fielen plötzlich aus dem kleinen Estaminet (neben dem Gehöft des Maires) zahllose Schüsse, die Berl- hausen und einige unserer Leute niederstreckten. . Im Weiterstürmen hörte ich Berlhausen noch den Befehl geben, das Haus zu umstellen und die Franktireurs hernuszuholen.
Eben habe ich Berlhausen besucht: die Verwundung ist nicht gefährlich, zwei Schüsse im linken Oberarm und ein Schuß im rechten Oberschenkel. Morgen führt er wieder die Kompagnie. — Ich bekam übrigens den Befehl, morgen früh um 3 Uhr die gefangenen Franktireurs erschießen zu lassen.
Jetzt, in den paar Stunden, während die Truppe ruht, mitt ich das Dörfchen schnell durchstreifen, das völlig verlassen scheint. Ich weiß nicht, irgend etwas macht mich so unruhig! Immer unb immer habe ich Manons Bild vor Augen, ununterbrochen denke ich an das geliebte Mädel. Manon, wo magst du wohl jetzt sein?
Früh am Morgen ist's. Gleich muß ich fort, um (an Stelle Berlhausens) die standrechtliche Erschießung der Franktireurs durchzuführen. Die ganze Nacht hindurch, bis jetzt, lag ich im Garten des Maires an der gleichen Stelle, wo ich damals mit Manon gesessen und gespielt hatte — habe das Lied vor mich hingesummt, das sie mir sang . . . Irgend etwas bedrückt mich so arg, ich weiß gar nicht, was es ist! Manon, wo bist Du wohl jetzt?"
* * *
Soweit sprach das Tagebuch. Berlhausen schob müde die Blätter zusammen. Und, während er den Rauchkringeln der Zigarette nachschaute, erstand ihm vor Augen das Erlebnis jener Augusttage in H-court: Früh morgens rief ihn der Bursche aus dem Quartier: „Ein entsetzliches Unglück, Herr Hauptmann, der Leutnant Heinz ..."
War schlimm, alter Junge, waS du sahst, in der dunklen Scheune hinten! Lag da nicht ein Mensch, aus die Tragbahre geschnallt, geschnürt und gefesselt? War das nicht dein Heinz, der da tobte und heulte und schrie, aus dessen Gebrüll heraus nur ein Wort immer zu verstehen war: „Wanon?"
Berlhausen stierte vor sich hin, durchlebte noch einmal, was ihm dann die Soldaten berichteten — angesichts des tobenden Irren:
... die vier Gruppen standen auf der kleinen Wiese hinterm Dorf. Vor ihnen das zusammengevrückte, von einander Abschied nehmende Häuflein Franktireurs, die jetzt ihr Letztes geben sollten für ihr Land. Auseinander traten sie, als der Befehl erklang. Da — der Leutnant Heinz . . . Was war mit ihm, warum starrte er mit aufgerissenen Augen hinüber zu der jungen Frau unter den Todgeweihten? Warum zitterte, warum schwankte er? War wohl nur ein Trugbild. — Schon schmetterte so eigentümlich seine Stimme das Kommando zum Laden. Dann . . . „gebt — Feuer!"
Da — was war das? Der deutsche Leutnant sprang1 plötzlich mit ein paar Sätzen zu der erschossenen Iran, riß sie in die Arme, küßte und küßte sie, rüttelte sie immer wieder und rief bettelnd: „Manon, du, Manon . . ."
Und während sie's ihm erzählten, gellte Berlhausen in den Ohren des Irrsinnigen Brüllen, des armen Kerls da, der sein bester Freund war — dem jetzt das Schicksal den Verstand geraubt hatte.
Hörst du noch manchmal in der Nacht dies wilde, Schreien des irren Heinz: „. . . nicht böse sein, Manon, ich mußte es ja tun, Befehl war es, Manon , . ." Hörst du's noch manchmal, Berlhausen?
Heiteres.
Zuviel verlangt. Dame des Hauses: „Pfeifen Sie doch nicht so abscheulich — und gar noch einen Gassenhauer." — Diener: „Aber Madam, Sic können doch nicht verlangen, daß ich beim Stiefelputzen eine Arie aus dem Troubadour pfeife. Das tu' ich später — wenn ich's Silber putze."
Das Horoskop. Wahrsagerin: „Wie gesagt, Ihre Lebensbahn geht mal in die Höhe und mal in die Tiefe!" — „Das stimmt schon, ich bin ja auch Fahrer bei der Hoch- und Untergrundbahn!"
Einfach. „Können Sie mir nicht sagen, wie ich am besten das Fräulein Erna Sander kennen lerne?" — „Aber gewiß, nichts leichter als das. Heiraten Sie sic doch einfach!"
Rätselecke.
Anrelhung.
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Die Quadrate sind seitlich so oneinanderzureihen, daß die Buchstaben, der Reihenfolge nach gelesen, ein Zitat aus „Fieèco" . von Schiller ergeben.
Slköenrâtsek. M
selb, bon, ke, Horn, le, kcl, km, ma, ken, ne, stein, fier.
ES sind zwölf Wortpaare zu suchen, bei denen die Endsilbe jedes ersten Wortes gleichlautend ist mit der Anfangssilbe des dazu gehörigen zweiten Wortes. Die den Wortpaaren gemeinsam gehörenden Silben sind oben angegeben. Die Anfangsbuchstaben der ersten Wörter bezeichnen einen Schriftsteller, die Endbuchstaben der Wörter an zweiter Stelle eines seiner Werke. Die Wörter bezeichnen:
Einen Ort in Westfalen und einen Ort in Baden.
Einen Maler und einen Dichter.
Eine Stadt in Peru und einen Körperteil.
Eine Stadt in Holland und eine Stadt in Galizien.
Einen Vogel und Himmelskörper.
Eine Stadt in England und Naturerscheinung.
Zerkleinerungsmaschine und eine Stadt in Westfalen.
Stadt in Westfalen und Fluß in Rußland.
Stadt in Hannover und Nagetier.
Baum und Teil des Auges.
Augengläser und Knabenname.
Verwandter und Teil der Hauses.
Rösselsprung.
AessjUaufgake.
Al, buch, bürg, bürg, der, ei, fach, horst, höl, ka, la, roh rol, stein, stein, schu, uh, zug.
Aus vorstehenden 18 Silben bilde man neun dreisilbige Wörter, indem man die fehlende Mittelsilbe, die allen Wörtern gemeinsam ist, hinzufügt. Die Anfangsbuchstaben der Wörter nennen eine Hauptstadt in Deutschland.
Lösungen aus voriger Nummer.
Lösung des Kreuzwort-Rätsels: Wagerecht: 2 Rot, 4 Pirat, 6 Pfeffer, 8 Gras, 9 Tier, 11 Blau, 13 Gier, 15 Waag, 16 Rat, . 18 Süd, 20 Maß, 21 Maler, 23 Egel, 25 Pole, 26 Abtei, 27 EroS, 29 Boa, SO Lille, 31 Rogen, 82 Sir, — Senk« k recht: 1 Torf, 2 Nies, 3 Taft, 4 Pfau, 5 Teig, 6 Prag, 7 Reis, 8 Glos, 10 Reue, 11 Basel, 13 Halt, 14 Regen, f 15 Wal, 16 Rabe 17 Teer, 19 der, 20 Moa, 21 Mal, 22 Rio. ' 24 LoS, 35 Po, 28 Si. ___