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Zul-aer Anzeiger

^ulöa / Hlatt 2

^ 210 Fulda, 13. September 1S2S

Für die Westdeutschen Kriegsblinden.

Ein Westdeutsches Erholungsheim für die Westdeutschen srieasblinden zu schaffen, das ist das nächste Ziel der Sammlung, die mit Genehmigung der Landesbehörden bis E 31. 10. 1926 durchgeführt wird und aus welcher be- teits 2 Erholungsheime in Braunlage, Ob. Harz, und Swinemünde, Ostsee, gekauft und in Betrieb gesetzt wurden.

Westdeutsche Mitbürger und Mitbürgerinnen! Ihr, sie Ihr Euch des Anblickes der Schönheit Eurer Heimat erfreut, helft uns, das Los derer erleichtern, die in ewiger Dunkelheit wandeln. Niemand kann heute viel entbehren, aber auch aus kleinsten Scherflein kann etwas Großes auf- aebaut werden. Die kleinsten Gaben, gesammelt und uns Versandt, bedeuten willkommene Bausteine zu einem notwendigen Werke der Nächstenliebe an denen, die ihre Augen im Kampfe für die Sicherung der Grenzen dem Vaterlands und Euch zum Opfer brachten!

Spenden werden von der Kriegsblindenstistung auf Postscheckkonto Berlin 54413, von sämtlichen örtl. Fürsorge- stellen für Kb. und Kh. und von der Schriftleitung die­ser Zeitung entgegengenommen.

politische Rundschau.

Deutsches Reich.

Reichsjustizminister Dr. Bell in Koblenz.

Reichsjustizminister Dr. Bell ist zur Teilnahme an der Jubiläumstagung der Görres-Gesellschaft und zu Be­sprechungen mit dem Reichskommissar für die besetzten Gebiete in Koblenz eingetroffen. Bei einem ihm zu Ehren von den städtischen Behörden gegebenen Frühstück betonte der Minister, daß die deutsche Abordnung in Genf das besetzte Gebiet nicht vergessen wird. Die Verständi­gungspolitik muß, so hob Dr. Bell hervor, notwendig und ganz besonders dem besetzten Gebiete ihr Augenmerk widmen und zur Milderung und Beseitigung all der Lasten der Besetzung führen. Der Minister trank am Schluß seiner Ausführungen auf das Wohl der Stadt Koblenz.

Die Tagung des Preußischen Landtages.

Die Deutsche Volkspartei hält vom L bis 3. Oktober in Köln ihren Parteitag ab. Mit Rück­sicht darauf hat der Vorsitzende der volksparteilichen Land- tagsfraktion den Präsidenten ersucht, die ursprünglich für den 28. September in Aussicht genommene erste Sitzung des Landtages um eine Woche zu verschieben. Der Älte­stenrat wird diesem Wunsche höchstwahrscheinlich in seiner nächsten Sitzung stattgeben. Eine Reihe Landtagsaus­schüsse werden ihre Arbeiten demnächst wieder aufnehmen, Ä- der Femeavsschuß, der am 14. September zusammen- tTln^inib der Hauptausschuß, der am 20. September eine Sitzung abhält.

Ausfuhr von deutschem Rassevieh nach Rußland.

In Leningrad ist der frühere Ministerpräsident von Oldenburg, Tantzen, eingetroffen, der dem Vertreter der JsweMa" in einem Interview erklärte, daß er im Auf­trage der oldenburgischen Regierung sich mit der Lage der Land w irisch ast im Süden der Sowjetunion bekannt machen wolle. Tantzen erklärte weiter, daß er auch das landwirtschaftliche Konzessionsgebiet von Krupp und andere deutsche Konzessionsgebiete besichtigen werde. Das Hauptziel seines Besuches sei die Feststellung der Möglichkeit der Ausfuhr von deutschem Rassevieh nach Rußland. Gleichzeitig habe er von einer deutschen Ma­schinenbaufirma den Auftrag erhalten, Vorschläge zum Brückenbau in Rußland zu unterbreiten.

Frankreich.

X Sparmaßnahmen in Frankreich. In einem unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik abgehaltenen

Ministerrat wurden eine Reihe von Sparmaßnahmen beschlossen, u. a. im Bereiche des Ministeriums des In­nern die Aushebung von 106 Unterpräfekturen und 70 Präselturgeneralsekretariaten, im Bereiche des Heeres- ministeriums die Einschränkung des O s f i z i e r - korps um rund 2700 Mann, im Bereiche des Marine­ministeriums die Aufhebung verschiedener Arsenale und beim Ministerium für öffentliche Arbeiten die Abschaffung einiger Dienststellen und Zusammenlegung verschiedener anderer.

Aus Zu- und Ausland.

Berlin. Botschafter a. D. Graf Arthur von Rex, der Deutschland bis zum Anfang des Krieges in Tokio vertrat, ist zu Waldhaus Flims in der Schweiz im Alter von 70 Jahren verstorben.

Schanghai. Nach einer Mitteilung der belgischen Mission töteten Soldaten der auf dem Rückzug befindlichen chinesischen Nationalarmee den belgischen Priester L a u w e r s, äscherten drei Stationen der belgischen Missionare ein und verwüsteten sieben andere im Bereich des apostolischen Vikariats von Siwantze nordöstlich von Kalgan.

ReichsKnanzmmisier Dr. Reinhold,

der soeben eine gründliche Verwaltungsreform im Bereich seines Ministeriums angekündigt hat, die bereits durch einen Erlaß des Reichspräsidenten eingeleilet wurde.

Ore Deutschnaüvnalen an Hindenburg.

Beschlüsse des D e u l sw n a l i o n a l e n P a r t e i 1 a g e s.

In dem Referat, das Graf Westarp aus dem Deutschnatio- nalen Parteitag in Köln hielt, kam der Redner auch aus das Angebot an die Deutsche Volkspartei zu sprechen, in Verhand­lungen über den Plan Jarres-Gaul zur Bildung eines Bürgerblocks eiuzmrcum Die Teutsche Volkspartei habe sich zu diesem Ersuchen noch nickn geäußert, woraus ihr kein Vor­wurf zu machen sei Der RcichsauSsckmß habe sich damit befaßt und werde wohl dem Parteitag der Deutschen Volkspartei, der demnächst in ST bin stausiuocu werde, Vorschläge unter- breiten.Wir wollen," so fügte Graf Westarp hinzu,dem Wunsche Ausdruck geben, daß der Geist des besetzten Gebietes, unter dem auch n>ii hier stehen, beim Parteitag der Deutschen Volkspartei dem Willen ztir nationalen Einheit Vorschub leisten wird. Aber wir wollen aus der anderen Seite ver­hindern, daß aus den Verhandlungen eine Entfremdung der beiden Parteien entspringt. Darum enthalte ich mich jeden Wortes der Kritii und jeden kritischen Drängens."

Die Rede des Grafen Westarp wurde wiederholt durch lebhafte ZuMmmuugecrlläruugcu unterbrochen. Am Schluß setzten minutenlang anhaltende Beifallsstürme ein. Die Partei- tagsteilnehmer hatten sich von den Plätzen erhoben und sangen spontan die erste Strophe des Deutschlandliedes. Dar­auf hielt zunächst Reichstagsabgeordneter Bäcker-Berlin ein Referat über das ThemaDie Wahlreform". Für die Vater­ländischen Verbände sprach Reichstagsabgeordneter Schmidt- Hannover. Der preußische Landtagsabgeordnete Steinhoff behandelte das Problem der preußischen Regierungsbildung und bekämpfte das Kabinett Braun-Severing.

Unter lebhaftem Beifall wurde an den Reichspräsidenten von Hindenburg folgendes Telegramm abgesandt:Dem all- vrrehrtcn Herrn Präsidenten des Deutschen Reiches, dem Feld­herrn und Führer zu unvergänglichem Heldentum, dem Vor­bild nie versagender Pflichttreue, dem getreuen Mahner zur Einigkeit und Vaterlandsliebe entbietet der Deutschnationale Reichsparteitag am deutschen Rhein ehrfurchtsvollen Gruß."

Der Parteitag nahm mehrere Eutschließungeu an. in denen die Regierung aüsgefordcrl wird, für Milderung der un­erträglichen B e s a tz u u g s l a st e u in den besetzten Gebieten einzutreten, und den Reichstags- und Landlagssraktionen die Zustimmung ausgesprochen wird,daß sie den begrüßenswerten Vorschlag der Herren Freiherr von Gaul und Dr Jarres zum

Anlâß von Verhandlungen gen,mmen haben" kdlelchzslkkL wird in dieser Entschließung dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß diese Verhandlungen fortgeführt werden mit dem letzten Ziel, alle staatserhaltenden Kräfte innerhalb un* außerhalb der politischen Partei zur Wtederaufrichtung des Rechts - und Ordnungsstaates, zur Abhilfe der schweren Wirtschaftsnot und zur Arbeit an der Befreiung von der äußeren Zwangsherrschaft zu einigen.

Der deutsche Rhein.

Im weiteren Verlauf des Parteitages sprach ReichslagS- abgcordueler Dr. Lejcune-Juug über das ThemaStaal und Wirtschaft", in dem er alle aktuellen Wirtschajtsfragen einer Kritik unterzog. In der sich anschließenden Aussprache gab der Abfl. Scylange-Schömugen eine parteioisiziöse Erklärung ab, in Der es heißn

Au dieser Stelle im bedrohten Rheinland frage Ich bte anderen Parteien: Wie lange wollt ihr noch mit Unterstützung der Sozialdemokratie eine Politik der Illusion treiben, welche noch so gut gemeint sein mag, die heule aber schon bei dem Wort vominternationalen Rhein", morgen vielleicht bei der Tatsache des französischen Rheins geendet haben wird? W i r bieten e u ch die Hand, um mit euch eine Politik der kalten Vernunft und des besten Willens zu treiben, die mit der Talfache enden soll, daß der Rhein der Strom, nicht die Grenze des Reiches ist.

HindcnvnrgS Antwort an die Deutschnationalen.

Berlin. Rcichspräsideni von Hindenburg bat auf das Huldiflunflstelegram ' des Dcuischuationaleu Parteitages mit folgenbem Telegramm geantwortet:Dietramszell, 10. Sep­tember. Den zum Tcntfdmationalcn Parteitag im befreiten Köln versammelten Männern und Frauen baute ich für die freundlichen Grüße. Ich erwidere sie herzlichst mit dem Wunsche, daß Jbre Beratungen erfolgreich sein und zum Zu- samnienschluß aber Deutschen jur wahren Volksgemeinschaft mit beitragen mögen, gcz. von Hindenburg, Reichspräsident."

Die Rindenfammlllng der Reichspost.

Zahlreiche Blinde mit Radio versorgt.

An der von der Deutschen Reichspost veranstalteten Sammlung zur Versorgung der Blinden mit Rundfunk- empsangsgerät haben sich bisher neben den Oberpostdirek- tionen in Bayern und der Oberpostdirektion in Stutt­gart noch 27 Oberpostdirektionen des ehemaligen Reichs- post- und Telegraphengebiets beteiligt. Das Ergebnis, das bisher aus 25 Bezirken vorliegt, ist ein sehr erfreu­liches. Es beträgt 256 576,99 Mark und erhebliche Sach­spenden, darunter u. a. über 421 Rundfunkempfangs, apparate (teilweise Röhrenapparate) und 572 Kopsfern­hörer. Die Sammlung hat es ermöglicht, daß in mehre­ren Oberpostdirektionsbezirken alle bedürftigen Blinden mit einer Funkempsangsanlage versorgt werden können. Es hat sich auch teilweise ermöglichen lassen, daß den in- solge von Kopfschüssen erblindeten Kriegsteilnehmern, die infolge ihres Leidens keine Kopfscrnhörer tragen können, gute Röhrenapparate mit Lautsprecher zur Verfügung ge- stellt und den Blindenorganisationen auch Mittel für die Unterhaltung der Anlagen überwiesen werden konnten. Das Gesamtergebnis der von der Deutschen Reichspost (einschließlich Bayern und Württemberg) gesammelten Spenden beläuft sich außer den erheblichen Sachspenden auf 310 307,99 Mark.

420 Typhuskranke in Hannover.

Man rechnet sogar mit 800.

Wie von amtlicher Seite mitgeteilt wird, ist die Zahl der Erkrankten auf 420 gestiegen. Neue Todesfälle sind bisher nicht bekannt geworden. Es sind weitere 200 Betten in den Krankenhäusern bereitgestellt worden, so daß für die Unterbringung von Erkrankten vorgesorgt ist. Es werden an verschiedenen Stellen der Stadt Jmpf- lokale eingerichtet werden, in denen sich die Bevölkerung unentgeltlich gegen Typhus impfen lassen kann.

Der Hannoversche Stadtmedizinalrat Dr. Mohr­mann erklärte einem Pressevertreter, daß die Kranken­häuser und Hilfskrankenhäuser rund 400 Kranke ausge­nommen hätten, daß aber nach seiner Überzeugung m in - bestens die gleiche Zahl an leichter und auch schwercr Erkrankten sich noch in den Familien befände. Er rechnet damit, daß Mitt­woch, spätestens TouiErscag nächster Woche die Epidemie im Abflauen begriffen sein wird. Einzelne Fälle wür­den natürlich noch vorkommen, aber seine Massenerkran- fungen mehr. Im übrigen betonte Dr. Mohrmann, daß genügend Ärzte und Pflegepersonal, die sämtlich gegen Typhus geimpft sind, vorhanden seien.

MWMiWWW ROMAN von J. SCHN EIDER-FOERSTL

URHEBERRECHT SS CH UTZ DURCH VERLAG OSKAR MEISTER WERDAU

(2. Forlfetzung.) (Nachdruck verboten.)

»Gedulde dich, mein Junge!" Luise Radanyi hielt ihn an beiden Händen fest.Laß dir nur erst sagen, wie du ihm danken kannst."

Ja, Mutter! Sag rasch!"

Er will, daß du dir nun dein Leben selbst zimmerst, es soll nicht später von dir heißen, wie es bei deinem Vater der Fall war, du seiest ein Zigeuner."

Elemer lachte.Was kann man dagegen machen, Mutter?"

Er will dich fortbringen!"

Mutter!" Das Knabengesicht erstarrte in Schreck und Abwehr.Fortbringen? - Fort von hier? Niemals." Zitternd vor Erregung stand er vor ihr. Seine Nasen­flügel bebten. Die Augen glänzten feucht und ein jchmerz- bches Zucken ging um den schmalen Mund.

Luise Radanyi wollte nach seinen Händen greifen, aber fr entzog sie ihr.Sag doch, Mutter, wie denkst du dir dann ~ das Fortgehen. Kein Mensch kann das von mir drangen. Großvater am allerwenigsten!"

Was ereiferst du dich so, mein Bub?"

?°^'. breitschultrige Gestalt des alten Radanyi schob J unter die schmale Türe. Elemer vergaß jedes Wort der

"9 unb eilte auf ihn zu.Großvater, ist das wahr, was Mutter mir soeben gesagt hat?"

»Was hat sie dir denn gesagt?"

weißbehaarte Mann und die noch junge, hübsche Frau iahen sich verständnisvoll an.

»Daß ich fort soll," stieß Elemer hervor.

das ist wahr!"

~ dann liebst du mich nicht und ich Graß- geübte, du liebtest mich!"

weil y.be '^ schon der rechte, mein Junge, aber eben ch dich hebe, mußt du weg von hier."

»Und wenn ich nicht will?"

mußt, Elemer!"

^M D" Mund des Knaben blieb halb geöffnet.

Ich will aber nicht, Großvater!"

Elemer . . ."

Der Ruf blieb ungehört. Der Junge war bereits aus dem Zimmer gestürmt. Verwundert, beinahe erschrocken jah die Mutter ihm nach.

Hast du dir das erwartet, Vater?" sagte sie beklommen. Ja, Luise. Du nicht? Er hat unser heißes Blut. Er wird sich sinden und dann von selber zurückkehren. Sei ohne Sorge. Du sollst nicht meinen, Luise. Die Vor­würfe, die er mir jetzt macht, sind nichts im Vergleich zu denen, die er mir später machen würde, wenn ich ihn immer hier behielte."

Und du verzeihst ihm, Vater? Du trägst ihm nichts nach?"

Wie kannst du fragen. Dem einzigen Enkel! Wo mir sonst nichts geblieben ist als du und er."

Sie griff nach seiner Rechten und drückte sie gegen die Wange. Er strich ihr gedankenverloren das blonde Haar aus der Stirne, nickte schweigend und verließ ohne jedes weitere Wort das Zimmer.

Brennend rot fiel die Sonne im Westen, Immer tiefer rückte sie nach dem Rande des Horizontes. Scharf begrenzt schimmerten die Wassertümpel aus dem rostbraunen Boden. In ihnen spiegelte sich der glühende Himmel, wie in einem schmutzigen Stück Spiegel. Der Hortobagy trieb die feurige Glut, die das Tagesgestirn auf ihn abfärbte, schleppend mit sich fort Ganz ferne am Steppenrande stand ein riesiger, purpurroter Fächer, der Erde und Himmel unter seinen Strahlenmantel nahm. Allmählich erloschen die Farben. Nichts als eine langgestreckte Wolke blieb zurück, die einen feinen rosa Gürtel trug, der immer mehr verblaßte. Kein Ton drang in die tiefe, melancholische Stille. Breit, wie eine Riesenbrust in ruhig-gleichmäßigen Zügen atmet, lag die endlose Steppe, in festem, traumseligem Schlaf.

Ueber den schmalen, staubigen Weg, der die Weizenfelder wie ein schwefelgelbes Band durchzog, kam Elemer mit hängenden Schultern, den Kopf abwärts gesenkt, barhaupt, mit einem finsteren Zug im Gesichte.

Aus der Gaststube kam Lachen und Lärmen. Die Augen­brauen zusammengezogen, horchte er auf. Ach, er wußte nur zu gut, wie es jetzt in der Stube aussah. Auf den langen Bänken um den großen Tisch saßen die Bauern und die Knechte, die in der Runde wohnten. Sie hielten die kurze Tonpfeife im Mundwinkel und redeten, vielmehr ichrien sich

heiser, wie die Arbeitslöhne stiegen, was das Korn kostete und wie die Pferdepreise standen. Dazwischen tranken sie in langen Zügen von dem jungen Landwein, der in hoch- halsigen Flaschen vor ihnen stand. Ihr Mund wurde immer beredter. Sie erzählten Schauermärchen, wußten etwas zu sagen von vergrabenen Schätzen, von Räubern und Mord­gesellen, von Dieben, die nachts um die Csarda schlichen und nach den großen Stückfässern im Keller Durst verspürten.

Elemer hörte das gesunde, frohe Lachen seines Groß­vaters, der nicht an derlei Dinge glaubte.

Seine Zähne schoben sich fest übereinander. Der konnte lachen, während er wie ein Heimatloser über die Pußta schlich. Ungesehen gelangte er ins Haus. Hinüber in die Schenke.

Dort saßen die Zigeuner, bescheiden, wortkarg in die Ecke gedrückt und spielten ihre Weisen. Die Geige des Primos jubelte und schluchzte unmittelbar darauf hell hinaus, da­zwischen sprangen die Hämmer des Cimbals, Klarinette und Flöte schmeichelten sich darein, Cello und Baß gaben den Grundton.

Dicht neben den zerlumpten Gestalten, fest an die Wand gedrückt, stand Elemer. Er machte eine gebietende Bewe­gung. Da schwieg die Musik mit einem schrillen Strich.

Er nickte dankend und wandte sich an den Primas:Spiel mir ein Lied, das alles Leid der Erde in sich trägt."

Der staunte ihn an:Was weißt du von Leid?" Spiel!" kam es befehlend.

Ein Weinen klang durch das Dämmer. Wie das Schluch­zen eines heimwehkranken Kindes klagte die Geige des Pri­mas. Er hatte die Augen geschloffen und wiegte sich im Rhythmus. Ein Lächeln durchbrach den Schmerz, dann aber rann von neuem dieses erschütternde, seelenergreifende Weinen durch den Raunr.

Elemer sank auf einen der Stühle und grub das Gesicht in die Hände. Dann hob er den Kopf.Gib mir die Geige, Primas!"

Hab ich nicht recht gespielt, Elemer?"

Doch! Aber mein Leid ist anders, als das deine!"

Er setzte den Bogen an. Ein Ton drang durch die Nacht der Steppe. Das war nichl Leid allein. Das war Zorn und Verzweiflung und jähes Aufböumen gegen den Zwang des Lebens. Mitten im Spiel hielt er inne und warf dem Primas das Instrument zu. Im nächsten Augenblick war er aus der Schenke verschwunden.