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Nr. 197 — 1926
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
Zulöa- und Haunetal * Zul-aer Kreisblatt
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Fulda, Samstag, 28. August
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3. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser
♦ Der deutsche Boischasier in Paris, v Hoesch, traf ftret* tag in Berlin zu Besprechungen über Gens ein.
* Die deutschnalionale Parteileitung hat das Ersuchen des Reichsanszenministers um Entsendung des Pros. Hötzsch in die deutsche Delegation für Gens mit dessen Zustimmung abgelehnt.
* Die vier im Iungtürkenprozeß zu Angora zum Tode verurteilten früheren Würdenträger wurden hingerichtet. Unter ihnen befand sich der ehemalige bekannte Finanzminister Dschawid Bei und der frühere Unterlichtsminister Nasim Bet.
* In Nordamerika wurden 70 Bergleute verschüttet. 33 Zeichen sind geborgen, sechs Verschüttete konnten gerettet werden.
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Heraus aus dem Dunkel.
Die Eifenbahnunfälle folgen einander, aber sie gleichen sich nicht. Den kleinen Missetäter, der auf einer Berliner Vorortstrecke gern einmal den Anblick einer netten geräuschvollen Entgleisung auf den Stahlschienen genießen wollte, hat man Wohl rasch ermittelt und dem Arm der strafenden Gerechtigkeit überliefert. Doch die furchtbare Katastrophe des Berlin—Kölner D-Zuges in Leiferde ist heute noch in das gleiche unheimliche Dunkel gehüllt, das die Tragik dieses Falles von vornherein so außerordentlich eindrucksvoll erscheinen ließ.
Man hat eine stör deutsche Verhältnisse ganz unge- wähnlich hohe Belohnung auf die Entdeckung des Täters ausgesetzt, man hat eine förmliche Armee von Kriminal- beamten verschiedener Gattungen vorgeschickt und ist gewiß aus der empörten Bevölkerung heraus mit sreiwilligen Spürarbeiten nach Kräften unterstützt worden — und hat bisher doch keine der vorgenommenen Verhaftungen aufrechterhalten können. Außer törichten anonymen Briefen ist eigentlich, je länger die Untersuchung andauert, eher eine A b n a h m e als eine Vermehrung von Verdachtsmomenten zu verzeichnen; manches, was derReichs-
-. v ahnv e r w al.t11 n a zunächst als wichtiger Fingerzeig â für die Annahme eines verbrecherischen Anschlages diente, hat sich bei näherer Prüfung als unverdächtig erwiesen, und man hat jetzt wohl kaum noch die Hoffnung, der Wahrheit jemals auf den Grund zu kommen. Einzig und allein einige auf jeden Fall ganz radikale Leute sind auch in diesem Falle ihrer Sache völlig sicher. Die Reichsbahndirektion gehört auf die Anklagebank, schreien sie; sie ist es, welche die einundzwanzig Todesopfer von Leiferde aus dem Gewissen hat. Andere Menschen sind weniger eilfertig mit Spruch und Urteil; allenfalls verlangen sie eine verstärkte Kontrollarbeit bei der Reichseisenbahn durch Reichstag und Reichsregierung, die ja im Gefolge der Dawes-Belastung auf einen wesentlichen Teil ihres Einflusses gegenüber der selbständig gewordenen Spitzenleitung unseres Verkehrsnetzes verzichten mußten. Run, es kann uns immerhin einigen Trost bereiter!, daß auch andere Länder, wo fremde Machthaber weder in Verkehrs- noch in anderen innerstaatlichen Fragen bisher etwas zu sagen haben, von mehr oder weniger schweren Eisenbahnkatastrophen nicht verschont bleiben. Insbesondere vergeht in Frankreich kaum ein Tag ohne Unglücksfälle dieser Art. Für s i e wenigstens kann Herr Poincaro sein östliches Grenzland nicht verantwortlich machen.
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Aber als patentierter Retter des Vaterlandes, der Poincars in seinen eigenen Augen wenigstens nun ein« mal ist, hat er die Welt noch rasch, bevor sie sich in Genf zu neuer Friedensarbeit zusammenfinden soll, vor einer großen Einsturzgefahr gerettet. Nicht viel hätte gefehlt, und Belgien und Deutschland wären zu dem freund- nachbarlichen Verhältnis zurückgekehrt, in dem sie vor dem Krieg immer gestanden hatten. Verständige Männer in beiden Lagern wollten einen Strich unter die Vergangenheit tun, die deutschen Grenzgebiete, die man uns 1918 ganz unbegründeter- und ganz un- nötigerweise genommen hatte, wieder ihrem rechtmäßigen Eigentümer zurückgeben und durch ein zweckmäßiges finanzielles Arrangement eine materielle Verknüpfung hüben und drüben herbeiführen, unter der man hätte schiedlich-friedlich leben und leben lassen können. Ein wahres Friedenswerk solcher Art aber ist nicht nach dem Sinn des gegenwärtigen französischen Ministerpräsidenten. Wäre Briand nicht gestürzt worden, Eupen und Malmedy wären aller Wahrscheinlichkeit nach heute schon wieder ein Bestandteil des Deutschen Reiches. Vor dem großen Poincarö aber, der ja Ministerpräsident und sonst „nur" noch Finanzminister ist, ist der französische Außenminister sozusagen spurlos von der Bildfläche ver- schwunden. Die alten, in früheren Zeiten bestens bewährten Treiber beherrschen wieder so gut wie allmächtig das Feld und sie rechnen dabei so sehr auf die vornehme, verschwiegene Art der deutschen Diplomatie, daß sie, um Deutschland auch bei dieser Gelegenheit wieder vor der Welt ins Unrecht zu setzen, vor ^gröblichster Entstellung der Wahrheit nicht zurückschrecken.
. Es paßt vortrefflich zu diesem System einer ansivartigen Politik, das von einem neuen Geist auch nicht die leiseste Einwirkung verrät, daß die Polen sich nun >â)0tt seit drei Monaten gegen den Spruch eines internationalen Schiedsgerichts, der im Haag zu ihren Un- giinsten ergangen ist, auf beiden Ohren völlig taub stellen. Lae sollen die widerrechtlich beschlagnahinten oberschlesi- tchen stickstoffwerke von C H 0 r z 0 w an Deutschland zu- ruckgeben, lassen aber deutsche Vorstellungen, die deswegen an sie ergangen sind, vollkommen unbeachtet, als wäre es überhaupt unter ihrer Würde, sich um solcher Dinge willen
Deutschlands Vertretung in Genf.
Zoischaster v. Hoesch in Berlin.
D i e S t u d i e n k 0 m m i s s i 0 n.
Der deutsche Botschafter in Paris, von Hoesch, ist Freitag zu Besprechungen über den ihm erteilten Auftrag zur Vertretung Deutschlands bei der zweiten Sitzung der Studienlommission für die Frage der Zusammensetzung des Völkerbundrats in Berlin eingetroffen.
Bei den Erwägungen über die Zusammensetzung der deutschen Delegation für Genf war auch die Zuziehung von Parlamentariern, und zwar ohne Rück- sicht auf die Stellung ihrer Partei zu der jetzigen Reichsregierung, in Betracht gezogen worden. Tatsächlich hat die Regierung bereits Schritte in Weser Richtung getan, wie aus einer Veröffentlichung der deutschnationalen Pressestelle in Berlin hervorgehü
Deuischnationale Absage.
Nach Mitteilung hat der Reichsaußenmiuister bei der Deutschnationalen Volkspartei um ihr Einverständnis zur Berufung ihres Mitgliedes, des Professors Hoetzsch, in die zu bildende Genfer Delegation ersucht. Der Partei- vorsitzende hat namens der Parteileitung in einem Dankschreiben an den Minister der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß eine Zuziehung von Parlamentariern zu der Genfer Konferenz einer geschlossenen Führung der Reichspolitik Schwierigkeiten bereiten könnte.
Angesichts der Unsicherheit der gegenwärtigen polt« tischen Lage, die für Deutschland allein schon durch die Stichworte „Besatzungs- und Entwaffnungssrage" gekennzeichnet wird, und angesichts der unklaren Stellung, die den Parteivertretern in der Konferenz auch hinsichtlich ihrer Entschlußfreiheit und ihres Einflusses zufällt, har er in Übereinstimmung mit Herrn Professor Hoetzsch ge beteu» von der Berufung des Professors Hoetzsch in die jetzt zu bildende Genfer Delegation absehen zu wollen.
Ergänzend wird dazu bemerkt, daß die Deutschnationäle Volkspartei die Locarno- und Völkerbundpolitik der letzten Zeit nicht billigt, insbesondere auch nicht, daß man bei der immer noch ungeklärten und unbefriedigenden Lage der Verhandlungen über Besatzung und Entwaffnungskontrolle vorbehaltlos in den Völkerbund eintritt. Doch ist sie gewillt, wenn der Eintritt gegen ihren Widerspruch vollzogen sein wird, an der daraus sich ergebenden deutschen Politik und ihrer Vertretung im Völkerbund
Wieder Entwassnungsforderungen?
Drei neue Ententenoten.
Ein Berliner Abendblatt berichtet aus Paris, die Botschafterkonferenz der Entente habe am 17. August drei neue Entwaffnungsnoten an die deutsche Regierung gerichtet.
Die erste Note enthalte, wie es weiter heißt, eine Beschwerde über die militärische Tätigkeit von Verbänden in Deutschland unter Bezugnahme auf die Berichte der Interalliierten Militärkontrolllommission und auf deutsche Pressenachrichten. Die Botschafter- konferenz verlange Erlaß ganz klarer gesetzlicher Bestimmungen gegen diese Tätigkeit.
Die zweite Note vermittele die Beschwerde, daß die Forderung der Interalliierten Militärkontrollkommission in bezug aus die ungesetzliche Einstellung von Mannschaften in die Reichswehr nicht befolgt wurde. Die Verfügung des Rcichswchrmimsteriums, daß die Einstellungen in die Reichswehr, Die nicht dem Wehrgesetz entsprechen, verboten seien, wird als ungenügend bezeichnet.
mit einer fremden Regierung herumzuschlagen. Die deutsche Langmut ist gewiß nahezu unerschöpflich, aber schließlich wird man ja doch Wohl uns einmal Erklärun- gen darüber geben müssen, wie wir zu unserem Recht kommen sollen, wenn es den bösen Nachbarn nicht gefällt, sich der Autorität eines internationalen Schiedsge-^ richts auch durch Erfüllung des ergangenen Richterspruches unterzuordnen. Sollen wir nun etwa nach Genf gehen und eine Klage gegen Polen einreichen, als erste Betätigung nach unserer bevorstehenden Aufnahme in den Bund der Nationen? Dann würden wir sehr bald zu hören bekomnien, daß der Völkerbund für diesen Streitfall leider nicht zuständig sei; und selbst wenn er irgendeinen Versuch unternehmen sollte, um uns zu unserem Recht zu verhelfen, wer bürgt dafür, daß Polen dann vor Genf größeren Respekt an den Tag legt als vor dem Haaa? Dr. Sv.
Sergwerlslatastrophe in Amerika.
7 0 Bergleute verschüttet.
Bei einer Grubenexplosion - in Clymer (Pennsyl- vanie«) wurden 70 Bergleute verschüttet. Sechs Verletzte konuten gerettet werden, für das Leben der anderen wird das Schlimmste befürchtet, da sofort nach der Explosion Giftgase austraten, die ein Eindringen in Die Grube unmöglich machte«. Die Verschütteten sind wahrscheinlich alle durch GiftaaS umaetomme«.
sachlich mitzuarbeiten. Vorläufig könne sie, da sie nicht Mitglied der Regierung sei, nicht die Verantwortung für ein Wirken eines ihrer Mitglieder im Sinne der Regierung in Genf tragen.
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Tanger, das Sorgenkind.
Der diplomatische Korrespondent deS „Daily Telegraph" meldet, daß die spanische Regierung das Memorandum, das am Mittwoch Mussolini über Tanger überreicht worden war, nunmehr auch London und Paris mitgeteilt habe. Das Memorandum lege die Gründe dar, weshalb Spanien mit der gegenwärtigen Verwaltung Tangers unzufrieden ist. Es wird festgestellt, daß die Trennung Tangers von der spanischen Zone die Freiheit und Sicherheit seiner Armee und Verwaltung beeinträchtige und daß eine spanische Kontrolle über Tanger die Neutralität der Enklave nicht schwächen, sondern stärken würde.
Die einzige in Tanger erscheinende französische Tageszeitung hat in spanischer Sprache einen heftigen Angriff auf die spanische Regierung veröffentlicht mit einem Hinweis, daß die eingeborene Bevölkerung niemals eine spanische Herrschaft über die Tangerzone annehmen würde, sowie mit einer Aufforderung an alle Einwohner Tangers, sich den Vorschlägen für den Einschluß Tangers in das spanische Protektorat zu widersetzen. Der Artikel hat in der spanischen Kolonie große Erregung hervorgerufen. *
Beschlüsse des Gen' er Minderheitenkongreffes.
Der Kongreß der europäischen nationalen Minderheiten in Genf nahm nach längerer Debatte einen Antrag Deutsch-Ungarns an, der sich gegen die wirtschaftliche Benachteiligung der Minderheiten in ihren Staaten richtet. Die Resolution sordert praktische G l e i ch st e l l u n g mit den Angehörigen der Mehrheit und Rücksichtnahme auf die kulturellen Bedürfnisse der Minderheiten sowie Bestrafung der Aufforderung zum Boykott. Um alle diess Forderungen wirklich durchzuführen, hält der Kongreß für nötig 1. die Schaffung genau detaillierter Normen iw allen wirtschaftlichen Vorschriften des Staates, 2. eine angemessene Beteiligung der Nationalitäten (Minderheiten^ in der Leitung staatlicher und offizieller ökonomischer Körperschaften und Unternehmungen, 3. den Ausbau eines- wirtschaftlichen Rechtsschutzes.
Fu der dritten Note werde Beschwerde geführt, datz in der Erledigung der von der Interalliierten Militär- kontrollkommission beanstandeten Punkte hinsichtlich der. Entwaffnung durch Verschleppung absichtlich Schwierigkeiten gemacht würden.
Die BotschasterLonferenz fordert, daß den Anordnungen der Interalliierten MilitärkontroÜkommission so, fort entsprochen werden müsse.
Keine deutschen Unterseeboote.
Die „Chicago Tribune" hatte berichtet, die Entwafs- nungskommission habe die Aufmerksamkeit der Ententeregierung auf die angebliche Tatsache gelentt, daß Deutschland einen gewissen Tvp von U-Booten für sich in Holland bauen lasse, und zwar in Amsterdam und an der Schelde. Die erwähnten Mächte hätten die deutsche Regierung um eine Erklärung ersucht. Die deutsche Regierung Dementiert diese Meldung kategorisch. Sie erstatt,: weder würden die Boote gebaut noch habe die Entente- Erklärungen gefordert.
Eine weitere Meldung besagt: Die Lage der einge, schlossenen Bergarbeiter ist hoffnungslos. Giftgase madjen das Eindringen von Hilfsmannschaften in die Mine möglich, so daß nach Ansicht der besichtigenden Ärzte feine Hoffnung mehr darauf besteht, die Eingeschlossenen noch lebend herauszubringen. 33 Tote wurden bereits geborgen.
* /!
68 Opfer der Grubenkataftrophe.
N e w y 0 r k. Bei der Grubenkataftrophe in Pennsyl« vanien sind 68 Bergleute ums Leben gekommen. 30 Leichen sind bisher geborgen.
Luftfahriiagung in Bertin.
Verhandlungen über den europäischen Flugverkehr. 1
In Berlin hat die diesjährige Hauptsitzung der International Air Traffic Association (Jata) begonnen. Zu den diesjährigen Besprechungen in Bellin sind die Direktoren fast aller europäischen Luftfahrtgesellschaften erschienen; man steht die Delegierten Englands, Belgiens, Frankreichs, Hollands, Italiens, Norwegens, Vertreter aus §7»erreich, Schweden und aus der Schweiz, aus Polen, der Tfchechoffowakei, Estland, Albanien, Dänemark, Finnland, Rußland und selbstverständlich Vertreter der deutschen Gesellfchasten. _____ , _ ______ 1