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Zul-aer Anzeiger

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Nr. 195 1926

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

Zulöa- und Haunetal Fuldaer Kreisblatt

Re-aktton und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 Zernsprech-^nschluß lk.989

Nachdruck der mit * »ersehenen Betitel nur mit (RueUenangabe .Zuldaer seiger 'gestattet.

Fulda, Donnerstag, 26. August

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3. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Frankievu lUiti em neues Mele8 schonen, Das ote Jugend schon 111 Dei Schule militärisch erjassen soll zu soldalischer Ausbildung

* Tei gefühlte und gefangene Tiftator Griechenlands, General Pangalos ist nach der Insel Ägina nbergesühri wor- deii. weil man angeblich Angnsjc des Volkes aus ihn fürchtet.

* Im amerikanischen Ausschuß für das Floiienwejen wurde erklärt, die Vereinigten Staaten wurden neue Kriegsschisse bauen, wenn die europäischen Mächte nicht ernsthasl dem Ab­rüstungsplan näherträten.

* Aus eine amerikanische Großbank wurde ein Bomben- attentat unternommen, wobei es zwei Tote und 121) Verletzte gab.

Tanger.

In den Vordergrund der außenpolitischen Fragen, womit sich jetzt die gesamte Weltpresse beschäftigt, hat sich auf einmal die Tangerfrage geschoben. Sie ist ja schon stets ein heißes Eisen gewesen. Man umging eine Entscheidung immer nur dadurch, daß man die Ange­legenheit auf die lange Bank schob. Jetzt scheint es aber keinen Ausweg mehr zu geben, nachdem Spanien seine Vertreter in London, Paris und Rom an­gewiesen hat, bei den dortigen Regierungen auf das nach­drücklichste seine Ansprüche auf Tanger zu fördern. Das wird im geheimen Wohl immer schon geschehen sein. Die Angelegenheit trat jedoch nie so offen zutage, wie es jetzt der Fall ist, wo Spanien die günstige Gelegenheit wahr­nimmt, um zusammen mit seiner Haltung in Gens zu der Rats frage gleichsam zwei Eisen im Feuer zu haben.

Bis 1904 gab es keine eigentliche Tangerfrage, ebenso wie man Marokko unangetastet ließ. Dieses Land wurde erst ein Streitobjekt der Mächte, als Frank­reich mit England jenen Pakt schloß, wodurch England freie Verfügung über Ä g y p t en erhielt, während es dafür seine Uninteressiertheit an Marokko erklärte, auf Frankreich schon lünast sein begehrliches Auge ge­worfen harre. Jetzt glaubte Frankreich einen Freibrief er­halten zu haben und es konnte, gedeckt durch die englische Politik, endlich seine Karten auf den Tisch legen. Das ergab Verwicklungen mit Deutschland. In Erinnerung aller ist wohl noch die Marokkofahrt des früheren Kaisers, wobei er in Tanger landete, und das plötzliche Erscheinen des deutschen KriegsschiffesPanther" mehrere Jahre nachher vor Agadir, das seitdem als der sogenannte Panthersprung" in der Geschichte fortlebt. Vorteil er­wuchs Deutschland nicht bei der Sache. Das bekamen wir auf jener Konferenz von A l g e c i r a s zu fühlen, wo uns zum ersten Male die Koalition geschlossen gegen- übertrat, die wir im Weltkriege als Gegner vorfanden. Schon damals war es für alle Sehenden klar, ein wie unzuverlässiger Freund Italien war, der uns, trotz­dem es noch zum Dreibund gehörte, einfach im Stiche ließ. Der Algeciraspakt, der die Aufteilung Marokkos in eine französische und eine spanische Zone brachte, war die eigentliche Geburtsstunde der Tangerfrage. Eng­land war dabei die treibende Kraft, weil es nicht zu­lassen wollte, daß diese wichtige, Gibraltar gegenüberlie­gende Stadt in die Hand einer bestimmten europäischen Ration geriet. Das Abkommen mit Frankreich hinderte England, die Stadt einfach zu annektieren. So erfand man den Ausweg der internationalen Verwaltung.

Für Spanien war diese internationale Tanger­zone ein Pfahl im Fleische. Das empfand es besonders während der letzten schweren Kämpfe mit A b d - e l - K r im. Eine Zeitlang schien es, als ob sich Frankreich und Spanien stillschweigend über Tanger einigen wollten, da erschien auf einmal Italien auf dem Platze, das seinen Anteil an der Verwaltung des Gebietes anmel- dete. Diese Komplikation scheint allerdings in dem .lugenbüd aus dem Wege geräumt zu sein, als Spanien seinen Vertrag mit Italien schloß, der doch wohl etwas weiter geht, als beide Teile zugeben wollen. Denn sonst hatte wohl Spanien nicht gewagt, jetzt auf einmal so offen seine Forderungen zu stellen.

urschland ist an der eigentlichen Tangerfrage nicht mehr interessiert, nachdem man es nach Kriegs­ende zwang, sich von den Marokkoangelegenheiten über­haupt zuruckzuziehen. Die Frage hat jedoch inzwischen für uns insofern eine Bedeutung gewonnen, als sie mit der R a t s f r a g e zusammengekoppelt ist. Es sieht so aus, als ob Spanien Tanger als Pflaster auf die Wunde verlangt, die ihm geschlagen wird, wenn man seinen An­spruch aus einen ständigen Ratssitz in Genf ablehnt. Das muß geschehen, wenn man das Locarnoabkommen halten will. Der Schlüssel zur Lösung liegt bei England, wo man sich bis jetzt in Schweigen hüllt, wenigstens liegen offizielle Äußerungen nicht vor. Nach feiner früheren Haltung müßte es allerdings gegen den spa­nischen Anspruch sein. Aber es ist möglich, daß es, um cm Scheitern der ganzen Ratsaktion zu verhindern, doch nachgibt, zumal Gibraltar kaum noch den früheren Wert für England hat. Deutschland hat, wie gesagt, kaum In­teresse, Spanien den Tangerbcsitz zu neiden. Im Ge­genteil würden dadurch nur klare Verhältnisse geschaffen werden. Von deutscher Seite muß allerdings darauf gesehen werden, daß diese Frage nicht plötzliche Über­raschungen bringt, die dazu zwingen könnten, die ganze Stellung Deutschlands zum Völkcrbundprogramm erneut ?ncr Revision zu unterziehen. Von maßgebender deut- Icher Seite ist wiederholt worden, daß wir erst nach Genf ^hen, wenn die Ratsfrage in unserem Sinne gelöst ist. muß also bis dahin auch in der Tangerfrage Klarheit geschaffen sein, da nicht anzunchmen ist, daß Spanien so-

der Ratsfrage wie in der Tangerfrage nach- , Dazu hat es sich nach beiden Richtungen" hin zu lehr fcstgelegt.

WiMdW» in Miu Mi Smirtid).

Ausblicke auf Gens.

Lebhoster diplomatischer Verkehr.

Wie aus dem Auslande aus angeblich gutunterrich- tcter Quelle verlautete, sollte der juristische Sachverständige der deutschen Reichsregierung, Ministerialdirektor Dr. Gaus, vor der Völkerbundtagung in Genf zu einer Konferenz mit dem Rechisberatcr drs englischen Aus- wärtigcn Amtes, Sir Cecil Hurst, und seinem französi­schen Kollegen, Dem Direktor in dem Pariser Autzcnmi- nisterium, Fromageot, zusammenkomme». Zweck der Besprechung sollte es sein, in einer Art Vorkonferenz eine Grundlage zu finden, die bei der Genfer Tagung drohende neue Schwierigkeiten ausschlièßen soll. Als Ort der Vorkonferenz könnte Deutschland, vielleicht Berlin oder auch Holland oder ein Schweizer Ort in Frage kom­men. Eine amtliche deutsche Bestätigung dieser Meldung liegt bisher nicht vor, doch soll ein lebhafter diplomatischer - Gedankenaustausch in dieser Richtung im Gange sein. Allerdings wird in Berlin diese Zusammenkunft ange- zweifelt.

Schweden wird auf der Septembertagung im Völker­bundrat durch den ehemaligen Außenminister Unden vertreten sein. Unden spielte bekanntlich auf der letzten Tagung durch sein Eintreten für Deutschland eine be­deutende Rolle. Die österreichische Delegation besteht aus Botschafter a. D. Graf Meusdorfs, Gesandten beim Völkerbund Pflügt, Gesandten in Bern Baron Di- Pauli. Die Schweiz delegiert Bundesrat Motta, Stände­rat Bolli, Nationalrat Gaudard.

AmerilamM AWurigsanlündigungen.

Kurz vor der Genfer Tagung und offenbar mit Be- ztehung auf diese wird aus Washington gemeldet, der Vorsitzende des FlotlMausjchusses des Repräsentan­tenhauses, der Republikaner Bailei, habe erklärt, das Versagen dèr europäischen Mächte bei der Zustimmung zu einer wirklichen Entwaffnungskonferenz bereite ihm Unruhe.

Amerika würde dadurch gezwungen, tn naher Zu­kunft aus Gründen der Vorsicht ein verstärktes Flotten- programm anzunchmen. Amerika kenne die Lage der

Senator Chapsal,

der an Stelle Barthous zum französischen Delegierten in der Reparationskommission ernannt wurde. Bei einer Sitzung der Kommission in Paris richtete der italienische Delegierte Marquis Salvago Raggl an Barthou Worte

des Abschieds und bewillkommnete den neuen franzö­sischen Delegierten Chapsal. Auf Vorschlag des englischen Delegierten Lord Blanesburgh wurde der französische Delegierte Chapsal einstimmig dazu bestimmt, den Vorsitz bei den Arbeiten der Revarattonslommission zu führen.

Trotzkibeurlaubt".

Großreinemachen in Rußland.

Wie gemeldet wird, ist Trotzki, der Vorsitzende des Haupttonzessionsausschusscs in Moskau, plötzlichbe­urlaubt" worden. Damit ist der letzte bekannte Führer der Opposition gegen den Stalin-Kurs vorläufig kalt­gestellt. Bekanntlich sollte er vor einigen Jahren auf Be­treiben von Sinowjew und Kamenew aus der bolsche­wistischen Partei ausgeschlossen werden. Seine große Popularität ließ das aber als inopportun erscheinen.

Er wird auch diesmal schwerlich endgültig erledigt sein. Im Zusammenhang mit dem Großreinemachen in Rußland stehen Änderungen in der Führung und Ver- waltung der Roten Armee und der Roten Flotte. Der bisherige Führer der letzteren, Soff, wurde durch den bisherigen stellvertretenden Kommandeur der Luftflotte, Mukliewitsch, ersetzt. Sergei Kamcw wurde Leiter der Oberverwaltung der Arrsss.

Rüstungen der übrigen Weltmächte. Wenn die einzelnen Nationen ihre Rüstungen nicht weiter herabsetzen, könnte Ainerika nur eins tun, nämlich weitere Schiffe bauen, so­weit dies das Washingtoner Programm erlaube. Wört­lich faßte Butler seine Erklärungen in die Parole zu­sammen: Entweder weitere Herabsetzung der Rüstungen durch gegenseitige Abmachungen oder Au s b a u u n ferer Rüstungen.

Weiter sagte Butler, seine Stellung zwinge ihn, Eu- ropa stärkstens zu beachten, er sehe aber dabei nur, daß alle Bewegungen für die Abrüstung sehlschlügen.

Ein französisches Zugendheer.

Der Leiter der Abteilung für körperliche Ertüchti­gung im französischen Kriegsministerium, General E ch a r d, veröffentlicht die Grundzüge eines geplanten Gesetzes, dessen Ziel es ist, durch militärische Jugender­ziehung die Militärmacht Frankreichs zu stärken.

Der Artikel 1 dieses Gesetzes lautet wörtlich: Be­reits in der Schule soll die militärische Erziehung als Unterrichtsfach eingeführt werden. Auch nach Vollen­dung der Schule bleibt sic obligatorisch. Zwei Jahre lang vor Eintritt in die Armee wird so jeder Mann im Zivil- rock zum Soldaten gemacht. Sogar die Ausbildung für die Spezialwaffen Maschinengewehre. Mechaniker, Feuer­werker usw.) soll schon vor der Dienstzeit geschehen.

Minderheitenkongreß.

Am Mittwoch wurde in Genf der zweite Kongreß der nationalen Minderheiten durch den Präsidenten des Stän­digen Komitees, Dr. Wilfan (slovenischei Abgeordneter im italienischen Parlament) eröffnet. Auf dem Kongreß sind 38 nationale Minderheitengruppen aus 19 Staaten vertreten. Das Programm des Kongresses umfaßt fol­gende Punkte: Garantie der freien Entwicklung der natio- nalep Kultur, Erhaltung der Muttersprache, Zusicherung der wirtschaftlichen Gleichstellung innerhalb des bürger­lichen Rechts, Gleichheit mit Bezug auf das Wahlrecht und dessen Ausübung, Mittel zur Regelung von Konflik­ten zwischen Regierungen und nationalen Minderheiten.

Die Bedeutung des Kongresses erhellt aus der Tat­sache, daß allein in Europa 50 Millionen Menschen zu einer nationalen Minderheit aebören.

Die deutsche kotsliefenmg an Frankreich.

Verständigung mit den französischen Hütten.

Bisher ist bei gesamte von der französischen Hütten­industrie benötigte Koks von der französischen Regierung als Zwangslieferung angesordert worden. Drese Zwangs­lieferungen haben eine Minderung erfahren, die durch die Höhe der beim Generalagenten verfügbaren Gelder ge- geben war. Wegen des diese Lieferungen überschreitenden Bedarfs ist eine private Verständigung mit der franzö« fischen Hüttenindustrie für die nächsten fünf Monate er­folgt. Sie bezieht sich sowohl auf Koks wie auf Kokskohle, weil in beiden Sorten Die von Frankreich angeforberten Reparationsmengen den bestehenden Bedürfnissen nicht genügten. Die Verständigung sieht für die freie Lieferung von Koks eine Pieisstaffcl vor.

Die griechische UmtuH^n.

Verschickung des Generals Pangalos.

Admiral Kondnilviis ist nunmehr in Athen cingetroffen und hat tue P^stocutichafi Der Republik übernommen.

Bei den Verhandlungen, Die General Kondylis mit den Parteiführern sühce, wurde giundsatzUch die Bildung eines Koalitionskybineits beschießen. Auch Die Frage der Befugnisse des Präsidenten Der Republik ist bereits grund­sätzlich geregelt worden.

Zur Verschickung von Panaalos nach Ägina gibt die Agence d'Athènes fotgenbe Meldung aus: Um den Kund­gebungen der Bevölkerung ein Ende zu machen, wurde der frühere Diktator Pangalos nach der Insel Ägina übergefübrt, wo er bis zu dem gegen ihn einzuleitendcn Prozeß gefangengebalten wird. Obwohl der Zeitpunkt seines Abtransportes geheimgehalten worden war, hatte sich eine erregte Volksmenge vor dem Militärhospital, wo Pangalos vorläufig in Hast gehalten wurde, oncn'hvuim-t und versuchte ihn zu lynchen Es gelang bei Polizei nur mit Mühe, die Menge zurückzuhaltcu.

Baldwin und der BergarbettemMand.

Notstandsverordnung in England. >

Am Mittwoch trat im Schloß Balmoral, wo sich der König angenblicklich besindet, ein Kronrat zusammen, um eine Notstandsproklamation und eine weitere Proklamation zu veröffentlichen, die das Parlament für nächsten Montag einberust. Der Zweck der Parla­mentssitzung am nächsten Montag ist die Bestätigung der Notstandsvèrordnunqen. Angesichts der letzten Ereig­nisse im Bergarbeiterkonflikt wird die Aussprache wahr- scheinlich ziemlich erregt sein. Etwa 300 bis 400 Mit­glieder werden anwesend sein müssen. Die Regierung ist bestrebt, die Sitzung nicht länger als zwei Tage dauern zu lassen. Verschiedene Minister werden anwesend sein.