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Zul-aer /lnzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

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Nr. 166 1926

Fulda, Freitag, 23. Juli

3. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Der preußische Ministerpräsident Braun hat an den Gene­ralbevollmächtigten der Hohenzollern wegen etwaiger neuer Abfindungsverhandlungen ein Schreiben gerichtet.

* Der in München unter dem Verdacht der Beteiligung an dem GarciD-Mord veihaftete frühere Leutnant Schweikhardt ist wieder aus der Hast entlassen worden.

* In Kattowitz wurde aus das Gebäude eines Korfantv- Blattes ein Bombenattentat unternommen; mehrere Mit­glieder der polnischen Ausständischenorganisation wurden verhaftet.

* Nach dem Sturze Herriots ist Poincarè mit der Bildung der neuen Regierung beauftragt worden.

AllSeman-ersehimg mit den Hohenzollern. Ministerpräsident Braun an Herrn von Berg.

Der preußische Ministerpräsident Braun hat an den Generalbevollmächtigten des vormaligen preußischen Königshauses, Geheimrat von Berg, ein Schreiben ge­richtet, in dem er auf die Anregung Herrn von Bergs antwortet, zur Beruhigung des öffentlichen Lebens in neue Abfindungsverhandlungen einzutreten. Minister­präsident Braun teilt Herrn von Berg mit, daß die preußi­sche Regierung zu Verhandlungen grundsätzlich bereit sei. Diese Verhandlungen dürften aber nicht, wie von Herrn Voit Berg gewünscht, auf den Vertrag vom 12. Oktober 1925 zurückgreifen, sondern müßten, nach Ansicht des Mi­nisterpräsidenten, an das Ergebnis der Beratungen des Reichstages über den Entwurf eines Reichsgesetzes über die vermögensrechtliche Auseinandersetzung zwischen den Ländern und den vormals regierenden Fürstenhäusern anknüpfen. Ministerpräsidt Braun möchte sich also von vornherein alle die Vorteile sichern, die der Rechlsans- schuß des Reichstags bei seinen letzten Beratungen für die Länder herausgeholt hat.

Besichtigung der Provinz Grenzmark.

D,e rOberpräsidenlüberihreschwereLage.

Unter Führung des Oberpräsidenten der Provinz Grenzmark, v. Bülow, fand eine mehrtägige Besichti­gungsreise der Provinz Grenzmark, an der sich zahlreiche Ministerialkommissare und Mitglieder des Preußischen Landtages beteiligten, statt.

Am ersten Besichtigungstage hielt in Fraustadt im Anschluß an eine Besichtigung der Schulen und Kirchen der Oberpräsident vor zahlreichen Vertretern aus allen Ständen der Bevölkerung einen Bortrag, in dem er auf die schwere Lag- der Grenzmark und die Probleme, die zur Stärkung des Deutschtums in der Ost­mark zu lösen wären, hinwies.

Über die Kreisstadt B 0 m st ging es dann nach Meseriß, wo die Gäste durch die neugeschaffenen Siedlungen der Grenzstadt geführt wurden. Man gewann allgemein die Überzeugung, daß Meseritz im Ver­hältnis zu seiner Grüße unverhältnismäßig viel zur Be­seitigung der Wohnungsnot und zur Aufnahme der zahl­reichen aus dem Osten zugezogenen Optanten geleistet hat.

Der zweite Tag mar der Bereisung des Kreises Schwerin gewidmet; man nahm hier besonders die durch das Hochwasser angerichteten Schäden und die um­fangreichen Verheerungen, die die Forsten durch das Auf­treten der F 0 r l e u l e erlitten haben, in Augenschein. Die weiteren Stationen der Reise waren Schönlanke, Schloppe, Deutsch-Krone, Schwetz und S ch n e i d e m ü h l. Ramens der Reiseteilnehmer betonte hier Abg. Riedel, der Vorsitzende des Ostausschusses, die Notwendigkeit einer weitsichtigen OstP 0 litik, bei der Außen­politik des Reiches und preußische Innenpolitik verständ­nisvoll zusammenarbeiten müßten. Ministerialdirektor Löhrs brachte die Bereitwilligkeit der Staats- und Reichsbehörden, den Wiederaufbau der Provinz tatkräftig zu fördern und die Selbstbehauptung deutscher Kultur im Osten zu stützen, zum Ausdruck.

Bombsnântat in Kattowitz.

Politische Kampsmeth 0 de der Polen.

Auf die Druckerei der Korfanty gehörigen Zeitung Polonia" in Kattowitz wurde ein Bombenattcntat ver­übt. Es wurden mehrere Sprengladungen zur Entzüm du»g gebracht, durch die erheblicher Schaden angerichtet wurde. Die Polizei verhaftet- eine Reihe von Personen, von denen die meisten polnischen Ausständischen-Organi- sationen angchüre«. Die Verhafteten gaben bei ihrer Ver­nehmung zu, daß sic beabsichtigt hatten, durch ihr Attentat Korfanty eines seiner Zeitungsorgane z» berauben.

Die weitere Untersuchung des versuchten Bomben- attentats auf dasPolonia"-Gcbände ergab u. a., daß der Sekretär des aufständischen Verbandes einen gewissen Skrzypca in Kochlowitz zu öem Attentat gedungen und ihm gute Bezahlung zugesichert habe. Auch gegen die Fi­liale derPolonia" in der Friedrichstraße sei ein Attentat beabsichtigt gewesen. Eine Untersuchung der Bombe durch Sachverständige ergab, daß ein Attentat gegen die Filiale im Innern der Stadt den Einsturz der umliegenden Häuser verursacht haben würde. Das beschlagnahmte vor­handene Material soll sehr belastend sein und wird an­scheinend noch Aufschluß über die letzten Attentate bringen. Bisher steht fest, daß alle Attentate aus den Kreisen der Autztändischen hervorgegangen sind, auch die, die oftmals den Deutschen angedichtet wurden.

Einnationales Wett in Frankreich.

Die Berufung pomcares.

Der Präsident der Republik, Doumergue, hat nach Be­sprechungen mit dem Kammer- nnd dem Senatsprüsidenten Poincarè mit der Bildung des neuen Kabinetts beauf­tragt. Diesen Besprechungen ging der Empfang einer Delegation der Nationalen Vereinigung der Invaliden und Frontkämpfer voraus, die dem Präsidenten der Republik ihren entschiedenen Willen zum Ausdruck brachten, unverzüglich und unter Umgehung jeder politischen Frage ein Ministerium der nationalen Wiederaufrichtung zu bil­den, das geeignet wäre, allen Klassen des Volkes das Ver­trauen wirdrrzugebkn.

Poincarè hat sofort nach der Betrauung Verhand­lungen mit verschiedenen führenden Politikern ausgenom­men. Er soll beabsichtigen, sein Kabinett möglichst aus sechs Ministern zu bilden, falls ihn nicht Parteirücksichten zwingen, die Zahl seiner Mitarbeiter zu erhöhen. U?a. hat Poincarè mit Barthou und Briand verhandelt und es heißt, daß Briand wieder mit der Führung des Außen­ministeriums betraut werden soll, während Poincarè neben dem Posten des Ministerpräsidenten auch die Lei­tung des Finanzministeriums übernehmen will.

Die Nachricht vom Sturz der Regierung Herriot hat in Paris keine besondere Überraschung hervorgerufen. Die Presse nimmt den Sturz Herriots und die Berufung Poincarès im allgemeinen als eine Selbstverständlichkeit hin. Die französische Öffentlichkeit fühlt sich im allge­meinen durchaus erleichtert und hofft vor allem auf eine starke Besserung des Frankenkurses. Es wird darauf hin­gewiesen, daß die Regierung Herriot mit ihrem Sturz unmittelbar nach der Regierungserklärung nur auf wenige Vorbilder zurückblicken kann. Lediglich das Ministerium Rochebourg im Jahre 1877 und die Regierung Ribot im Jahre 1914 erlebten das gleiche Schicksal. Im allgemeinen geht der Eindruck dahin, daß mit der Berufung Poincarès die politische r.-ise ihrem Ende entgegengeführt wird. Von der gesamten Presse wird das Kabinett Poincarè begrüßt. Eine Ausnahme machen nur einige Linksblätter wie dasOeuvre", das ein elftes Kabinett Briand wünscht, und derQuotidien", der Herriot den Dank der Demo­kratie ausspricht.

Straßenkundgebungen in Paris.

Der Ruf nach Poincarè.

Während der Kammersitzung wurde das Parlaments- gebände von Tausenden von Demonstranten umlagert, die Kundgebungen gegen Herriot veranstalteten. Über diese Straßenknndgebungen wird von der offiziösen Havas- agentur folgende Darstellung verbreitet:

Bei Eintritt der Nacht stießen etwa 1000 Personen vor dem Kammergebäiide aufgeregte Rufe aus:Nieder mit Herriot! Auflösung!" Auch wurde gepfiffen. So­bald die Nachricht von dem Sturze des Ministeriums be­kannt wurde, verdoppelten sich die Kundgebungen gegen Herriot und die Parlamentarier.

Es wurden Rufe laut:Davonjagen'" .Nieder­machen!" Abgeordnete, die die Kammer verließen, hatten, von diesen Kundgebungen überrascht, eiligst wieder kehrt- gemacht. Die immer größer werdende Menge der Mani­festanten habe dann gerufen:Poincarè! Poin- c a !" und Maginot und Franklin Bouillon Ovationen bereitet, die kommunistischen Abgeordneten Vaillant Cou­turier und Cachin seien dagegen mit Pfuirufen empfangen worden. Vaillant Couturier habe sogar einen Stock­hieb aussen H u t erhalten. Darauf hätten sich die Kundgebungen der Menge nicht beschränkt, neue Pfuirufe seien ertönt, als ein K r a f t w a g e n mit T 0 u r i st e n vorbeigekommen sei. Gegen 11 Uhr habe berittene Polizei den Platz gesäubert. Die Menge habe jedoch Widerstand geleistet. Einige Zwischenfälle seien zu verzeichnen. Die Manifestanten hätten Wagen angehalten, in denen sie Ab­geordnete vermuteten, und erst, als der Regen eingesetzt habe, seien sie davongegangen. Eine stärkere Abteilung von Teilnehmern an diesen Kundgebungen habe sich vor das E l y s e e begeben. Als der Wagen Herriots, der dem Präsidenten der Republik seine Demission überreichen

politische Rundschau.

Deutsches 2Rekb.

Chamberlain über Deutschlands Abrüstung.

Im englischen Unterhause erwiderte der Staatssekre­tär des Äußern, Chamberlain, auf eine Anfrage nach dem Charakter der kürzlich von dem Leiter der Inter­alliierten Militärkontrollkommiflionen der deutschen Regie­rung übermittelten Roten, daß in der letzten Zeit keine Note besonderen Charakters von der Kon­trollkommission an Deutschland gerichtet worden sei. Auf die weitere Frage, ob man annehmen könne, daß der Zu­stand der A b r ü st u n g i n D e u t s ch l a n d vollkommen befriedigend sei, antwortete Chamberlain:Ich bedauere, sagen zu müssen: Rein!"

Die Arbcitsbeschaffungskonferenz.

Im R e i ch s a r b e i t s m i n i st e r i u m in Berlin begann die Konferenz der zuständigen Reichsministerien mit den Vertretern der Länder, des Reichsstädtetages und des Vcrwaltnngsrates für Arbeitsvermittlung über die Beschaffung von Notstands arbeiten. Es handelt sich bei dieser Beratung um die Einzelheiten des von der Reichsregierung ausgestellten Programms und

wollte, vorbeigekommen sei, seien die Pfuirufe und die Pfiffe wieder ertönt. Der Ordnungsdienst habe die Zu­gänge zum Elysee und zum Ministerium des Aeußeren schnell räumen lassen.

Intermezzo.

Das Pariser Regierungsintermezzo war kurz. Der Ministerstürzer von gestern wurde heute gestürzt. Herriot ist aber mehr als gestürzt, mehr noch: sein politischer Ruf hat einen schweren Schlag erlitten. Mehr noch: er hat seinen eigenen Sieg vom 11. Mai 1924, dem Wahltage, der die poincariftische Mehrheit der Depu­tiertenkammer beseitigte, dort die Linke als die Stärkere einziehen ließ, durch seinenerfolgreichen" Angriff aus Briand-Caillaux zunichte gemacht; denn Poincarè ist es, der jetzt mit der Kabinettsbildung betraut wurde und wohl Glück damit haben wird. Der Widerstand, den Herriotzum Schutz der Demokratie" gegen das Ermäch­tigungsgesetz leisten zu müssen glaubte, ist hinweggcfcgt worden durch den Sturm aus die Banken, durch die Wciae- rnng, den Frank als Zahlungsmittel anzunehmen, durch die Mitteilung des Finanzministers, daß ,.(ein Cen - timemehr i n d e n Staatskassen sei". Richt etwa bloß auf die bisherige Rechtsoppofition kann Poineaco zählen, er wird auch die rechten Flügelparteien des bis­herigen Linkskartells für sich haben und wohl auch zahl­reiche Deputierte, die noch weiter links sieben. Unb er wird sicherlich, wenn er cs für nötig hält, von der Kam- mer sein Ermächtigungsgesetz bewilligt erhalten: ist doch auf die bloße Gewißheit hin, daß Herriot stürzen würde, der Frank schon gestiegen.

Wilde" Szenen in der Kammer, wo dertod­geweihte" Ministerpräsident eine kurze nichtssagende Er­klärung verliest, dann sein ebenso kurzlebiger Finanz- minister eine Darstellung der finanziellen Misere gibt. Der Staat Frankreich wäre bankerott, wenn man nicht schnell noch den Rest der Morgan- Ä »leihe von 100 Millionen Dollar, von denen aber kaum noch 35 Mil­lionen übrig sind, hineingeworfen hätte a l 8 D a m in g e * gen den rasenden Strom aller jener, die die kurz­fristigen Schatzscheine, die Rationalbonds usw. einzuwech­seln verlangten, ein Ansturm, der bei der Kunde von Bri­ands Sturz einsetzte. Und Briand läßt es sich nicht nehmen, bei dem Wort des Finanzministers über die Leere der französischen Staatskassen mit größter Schärfe darauf hinzuweisen, daß Herriots Vorgehen daran schuld sei. Das war der T 0 d e s st r e i ch und dieHinrich, jung" ließ dann nicht mehr lange auf sich warten. Wilde Szenen vor der Kammer, wo Tausende unter lauten Ver­wünschungen gegen Herriot demonstrieren und sich mit der Polizei herumprügeln. Gegendemonstrationen setzen ein, kurz ein wildesDurcheinander.in dem alles nach demstarken Mann" schreit. Das soll nun Poincarè sein, der Gestürzte von vorgestern, gerade der Mann, dessen Politik mit der Parolele boche payera tont*, der Dentsche wird alles bezahlen, Frankreich eigentlich in die Misere hineingeritten hat.

Daß wir Deutsche dieser neuesten Entwicklung d-r französischen Krise, diesem Wiederaufrücken Poincarès, des Ruhreinbrechers und Kriegsschürers, zur Macht mit mehr als gemischten Gefühlen gegenüberstehen, braucht nicht erst gesagt zu werden. Ob er, der außenpolitisch lediglich mit der primitiven Methode der Gewalt arbeitete, nun auch innenpolitisch wirklich der ersehntestarke Mann" ist, wird sich erst noch erweisen müssen, denn hier Hilst die brutale Machtmcthode nicht im geringsten. Wir Deutsche haben ja auch ein ganz wesentliches Jntcresie daran, daß endlich die schwere Störung der wirtschaft­lichen Beziehungen Frankreichs infolge der Frankinflation beseitigt wird, haben nichts dagegen, wenn dies auch durch Poincarè geschieht. Ob fein Wiederauftreten nun auch außenpolitische Folgen haben wird auch das wird erst die Zukunft weisen. Eine nahe Zu­kunft: denn in anderthalb Monaten beginnt die Völker- bundtagung in Genf, wird die Frage des deutschen Ein­tritts aufgeworfen sein.

um die Feststellung, welche Notstandsaroeiten in nächster Zeit in Eingriff genommen werden sollen.

Völkcrbundtagung auf teutschem Boden.

Vom 25. bis 29. Juli wird der vom Vcrkchrsansschuß des Völkerbundes eingesetzte Sachverständigenausschuß für die Vereinheitlichung des Privatrechts in der Binnen­schiffahrt in Hamburg tagen. Dem Sachverständigen­ansschuß gehört als deutsches Mitglied der Präsident des hanseatischen Oberlandesgerichts Professor Dr. Mittel- stein an. Es ist dies das erstemal, daß eine Oraani- alliierten Militärkontrollkommiffionen der deutsck-cii Regie- sammentritt.

Aus In- und Ausland.

Berlin. Der Reichspräfivent empfing den deutschen Botschafter in Washington, von Maltzan, sowie den neu- ernannten deutschen Gesandten in Wien, Gras Lerch 0 nfcld,

Berlin. Reichskanzler Dr. Marr bat dem Staatssekretär Dr Kcmpncr anläßlich seines Ausscheidens aus der Reichs­kanzlei in einem Abschicdsschreibcn herzlichen Tank für seine bisherige Tätigkeit ausgesprochen.

Berlin Der Preußische Staatsrat bat geb am 22 Juli nach Erledigung einer umfangreichen Tagesordnung bis zum 5. Oktober vertagt.