Einzelbild herunterladen
 

Zul-aer /lnzeiger

»ÄÄ£« Tageblatt für Rhön ua- Vogelsberg ö*KÄÄ

Bahnfperre usw. erwachsen -m> Bezieher keine Zul-a- und Haunetal Zul-aer Kreisblatt Reklamezeile 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 M., Mitglied des Vereins deutscher Zeitun-sver^ Re-aktton UN- Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 Zernfprech-Rnschluß Nr.-S- wng°ha?Zahlun? innechalb^'l^gm zu^erfo!^ leger. Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. 5585 Nachdruck -«mit * vrrschrnrn Frlltrl nur mit churllruaugod» .Zuldarr Fnzrtgrr'grstott^. gen Tag« und Piatzvorschristen unverbindlich.

Nr. 181 1926

Fulda, Samstag, 17. Juli

3. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Reichskanzler Dr. Marx ist von seiner Rheinlandreise nach Berlin zurückgckehrt und hat wieder die Leitung der Reichs­geschäfte übernommen.

* Der Reichskommissar für die besetzten Gebiete wird von der Interalliierten Rheinlandkommission wegen der Zwischen­fälle in Germersheim Genugtuung verlangen.

* Der Bischof von Rottenburg, Dr. Wilhelm von Keppler, der weit über die Grenzen Württembergs bekannt war, ist an den Folgen einer Herzschwäche gestorben.

* Das Sanicrungsprogramm, das Finaiumintster Caillaur dem französischen Parlament verlegt, sieht für die Regierung außerordentliche Vollmachten und für das Land drakonische Sparmaßnahmen vor.

Sommerliches.

Auf Regen ist nun wieder Sonnenschein gefolgt, ganz wie unsere alte Spruchweisheit es vorschreibt. Und batten wir zuvor des himmlischen Nasses zu viel, viel zu viel, so jammern wir jetzt schon über die Unerträglichkeit der Hitze, die sich plötzlich auch in Mitteleuropa eingestellt hat. Natürlich marschiert Amerika auch bei diesem Umschwung von einem Extrem zum anderen an der Spitze der Natio­nen. Die hochsommerliche Glut soll am Hudson und am Mississippi nachgerade alle Vorstellungen überschreiten. Die Menschen fallen wie die Fliegen. Neidlos gönnen wir den guten Aankeeleuten auch in dieser Beziehung den Rekord, ohne den sie nun einmal nicht leben und nicht ster­ben können. Mit einem Schlage geht bei ihnen gleich der zehnte Teil des gesamten Pulvervorrates der Kriegs­marine in die Luft. Wir veranstalten im Grunewald ein Internationales Automobilrennen, das mit Geschwindig­keiten bis zu 150, 160 Kilometern gefahren wird, und wenn dabei ein oder zwei Menschenleben umkommen, so sind wir zu Tode erschrocken, schlagen Lärm ob solcher Un­vernunft und geloben hoch und teuer, daß so leichtfertig unternommene und so unvollkommen durchgeführte Ver-

Miiö

etwas höher im Kurs, trotzdem die sich unaufhaltsam häufen wie die Selbstentlei­

austaltung WWW immer

bungen. Gut, mögen andere Nationen in dieser Beziehung großzügiger sein, wir sind nun einmal etwas altväterlich veranlagt und werden es wohl auch bleiben. Wer weiß, wozu es gut ist.

*

Darin besitzen wir eine gewisse Verwandtschaft mit unseren lieben Vettern jenseits des Kanals. Gewiß, sie sind außerordentlich fortgeschrittene Leute, diese Englän­der, wenigstens nach ihrer eigenen Überzeugung, und keiner von ihnen würde es ungestraft durchlassen, wenn sie etwa jemand für rückständig oder schwerfällig halten wollte. Aber was die Aufrechterhaltung altüberlieferter Sitten und Gebräuche betrifft, auch wenn sie nicht vom Willen des ganzen Volkes getragen werden, sondern nur eingewurzelter Gewohnheit der führenden Schichten ihre Erhaltung verdanken, so versteht man in London keinen Spaß. Als kürzlich das von der Regierung eingebrachte Gesetz zur Neuregelung der Arbeitszeit in den Kohlengruben vom Oberhaus beraten wurde, drangen einige Mitglieder des Unterhauses in den Sitzungssaal, wo sie einen Höllenlärm verursachten und durch handfeste Beschimpfungen des Präsidenten oder, wie es im Englischen heißt, des Herolds des Oberhauses, ihrer Entrüstung über den schmählichen Anschlag aus die Arbeiterschaft Ausdruck gaben. Erfolg natürlich gleich Null. Das Gesetz wurde in der vorgenommenen Frist glatt erledigt. Aber das Oberhaus schnaubte nach Rache, und eine stattliche Anzahl seiner Mitglieder tat sich zusam­men und reichte beim Unterhaus den förmlichen Antrag ein, Genugtuung zu gewähren Genugtuung für uner­hörte Beleidigungen der Würde und des Ansehens der Ersten Kammer, Genugtuung namentlich für ihren Sprecher und Hüter der Tradition, Entschuldigung für die unerhörten Respektlosigkeiten, begangen von Mitgliedern des Unterhauses gegen das Oberhaus, und entsprechende Abkanzlung der wilden Männer in den eigenen Reihen. Der Antrag wurde natürlich mit über­wältigender Mehrheit angenommen. Das Gleich­gewicht der kochenden britischen Volks­seele ist also wiederherge stellt; für einige Zeit wenigstens, und das ehrwürdige Oberhaus hat seinen Schild wieder gereinigt, wie es sich gehört.

Aber als nun die Hitzetage kamen mit ihren auch für Londoner Nebelverbältnisse ganz ungewöhnlichen Ther­mometerzahlen, da konnte man wiederum im Unterhaus eine förmliche Revolution erleben: in diesem Haus der strengsten Etikette sah man plötzlich, wie die Herrschaften es sich bequem machten, die Röcke flogen über Bord, und wer es auch so nicht aushalten konnte, der streifte sich so­gar die Hemdsärmel hoch. Es gibt überdies auch Leute, die gesehen, mit eigenen Augen gesehen haben wollen, wie einige Hüter des Gesetzes, die in diesen Tagen auf den Ge­richten zu amtieren hatten, ohne Talar und ohne Perücke erschienen. Der Himmel ist trotzdem nicht eingestürzt in England, so viel Neigung er auch anderwärts gerade jetzt zu allerlei Extravaganzen gezeigt haben mochte.

*

Nur den edlen Polen scheint auch die ärgste Hitze nichts anzuhaben. In dem wunderhübschen Schloß Belve­dere sitzt jetzt Herr Pilsudski mit seinem obersten Kriegsrat zusammen und schmiedet R ü st u n g s p l ä n e für sein geliebtes Polenland. Schon sagt man ihm nach, es werde bald die Zeit kommen, daß er alles, was ein Schießeisen tragen könne, zu den Waffen rufen werde, um

WWIIM fiel der

Genugtuung für Germersheim verlangt.

Der Reichskanzler in Berlin.

Nachdem die Untersuchung der anläßlich der Krieger­vereinsfeier in G e r m c r s h c i m von der dortigen fran­zösischen Besatzung verübten Ausschreitungen deutscher­seits beendet ist, wird in Bälde der deutsche Kommissar für die besetzten Gebiete, Freiherr Langwerth v. Simmern, einen amtlichen Schritt bei der Interalliierten Rheinland- kommission tun, um Genugtuung zu fordern und Maßnahmen zu verlangen, die eine Wiederholung derartig skandalöser Vorgänge im gesamten besetzten Gebiet un­möglich machen. Die Untersuchung und weitere Beweis­aufnahme der Germersheimer Vorfälle, die vom Reichs- kommiffar für die besetzten Gebiete eingeleitet wurde, wird nunmehr in erster Linie von der bayerischen Regie­rung geführt werden.

Welche Schritte die Reichsregierung in der Frage der neuen E n t w a f f n u n g s n o t e n vornehmen wird, steht noch nicht fest. Zwar ist Reichskanzler Dr. Marx von seiner Rheinlandreise wieder nach Berlin zu­rückgekehrt, doch soll noch die Rückkehr anderer für die Entscheidung wichtiger Persönlichkeiten, vor allem des Reichsaußenministers Dr. Stresemann und des Generals von Seeckt, von ihrem Urlaub abgewartet werden, bevor die Reichsregierung sich mit den Noten abschließend be­fassen wird.

die G r o tz m a ch t st e I l u n g Polens zu erkämpfen, und schon fliegen ihm daraufhin die Herzen seiner ach so heißblütigen Landsleute zu, die zunächst, da man wußte, daß er eigentlich von den Sozialisten herkam und in dem Verdacht stand, ein friedfertiger Mann zu sein, nichts von hm hören wollten. Nun, Herr Pilsudski wird es schon chasfen, nach den anderen berühmten Mustern, die ihm a in Rom, in Madrid, in Angora zur Verfügung stehen. Er wird feine und andere Leute in Genf über Abrüstung 'reden lassen, soviel sie wollen, und wird in Warschau um so eifriger nach dem Rechten sehen. Das nennt man dann vorsorgen vielleicht für noch heißere Tage, als wir sie jetzt zu genießen haben! Dr. Sy.

Bischof von Keppler gestorben.

In R o t t e n b u r g starb an Herzschwäche der würt- tembergische Landesbischos und Bischof von Rottenburg, Dr. Paul Wilhelm von Keppler. Er hat ein Alter von 74 Jahren erreicht.

Dr. von Keppler entstammte einer alten Gelehrten­familie, deren berühmtester Vertreter der Astronom Keppler war. Der Vater des Bischofs war Gerichtsnotar in Schwäbisch-Gmünd und gehörte der evangelischen Kon­fession an. 1875 erhielt Keppler die Priesterweihe. 1883 wurde er Professor für neutestamentliche Exegese in Tü­bingen. Nach elfjähriger akademischer Wirksamkeit wurde er als Professor nach Freiburg im Breisgau berufen. Am 11. November 1898 zum Bischof von Rottenburg gewählt, wurde er am 18. Januar 1899 als solcher konsekriert. 1903 nahm er an der Bewegung gegen den Reformkatholizis­mus durch mehrere Reden lebhaften Anteil. Keppler galt alseincrderbcsten Kanzelredner im Deutschen Reiche. Im August 1925 feierte er unter großer Anteil­nahme sein goldenes Priestcrjubiläum.

Außerordentliche Vollmachten für Caillaux

Drakonische Sparmaßnahmen.

Bei den Gesetzentwürfen, die der Finanzminister Caillaux dem französischen Parlament vorgelegt hat, handelt es sich um eine Ermächtigungsvorlage und um vier Anhänge. Im ersten Paragraphen der Vorlage for­dert die Regierung die Übertragung der parlamentarischen Rechte auf sich, um durch Dekrete die finanziellen Fragen zu regeln. Paragraph zwei schreibt vor, daß die Dekrete später dem Parlament zur Ratifizierung zu unterbreiten sind. In den Anhängen werden nähere Angaben gemacht über die geplanten Steuererhöhungen und Ersparnisse, über die Sanierung des Schatzamtes und die Währungs­stabilisierung. Die Regierung fordert die Übertragung der besonderen Befugnisse bis Ende dieses Jahres. Die Ratifizierung der Dekrete durch die Kammer soll im Ver­laufe von sechs Monaten erfolgen.

über die Sparmaßnahmen, die getroffen wer­den sollen, wird folgendes bekannt: 1. Sämtliche Be­amtenernennungen werden eingestellt. 2. Alle Neu- und Erweiterungsbauten, selbst wenn sie im laufenden Budget vorgesehen sind, werden aufgeschobcn. 3. Die Minister werden die erforderlichen Anweisungen geben, um die Verminderung ihres Personals auf die Stärke von 1914 vorzunehmen. 4. Sobald der Regierung durch Gesetz die nötigen Vollmachteil erteilt sind, werden Maßnahmen er­griffen werden, um den Konsum cinzuschränken, der zu übermäßigen Käufen im Ausland führt. Es werden fer­ner gefordert werden: Erhöhung der indirekten Steuern auf Grund des Koeffizienten 6 unter Zugrundelegung des Satzes vom Jahre 1916, Erhöhung der Cèdulessteuern (Cèdules sind die Schuldscheine von Hypothekeninstituten) um 25 % und Festsetzung des höchsten Steuersatzes für die Einkommensteuer auf 30 %.

Trotz dieses Caillauxschen Sanierungsplanes setzt sich die Abwärtsbewegung des französischen Franken fort. An der Berliner Börse konnte man am 16. Juli für eine Reichsmark etwa 10,2 Frank erhalten, während im Frieden bekanntlich ein Frank gleich 80 Pfennig war.

HMMmmW.

Auch in London scheint man über das Vorgehen der Interalliierten Militärloutrollkommission v e r - st i m m t zu sein, da, wie derDaily Telegraph" meldet, die Vorstellungen in Berlin gemacht wurden, ohne daß die Botschafterkonferenz zu Rate gezogen wurde. Da es sich aber nicht um eine rein deutsch-französische Angelegenheit handelt, habe, so meint derDaily Telegraph", Groß­britannien ebensoviel Recht, vollkommen auf dem lau­fenden gehalten und um Rat gefragt zu werden, wie irgendwelche anderen Unterzeichner des Vertrages von Versailles.

Die Reichsregierung wird am Dienstag zu einer Sitzung zusammentreten, um dringende Per- sonalfragen zu erledigen. Es handelt sich hierbei vor allem um die Neubesetzung des" I ustizmini­st e r i u m s , das jetzt von Reichskanzler Dr. Marx mit­verwaltet wird. Als neuer Justizminister ist der Zen­trumsabgeordnete Dr. Bell in Aussicht genommen, der diesen Posten schon im letzten Kabinett Luther erhalten sollte, nachdem der damalige Justizminister Marx zum Vorsitzenden der Zentrumsfraktion gewählt worden war. Außerdem wird sich das Reichskabinett nochmals mit der Ernennung Dr. Dorpmüllers zum Generaldirektor der Reichseifenbahn beschäftigen und es ist anzunehmen, daß die Reichsregierung nach dem zwischen ihr und dem Verwaltungsrat der Reichsbahn getroffenen Vereinberun- gen nunmehr diese Wahl bestätigen wird.

Das Ergebnis des Volksentscheids.

Amtliche Fest stellung.

Der Reichswahlausschuß ist heute vormittag unter dem Vorsitz des Reichswahlleiters, Präsidenten Wage­mann, zu einer öffentlichen Sitzung zur Feststellung des endgültigen Ergebnisses des Volksentscheides vom 20. Juni zusammengetreten. Die Zahl der ortsansässigen Stimmberechtigten wurde auf 39 507 673 festgestellt, die Zahl der ausgestellten Stimmscheine auf 278 277, so daß insgesamt 39 785 950 Stimmberechtigte im Reiche Vor- Handen waren. Von diesen gaben 15 599 797 ihre Stimme ab; die Stimmbeteiligung betrug daher 39,3 Prozent. Ungültige Stimmen wurden 558 903 abgegeben; von den 15 040 894 gültigen Stimmen lauteten 14 455 184 auf Ja, 585 710 auf Rein. In der Gemeinde Lissau (Kreis Schlochau) hat die Abstimmung nicht stattsindeii können, da der zum Abstimmungsvorstcher ernannte Gemeinde­vorsteher sich geweigert hat, die für die Durchführung der Abstimmung erforderlichen Maßnahmen zu treffen. In der Gemeinde Schönitz (Landkreis Dessau) hat die Ab- stimmung nicht erfolgen können, weil der Ort infolge des Hochwassers der Elbe völlig unter Wasser stand. Es handelt sich um 19 Stimmberechtigte. Am Anschluß an die Feststellung wurde angeregt, den Reichsminister des Innern zu bitten, auf die Länderregierungen dahin einzu- wirken, daß die Wählerlisten (Wahlkarteien) nachgeprüst und künftig stets auf dem laufenden erhalten werden.

potèiifche Rundschau.

Deutsches Zieich

Der Reichskanzler über das besetzte Gebiet.

Aus seiner Rycinlandreise hat Reichskanzler Dr. Marx auch in Erkelenz und Reuß Ansprachen gehalten. In Reuß sagte er u. a., daß durch die noch andauernde Besetzung weiter Teile des Rheinlandes der Krieg leider immer noch weitergehc. Solange dieser Kriegszustand andauere, bleibe der Pfahl im Fleische des deutschen Volkes sitzend Wenn man draußen in der Welt den Frieden wahrhaft wolle, so müsse man angesichts der deutschen Friedensgesinnung die noch be­setzten Gebiete freigeben. Seine Aufgabe im September bei den Verhandlungen in Genf werde in dieser Rich­tung liegen.

Deutsch-belgisch luxemburgischer Grenzpakt.

Die deutsch belgisch-luxemburgischen Grenzverband- lungen haben zu einem A Momme n über sachliche Er­leichterungen im kleinen Grenzverkehr zwischen Deutsch­land und der belgisch luxemburgischen Wirtschastsunion geführt. Das Abkommen gewährt in erheblichem Umfange Zollbefreiungen für solchen Waren­austausch, der im Interesse der Grenzbevölkerung, beson­ders der Bewirtschaftung der an der Grenze gelegenen Grundstücke, liegt.

Großbritannien.

X Britische Reichskonferenz am 5. Oktober. Die britische Reichskonferenz wird, wie Ministerpräsident Baldwin im Unterlaufe mitteilte, am 5. Oktober in London zusammen­treten. Die von der Regierung entworfene Tagesordnung umfaßt folgende Punkte: 1. Allgemeiner Überblick über die außenpolitische Lage; 2. Verteidigungsfragen; 3. die Entwicklung der Reichsverbindungswege; 4. Memungs- auslausch zwischen den Regierungen des britischen Im­periums über Angelegenheiten von gemeinsamem ^ntcr« esse; 5. wirtschaftliche Fragen: 6. Handels-Luftfahrt-Ver- bindungen; 7. Maßnahmen zur Festigung der fulturellen Beziehungen innerhalb des Reiches.