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Nt. 143 Fulda, 26. Juni 1926

Menschenkenner.

Luc. 6, 42: Hakt stille, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen!

Mir kann keiner was vormachen! Ich kenne die Menschen!" So hört man oft Leute reden, die sich dann rühmen, welchen scharfen Blick sie haben für die Schwächen und Fehler ihrer Mitmenschen. Mir kommen sie meist vor wie Leute, die auf einem neuen Kleid einen Fleck sehen, die aber vor lauter Hellsichtigkeit nicht sehen, daß das ganze große Kleid aus gutem Stoff ist. Als ob das eine Kunst ist, Flecken zu sehen! Wer an anderen bloß die Fehler sieht und sich darauf noch was einbildet, soll sich sein Lehrgeld wiedergeben lassen. Er ist ein elender Stümper. Die wahre Menschenkenntnis fängt erst da an, wo der Blick nicht an dem aufdringlichen Flecken haften- bleibt, wo das Auge hinter dem Schlechten das Gute sieht, das auf dem Grund der Seele liegt und gerne heraus möchte. Jesus hatte diesen Blick für das Gute. Er fand es auch da noch, wo es tief verschüttet war. In diesem Guten erkannte er dann das wahre Wesen des Menschen und er glaubte an die Kraft dieses Guten. Liebevoll und gläubig beseitigte erbann die Flâen, räumte er hinweg, was das Gute bisher niedergehalten und seine Entfaltung gehemmt hatte. Und so gelang es ihm, gerade aus den scheinbar Verlorenen prachtvolle Menschen herauszuholen. Wer will umlernen? An uns die Fehler sehen, an anderen das Gute finden, das ist wahre Menschenkenntnis. P. H. P.

50 Jahre Michsgesundheiisami.

Bevorstehende Feier des Jubiläums.

Das Reichsgesundheitsamt in Berlin blickt in diesen Tagen aus eine fünfzigjährige Tätigkeit zurück. Es wurde 1876 gegründet, um den Reichskanzler auf dein Gebiete Der Medizinal- und Veterinärpolizei, besonders hinsicht­lich der Ausführung der auf dieses Gebiet bezüglichen Ge­setze, zu unterstützen. Das Gesundheitsamt zerfällt in »ine medizinische Abteilung, eine naturwissenschaftliche Versuchsabteilung und eine biologische Abteilung für Land- und Forstwirtschaft; obwohl es nur beratenden Charakter besitzt, hat es vielfach außerordentlich segensreich gewirkt. Es sammelt und bearbeitet in übersichtlicher Form die statistischen Erhebungen über die herrschenden Krankheiten, über die Todesursachen der Verstorbenen, über die Geburten und die meteorologischen Verhältnisse, liefert technische Untersuchungen für hygienische Zwecke, entwirft die Sanitätsgescye usw. In seinen regelmäßig erscheinenden Veröffentlichungen sind schon wiederholt epochemachende wissenschaftliche Arbeiten publiziert wor­den, wie z. B. Ro b e r t K ochs Untersuchungen über die Tuberkelbazillen, über die Bazillen der Rotzkrankheit, Untersuchungen über Tierseuchen u. a. Und dann gab es wertvolle Schriften über Kaffee, Honig, Konservierungs- ^^^ ^^ ^^^^ - ^^ ^^ n ii A~y ^L 0 ^^jis^^^i ^iH^Ä^^ *^*^ ^) ^ s

Ruhr, Cholera, Tuberkulose, Mitteilungen über Pflanzen­krankheiten und vieles andere wertvolle Material heraus. Am Tage des Jubiläums, das am 30. Juni gefeiert wer­den soll, wird nach zwanzigjähriger erfolgreicher Tätig­keit der gegenwärtige Präsident des Reichsgesundheits- amtes, Bumm, aus dem Amte scheiden.

Neuere Meldungen.

Die Erkrankung Minister Severings.

Berlin. Zu den Meldungen über eine schwere Erkra,»- kuna des Ministers Severing wird von amtlicher Seite nur- aeteilt daß der Minister auf dringendes Anraten der Arzte bereits vor acht Wochen einen Erholungsurlaub angetreten bat da er infolge Überarbeitung dringend einer Aus­spannung bedurfte. Nach Ablauf von acht Wochen unterbrach er den Urlaub, mußte iebodi wieder auf Anraten der Ärzte

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Die Rose vom Haff

gilt Kosroman von Emile ErhsrI (Samin v. Warburg).

55) (Nachdruck verboten.)

Amalie!" rief der Prinz ebenso entrüstet als erstaunt.

Ja, ja," versicherte die Prinzessin unbeirrt,ich fand neulich lebhafte Bewunderung! Ach, welch ein Hochgenuß, so sicher und leicht dahinzuschweben; es entzückt wie ein frischer Ritt über das freie Feld! Ich liebe beides unend­lich mehr als den Tanz, weil man sich beim Reiten und Schlittschuhlaufen einer süßen Täuschung von Selbstän­digkeit und Freiheit hingeben kann."

Freiheit und Selbständigkeit!" wiederholte derPrinz spöttisch.Ein Streben danach würde das letzte sein, was ich in dir gesucht hätte."

Wer weiß, welche lleberraschungen dir bevorständen, wenn du dich wirklich einmal an das Suchen begäbst!" warf Prinzeß Amalie ein.

Es klang wie leichte Neckerei, der.Prinz antwortete aber mit einem seiner faszinierenden Blicke, die er noch nicht an seine Gemahlin verschwendet hatte. Zugleich frag­te er bedeutungsvoll: >

Wünschest oder fürchtest du das?"

Ein Schlag ins Wasser! Blick und Wort blieben wir­kungslos, Prinzeß Amalie lachte nur, und des Prinzen Antlitz färbte sich um eine Nuance dunkler.

Worüber lachst du, wenn ich fragen darf?"

Ueber das Pathos in der Komödie! So ernsthaft meinte ich es nicht! Was sollte ich denn zu wünschen oder zu fürchten haben? Das hieße ja ungefähr so viel wie verlieren und gewinnen und hätte ebensowenig Bedeu­tung für mich!"

Dann fügte sie ernst hinzu:Um aber auf mein Schlittschuhlaufen zurückzukommen: wenn du es wirklich nicht gern siehst, so verzichte ich auf dies Vergnügen, lieber Achim."

Der Prinz fühlte eine großmütige Regung, deren er sich schämte, nachdem er sich aber durch einen fluchtigen Blick überzeugt hatte, daß weder die Demut pon früher, die er verachtete, noch Spott, wie in der letzten^Zeit so oft, sondern nur ein liebenswürdiger Ernst und,,poch etwas Wärmeres in dem Gesichte seiner Frau schimmerte, da überwand er seinen Stolz und ließ sich herab, zu sagen:

Wenn ich zum Beispiel dein Partner für solche Par­tien wäre, so würde das Unziemliche derselben fortfallen."

ëmesi langen Ustaub antreten, da seine 'Nerven noch Auxerst geichwucht find. Der Minister Hut sich luxtin Sanatorium be­geben und wird dort voraussichtlich noch mehrere Wochen bleiben.

Drahtlose Telephonie Berlin-Vuenos Aires.

Berlin. Die deutsche drahtlose Telephonie hat einen neuen Erfolg zu verzeichnen. Es ist gelungen, drahtlose Tele- phonievrrsuche, die in Nauen mit dem neue» für die Bildüber- tragung erbauten Kurzwellensender gcniachl wurden, einwand­frei in Rom, Buenos Aires und teilweise auch in Japan zu hören.

Neue schwere Bluttat in Schlesien.

Reichenstein. Eine furchtbare Bluttat erregt die Gemüter der Einwohner der hiesigen Stadt und Umgegend. Die Fa­milie des Kaufmanns Steier wurde erschossen in der Wohnung aufgefunden, und zwar der Ehemann, die Frau und zwei Kinder. Es besteht Zweifel, ob Mord oder Mord und Selbstmord vorliegt. Steier war zwar zurzeit stellungslos, lebte aber in auskömmlichen Verhältnissen; es sind keinerlei Selbstmordabsichten bei ihm in den Tagen vorher wahrge­nommen worden. Das Dienstmädchen, das in die Wohnung gehen wollte, fand die vier Personen im Blute schwimmend vor. Von behördlicher Seite wird Mord und Selbstmord an­genommen; aus diesem Grunde sind die Leichen von der Staatsanwaltschaft freigcgeben worden.

Neues Verbot einer Hitler-Versammlung.

München. Die Studentengruppe der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei hatte für den kommenden Dienstag eine Versammlung angekündigt, in der Adolf Hitler als Red­ner auftreten sollte. Die Polizeidirektion München hat, wie der Völkische Beobachter meldet, diese Versammlung mit der Be­gründung verboten, daß auch sie als öffentliche Versammlung angesprochen werden muß und daß öffentliche Versammlungen mit Hitler als Redner nicht zugelasien werden können.

Wmöerlmn über die ruffiftHrWen Beziehungen.

London. Außenminister Chamberlain hielt im Unter­haus eine Rede über die russisch-britischen Beziehungen. Er betonte, es liege keine Veranlassung vor, neue Verhand­lungen mit den Russen über Handels- und andere Verträge einzuleiten, solange sich die Sowjetregierung nicht dazu be­queme, den bestehenden Abmachungen nachzukommen. Trotz­dem wolle die britische Regierung nicht ohne weiteres alle Be­ziehungen abbrechen, da ein offener Bruch die Unruhe im eigenen Lande noch vermehren würde. Nach der Rede Chamberlains kam es zu lärmenden Protesten der Opposition, so daß die Sitzung geschlossen werden mußte.

~ Ein öffentliches Konsistorium. '

Nom. Der Papst hielt ein öffentliches Konsistorium ab, in welchem er dem Pronuntius in Paris, Kardinal Ceretti, und den beiden am 21. Juni kreierten neuen Kardinälen den roten Hut aussetzte. Der Papst ernannte ferner den bisherigen Bischof von Kattowitz, Hlond, zum Erzbischof von Gnesen und Posen sowie den Prälaten Arkadius Lisiecki zum Bischof von Kattowitz. Die Erzbischöfe von Gnesen und Posen, von Wilna und Kowno erhielten das Pallium. Bei der Zeremonie fehlte der Kardinalstaatssekretär Gasparri, der wegen eines leichten Unwohlseins das Bett hüten mußte.

Die AentMM der deutschen Indnstriè.

Die Brauereien an der Spitze.

Die Diskontogesellschast gibt eine Statistik über die Ren­tabilität der 700 größten deutschen Aktiengesellschaften heraus (im ganzen gibt es etwa 7000 Aktiengesellschaften und mehr als 20000 Fabriken mit anderer Gesellschaftsform); diese An­gaben sind immerhin interessant. Die durchschnittliche Ver­zinsung der Aktien wird für 1925 mit 5,4 %, für 1924 mit 4,1 % berechnet. Wenn man berücksichtigt, daß die allgemeine Verzinsung bei den Banken in diesen Jahren 810 % betrug, daß cs ferner Anlagemöglichketten im freien Geldverkehr zu «11 % gab, so ist diese Durchtchnittsverziusmig schlecht. Sie. deutsche Industrie war und ist größtenteils auch heilte noch nicht rentabel. Aber in normalen Zeiten bedeutet eine Ver­zinsung von 5,4 % nichts Ungünstiges; im Ausland beträgt die durchschnittliche Rentabilität der Industrie auch nur 6 bis 7 %. Betrachtet man die einzelnen Brauchen nach ihrer Rentabilität, so ergibt sich ein merkwürdiges Bild: die Brauereien verzinsen ihre Kapitalien durchschnittlich mit mehr als 11 % (zirka 11,1 %), die chemische Industrie mit 89 %, die Elektrizitätsindustrie mit 8 %. 219 Firmen verteilen über­haupt keinen Gewinn, darunter die Kohlenbergwerke und die großen Schiffahrtsgesellschaften. Ein Schwanken der Renta­bilität hat es bei den einzelnen Branchen immer gegeben, noch niemals aber ist die Situation so gewesen wie heute. Das Bild ist nicht gerade erfreulich, da es lehrt, daß in dem ver­armten Deutschland die Genußmittelindustrie am besten flo­riert. Währenddessen mutz die volkswirtschaftlich wichtigere

Du willst mich doch nicht begleiten?" fragte Prinzeß Amalie staunend und fast erschrocken.

Ich war im Begriff, mich dir anzubieten."

Nun lachte die kleine Prinzessin von neuem.

Ach nein bitte das wäre zu komisch! Was sollten denn die Leute davon denken?"

Etwas Besonderes doch wohl nicht."

O doch! Man könnte uns zum Beispiel für ein lie­bendes Paar halten!"

Das ließe sich vielleicht ertragen! Man würde jeden­falls sehen, daß am Hofe des Prinzen Joachim die Dehors gewahrt werden!"

Das Vergnügen verwandelte sich aber dabei zu einem Staatsakt, und ich würde in meinen Illusionen von Frei­heit und Selbständigkeit durch das Raffeln meiner Kette gestört."

Amalie!" rief der Prinz wieder, diesmal zürnend und vorwurfsvoll.

Lassen wir es, lieber Achim, es ist wirklich sehr gütig von dir, aber ich habe die Lust verloren. So etwas muß frisch, ursprünglich, unvorbereitet aus dem Herzen kommen, sonst geht der duftige Schmelz des Vergnügens verloren. Wir haben zu lange darüber diskutiert."

Es trat eine Pause ein; der Prinz fühlte sich vollstän­dig aus seiner Sphäre geworfen.

Nach dem Diner reichte die Prinzessin dem Gemahl die Fingerspitzen, die er durch eine Bewegung seiner Hand sonst zu fordern und flüchtig zu brühren pflegte. In Ge­genwart andrer verband er auch wohl einen Luftkuß in der Höhe der Stirn damit.

Diesmal hielt er die Finger der Gattin fest und neigte dabei sein Haupt so tief, als ob er die Lippen und nicht die Stirn der Prinzessin suchte. Sie bog schnell den Kopf zurück und sah ihm mit blitzenden Augen in das Gesicht, indem sie zugleich die Hand zurückzog.

Was soll das, Amalie?" fragte er überrascht.

Warum diese Komödie, wenn wir allein sind?" ant­wortete sie heftig: dann erinnerte sie sich, daß ihr kluger Lehrmeister, der Fürst Pückler, ihr geraten hatte, keiner leidenschaftlichen Regung, weder des Zornes noch der Eifersucht, dem Prinzen gegenüber nachzugeben. Es war ihr bisher leicht geworden. Diese Brosamen seiner Zärt­lichkeit beleidigten sie aber plötzlich, und das Bewußt­sein. dieselben ebensowohl wie seine Nichtachtung einst in sklavischer Demut hingenommen zu haben, hatte ihr das Blut heiß in die Wangen getrieben, so daß sie ihre Selbst­beherrschung beinahe verloren hätte.

Der Prinz sprach etwas von unberechenbaren Launen

Schiffahrt um ihre (fristen) kämpfen, obwohl' sie teilweise staatliche Unterstützung erhält. Es Laie wünschenswert, aus hier ein Ausgleich eintritt. An einer Senkung der Frachtsätze hat doch der Export und am Export find alle beteiligt das lebhafteste Interesse. Deutschlands Expottfähigkeit zu heben ist aber das Ziel der Wirtschaftspolitik überhaupt.

Ein neuer Kmöermsrd.

Der Kindermord von Neu-Sackisch aufgeklärt.

In einer Buchcuwaldschonung in der Nähe der Eisen bahnftrccke Duisburg Düsseldorf wurden die Leichen eines siebenjährigen Knaben und eines sünfjäh- tigen Mädchens ausgesunden. Den Kindern war die Hals­schlagader durchstochen und an einer Hand die Pulsader durchgeschnitten worden. Der Knabe ist der Sohn des Formers Schäfer, das Mädchen die Tochter des Hilfs­meisters Gelsleichler; beide Fautilieu wohnen in D u i s b u r g-W a n n h e i in c r o r t in demselben Hause. Die Kinder waren zum Spielen in den Wald gegangen. Der Kriminalpolizei ist es gelungen, dieMörderinzu verhaften. Es handelt sich um eine 19jährige unver­heiratete Nachbarin der betroffenen Familien. Die Be­weggründe der Tat sind noch in Dunkel gehüllt.

Inzwischen hat der Kindermord in Neu-Sackisch bei Kudowa eine überraschende Aufklärung ge­funden: die 13jährige Tochter des Eisenbahnbeamten Ge­bauer ist von i h r e m eigenen 17 j ä h r i g e n Bruder ermordet worden. Der junge Mann, dem merkwürdige Neigungen nachgesagt werden, bat zuerst im Hofe Ziegen und Hühner abgeschlachtet und dann seine junge Schwester, die ihn überrascht hatte, bis in den Keller verfolgt und dort in einer Art Blutrausch durch Stiche in den Hals getötet. Darauf hat er sich in seinem Zim­mer mit seinem eigenen Tesching eine Kugel in den Kopf geschossen. Auch dèr Breslauer Kinder mord steht, wie verlautet, vor der endgül­tigen Klärung.

Zeitgemäße Betrachtungen.

(Nachdruck verboten.)

Die Regenzeit.

Die Welt wird schöner jeden lag! Sang einst der Frühlingsdichter. Wer diesem Worte glauben mag, dem scheint die Zukunft lichter. Jedoch, wie die Er­fahrung lehrt, kommt es auch manchmal uingekehrt, die Schönheit künft'ger Tage bestimmt die Wetterlage!

So sind in Hossnungsfreudigkeit auch wir bergan geschritten, und haben in der schönsten Zeit Ent­täuschungen erlitten, es wurde schon zu unserm Leid die Maienzeit zur Regenzeit, und Wasser zog die Sonne im schönen Mond der Wonne.

Man wurde nicht des Lebens froh bei solcher Wet­terlage. Im Juni war es ebenso! Mit jedem neuen Tage wird die Prognose uns gestellt:Die Wolken ziehn, der Regen fällt." Wir müssen uns bescheiden, und müffen's eben leiden!

Die Welt wird schöner jeden Tag! Wer mag das heut noch sagen? Wohin man sich auch wenden mag, da hört man nichts als Klagen:Der Regen regnet jeden Tag!" Dem Landmann ist's ein schwerer Schlag, er konstatiert mit Sorgen: Es regnet heut und morgen.

Daß uns ein linder Regen frommt, steht sonst ganz außer^ Frage, doch wird, wenn er zu reichlich kommt, die Wohltat oft zur Plage. Der kleinste Bach wird reißend-wild, das Wasser rauscht, das Wasser schwillt, es findet keine Hemmung und führt zur Ueber- schwemmung!

Nun kam die schöne Sommerzeit,im Garten blüht die Rose, doch liest man mit Verdrießlichkeit die Witterungs-Prognose, sie hat uns wenig Trost ver- lieh'n,Der Regen fällt, die Wolken zieh'n," so steht es im Berichte. Die Hoffnung wird zu nichte!

Der Regen-Frühling ist vorbei, nun kam ein Regen- Sommer, es regnet noch wie einst im Mai. Drum ist's ein Wunsch, ein frommer, daß Pluvi us seine Schleusen schließt und daß es künftig nicht mehr »gießt," und uns als Trostbereiter die Sonne scheint

Ern st Heiter.

und wandte sich ab. Währenddessen hatte Prinzeß Amalie ihre wirksamste Waffe, den heiteren Spott, wiedergefun­den. Sie antwortete lächelnd:

Ich bin nun einmal keine Freundin von Zärtlichkeiten und zwecklosen Demonstrationen. Wenn es sein muß, wissen wir ja unsre Rollen zu spielen."

So trennten sie sich, ehe der Prinz Zeit und Ueber« legung gewonnen, sich in irgendeine Rolle zu finden.

Was war eigentlich geschehen? Wodurch war ihm diese kleine zarte Frau, an der er sich hätte vergreifen mögen, wenn es nicht so erbärmlich gewesen, plötzlich entwachsen? Er wußte sich es nicht zu erklären. Auch an Rose mußte er denken. Dies Natterngcschlecht, die Weiber! Er besaß einmal kein Talent, mit ihnen umzugehen, er hatte das schon früher erfahren. Zu seinem Glücke waren sie auch durchaus nicht nötig, deshalb hätte er nicht zu heiraten brauchen. Er hatte sich auch nur dazu bereitgefunden, weil man einen Erben von ihm erwartete, und er hatte eine unbedeutende Prinzessin gewählt, weil sie reich war.

Nun stimmte die ganze Rechnung vom Anfang bis zum Ende nicht, vom erwarteten Erben bis zum verheißenen Erbe. Der alte Fürst war offenbar nicht halb so reich, als man ihn gerühmt den Erben blieb sie schuldig, und unbedeutend war sie auch nicht. Das wäre am Ende kein Schaden gewesen, aber man lächelte wahrscheinlich über ihn, und das durste er sich nicht gefallen lassen. Es gibt kaum etwas Lächerlicheres als einen düpierten Ehe­mann. Vielleicht hatten sich auch diese beiden Frauzimmer hinter seinem Rücken verständigt. Es war schon möglich.

Er fuhr mit der Hand über die Stirn, die Kriegs­locke teilte sich, er beschloß, die beiden gefährlichen Damen zu trennen.

Mit Gewalt war nichts auszurichtcn, unter dem tyran­nischen Druck hatte sich ja die kleine Prinzessin emancipiert, war seiner starken Hand hohnlachend entschlüpft; aber es gab zum Glück noch andre Mittel und Wege, er wollte sie mit ihren eignen Waffen schlagen.

Unter diesen Reflexionen war er in seine Gemächer zurückgekehrt und fand dort den Grafen Petow. den er zu einem Rapport über den Ankauf von Trakehnerrappen befohlen, seiner harrend. Seine Hoheit hatten die Sache beinahe vergessen und schenkten dem Vortrag wenig Auf­merksamkeit. Von Pferden verstand der Prinz so wenig als von Weibern, es waren Transportmittel und Luxus­artikel. und eben stand ihm der Sinn wenig danach, sich mit beiden zu langweilen.

I (Fortsetzung folgt.) *