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Zul-aer Anzeiger

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Nr. 142 Fulda, 25. Juni 1926

Ein SM der Menschheit.

ZurEröffnungdesBerlinerMuseumsfür Völkerkunde am 26. Juni.

Das jetzt in der Reichshauptstadt vor der feierlichen Eröffnung stehende Museum für Völkerkunde ist kein völlig neues Gebilde, es ist vielmehr langsam gewachsen. Amtlich ist deshalb auch nur immer von einer „Neuord­nung" die Rede. In Wirklichkeit aber handelt es sich doch nunmehr um die eigentliche Geburtsstunde dieses Mu­seums, das uns in kurzem ein Bild unseres Erd­planeten vor Augen stellen wird, wie es an Groß­artigkeit und Eindringlichkeit ohne Vergleich ist. Bisher war das mächtige Gebäude in der Königgrätzer Straße ein Speicher, in dessen schlummernde Todesstille sich nur wenige Besucher verirrten. Ein Magazin, das lediglich für einen sehr kleinen Kreis von Fachgelehrten von Be­deutung war.

Durch einen Neubau im Vorort Dahle m ist eine Erweiterung geschaffen, in die vier Fünftel des bisher in der Königgrätzer Straße untergebrachten Materials über­geführt werden, um der ungestörten Arbeit der Forschung zu dienen. Ein Fünftel aber wird verwendet, um an der alten Stelle zu einer Schausammlung ausgestellt zu wer­den, die in unvergleichlicher Weise e i ii Bild der Menschheit in ihrer Ganzheit übermitteln wird. Von Pol zu Pol, durch alle Zonen und alle Länder, durch alle Religionen, Sitten, Lebensformen, durch die seltsamsten Gebräuche, Zauberriten, Tänze, Spiele, durch Glauben und Aberglauben werden wir hindurchwandern. In dem riesigen Bau ist durch zweckmäßige Umbauten viel Raum gewonnen rind außerdem das angrenzende ehe­malige Museum für K unstgewerbe hinzugenommen, dessen Schätze bekanntlich im Schloß am Lustgarten Unter­kunft gefunden haben. Beide Gebäude sind durch einen Bogengang verbunden worden. Schon vorher wurde in diesem zweiten Gebäude eine herrliche Aus- stellu n g chinesischer und japanischer Male- r e i zugänglich gemacht.

Eine große Anzahl von Sälen wird eine vergleichende Sammlung religiöser Kunst und Kultur enthalten. Eine derartige Sammlung befand sich bisher nur in einem Pariser Museum. Die Naturvölker, auch darunter die Po l a r st ä m m e , nehmen einen breiten Raum ein. Besser sollte es heißen „F r ü h k ii l t u r v ö l k e r", denn das Mnseum wird den Wahn gründlich zerstören, als ob wir es hier mit „Primitiven und Wilden" zu tun hätten. Schon die K u n st dieser Völker, die ja neuerdings besser gewürdigt ist, wird nicht nur dem Künstler Respekt ein­flößen. Zweckmäßige Inschriften unterrichten den Be­sucher und kleine populär geschriebene Führer leiten durch die einzelnen Abteilungen. Es sollen sachkundige Führungen veranstaltet werden, und Vorträge im Hörsaal, durch Lichtbilder verdeutlicht, sind geplant. Der große Lichthof wird eine vergleichende Sammlung von Fahrzeugen aller Art, auch Wasserfahrzeugen, aus weisen,

Die Eintrittshalle ist zu einer Gedächtnishalle für Ado l f Vast i a n gestaltet, den Begründer des Museums und dessen ersten Direktor. Ohne Bastians Reisen, die er bis in das Greisenalter fortsetzte, würde das Museum nicht bestehen. Er ist im Alter von 76 Jahren auf einer Forschungsreise in der Südsee gestorben. Ein langes Leben hindurch hat er unermüdlich die ganze Erde wieder und immer wieder umkreist. Zwei große Einsichten ragen aus seinem unübersehbar umfassenden Lebenswerk hervor: die Lehre von der Einheit der Völkerwelt, von der Einheit der Menschheit, und die Erkenntnis vom völligen Verschwinden und A b st e r b e n der Naturvölker. Durch ihren Untergang wird die Ein­sicht in bau Kmdheitsstadium der Menschheit, unwieder­bringlich verloren werden. Es wird begreiflich, daß Bastian mit panikartigem Fanatismus zu retten suchte, was noch zu retten war. Heute ist ja der Zerstörungs­

prozeß fast abgeschlossen, und besonders durch den Krieg mit seiner chaotischen Durcheinanderwirbelung, auch der Kolonialvölker, ist moderne Technik und Zivilisation bis tu das entlegenste und verborgenste Negerdörfchen ein­gedrungen, der alte naive Urzustand endgültig zersetzt.

Das Berliner Völkerkundemuseum wird das über­ragende Monument sein für Bastians Rettungsaktion. Während eine Weltepisode hinter uns im Dunklen ver­sinkt, wird dieses Werk eine Art Brücke bilden zu dem kommenden Weltzeitalter. Es wird uns nicht nur ein zusammenfassendes und vergleichendes Bild der heutigen Völkerwelt geben, es wird auch die ewigen Erinnerungen an der Menschheit eigene Kinder stube fest­halten, ohne die wir uns nie recht selbst verstehen könntei», Egm

DaS Völkerkundemuseum in Berlin.

ÄQ,- und $enL

O Blitzschlag in eine Arbeitergruppe. In Costewitz bei Leipzig schlug bei einem schweren Gewitter der Blitz in eine Gruppe von Arbeitern, die sich auf dem Wege zur Arbeitsstätte befanden. Einer von ihnen, Vater von vier Kindern, tourte auf der Stelle getötet, zwei andere wurden durch den Blitz gelähmt. Die übrigen kamen mit dem Schrecken davon.

OSicben Soldaten durch Blitzschlag ge­tötet. Bei einem Gewitter, das über N e u - salz an der Oder niederging, schlug der Blitz in der Nähe von Nittritz in die Funkstation einer Nachrichten­abteilung ein und tötete siebe» Reichswehr- soldaten.

O Buttersäure gegen politische Gegner. Ein merkwür- diger Vorfall, der einen Selbstmord zur Folge hatte, hat sich in Heppenheim an der Berg st raße zuge­tragen. Ein Arbeiterverein wollte auf dem von der Schul­behörde zur Verfügung gestellten Schulhof der Heppen­heimer Oberrealschule seine Fahnenweihe begehen, jedoch mußte die Feier wegen eines widerlichen Geruchs, der den Festgästen den Aufenthalt auf dem Schulhof unmöglich

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machte, abgesagt werden. Die sofort emgeleiteten Rach^ forschungen ergaben, daß der Leiter der Chemieabteilung der Oberrealschule, Studienrat Naumann, den ganzen Platz mit Buttersäure getränkt hatte. Der Festgäste be­mächtigte sich eine starke Erregung und sie versuchten, des Täters habhaft zu werden. Naumann wurde einen Tag daraus in seinem Laboratorium erschossen ausgesunden; er ist freiwillig aus dem Leben geschieden. Er verlautet, daß er in einem Anfall geistiger Umnachtung gehandelt habe.

O Der Schuljunge als Eisenbahnräuber. In einem Ab­teil zweiter Klasse des Personenzuges Regensburg- Nürnberg wurde eine Kaufmannsfrau aus Erlangen von einem vermummten Menschen mit enem Revolver bedroht und um Geld angegangen. Die Dame konnte den Fremden in Nürnberg verhaften lassen. Hier stellte sich zu allgemeiner Überraschung heraus, daß der Räuber ein f ü n s z e h n j ä h r i g e r R e a l s ch ü l e r toar.

O Schwerer Autounfall. Aus Augsburg wird be­richtet: In der Nähe des Flugplatzes Gersthofen ver­suchte ein Fleischermeister aus Biberbach den Gastwirt Weißenhorn aus Aindling, der sich mit seinem Rad auf dem Heimwege befand, mit seinem Automobil zu über­holen. Dabei wurde der Radfahrer von dem Automobil gestreift und auf der Straße mitgeschleift. Das Auto kani ins Schleudern. Weißenhorn wurde tödlich ver­letzt. Schwere Wunden trug ein Schmiedemeister aus Biberbach davon, der einer der fünf Insassen des Kraft­wagens war. Ebenso wurden der Lenker selbst und die drei weiteren Autoinsassen erheblich verletzt.

O Heimkehr eines Asienflicgers. Der dänische Flieger­hauptmann Botved kehrte am 23. Juni nach Kopen­hagen zurück. Damit ist der Tolioslug, der am 17. März auf dem Hinflug auch Berlin berührte, nach dreimonatiger Dauer erfolgreich zu Ende geführt. Die Strecke von Tokio nach Kopenhagen (mehr als 10 600 Kilometer) hat Botved in zehn Tagen zurückgelegt und damit einen Weltrekord ausgestellt.

O Pest und Malaria in Mesopotamien. Im Gefolge der jüngsten Überschwemmung sind in M e s o p o t a - m i e n Pest und Malaria aufgetreten. Die Pest hat Bagdad heimgesucht, während die Malaria in B a s r a wütet. Auch die europäische Kolonie ist von der Krank­heit nicht verschont geblieben. In vielen Fällen handelt es sich nur um leichtere Erkrankungen an Malaria, aber eine Anzahl von Arabern ist der Krankheit bereits erlegen.

0 Das geisterhafte Unterseeboot. Bei den Versuchen, das am 23. September 1925 infolge eines Zusammen­stoßes mit dem Dampfer „City of Rome" zwanzig Meilen östlich vom Block Island mit 37 Mann der Besatzung ge­sunkene amerikanische U-Boot „S. 51" zu heben, erschien das Boot an der Oberfläche, noch ehe die Ingenieure die Vorbereitungsarbeiten beendet hatten, beschädigte einige Pontons und versank von neuem. Als die Bergungs­mannschaft Luft in die Pontons pumpte, erschien zu ihrer Überraschung das Unterseeboot neuerlich an der Ober­fläche und trieb zwei Pontons auseinander.

Bunte Tageschronik.

Berlin. Der Hungerkünstler J o l l v, der sich während der Hunaerkur des Retruaes kckuldia aemacht haben soll und des-

Die deutschen Gräber in Malaga.

Lekanntlich scheiterte am 16. Dezember 1900 bei schwerstem^Sturm an der Dstseite der Rasens von Malaga, (Spanien) dar Deutsche Schulschiff „Gneise na u^ Kapitän Karl Kretjd)mann, (Vber- ingenieur Richard Prüfer und ein großer Teil der Mannschaft fanden den Tod in den Wellen und wurden später auf dem kleinen 5riedhof am Fuße des Gibralfaro beerdigt. Die deutsche Kolonie in Malaga,' die nie versäumt hat alljährlich Kränze an den Gräbern niederzulegen, hat^jetzt die Grab- ftättenifneu herrichten^lassen zu. Ehren der im fer­nen Südewruhenden^deutschen Seeleute.

____Unsere Ausnahme zeigt^die mit Kränzen und Schleifen geschniüätten Gräber der Gneisenaumann- schaft. _

dieVÄerAiiÄae!

RQ MAN von WO L EG A N G M A R K E N

URHEBER-RECHTSSCHUTZ DURCH VERLAG OSKAR MEISTER WERDAt*

(32. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

„Der Bursche! — Ein Mann von Ehre schlägt sich nicht mit Lumpen."

„Hat sich Herr Michael in diesem Sinne geäußert?"

„Ja. Er wird sich nicht schlagen."

„Sind Ihnen die Statuten des Vereins bekannt, Herr Kerpen? Wissen Sie, daß unser studentischer Ehrenkodex fast wörtlich mit darin enthalten ist? Ich werde unter allen Umständen den Ausschluß des Herrn Michael beantragen."

Kerpen lächelte mitleidig. „Das bringen Sie fertig, Herr Professor!"

Schwabe merkte den Unterton nicht, sondern fuhr heftig fort: „Das müssen Sie den Brüdern mitteilen. Auf Wieder­sehen!"

Er ließ Kerpen stehen und wandte sich mit dem Geheim­rat, der sichtlich verärgert war, von ihm ab.

Aber Kerpen ließ sich das nicht bieten.

„Noch einen Augenblick, Herr Vorsitzender!"

Schwabe hielt im Gehen inne. . .

„Nur noch eins. Ich werde sofort die Einberufung einer außerordentlichen Vollsitzung beantragen. Ich empfehle Ihnen, Ihr Amt vorher niederzulegen, sonst werde ich aus Grund Ihres jetzigen ungeheuerlichen Auftretens Ihren Rücktritt erzwingen und Ihren eventuellen Ausschluß bean­tragen."

Die Szene, die nun folgte, war unbeschreiblich. Die Klub- milglieder hatten Kerpens letzte Worte gehört und traten Mi» erregten Gesichtern zu ihm. Professor Schwabe kopierte Würde und meisterte seine Wut.

„£un Sie, was Sie wollen! Ich werde jedenfalls heute noch bei der obersten Sportbehörde vorstellig werden. Auch die Universität unterrichte ich entsprechend. Ihre Flegelet hat nun ihren Höchststarw erreicht."

• „Sie werden unporlamentarisch. Professor. Auf das Ge­biet folge ich Ihnen nicht. Die Deutschmeister sollen selbst entscheiden."

Er ließ den Professor stehen und schritt ins Klubhaus.

Klaus stand an der Garderobe und half Hanna in den Mantel. Man sah ihm nicht mehr die geringste Erregung an. Hanna aber war blaß. -

„Sie wollen heim, Michael?"

„Ja, Kerpen, ich werde den Platz nicht wieder betreten, auf dem so erbärmliche Burschen geduldet werden."

„Nur zu richtig.^ Wollen Sie dem Deutschmeister Valet sagen? Kommen Sie mit zu den Charlottenburgern,"

„Ich weiß noch nicht, Kerpen. Erst will ich der Großstadt einmal vierzehn Tage den Rücken kehren. Dann wird sich alles finden. — Sie hatten eine kleine Auseinandersetzung mit Schwabe?"

„Ja. Der verlangte, daß ich auf Sie einwirken solle."

„So. Was wünscht denn der hohe Herr?"

„Sie sollen sich enischuldigen." sagte Kerpen trocken.

Klaus loh kopfschüttelnd Hanna an.

„Haben Sie gehört. Hanna? Sind mir denn in einem Tollhaus oder ist die ganze Welt verrückt?"

Hanna nickte dem Geliebten lächelnd zu. Dann wandte sie sich an Kerpen.

Was gedenken Sie zu tun?"

„Seinen Rücktritt als Vorsitzender verlangen."

„Bravol" Ihre Augen blitzten wie früher, als sie nach das lustige, übermütige Mädel war.

„Wann?"

„Heute Abend ist die Sitzung einberufen."

Sie reckte sich stolz und sagte strahlend zu Klaus: „Ich werde mit dabei fein. Und — Sie, Klaus?"

„Ich fehle, Hanna."

„Und m argen —?"

„Komme ich mit Klaus zu Ihnen. Jetzt muß ich mich empfehlen, lieber Kerpen. Wir sprechen uns wieder "

„Das glaube ich fest, lieber Michael."

Als Klaus des Sportkameraden Hand faßte, fühlte er an dem festen Händedruck, daß ihm einer der seltensten Wesen auf Gottes Erdboden gegenüberstand.

♦ * •

Schweigend gingen Klaus und Hanna die breite Tier- gactenstraße hinunter und sahen nicht, wie die Augen so vieler Vorübergehender an ihren schönen Gesichtern haften blieben

Sie sahen es nicht, denn in ihren Seelen war das große Glück erwacht, das sie ganz erfüllte. Das Ereignis am Nach­mittag hatte beiden den Schleier meggezogen. Zum ersten Male wußten sie, daß sie einander gehörten, daß ihre Liebe stark und unlösbar war. r

I AIs sie durch das Brandenburger Tor schritten, weckte sie der Großstadtlärm aus ihrem Sinnen. Sie sahen sich ver­sonnen an und atmeten auf. Hanna fühlte sich glücklich, als Klaus ihre Hand faßte, und im Händedruck fanden sich ihre Harzen wieder fest zueinander.

„Ich freue mich des morgigen Tages, Hanna/

Sie errötete über und über vor Freude.

„Trotz des heutigen verpfuschten Tages, Klaus?"

„Trotzdem. Ein Tag mit Ihnen, Hanna, ist nie verfehlt. Web tut's mir nur, daß ich Sie in diese Lage gebracht habe."

„Das konnten Sie nicht ändern, lieber Klaus."

„Vielleicht nicht. Cs ist möglich. Ich freue mich nur, daß Sie in allen Lebenslagen der gleiche, frifch-fröhlick-e Kame­rad bleiben. Und es ändert sich nichts, und wenn die Welt einstürzt."

„Es bleibt, Klaus. Felsenfest." ~ ^Fortsetzung fofgt.£