Zulüaer Anzeiger
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Tagâlatt für Rhön nnö Vogelsberg ZulSa- unö Haunetal ♦ Zulöaer Kreisblatt
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Nr. 132 —1926
Fulda, Montag, 14. Juni
3. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Reichspräsident V. Hindenburg weilte am 12. Juni in New ftrelitz und hielt eine Rede, in der er besonders der Nöte dei Landwirtschaft gedachte.
* Reichsbankpräsident Dr. Schacht ist wegen abweichender An- sicht in der Fürstenenteignungsfrage aus der Demokratische« Partei ausgetreten.
■ ♦ Der Reichstag soll ersucht werden, 50 Millionen Mark sm Uindliche Siedlungszwecke zur Verfügung zu stellen.
Frankreich mich fasten!
„Pain Mane" — Weitzes Brot, das war der Stolz des /Franzose«. Mit Entsetzen und Abscheu sah er auf den Deutschen herab, der da solch ein dunkles, festes Brot aß. Der Franzose bekam Magenverstimmungen schon dann, wenn er solches Brot nur sah. Und hat es als Gesange- nenmitzhandlung betrachtet, als während des Krieges bei uns die französischen Gefangenen selbstverständlich das gleiche Brot effen mußten wie die Deutschen. „Oh, quel inalheur!" — welches Unglück — stöhnte so mancher gallische Soldat, der aus den Schrecken des Krieges sich in die Arme der Deutschen geflüchtet hatte und nun Kommißbrot oder gar Kriegsbrot essen mußte.
Schön war es gerade ja nicht und des Krieges Rot erzwang, daß allerhand Sachen in den Teig hineinge- mischt wurden, die nicht gerade sehr angenehm waren. Ebenso unangenehm wie die Folgen der Bestimmung, daß das Getreide so gut wie ganz ausgemahlen werden mußte, das Brot deshalb infolge der darin vorhandenen Kleie weder besonders schmeckte noch sehr erfreulich aussah. Ganz so schlimm wird's ja jetzt nicht in Frankreich werden, wo laut Verordnung des Ministerpräsidenten das Brotmehl mit Mais gestreckt werden muß. Das wird den Franzosen recht schwer im Magen liegen --- genau so wie ihre Währung. Daß gleichzeitig auch noch eine Brotpreiserhöhung kommt, wird das Hinunterschlucken dieses Brotes nicht gerade erleichtern. Vielleicht fängt der Franzose an, demnächst das bekannte deutsche Wort zu zitieren:
»Wer nie sein Brot mit Tränen aß.
Wer nie in kummervollen Nächten
Auf seinem Bette hungernd saß" —
nm dann mit voller Wut auf Regierung, Parlament und Bäcker zu schimpfen. Aber damit ist noch nicht des Schrecklichen genug über Frankreich verhängt worden; auch die „petita fours", die Törtchen, und sonstige Erzeugnisse der Luxusbäckerei sollen eingeschränkt werden. Frankreich fängt jetzt an, zu fasten, und wie ein Klang aus schönen vergangenen Zeiten tönt es in die harte Gegenwart, »der Deutsche muß alles bezahlen". Der Deutsche bezahlt eben nicht alles. Und wenn der Franzose vor den verödeten Kuchenschüsseln seines Kaffees sitzt, da wird er sich seufzend gestehen müssen, daß er sich den Sieg im Weltkrieg doch ganz anders vorgestellt hat.
Man spricht sogar davon, daß vielleicht die Brotkarte in Frankreich eingeführt werden wird. Frankreich muß den Deutschen alles das nachmachen, was wir im Kriege und nach dem Kriege zu tun gezwungen waren. Aber ohne daß der Franzose es vermeidet, auch die bei uns damals begangenen Fehler zu wiederholen. Was bei einem Volk, das derart in dem Gehorsam gegenüber den Behörden erzogen war wie das deuffche, zur Not noch durchgesetzt werden konnte, was aber trotzdem zu zahllosen Übertretungen der behördlichen Anordnungen führen mußte, wird man in Frankreich viel weniger durchsetzen können. Das gilt auch von der Bestimmung, daß man dort den Zwischenhandel soviel wie mögüch unterdrücken will, daß die zugelassenen Zwischenhändler für Lebensmittel sich eine behördliche Handelserlaubms verschaffen müssen, für die eine hohe Gebühr erhoben werden soll. Wir wissen aus schmerzlicher Erfahrung, was bei solchen Bestimmungen herauskommt. Der Schleichhandel wird auf französischem Boden eine ganz ungeahnte Blüte erleben. Es wird Gelegenheit geben, hinten, herum recht viel Geld zu verdienen.
Aber vielleicht wird das alles den Erfolg haben, daß nun Frankreich doch endlich Ernst macht mit seiner Wahrn ngs st abilisierung. Wenn erst jeder einzelne merkt, und zwar morgens, mittags und abends — denn der Franzose ißt viel mehr Brot als der Deuffche und hat nicht die Kartoffel als Entschädigung —, dann wird vielleicht der allgemeine Unwille derart anschwellen, daß die Halbgötter im Parlament und in der Regierung endlich Vernunft annehmen. .....
, Und das wäre auch für uns Deutsche sehr viel angenehmer und erfreulicher als die leichte Schadenfreude, mit der wir jetzt die französischen Experimente betrachten.
Schachts Abschied von den Demokraten. Wegen der Stellung zum Volksentscheid.
Reichsbankpräsident Dr. Schacht, der bisher der Deutschdemokratische« Partei angehörte, hat der Leitung dieser Partei seinen Austritt angezeigt. Diese Nachricht kam zunächst aus Hamburg und wurdc dann m Berlin bestätigt. Der Austritt geschah wegen der Stellungnahme der Demokraten zum Bottsentscheid.
Die Demokratische Partei hat bekanntlich beschlossen, ihren Anhängern freizustellen, ob sie gegen oder für die Enteignung der Fürsten beim Volksentscheid stimmen wol- len. Damit ist der Reichsbankpräsident nicht einverstanden gewesen, sonder« er hat die Ansicht gehabt, die Demo- jkraten hätten wie andere bürgerliche Parteien ihre Mitglieder «Mörder« müssen, sich gegen die Enteignung r wenden. Aus dieser abweichenden Stellung hat er nun mit seinem Austritt die Folgerung gezogen.
Der Reichspräsident in Mecklenburg.
Hindenburgs Besuch in Reusireliß.
Hilfe für die Landwirtschaft.
Reichspräsident von Hindenburg stattete am Sonnabend der Regierung von Mecklenburg-Strelitz einen Besuch ab. Bei seiner Ankunst in Neustrelitz wurde der Reichspräsident von dem Cm... minister Dr. Hustaedt, dem Befehlshaber des Wehrkreises II sowie anderen hohen Staatsbeamten empfangen. Der Reichspräsident begab sich in einem offenen Wagen durch die Stadt zum Schloß, lebhaft begrüßt durch die herzlichen Zurufe der Menge. Vor dem Betreten des Schlosses schritt Reichspräsident von Hindenburg die Front der dort versammelten Kriegsteilnehmer von 1866 und 1870/71 ab und nahm anschließend die Meldung der in Neustrelitz ansässigen Generäle entgegen.
Bei einem Frühstück, das zu Ehren des Reichspräsidenten im Schlosse gegeben wurde, hielt Staatsminister Dr. H u st a e d t eine Ansprache, in der er seiner freudigen Genugtuung über den Besuch Hindenburgs Ausdruck gab. Der Minister erinnerte daran, daß sowohl Marschall Blücher wie der geniale Schlachtenlenker Helmuth o o n M o l t k e als auch die edle, unvergeßliche Königin Luise Kinder Mecklenburgs gewesen seien. Er wies ferner daraus hin, daß der überwiegende Teil der Mecklen- burger das zum Leben Notwendige mühsam dem Boden abringen müßte. Die Schwierigkeiten der Wirtschaft treten gerade in dem reinen Agrarlands Mecklenburg besonders stark hervor.
Der englisch-russische Konflikt.
Ein Protest des Gewerkschaftskongresses.
Der Wortlaut der englischen Protestnote an Rußland wegen der Streikgelder für die Begarbeiter soll erst veröffentlicht werden, wenn die Rote in Moskau überreicht worden ist. Der diplomatische Korrespondent'des „Daily Telegraph" erklärt, die Note stelle kein Ultimatum dar, sondern sei nur eine Präliminarnote. Sie beziehe sich nicht auf das gegenwärtige Verhalten der Sowjets zum Kohlenstreik, das noch durch ein KabinettSkonlttcc geprüft werde, sondern nehme auf die Vorgänge während des Generalstreiks Bezug. Die Note soll der Sowjetrcgicrung einen höflichen aber bestimmten Wink übermitteln, daß, falls sowjetrussisches Geld weiterhin den englischen Bergarbeitern übersandt werde, Moskau einen weiteren und stärkeren Potest erwarten könne, der einem Ultimatum gleichkommen würde und einen Bruch der d i p l o in a - tischen Beziehungen in sich schließe. Nach einer Reutermcldung aus Moskau hat die englische Berg- arbeitergewerffchaft am 8. Juni die Summe von 300 000 Rubel, ungefähr 30 000 Pfund, erhalten. Einschließlich früher bereits erhaltener Zahlungen hat die englische Ge- werffchaft nunmehr ungefähr 362 000 Pfund aus Rußland erhalten.
Der russische Geschäftsträger in London läßt durch die Presse eine Erklärung veröffentlichen, in der es heißt, daß die Sowjetregierung niemals Gelder irgendeinem britischen Streikfonds überwiesen hat. Der G e - neralrat des Gewerkschaftskongresses hat an Ministerpräsident Baldwin mit Bezug auf die englische Note an Rußland ein Schreiben gerichtet, in dem er n a ch- drücklich Protest dagegen einlegt, daß man versuche, dem Bestreben der russischen Gewerkschaftskreise, die den englischen Arbeitern helfen wollten, eine falsche Bedeutung unterzuschieben, und daß man von der Tatsache dieser Unterstützungsbestrebungen in einer Weise Gebrauch mache, die geeignet sei, die Beziehunaen zwischen der englischen Regierung und Sowjetrußland ernstlich zu gefährden.
Klagen des Bauernstandes.
In Vertretung der Vereinigung der deutschen Bauern- vereine hatten sich Hofbesitzer Stamerjohann, Vizepräsident, Dr. Crone - Münzebrock, geschäftsführendes Vorstandsmitglied, itnb Dr. Kayser, Genealsekretär, zu einer Besprechung der Lage der Landwirtschaft beim Reichskanzler eingefunden. Sie führten etwa folgendes aus: Infolge der unzulänglichen Preise für landwirtschaftliche Produkte und der hohen Lasten hat sich in der Landwirtschaft eine schwere Krise herausgebildet. Es muß durch eine gesundeHandelspolitikfür eine Rentabilität der Landwirtschaft gesorgt werden und ein entsprechender Abbau der steuerlichen und sonstigen Lasten erfolgen. Im schwedischen Handelsvertrag sind die Agrar- zölle nicht entsprechend hoch festgesetzt worden wie die Jndustriezölle in anderen Verträgen. Herr Stamerjohann wies darauf hin, daß gerade für bäuerliche Wirtschaft der Schutz der Viehhaltung von ausschlaggebender Bedeutung sei. Herr Dr. Crone machte auf Gefahren, die sich aus den jüngsten Handelsvertragsverhandlungen für die Landwirffchaft ergeben, aufmerksam. Herr Dr. Kayser wies auf die mangelhafte Berücksichtigung des Bauernstandes bei der Bildung des Wirffchasts-Enquete-Aus- schusses usw. hin.
Der Reichskanzler betonte ht seinen Ausführungen, daß er den handelspolitischen Verhandlungen eine große Bedeutung für die Landwirffchaft beimeffe und daß auch er der Ansicht sei, daß bei der Landwirffchaft zu Beginn der nächsten Ernte ein ausreichender Schutz vorhanden sein müsse.
Nach einem Hoch auf den Reichspräsidenten dankte Hindenburg für die ihm zuteil gewordene freund- hu/e Begrutzuujj. In seiner Erwidcruugsrede betonte er besonders, daß er wohl wisse, daß besonders die Landwirtschaft Mecklenburgs mit ernsten Schwierigkeiten kämpfe. Der Reichspräsident ver- Ö, daß die Reichsregierung auch weiter das in ihren en Stehende tun werde, um helfend rinzugreifen und eine Erleichterung der Verhältnisse für die Landwirtschaft herbeizuführen. Was er selbst dazu beitragen könne, werde geschehen. Im übrigen hoffe er, daß die allgemeine Erholung der deutschen Wirtschaft auch den Landwirten bessere Zeiten bringen werde. Dazu gehöre aber, daß wir, ein jeder an seinem Platze und in feinem Berufe, einträchtig zusammenarbeiten für das Wohl und die bessere Zukunft unseres Vaterlandes. Der Reichspräsident schloß mit herzlichen Wünschen für das Blühen und Gedeihen des Landes und mit einem Hurra auf Mecklenburg-Strelitz und das deutsche Vaterland.
Nach dem Frühstück fand eine Fahrt nach dem Schloß Hohenzieritz statt, wo das Sterbezimmer der Königin Luise besichtigt wurde.
Nach dem Wiedereintreffen in Neustrelitz nahm der Reichspräsident vom Schlosse aus den Vorbeimarsch des aus Innungen, Korporationen, Vereinen und sonstigen Verbänden zusammengestellten Festzuges ab. Nach einem anschließenden kurzen Imbiß trat der Reichs- Präsident die Rückreise nach der Reichshauptstadt an.
Gegen und für die Mstenenteignung.
Beschlüsse und Äußerungen.
Die Liberale Vereinigung fordert Stimmenthaltung. Die Liberale Bereinigung hielt ihre Hauptversammlung ab. In verschiedenen Vorträgen wurde zu den politischen Tagesfragen Stellung genommen. In einer Entschließung fordert die Vereinigung ihre Mitglieder und Gesinnungsfreunde aus, dem Volksentscheid feruzubleiben.
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Katholiken gegen die FürftcncMcignung. Das Zentrumsblatt »Germania" veröffentlicht eine Zuschrift der Neichs- geschäftsstclle der Deutschen Windhorstbunde. in dem folgendes sestgestellt wird: Durch die Presse geht die Meldung, daß von einem »Reichsausschuß der katholischen Jugend zum Schutze des siebenten Gebots gegen die Fürsten" ein Ausruf erlassen worden sei mit der Aufforderung, am 20. Juni mit »Ja" zu stimmen: dieser Aufruf sei auch von Ortsgruppen des Wind- borstbundcs unterzeichnet worden. Ein derartiger Ausruf, zustande gekommen durch das Vorgehen von Einzelpersonen aus verschiedenen Jugendbünden, ist in der Tat in diesen Tagen in Berlin erschienen. Ihm haben sich auch einige Windhorst- bündlcr angeschlossen. Windhorstbund-Ortsgruppcn haben sich diesem Vorgehen nicht augcschiossen. Unter dem Ausruf verzeichnete Windhorstbund-Ortsgruppen sind also unrechtmäßigerweise unter den Aufruf gesetzt worden. Ferner gibt das Blatt eine Erklärung des Berliner Wethbischofs gegen die Fürllenentciauung bekannt.
Handgemenge im Prager Parlament.
Prag. Die Straßcnkâmpfc in Prag hatten im Parlament ein flürmiscl-ks Nachspiel. Als der Präsident über diczurZoll- Vorlage eingebrachten 1000 Abänderungsanträge en hloc »bstimmen ließ, erhob sich ein Höllenlärm. Die Opposition trommelte, pfiff und lärmte. Ein Deutschnationaler rief zur Galenrie hinaus: „Werft Bomben herab!" Einige Kommunisten demolierten die Ministerbank, daß die Splitter nur so im Saale hrrumflogcn. Eine Kommunistin ergriff eine zwei Meter lange Stange, die sich von der Minister- batik losgelöst hatte und stürzte sich auf die tschechischen Agrarier. Die tschechische» Sozialdemokraten warfen Aktenbündel und Schriftstücke auf die tschechischen Agrarier. Stürmisch« Pfuirufe begleiteten das Rbstimmungsresultat. Mit 146 gengcu 113 Stimmen wurden die Agrarzölle angenommen.
Der Schutz des Eigentums in den Staalsgrundgesetzen.
. Ein Überblick.
Die Eigentumsfrage ist brennenb geworden. Daß jedes Staatswesen sich aus dem Privateigentum des einzelnen aufbaut und ein Gesamteigentum, ein kommunistisches Ideal, in der Praxis zu allgemeiner Verarmung führen muß, scheint in diesen Tagen in Vergessenheit geraten zu sein. Da lohnt es sich, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen und die Verfassungen einiger Staaten besonders-nach dieser Richtung hin zu prüfen.
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben in ihrer Verfassung vom 17. September 1787 bezeichnenderweise dem Schütz des Eigentums wenig Beachtung geschenkt und begnügten sich mit der beiläufigen Bemerkung, »Kein Gesetz über Gütereinziehung.....soll gegeben wer- den". Daß Eigentum entfremdet werden könnte ohne Entschädigung, lag außerhalb des Vorstellungskreiscs jener Kolonisten. Das brauchte man nicht als Grundgesetz in die Bestimmung aufzunehmen, daß Eigentum unverletzlich ist. Erst als die Aufhebung der Sklaverei durchgesetzt werden mußte, verstand man sich 1866/68 dazu, zu bestimmen: »Auch soll fein’ Staat jemand des Lebens, der Freiheit und des Eigentums berauben, ohne angemessenes Gerichtsverfahren, und irgend jemand innerhalb seiner Gerichtsbarkeit den gleichmäßigen Schutz der Gesetze versagen.'