Kul-aer Anzeiger
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Nr. 113 — 1926
Tagebla« für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal-Zulüaer Kreisblatt
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3. Jahrgang
Fulda, Freitag, 2(. Mai
Kleine Zeitung für eilige Leser.
Der deutsche Vertreter bei den Abrüstungsbesprechungen in Gens, Graf Bernstorff, forderte ernsthaften Beginn praktischer Abrüstnngsarbeiten.
* Das Reichsgericht hat die Aufwertung von Vorkriegsbanknoten abgewiesen.
* Bei Wertheim a. M. flog eine Pulverfabrik in die Luft, wobei etwa 90 Personen teils getötet, teils verwundet wurden.
* Der dauernde Sturz des französischen Franken ruft die ernsthafteste Beunruhigung in Frankreich wach.
Frankreichs Währungskalaffrophe.
Man kann es verstehen, daß die Franzosen anfangen, nervös, sogar sehr nervös zu werden. Der Sturz ihrer Währung ist ja auch geradezu katastrophal; am Dienstag hatte man in Paris für das Pfund Sterling über 178 Frank bezahlen müssen, für den Dollar über 36 und für die deutsche Hundertmarknote fast 900 Frank. Das war bisher der tiefste Stand; eine leichte Erholung setzte dann ein, aber sie ist sehr geringfügig geblieben. Die Flucht aus dem Frank ist die Parole drüben und namentlich im Ausland.
Die Franzosen sind aber vor allem darüber erregt, daß England es gewesen ist, das dem Frank wieder den ersten Stoß gab. Dabei haben die Engländer mit ihren Frankverkäufen nur aus überaus verständlichem Grunde gehandelt: es galt, den Sterlingkurs während des Generalstreiks mit seinen gewaltigen Störungen des Wirtschaftslebens unter allen Umständen zu halten, und das geschah eben einfach dadurch, daß die Banken von England ebenso wie die „Stock Exchange", die Londoner Börse, Frankwerte und -devisen eifrigst verkaufte. Übrigens natürlich auch andere Devisen, so daß beispielsweise auch die Lira ins Wanken geriet. Das hat nun aber Italien wieder veranlaßt, sich der notleidenden fran- âchenDeviwN zu Ära M MM, stutzen. Außerdem stand die französische Regierung wieder emmal vor der unangenehmen Aufgabe, zwei Milliarden Schatzanweisungen einlösen zu müssen, was man durch Ausgabe neuer Titres durchzuführen beabsichtigte.
Der Hauptgrund für den Franksturz, die Flucht aus dem Frank, liegt aber doch wohl in der Tatsache, daß die französische Wirtschaft der Währung ebensowenig traut wie das Ausland; daß also für die Zahlungen an ausländische Lieferanten Goldkalkulation und Devisenbezahlung zur Notwendigkeit geworden ist, weil man sonst beim Export ins Ausland allzu große Währungsverluste erleidet. Wir kennen das aus früherer bitterer Erfahrung und begrüßen diese Umstellung, weildadurch diefranzösische gerade für uns so gefährliche Unterbietung wenigstens teilweise beseitigt wird. Dafür braucht die französische Jm- portindustrie Devisen und immer mehr Devisen, stößt den Frank ab und die Katastrophe dehnt sich aus.
Verschärfend hat dabei aber noch gewirkt, daß die Frage der französischen S ch u l d e n a b z a h l u n g an England immer noch nicht geklärt ist, daß die Reise des französischen Finanzministers nach London vorläufig nicht die ersehnten Resultate zeitigte. Angeblich soll England eine Jahreszahlung von 6 Millionen Pfund, also 150 Millionen Goldsrank, verlangen — was Frankreich zu bezahlen Wohl in der Lage wäre. Denn sein wirt- schaftlicher Zustand ist gut, die Handelsbilanz aktiv, das Staatsbudget ist in Ordnung gebracht — allerdings wird auch dorthinein der Franksturz wieder sehr erhebliche Verwirrung bringen. Die Möglichkeit einer Intervention besteht zwar, denn der Goldbestand der Bank von Frankreich ist sehr erheblich und man verfügt außerdem immer noch über 90 Millionen Dollar der Morgan-Anleihe, die wie ein drohendes Gespenst am Horizont der Baissespekulanten steht. Aber man hat — in Deutschland — das Beispieldafür vorAugen, daßeinderartigesEingreisen des Staates auch ohne jeden dauernden Erfolg bleiben kann. Alan will zunächst die — auch früher bei uns vorhandene — Devisenzentrale einrichten, von der aus die Zuteilung erfolgen soll, was eine scharfe Kontrolle über den Bedarf und damit den Außenhandel ermöglichen — soll. Wahrscheinlich aber wird man trotzdem munter fortfahren, die für den Export erzielten Devisen int Ausland stehenzu- lassen, eine Kapitalflucht also, die ja bei uns einstens auch sehr beliebt war. Dagegen soll nun ein Kapitalfluchtgesetz helfen!
Notstandsmaßnahmen sind das alles, aber keine wirkliche Heilung. Noch profitieren allzu große Teile der Industrie am Währungsverfall. Aber der Schrei nach Rückkehr zur G 0 l d w ä h r u n g — wozu Frankreich zweifellos imstande ist — wird jetzt doch vielleicht die Egoisten zum Schweigen bringen. Und wir Deutsche würden es begrüßen, wenn das störende Moment des Franksturzes aus den internationalen Wirtschaftsbeziehungen verschwinden würde.
Keine Aufwertung des Vorkriegsgelder.
Revisionsverhandlung vor dem Reichsgericht.
Der 4. Zivilsenat des Reichsgerichts in Leipzig hat unter dem Vorsitz des Senatspräsidenten Dr. Meyer als Revifionsinstanz die Klagen des Oberfeucrwehrmannes Jänsch-Dortmund und des Betriebsanwalts Winter-Leipzig, hinter denen der Reichsbankgläubigerverband steht, gegen die Reichsbank auf Anerkennung der Vorkriegsbanknoten abgcwicsen. Die Kosten der Revisionsinstanz wer- den den Revisionsklägern auferlcgt. Die Entscheidung gründe werden später bekanntgegeben.
Gas- und Luftkrieg.
Deutschlands Wehrlosigkeit. |
Rede Graf Bernstorffs in Genf.
Bei der Abrüstungskonferenz in Gens zeigen sich bei den praktischen Fragen starke Meinungsverschiedenheiten über „offensive" und „defensive" Rüstungen, d. h. wohl überhaupt über die ernsthafte Absicht, sich dem Ab- rüstungsgedanken zu unterwerfen. In dieser Beziehung sind auch die Auseinandersetzungen interessant, die sich über den Begriff der „potentiellen" Kriegsstärke entspinnen. Man versteht darunter das Bestehen von Werken und Industrieanlagen zur Herstellung von Kriegsmaterial. In der Donnerstagsitzung des Ausschusses nahm der deutsche Vertreter, Graf B e r n st 0 r f f, das Wort zu einer größeren Darlegung, in der er die Lage Deutschlands besonders beleuchtete. Er führte u. a. aus:
Die Errichtung des Völkerbundes hat ja den Krieg mit wenigen Ausnahmen unmöglich gemacht und jenen Grund von Sicherheit geschaffen, der eine Abrüstung ermöglichen sollte.
Man hat hier überhaupt von der fehlenden Sicherheit gesprochen. Die ganze Diskussion hätte sich doch auf der Annahme ausbanen sollen, daß diese Sicherheiten bis zu einem gewissen Grade erreicht sind. Der Völkerbund und die durch ihn eingeschränkte Rüstungsfreiheit der Staaten sind in den meisten Reden unerwähnt geblieben. Wir in Deutschland haben in bezug auf die Entwaffnung eine große Erfahrung, aber unsere Erfahrung in Rüstungsfragen ist in den letzten acht Jahren weniger groß. Ich will nicht etwa einen formellen Vorschlag unterbreiten, aber ich möchte die Anregung machen, daß Gaskrieg und Lüstkrk^slltgzeuge verböten werden. Das wäre der beste Anfang für unsere Arbeiten und würde in der ganzen Welt Eindruck machen. Der belgische Vertreter habe gefordert, daß jedes Land in der Lage sein solle, seine Zivilbevölkerung gegen Luftangriffe zu verteidigen. Dies ist in Deutschland nicht der Fall, denn Deutschland darf keinen Schutz aeaen Luftangriffe besitzen! Für Deutsch
Posen gegen Warschau.
Nervenzusammenbruch des ehemaligen Kriegsministers.
Nach Warschauer Meldungen wird die Polnische Nationalversammlung zur Wahl eines neuen Staatspräsidenten Ende Mai zusammentreten. Marschall P i l - sudski soll nach Pressemeldungen entschlossen sein, eine Kandidatur a b z « l e h n e n. Die Mission des Senats- präsidenten in Posen, einen Ausgleich zwischen Warschau und Posen hcrbcizufUhren, scheint gescheitert zu sein. Die Regierung Bartel erklärte, daß die ablehnende Haltung der Posener Truppen die Befriedung des Landes nur hinauszögern werde, aber nicht von ausschlaggebender Wirkung sei.
Große Sensation hat die Nachricht von dem plötzlichen Nervenzusammenbruch des Kriegsministers aus dem Witoskabinett, Malczewski, Hervorge- rufen, der bei seinen Anfällen schreit, daß er keine Schuld an dem Blutvergießen der letzten Tage in Warschau trage, sondern daß General Zagurski der Alleinschuldige sei, der selbst vom Aeroplan aus Bomben auf Warschau geworfen habe. Malczewski mußte sofort in eine Nervenheilanstalt übergeführt werden.
Die Ermordung des Studenten Vauer.
Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuß des Reichstages.
Der Femcuntersuchungsausschuß des Reichstages setzte die Zeugenvernehmung im Falle des ermordeten Studenten Bauer fort. Als erster Zeuge wurde der 27jährige Ernst Berger vernommen, der im Prozeß Bauer seinerzeit freigcsprochen worden ist. Der Vorsitzende ermahnt ihn, die Wahrheit zu sagen, und bemerkt, der Zeuge habe früher stark mit seiner Aussage zurück- gehalten und sei erst
nach und nach mit der Wahrheit herauSgelommen.
Aber immer noch habe er nicht alles gesagt, weil er sein Ehrenwort nicht brechen wollte. Der Zeuge erklärt, Zwengauer
das Ehrenwort gegeben
zu haben, nichts über den Mord zu sagen. Das Ehrenwort wurde ihm am Nachmittag nach der Tat abgenommen. Zwen- gauer habe ihm die Tat nur in kurzen Umrissen geschildert. Erst als der Zeuge dem Zwengauer gegenübergcstcllt wurde, entband ihn dieser vom Ehrenwort. Der Vorsitzende verliest die Aussage Ernst Bergers, in der wiederholt vom Treuschwur die Rede ist. Der Zeuge berichtet dann über seine
Tätigkeit im Blücherbund
und wird dann von den einzelnen Abgeordneten einem Kreuzverhör unterworfen. Als der Vorsitzende des Ausschusses den Zeugen fragt, ob er die Ermordung Bauers für gerechtfertigt hält, wenn er positiv gewußt hätte, daß
Bauer als Verräter ermordet
worden sei, beantwortet der Zeuge diese Frage mit Ja. Er betont hierbei, daß er nicht nach den Grundsätzen der Organisation Blücher handele, sondern von seinem persönlichen Ehren- standpunkt aus. Sein Bruder, Johann Berger, gibt auf Befragen bekannt, daß er aus vaterländischen Gründen keine Anzeige erstattet hätte. In den Statuten des Blücherbundes habe nichts über Verrat gestanden. Bei dem Build habe es sich, wie der Zeuge am'ührt, um eine militärische Organisation gehandelt. Seine Verpflichtung im Blücherbund habe darin bestanden, etwaige Wafsenbetzânde der Einwohnerwehr zu ver
land ist es im Augenblick nicht einmal möglich, auch nur seine Hauptstadt gegen Luftangriffe zu verteidigen.
Zur Frage der potentiellen Kriegsstärke wies der deutsche Delegierte darauf hin, daß Deutschlands wichtigste Industriegebiete an der Grenze gelegen und gegen jeden Angriff wehrlos seien. Bei der Beurteilung der Verwendung der wirtschaftlichen Hilfsmittel des Krieges müsse man in Betracht zi.ljcn, daß gewisse Länder darauf angewiesen seien, Rohmaterialien und Nahrungsmittel aus dem Auslande und aus den Kolonien zu beziehen. Auch die Ernährung und Versorgung Deutschlands hänge zum großen Teil vom Ausland ab. Wichtige Fragen seien bisher in der Diskussion nicht einmal gestellt worden.
Warum spricht der Fragebogen, fuhr Bernstorff fort, so wenig von der Möglichkeit eines Verbotes von Luft- angriffen, des Gaskrieges, der schweren Artillerie, der Tanks? Warum spricht er nicht von der Herabsetzung oder Ausschaltung gewisser Kategorien der bestehenden Wassen? Er, der Redner, müsse feststcllen, daß der Völkerbund und die Kommission etwas erreichen müssen, wenn nicht beide in der Öffentlichkeit schweren Schaden leiden wollen. Die Regierung der Deutschen Republik sei bereit, jeder Regelung sich anzuschließen, die Europa und die Welt einer wirklichen Herabsetzung der Rüstungen ent- gegenführt.
Die bisherigen Verhandlungen hätten den Eindruck bei ihm erweckt, daß man bisher mehr Gründe gesucht hätte für den Satz: „Wie kann man der Abrüstung aus 1 m Wege gehen?" als zu der anderen Frage: „Wie kann man zu einer Abrüstung kommen?"
Sofort nach dem deutschen Vertreter erhob sich Lord Robert Cecil, um den nom Grafen Bernstorfs angeführten Gedanken zu unterstreichen, daß durch das Bestehen des Völkerbundes gegenüber der Vorkriegszeit eine vollkommen veränderte Lage geschaffen sei. England könne sich nicht vorstelleu, daß cs noch irgendeinen anderen Krieg geben könne, als einen Völkerbundkrieg gegen einen An- greifcrstaat. Er wies sodann darauf hin, daß die Internationale Konferenz zur Kontrolle des Waffenhandels im vergangenen Jahre sich in ihrem Schlußprotokoll ausdrücklich gegen den Gaskrieg ausgesprochen hat.
Ichwelgen. Der Zeuge Aumuucr entart, vag zwar einmal oel Beratung der Statuten vorgeschlagen worden sei, daß
Verräter der Feme verfallen
sollten, daß aber ein Beschluß darüber nicht gefaßt wurde. Den Koffer des ermordeten Studenten Bauer hat der Zeuge mitgenommen, ihn zunächst bei einem Freunde Untergestell! und ihn dann in die Donau geworfen. — Die nächste Ausschußsitzung findet am 6. Juni statt.
Neue Vernehmung Grötte-Leh-ers.
V 0 r w ü r f e gegen I u st i z und Völkische.
Im Femeuntersnchnngsausschuß des Preußischen Landtages wurde die Vernehmung von Grütte-Lehder fortgesetzt, der bekanntlich schwere Vorwürfe gegen die völkischen Abgeordneten erbebt; die nach seiner Aussage ihn zum Morde veranlaßt haben sollen. Grütte Leder bejaht auch jetzt wieder auf Fragen, daß in den völkischen Kreisen mit häßlichen Ausdrücken von Minister Severing gesprochen wurde, und daß in den Organisationen immer von einem
Morde an Severing
die Rede war. Verschiedene vaterländische Verbände hätten Waffen besessen, die sich zum Teil im Fort Hahneberg befanden. Von den Führern wurde gesagt, wenn cs losgehe, sollten fiel) sämtliche Verbände in dem Fort einfinden, wo sie Waffeil bekommen würden. Grütte - Lchdcr erhebt in seinen Weiteren Ausführungen schwere Anklagen gegen die Art und Weise, wie das Gericht den gegen ihn angestrengten Prozeß durchgefübrt habe. Die Vcrhaiidliiug gegen ihn fei in 10 Zluuden hcruntcrgchaspelt worden. Die Vernehmung der völkischen Abgeordneten sei mit der Begründung abgelchttt worden, daß sich diese nach zwei Jahren nicht mehr genau erinnern könnten. Oberstaatsanwalt r r. Jäger habe aus alle Arten versucht, ihn einzuschüchtern. Grütte- Lehder erklärt zum Schluß, seine Vorwürfe gegen die völkischen Abgeortznelen und die Justizverwaltung voneinander tu trennen. Es sei möglich, daß er sich bei seinen Vorwürfen gegen die Justizverwaltung durch seine ungerecht doch bemei - jene Strafe vielleicht etwas beeinflussen ließ und daß er dabei tviderlegt werden könnte. Er wünsche nicht, daß die Völkischen aus dieser Situation Vorteile zögen.
Ein Vertreter des preußischen Justizministeriums gab bekannt, daß das preußische Justizministerium beim Landtag einen Antrag auf
Aufhebung der Immunität
des völkischen Abgeordneten W u l l e und beim Reichstag aus Aushebung der Immunität des völkischen Abgeordneten Kube gestellt hat. Es soll in einem Strafverfahren gepru-t werden, wieweit die Vorwürfe Grütte -Lehders, er sei von diesen Abgeordneten zum Morde angestistel worden, such- haltig seien.
Der Zusammenbruch von 1918.
Erklärungen des Abg. Dittmann.
z Im Untersuchungsausschuß über die Ursachen des Zusammenbruchs wandte sich der Abg. Dittmann in Erwiderung auf das Referat des Abg. Brüningshaus gegen die Unter stellung, er habe falsch zitiert und Akten gefälscht. Es gehöre eine starke Stirn dazu, nach den vorliegenden Dokumenten noch zu behaupten, daß eine Tätigkeit von Lockspitzeln nicht erwiesen sei. Nicht ein einziges Dokument sei in all den Verfahren ermittelt worden, das aus eine Verschwörung zur Wehrlosmackuna der Flotte schließen lasse. Würde man bei Oer