M-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg
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Nr. 109 — 1926
Fulda, Montag, 17. Mai
3. Zahrgang
Dr. Marx Reichskanzler.
Reichspräsident von Hindenburg empfing Sonnabend den Reichswehrminister Dr. Geßler zur Berichterstattung über seine Fühlungnahme mit dein Oberbürgermeister Dr. Adenauer, der auf Wunsch der Zentrumsfraktion des Reichstages aus Köln in Berlin eingetroffen war, und seine anschließende Besprechung mit den Mitgliedern der geschäftsführenden Reichsregierung. Im Laufe des Abends richtete der Reichspräsident an den Reichsjustiz- minister Dr. Marx das nachstehende Schreiben:
„Sehr verehrter Herr Reichsjustizminister! Aus den Berichten, die der von mir mit der Klärung der politischen Lage betraute Reichsivehrminister Dr. Geßler mir erstattet hat, habe ich ersehen müssen, daß eine Änderung der parteipolitischen Verhältnisse und Zusammensetzung entweder überhaupt nicht oder nur nach langwierigen, im Erfolge zweifelhaften Verhandlungen erreicht werden könnte. Eine solche lange Regierungskrise verträgt aber die gegenwärtige Lage des Reiches nicht. Es erscheint mir daher zur Überwindung der gegebenen Schwierigkeiten und zur Lösung der vor uns liegenden Aufgaben notwendig, daß die bisherige Reichsregierung ihre Tätigkeit unter neuer Führung sortiert, und ich bitte Sie da- her, Herr Reichsminister, als das älteste Mitglied der Reichsregierung und als Vertreter der größten in ihr enthalteten Partei, das Amt des Reichskanzlers zu übernehmen.
Mit der Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung bin ich Ihr ergebener gez. von Hindenburg."
Warum Adenauer verzichtete.
Oberbürgermeister Dr. Adenauer bestätigt in einer Erklärung, daß er auf Wunsch der ZentrumsfrakAon zu Verhandlungen mit ihr über eine Lösung der Regierungskrise nach Berlin gekommen sei. Eine wirklich ersprießliche Regierung hielt er bei den außerordentlich schwie- * rigen innen- und außenpolitischen Verhältnissen nur auf Grund einer festen Mehrheit im Reichstag für möglich. Seine Fühlungnahme ergab jedoch, daß die Deutsche
Pilsudski Herr von Polen.
Regierungsbildung in Warschau.
Bisherige polnische Regierung abgebankt.
; Die zuerst zweifelhaft gebliebene Nachricht, die polnische Regierung Witos habe fluchtartig Warschau verlassen, bestätigte sich später. Die Minister benutzten zu ihrer Flucht Flugzeuge. Der Staatspräsident fuhr im Auto ab, nachdem der Widerstand der Regierungstruppen von den Negimeutcru P i l s u d s k i s gebrochen war. Pil- sudsli blieb vorläufig unbestrittener Herr von ganz Warschau cinschlicsrlich des Negierungspalastes Belvedere, der in der Nacht aus Sonnabend besetzt wurde. Die Re- gieruugsgewalt ging auf ein Dreimnnucrkollegium mit Marschall Pilsudski an der Spitze über. Ihm zur Seite steht der bisherige Außenminister S k r z y n s k i und der Professor Ponikowsli.
Sejmmarschall Rataj hat vom Präsidenten der Republik ein Schreiben erhalten, in dem der Präsident ihn davon in Kenntnis setzt, daß er das Amt des Staatspräsidenten niederlegt und verfassungsgemätz die Rechte des Präsidenten auf den Sejmmarschall überträgt. In einem zweiten Schreiben an den Sejnunarschall bittet die gesamte Regierung um.Annahme ihrer Demission. Der Sejmmarschall hat die Demission angenommen und erklärt, die neue Regierung werbe alsbald gebildet werden.
Pilsudski Herr der Lage.
Der Sejmmarschall Ralaj hat die Regierungsgeschäfte übernommen und sofort die Bildung der Regierung begonnen. Bisher sind folgende Ernennungen erfolgt: Außenminister Graf Skrzynskr, Ersenbahnminister der sozialistische Abgeordnete Bartel, Minister für Schul und Bildungswesen der Abgeordnete Ponikowsli. Die Sozialdemokraten werden ferner noch die Abgeordneten Moraczewski und Daszynski in das neue Kabinett entsenden. Gleichzeitig hat sich Pü- sudski, der, wie es heißt, das Ministerium für Heerwesen übernommen hat, bereit erklärt, den Kampf einzustellen und die Truppen nach ihren Garnisonen zurückzubeordern. Die Kämpfe bei Czenstochau endeten damit, daß die regierungstreuen Truppen des Generals Galicy zu Pilsudski übergingen. .
Eine weitere Meldung besagt: Die Sozialistische Partei wird dein neuen Kabinett nicht beitreten, da ste die Zusammenarbeit mit rechts ablehnt. Die Sozialisten fordern die Bildung einer Arbeiter- und Bauernregierung mit gleichzeitiger Änderung der Politik gegenüber den nationalen Minderheiten, ferner sofortige Auflösung bey Sejms und des Senats sowie Kandidatur Pilsudskls zum Staatspräsidenten. Das neue Fachkabinett soll nur acht Tage im Amt bleiben bis zur Einberufung der Nationalversammlung und Wahl des Staatspräsidenten. Sejm und Senat werden vor der einzuberusendeii Nationalver- sammlung nicht mehr tagen.
Wieder Ruhe in Warschau.
In Warschau war zu bemerken, daß die Bevölkerung sich zum größten Teil beruhigt hatte. Eine große Anzahl Geschäfte, die in den letzten Tagen geschlossen
Volkspartei weder sur setzt noch auch nach Erledigung der schwebenden Streitpunkte für absehbare Zeit der Herbeiführung der Großen Koalition geneigt sei. Unter diesem -Umständen bat Dr. Adenauer, von dem Vorschlag seiner Person gegenüber dem Reichspräsidenten Abstand zu nehmen.
Berlin, 16. Mai. (WTB.) Die Zeutrumsfraktion des Reichstages bat, wie das Nachrichtenbüro des Vereins Deutscher Zeitungsverleger meldet, in ihrer Sitzung am Sonntaoabend besmloffen, den bisherigen Reicksjustizmi- ii ^er Dr. Marx zu bitten, das Reichskanzleramt zu übernehmen. Dr. Marx begab sich darauf zum Reichspräsidenten und wurde von ihm beauftragt, als Reichskanzler das Kabinett in seiner bisherigen Zusammensetzung zu führen.
Richtlinien der Deutschen Volkspartei und des Zentrums.
Berlin, 16. Mai. Zwischen Vertretern der Reichstagsfraktion des Benimms und der Deutschen Volkspartei fand heute, Sonntag, nachmittag eine Besprechung statt, die, wie das WTB. hörte, nachstehendes Ergebnis hatte:
1. Die bestehende Regierungskrise muß unverzüglich gelöst werden. Deshalb sind beide Parteien bereit, in ein Minderheitskabinett einzutreten.
2. Es besteht die Uebereinstimmung, daß die außen- und innerpolitische Lage mit möglichster Beschleunigung die Schakiuna einer Regierung erfordert, die sich auf eine Mehrheit des Reichstages stützt.
3. Für die Mehrhcitsüildung können nur Parteien in Frage kommen, die die Rechtsgültigkeit der bestehenden internationalen AbmaGungen anerkennen und für die Fortführung der bishekioen Außenpolitik besorgt sind.
batten, war wieder geöffnet, nachdem Pilsudski in einem Dekret erklärt hatte, daß die Polizei dafür Sorge tragen werde, die Rühe in der Stadt aufrechtzuerhalten. Nur ein Teil der Banken war noch geschlossen, wahrscheinlich ait^ Angst vor Plünderungen. Beruhigend wirkte hauptsächlich die Nachricht des „Robotnik", daß der Streik zurückgezogen worden sei. Dagegen hört man von Zeit zu Zeit, hauptsächlich in den Nachtstunden, nicht weit von der Stadt Schießen.
Kriegszustand über ganz Polen.
Ueber ganz Polen ist der Kriegszustand verhängt worden. Die Aufstandsbewegung hat sich von Warschau aus auf das Gebiet der ehemaligen Provinz Westpreußen ausgedehnt. In Thorn begab sich eine Delegation der Arbeitslosen zu dem Wojwoden Dr. Wachowiak und forderte Arbeit und Brot. Ein großer Demonstrationszug begab sich vor das Gebäude des Wojwoden unter den Rufen „Es lebe Pilsudski". Erst durch das Eingreifen berittener Manschaften gelang es, die Demonstranten zu zerstreuen. Der Legionsgeneral Haller ist in Thorn eingetroffen und hält Beratungen mit dem Wojwoden und den Generälen ab zum Zwecke der Bildung einer nationalen Garde Polens.
* Rückzug der Regierungstruppen. ^M
An die der gestürzten Regierung aus der Provinz zu Hilfe geeilten Truppen, die ihren Aufmarsch rings um Warschau sortgesrüt hatten, ist der Befehl ergangen, sich in Ordnung in ihre Garnisonen zurückzuziehen. Auf Grund der in langen Verhandlungen zivischeu Pilsudski und dem Sejmmarschall Rataj erzielten Verständigung erwartet man in Warschau, daß die Provinz der von Wojczicchowski und Witos nnsgegcbenen Parole Folge leisten wird und so weiteres Blutvergießen vermieden werden kann. Auf die Nachricht von dem Siege Pilfudskis und der Abdankung des Kabinetts haben die Geiverk- schaften den proklamierten Generalstreik abgeblasen.
Der größte Teil der bisherigen Negierungstruppen soll in Auflösung begriffen sein. Aus allen Teilen des Landes laufen Kundgebungen für Pilsudski ein und die Meldungen von Freiwilligen, mehren sich fortgesetzt. In einer Kundgebung an die Öffentlichkeit über die Motive und Ziele seines Vorgehens erklärt Pilsudski, daß er den Kampf nur in Sarne um das Wohl des Landes aufge- nommen habe. Die ^Beendigung des Kampfes hat allgemeine Zustimmung gefunden, die insbesondere durch die Demonstration einer vieltausendköpfigen Menge in Warschau zum Ausdruck kam.
Bei den Kämpfen in Warschau sollen 800 Mann ge fallen und 20 000 verwundet worden sei».
Ein Aufruf Pilfudskis.
Warschau, 16. Mai. Der Generalstab des Marschalls Rllsudski veröffentlicht folgendes Kommunique: Die >.„mpfc sind beendet und die Militärabtcilunqen kehren uneoer in ihre Garnison zurück. Pilsudski erläßt einen Aufruf an das Volk, Ruhe zu bewahren und fordert die Armee auf, sich ernsthaft und würdig zu verhalten sowie sofort in ihre Garnison einzurücken.
Kleine Zeitunq f«"r eilige Leser
* Botschafter von Hoesch gab in der Studienkommission in Genf, die sich mit der Umbildung des Völkerbundrates beschäftigt, den Standpunkt DcutMtzndS zu dieser Frage bekannt.
* Der bekannte Fürst Christian Kraft zu Hohenlohe-Ohringe» ist im Alter von 78 Jahren gestorben.
* Marschall Pilsudski hat den unbestrittenen Sieg in Polen errungen und stellt an der Spitze der Staatsgewalt. Die bk herige Regierung hat mit dem Staatspräsidenten abgedankt.
* In Belgrad ist das Ministerinn! infolge einer Abstiin mnngsnicderlage in der Skuptschina zurückgciretcn.
Die LLmwalZung.
Ei» gelungener Putsch also — das war in Polen nicht der erste Putsch, der glückte. Die Dinge wiederholen sich in der Weltgeschichte, zwar nie in gleicher Form, wohl aber in Ähnlichkeiten. Der wüste Chauvinismus • dieses polnischen Volkes hat ihm den Blick für politische Möglichkeiten immer verschleiert, bat es die Wirklichkeit nie so sehen lassen, wie sie ist, sondern immer nur so, Wie man sie sich — v 0 r st e l l t e. Mit betn deutschen Nachbarn hat man sich nun seit fast Jahresfrist in einen Handelskrieg eingelassen und dabei nicht sehen wollen, welche verheerenden wirtschaftlichen Folgen das gerade für Polen haben mußte, von beut Deutschland nicht weniger als fast 50 % der Gesamtausfuhr aufnimmt. Und über die innere Brüchigkeit konnte selbst die verhält- uißmäßig glänzende außenpolitische Rolle nicht hinwegtäuschen, die dieser verhätschelte Liebling Frankreichs noch in Locarno, in Genf und Hernach spielen konnte. Graf Skrzy » ski, der Leiter dieser Außenpolitik, ist jetzt ebenso hinwegg^fegt worden wie das stärker nach rechts — zum Übernationalismus hindräugende Kabinett Witos. An und für sich war es gewiß nicht ungeschickt, durch nationalistischen Lärm, durch wilde Deutschenver- folgunge» wie in Ost-Oberschlesien die Aufmerksamkeit etwas von der inneren Misere abzulenken. Aber schließlich ist eine solche »cuioualistische Begeisterung auch nicht gerade eine Pökelware von unbegrenzter Dauerhaftigkeit, namentlich dann nicht, wenn Bürger und Bauer jede» Tag ein weiteres Sinken des Zlotys verspüren.
Dazu kamen echt polnische Zustände im Heer, daS vor allem einen unheilvollen Überfluß an politisierenden Generalen hatte, — gleichgültig, ob das Haller, Pilsudski oder andere Waren. Derartiges ist immer das Verhängnis Polens gewesen und die gestürzte Regierung Witos wird jetzt ihre Schwäche verwünschen, durch die sie sich verhindern ließ — um das Palladium Polens, die „großartige" polnische Armee, sich nicht vermindern zu lassen —. in diese Wühlereien und Treibereien einzugreifen. Und dabei hatten alle diese Generale eine anscheinend erfolgreiche Politik getrieben, gegen Deutschland natürlich, was nicht übermäßig schwer war, weil sie dabei die tatkräftigste Unterstützung bet Entente genossen — da konnten sie sich billige Lorbeeren holen.
Nun hat Pilsudski das Rennen gemacht, er, der als alter Sozialist in letzter Zeit immer heftigerer Gegner der übernationalistischen Entwicklung geworden war. Doch das hätte nicht genügt, ihm, dem militärischen Abgott und linksstehenden Politiker, bett Sieg in die Hand zu spielen, wenn man nicht in Polen einfach nach dem Verzweifiungs- gedanlen sich entschieden hätte: egal, was kommt — schlechter kann's doch nicht werden. Und daß Pilsudski ein Mann von großen Fähigkeiten ist, hat er in 20 Jahren bewiesen.
Wir Deutsche mögen das grundsätzlich begrüßen, daß unter dem Einfluß Pilfudskis eine weniger antideutsche Politik betrieben werden wird, obwohl man allcrdinns nicht wissen kann, ob die unteren Behörden nach dicf r Slichtung hin ben Befehl der oberen befolgen werden. Infolgedessen taun aus dem einstweiligen Erfolge Pil- fudskis für uns Deutsche ein gewisse Erleichterung der Lage herauswachse». Aber man kann als Deutscher die jetzigen Geschehnisse auch von einer ganz andere» Seite aus betrachten und sic dann weniger begrüßen, baun nämlich, Wenn man die Überzeugung hat, daß die unge störte Fortsetzung der bisherigen Politik glatt zu einer vierten Teilung Polens geführt hätte! Das ist ein Gedanke, das ist ein Wort, das ist eine Überzeugung, die nicht in deutsche» Kreisen entstanden ist, sondern das ist ein Wort, das in einem französischen Buche der jüngsten Vergangenheit geschrieben steht. Natürlich hat das in Polen größte Aufregung verursacht. Aber schließlich ist vor 150 Jahren den polnischen Schlachzizen oft genug, a(”r eben so vergeblich die Wahrheit gesagt worden, bis sie ihnen zur niederschniettcrnden Wirklichkeit Würbe. Und jetzt sind mehr Mächte da, die bei einer Teilung zugrel-.n möchten und zugreffen können. Vielleicht wird auch einmal in Polen das Sprichwort wahr, daß Gottes ANihle» zwar langsam mahlen, aber schrecklich klein —, ein Staat, der auf Gewalt und Raub sein Dasein aufbaut, besitzt aW Grundlage nicht die geschichtlichen Kräfte, die jedem Volke das Dasein bestimmen.
Die Streiklage in England.
Der englische Ministerpräsident Baldwin hat den Grubenbesitzern und Bergarbeitern die Einigungsvorschkäge übermittelt, welche gesetzgeberische Maßnahme» zur Durchführung der Empfehlungen der Unterfuchungskommiffion für den Kohlenbergbau und eine finanzielle Beihilfe für die schwächeren Betriebe bis zur Höhe von drei Millionen Pfund Sterling sowie die Einsetzung einer gemischten Kommission mit einem unabhängigen Vorsitzenden zur Festsetzung von Lohnherabsetzungen vorfehcn. Indexen