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Zul-aer ^n^cigcr

Erscheint jeden Werktag Bei fieferungdbe« Hinderungen durchhöhere Gewalt", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche Rotationsdruck und Verlag: Friedrich Èhrenklau, Lauterbach, Hessen, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsverleger. Postscheck-Konto: Frankfurt am Main Nr. 5585.

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

Zulöa- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt

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Nr. 108 1926

Fulda, Samstag, 15. Mai

3. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die von Reichswehrminister Tr. @ e 61 e r auf der Grundlage der bisherigen Koalition versuchte Neubildung der Reichsregierung ist gescheitert. .

* Im Reichstagsausschutz für Handelsverträge wurde in zweiter Lesung der in erster Lesung abgelehnte Entwurf über deutsch-dänische Zollcrleichternngen angenommen.

* Die polnische Regierung ist aus Warschau nach Posen ge­fluchtet, da die gegen das Kabinett Witos kämpfenden Truppen des Marschalls Pilsudski ganz Warschau in Besitz genommen haben und Herr der Lage sind.

* Das Polarlustschifs Amundsens kam bis Freitag abend nicht an seinem Bestimmungsort an.

Höhen und Tiefen.

DieAmerikaner in der Welt voran" wenigstens in den Teilen der Welt, in denen es noch etwas zu entdecken gibt, die vor ihnen noch keines Men­schen Fuß betreten, kein sterbliches Auge erblickt hat. Wirklich ist es nun einem waghalsigen Sohne der Neuen Welt gelungen, als erstes Lebewesen den Nordpol seiner geheimnisvollen Unberührtheit zu entkleiden und sich dann unter Zurücklassung des Sternenbanners wieder zurückzuziehen. Dem kühnen Flugzeugmann ist unverzüg­lich der norwegische Luftschifführer A m n n d s e n ge­folgt. Offenbar begünstigt durch ungewöhnlich förder­liche Witterungsverhältnisse ist er über den Nordpol hin- wcggeflogen und hatte seine bevorstehende Ankunft in R 0 m e auf Alaska funkentelegraphisch angezeigt und um Bereitstellung von Landungsmannschaften gebeten. Mit der Landung Wäre ein alter Menschheitstraum in Er­füllung gegangen. Widrige Lustverhältnisse haben ihn an­scheinend aufgehalten, denn bis Freitag erfolgte keinerlei 1 neue Meldung. Man begann, Sorge zu hegen, hoffte aber auf baldige glückliche Wendung. Jedenfalls scheint die Er­oberung des Nordpols vollendete Tatsache zu sein.

Aber nicht nur, daß auch diese Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit erreicht oder, im Sinne unserer Vor­fahren, überschritten ist, wir haben auch von Stunde zu Stunde fast genauen Bericht erhalten über den Verlauf des halsbrecherischen Unternehmens, über die Wind- und Temperaturverhältnisse, über die Beobachtungen der ver- tvegenen Lusischifser, über Art und Zeitpunkt ihrer Mahl­zeiten und was dergleichen wichtige Nebensächlichkeiten mehr sind. Es fehlte nur noch, daß wir ihnen auch unsererseits Kunde geben sonnten von den interessanten Dingen,, mit denen wir uns inzwischen in diesen Erd­niederungen die Zeit vertrieben.

*

Zum Beispiel, daß in England mittlerweile ein General st reik vor sich ging, der dann, nach acht- oder zehntägiger Dauer, von den Gewerkschaften wieder abgeblasen wurde; oder daß die Deutschen plötzlich im schönsten Frühlingsrausch sich über ihre National­flagge in die Haare geraten sind und, weil ein anderer Ausweg nicht gefunden werden konnte, es wieder ein­mal mit einem K a » z l e r w e ch s e l versuchen wollen; oder daß zu dem faschistischen Dreiblatt Rußland, Spa- nicii und Italien nun auch die P 0 l n i s ch e Republik in einer Abkehr von der parlamentarischen Regierungs­form ihr Heil finden will, unter freundlicher Nachhilfe des Marschalls Pilsudski, den offenbar die Lor­beeren von Mussolini und Primo de Rivera schon lange nicht schlafen ließen.

Allerdings, man kann nicht wissen, ob sich die wacke­ren Nordpolpiloten aus diesen Nachrichten, wenn sie von ihnen unterwegs ereilt worden wären, sonderlich viel gemacht hätten; worüber wir uns hier, in den tieferen Regionen, aufregen, mag den Siegern der Lüfte, die nur das eine Ziel vor Augen haben, den Machtbereich der Erdenkinder in neue Welten vorzutragen, herzlich gleich­gültig erscheinen. Aber eine Neuigkeit hätte, auch wenn sie von ihr gerade im Augenblick des überfliegens des Nordpols gehört hätten, auch bei ihnen gewiß weitgehen­des Interesse gefunden: daß nämlich die deutsche Wissenschaft drâuf und drän ist, den eben erst einiger­maßen in Gang gekommenen i n t e rnati 0 nalen Luftverkehr von Grund auf zu revolutionieren. Sie hat Hamburger Berichten zufolge nichts Geringeres im Sinn, als ihn aus den jetzt üblichen Höhen und Luft­schichten in Höhen von neun bis zwölf Kilometer zu ver­legen, wo gleichmäßige Temperaturen von etwa minus 55 Grad mit einem prozentual unverminderten Sauer­stoffgehalt' angetröffen wären. Ein Flugzeugverkehr in dieser Höhe, natürlich mit Sauerstoffatmung, ist praktisch durchaus möglich und gewährt große Vorteile. Man kann so schon in 14 bis 16 Stunden von Europa nad) Nordamerika hinüberfliegen und wäre dabei atmosphäri­schen Wechselfällen, wenn überhaupt, so doch jedenfalls ungleich weniger ausgesetzt als in den jetzt befahrenen oder vielmehr beflogenen Luftschichten. Die ersten Höhen- fliigzeuge für die Forschung in jenen atmosphärischen Höhen sind fertiggestellt und können mit der Arbeit so­fort beginnen. Wenn es nach den Wünschen der beteilig­ten Forscherkreise geht, würde D e u t s ch l a n d mit der Lösung der hier gestellten Flugprobleme a n d er SP i y e der Flugtechnik bleibest und so der Welt einen neuen Beweis seiner großen Kulturbedeutung geben. Sie halten mit dem neuen Flugzengthp eine Stnndenge- schwindigkeit von vierhundert Kilometer für möglich und glauben, namentlich dem deutschen $ anbei damit einen bedeutsamen Vorsprung gegenüber dem Ausland sichern zu können.

*

Aber muß uns nicht bei solchen Höhenflügen, gegen­wärtigen und gar erst zukünftigen, wieder das Wort des Dichters schwer auf £ Gewissen fallen:D 0 ch der

Die Mission Geßlers gescheitert.

Berlin, 14. 5. Reichsminister Dr. Geßler er­stattete heute gegen 1 Uhr mittags dem Herrn Reichspräsi­denten Bericht über seine Fühlungnahme mit den Par­teien. Als Eergebnis stellte Dr. Geßler fest, daß er selbst nicht in der Lage sein wird, auf der bisherigen Grundlage eine Regierung zu bilden . Er werde sich aber um die Klärung der Lage bemühen und hoffe, bis morgen vormittag dem Herrn Reichspräsidenten, einen positivem Vorschlag unterbreiten zu können.

Die Haltung der Fraktionen.

Berlin, 14. 5. Nach der Vollsitzung des Reichstages wollten am Freitag abend fast sämtliche Fraktionen zu- sammentreten, um die Frage der Regierungsneubildung zu erörtern. Die Fraktionssitzungen des Zentrums und der Demokraten wurden jedoch abgesagt und auf Samstag vormittag vertagt.

Wie das Nachrichtenbüro des Vereins Deutscher Zei­tungsverleger aus parlamentarischen Kreisen hört, gedenkt das Zentrum als Reichskanzler den Landeshauptmann der Rheinprovinz, H 0 r i 0 n , in Vorschlag zu bringen. Eine bisher in Aussicht genommene Kandidatur des Kölner Oberbürgermeisters Adenauer ist in den Hintergrund getreten.

Die Militärrevolte in Polen.

Marschall WM in Warschau. _

Schwere Kämpfe in der polnischen Hauptstadt.

[ Die Militärrevolütion in Polen hat einen weit größeren Umfang angenommen, als dies von der gefeit mäßigen polnischen Regierung anfangs zugegeben wurde. Der Führer der Revolution ist Marschall Pilsudski, in dessen Händen sich die Hauptstadt des Landes befinden soll. Die Regierung Witos soll nach Posen geflüchtet, nach anderen Meldungen soll sie von den Anhängern Pilsudskis gefangengenommen worden sein. Der Ein­nahme Warschaus durch die Truppen Pilsudskis ging eine erbitterte S t r a ßensch l a ch t voraus, in deren Verlauf Pilsudski leicht verletzt, sein Flügeladjutant da­gegen getötet worden sein soll. Pilsudski soll auch durch die sozialdemokratische Arbeiterschaft Verstärkungen er-

Feldmarschall Pilsudski,

Mensch versuche die Götter nicht!" wie die Warnung der alten Griechen vor der Hybris, dem übe r - in u t des Staubgeborenen gegenüber den ihm vom Schick­sal ein- für allemal bestimmten Grenzen seiner Macht? Nun, es ist auch heute dafür gesorgt, daß wir n i ch t über­mütig werden, daß wir immer wieder in das Bewußt,ein unserer Armseligkeit, unserer Hinfälligkeit, unserer Erd- gebundenheit zurückgeschleudert werden. Wir brauchen nur an das tragische Schicksal jener baltischen Gräfin zu erinnern, die in diesen Tagen unmittelbar vor den Toren der Reichshauptstadt, auf einem Wege zwischen ihrem Galten und ihren Kindern, von Bubenhand am Waldesrand niedergeschlagen und dann kaltblütig er­mordet und beraubt wurde, um wieder von dem ganzen Jamicker dieser men senilsten Gesellschaft berührt zu wer­den an die jeder einzelne von uns bei allen Großtaten von Wissenschaft und Technik, bei allen bewunderungs­würdigen Leistungen auf den verschiedensten Gebieten fes - geschmiedet bleibt. Dicht neben herzerhebenden Fort­schritten der sozialen unb materiellen Kultur wohnt immer noch die Tragik der menschlichen Schwächen und Fehler, die zuweilen üt einer Sekunde grausam vernichten,, was ein langes, in selbstloser Arbeit aufgeopfertes Menfchen- leben mühsam aufgebaut hat. P

So bleibt es, trotz stürmischen Vardrangens der Ame­rikaner und anderer Welteroberer auch heute noch bet Der alten Weisheit unserer Väter: Es ist schon dazur geborgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Dr. «Y.

In der Sitzung der Deutschen Volkspartei er­stattete der Vorsitzende Abg. Scholz einen Bericht über die bisherigen Verhandlungen, bei denen die drei großen Fragen der Flaggenverordnung, der Fürstenabfindung und des Aufwertungsgejetzes eine Rolle spielten. An ein weiteres Zusammengehen der Deutschen Volks­partei mit den Demokraten dürfte für die ersteren nur dann zu denken sein, wenn die demokratische Fraktion die Flaggenverordnung aner­kennen würde.

Die deutschnationale Reichstagsfraktion ver­handelte heute ebenfalls, verhielt sich aber in der Regie­rungsfrage abwartend. Sie behandelte lediglich das Reichsknappschaftsgesetz.

Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion be­schäftigte sich mit inneren geschäftlichen Angelegenheiten.

Wie die Dinge zur Zeit liegen, glaube man in einem Teil der Regierungspartezen, daß, wenn nicht die bis­herige Koalition aufkechterhalten werden könnte, dann vielleicht die Bildung einer Koalition der kleinen Mitte (Zentrum, Deutsche Volkspartei und Bayerische Volkspar- tei) übrig bliebe, die natürlich sich nur mit jeweiliger Un­terstützung anderer Parteien halten könnte.

halten haben, da zahlreiche Gewerkschaften den Streik proklamiert haben sollen. Unter anderem haben die E i s e n b a h n e r beschlossen, den gesamten Eisenbahn­verkehr stillzulegen, um so die Heranführung der der Re­gierung Witos ergebenen Truppen zu verhindern. Die polnische Regierung hat ein größeres Truppennufgebot gegen Pilsudski in Bewegung gesetzt, die unter dem Ober­befehl des früheren Kriegsministers Sikorski und des Generals Haller stehen. Die gegenwärtige militärische Situation scheint die zu sein, daß Pilsudski Warschau und seine Vorstädte fest in der Hand hat, daß aber in einem I Umkreis von etwa 25 Kilometern rings um die Haupt- I stadt eine Konzentration beträchtlicher zum Kampfe gegen den Marschall entschlossener Streitkräfte stattsindet, gegen die aber bereits wieder andere von den Anhängern Pilsudskis herangesührte Truppen im Anmarsch sind. Man wird also vielleicht schon mit dem Beginn schwerer entscheidender Kämpfe zu rechnen haben.

Die Ursache zu dem Militärputsch hat die Ernennung des jetzigen rechtsgerichteten Kabinetts Witos gegeben. Pilsudski hatte namentlich die Besetzung des Außen- ministeriums und des Kriegsministeriums mit sogenann­ten Fachministern gefordert, was indessen sowohl von dem polnischen Staatspräsidenten Ivie von dem Minister­präsidenten abgelehnt worden war. Daraufhin hat Pil- sudski seine Anhänger in Marsch gesetzt. Pilsudski war vor dem Kriege sozialistischer Agitator gegen Rußland, int Kriege Führer der polnischen Legionen im österreichischen Heere, dann im selbständigen Polen Kriegsminister, Staatspräsident und Generalstabschef. Er hat sich vor Jahren schon von der Politik zurückgezogen. Er selbst hat dafür als Grund angegeben, daß die Volksführer erst in den Schlamm sinken, sich von diesem Schlamm volltrinken müßten, um in Polens Äugen Gnade zu finden. Der Marschall, wie er allgemein genannt wird, verfügt über einen starken Anhang nicht nur bei der Bevölkerung, son­dern auch im Heere. Immer wieder hat man ihn ge­drängt, an die Spitze des Staates zu treten, aber bis jetzt hat er immer wieder abgelehnt, weil er keine Mög­lichkeit sah, gedeihlich zu wirken.

Deutscher Reichstag.

(201. Sitzung., CB. Berlin, 14. Mai.

Präsident Löbe eröffnete die Sitzung und verlas die amt« kicken Mitteilungen von dem Rücktritt des Rcichskabi - netts. Als er erwähnte, daß Reickswehrminister Dr. Geßler vorläufig die Gesckäste deS Reickskanzlers führe, ent­stand bei den Kommunisten Unrube. Sic riefen:Eine feine Nummer!" Der Präsident rügte den Zwischenruf. Auf der Neckren ertönte bei Ruf:Sie haben Angst!" Aus der Taaes- ordnung stand die zweite Lesung des Gesetzentwurfes zur Lin­derung der

ReSchsverordnung für die Fürsorgepflicht.

Der Ausschuß empfiehlt u. a. einheitliche Richtsätze, >vou> die Beteiligung der Hilssbedürsligeu im Fürsorgeverfabrcu festgc- legt wird und wonach die Stleinremner in bezug auf Fürsorge- berechtiguug den Sozialrentnern gleichgestellt werden, aueb^ine Beschwerde gegen Ablehnung der Fürsorge sowie gegen Fest­setzung ihrer Art und Höhe zugelasfen mirb.

Abg. Karsten lSoz.i erhob Einspruch dagegen, daß bei der Fürsorge den Sozialrentnern die Sovalreute angerechncl wer den solle. Der Redner beantragte, als Vertreter der nrsorge- berechtigten nur solche Leute zu^ulasseu, die das Vertrauen der Fürsvrgcbcrechtigten genießen.

Abg. Frau Arendsee tKoinin.l beantragte, den Organisati­onen und, wo solche nicht vorhanden seien, sonstigen Ver­tretern der Sozialrentner usw. in allen Instanzen ein entschei­dendes Mitbestimmuttgsrechi zu sichern.

Abg. Frau Teufch (Str.) trat für einen auch vou den De­mokraten unterste$ten Antrag ein, wonach bei der Durchfüh­rung dèr Fürsorge und.bei der Ausstellung von Ricktlinieu am