Eul-aer Anzeiger
Erscheint feöen Werktag ❖ Bef Zieferungsbe» hiiiSerungen Surch „höhere Gewalt", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw.erwachsen Sem Bezieher keine Ansprüche ❖ Rotationsüruck und Verlag: Friedrich Ehrenklau, Lauterbach, Hessen, sslltglico des Vereins Deutscher Zeitungsverleger. Postscheck-Konto: Frankfurt am Main Kr. 5585. ^T 105 — 1926 —
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Iul-a- un- Haunetal ♦ Zul-aer Kreisblatt
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3. Jahrgang
Fulda, Dienstag, 11. Mai
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Zu dem Flaggenstreit hat Reichspräsident v. Hindenburg ein Schreiben an Reichskanzler Dr. Luther gerichtet, in dem er einen versöhnenden Ausgleich in Anregung bringt.
* Reichspräsident V. Hindenburg stattete Montag der thüringischen Regierung in Weimar und damit ganz Thüringen einen Besuch ab. Der Reichspräsident wurde in Weimar mit großer Begeisterung empfangen.
* Aus der Zeche „Phönix" in Duisburg-Ruhrort verunglückte infolge einer Explosion eine Anzahl Arbeiter. Man zählte sofort vier Tote und vierzehn Verwundete.
* Kommander Byrd von der amerikanischen Marine, der von Kingsbay im Flugzeug aufstieg, brachte nach einem ungefähr löstündigen ununterbrochenen Flug die Nachricht nach Kings- bay, daß er ben Nordpol überflogen habe.
* Das deutsche Motorschiff „Baden-Baden" ist nach guter Fahrt glücklich in den Newyorker Hafen eingelaufen.
Hindenburg zum FlaggenerlaH
Schreiben des Reichspräsidenten an den Reichskanzler.
In den Kampf der Meinungen um die neue Flaggen- Verordnung hat Reichspräsident von Hindenburg nunmehr vermittelnd eingegriffen. Zu diesem Zweck hat er an den Reichskanzler Dr. Luther folgenden Brief gesandt:
„Sehr geehrter Herr Reichskanzler!
Die „Zweite Verordnung über die deutschen Flaggen vom 5. Mai 1926" ist in der Öffentlichkeit erheblichen Mißverständnissen begegnet.
Die außen- und wirtschaftspolitischen Ereignisse der letzten Zeit, die einer neuen Geltung Deutschlands im Auslande den Weg ebneten und uns wieder in die Weltwirtschaft eingliederten, erfordern eine starke Mitwirkung der Deutschen im Auslande und ein freudiges Bekennen aller Ausländsdeutschen zum Deutschtum bei öffentlichen Kundgebungen. Dem stand im Auslande unter besonders schweren Begleitumständen der unselige Waggenzwftt hindernd im Wege. Diesem «bestand soll durch die Verordnung vom 5. Mai ds. Js. abgeholfen werden, und ich bin überzeugt, daß dieser Zweck mit der Verordnung auch erreicht wird.
Nichts liegt mir — wie ich Ihnen bereits wiederholt zürn Ausdruck gebracht habe — ferner, als die durch die Verfassung bestimmte» Nationalfarben zu beseitigen. Ich bin vielmehr nach wie vor fest entschlossen, die Flaggenfrage nur auf der Grundlage der Berfas- sungzu behandeln.
Leider hat sich aber auS den Erörterungen in Presse und Öffentlichkeit erneut ergeben, wie verhängnisvoll und gefährlich für unser Volk der schwebende Streit um die Flagge ist. Hier in absehbarer Zeit auf verfassungs- insißigem Wege einen versöhnenden Ausgleich zu schaffen, der dem gegenwärtigen Deutschland und seinen Zielen entspricht, und zugleich bem Werdegang und der Geschichte des Reiches gerecht wird, ist mein innigster Wunsch. Ich bitte Sie deshalb, Herr Reichskanzler, zur geeigneten Stunde sowohl mit den gesetzgebenden Faktoren im Reiche als auch mit den an dieser Frage besonders interessierten Bereinigungen in Verbindung zu treten, um diesem Ziele nachdrücklichst zuzustreben. Möge der Zeitpunkt nicht fern sein, wo sich das deutsche Volk wieder friedlich um ein und dasselbe Symbol seines staatlichen Daseins schart!
Mit der Versicherung meiner hohen Wertschätzung und mit freundlichen Grüßen bin ich
Ihr sehr ergebener gez. v. Hindenburg."
Reichskanzler Dr. Luther hatte am Montag mittag mit den Führern der Regierungsparteien eine Aussprache über die parlamentarische Lage. Die Verhandlungen dauerten etwa anderthalb Stunden. Über ihr Ergebnis wird von den Parteiführern st r e n g st e s Stillschweigen bewahrt. Wie verlautet, soll von den De- mokraten dem Reichskanzler nahegelegt worden sein, v 0 n seinem Amte z u r n ck z u t r c t e n, da vielleicht dann eine Lösung leichter zu finden sein würde. Eine bestimmte Forderung in dieser Richtung ist jedoch nicht gestellt worden. Die anderen Parteien verhielten sich in dieser Frage vollkomemn abwartend.
Im Anschluß an diese Parteiführerbesprechung fand dann ein Kabinettsrat statt. Wie man in parlamentarischen Kreisen annimmt, werden die Reichsminister sich mit dem Reichskanzler solidarisch erklären.
Ani Nachmittag hielten die Vorstände der Demokratischen Pariei und des Zentrums Sitzungen ab. Die Fraktionen des Zentrums, der Demokraten und der Deutschen Vollspartei treten nach dem Reichstagsplenum zusammen.
Ms MMU- und AsßlmrWMe,
Berlin. Die Verhandlungen über die flaggens rage im Reichstag und in der Reichskanzlei dauerten den ganzen Tag an. Nach der intcrfrattiancHen Besprechung mit dem Reichskanzler wurde ein Kabine tts r a t abgehalten, über dessen Ergebnis nichts bekanutaegeben wurde. An einer Besprechung der Deuts ch national e u mit dem Reichskanzler nahmen die AbM. Graf Westarp, Schiele, Wallras und Schu'z-Bromöerg teil. Über die Haltung der Bayerischen Bolkspartei wird gemeldet, daß die Partei zwar die Flaggenverordnung für höchst unzeitgemäß hält, jedoch keineswegs beabsichtigt, aus diesem Anlaß eine Krise hervorzurnfert. Der R e i ch s p a r t e i v 0 r - stand des Zentrums hat nach dreistündiger Beratung -rügenden Beschluß gefaßt: Der Reichsparteivorstand deS Zentrums bedauert in Übereinstimmung mit dem Beschluß oer Rcichstagsfraltion den Erlaß der Flaggruvervrduung, er vliiigt die Haltung der ReichstagSsraktion und erwartet mit Vertrauen ihre weitere Entschließung.
Der Pol überflogen.
VW bezwingt den Aordyol.
In einem Fokkerflugzeng.
Der Flieger der amerikanischen Marine Kommander Byrd, der seine Basis in Kingsbay nachts 1.50 Uhr Greenwicher Zeit verlassen hatte, erreichte Sonntag den Nordpol und ist um 4.20 Uhr nachmittags wohlbehalten in Kingsbay wieder cingetroffen, wo er von der gesamten Bevölkerung sowie von Amundsen und der Besatzung des Luftschiffes „Norge" begrüßt wurde.
Kommander Byrd und sein Pilot Lloyd Lennet umkreisten auf ihrem Fokkerapparat mehrere Male den Nordpol, um die Richtigkeit der Pearyschen Behauptungen festzustellen.
Während der Fahrt herrschte der schönste Sonnenschein, die Luft Ivar vollständig ne beifrei, so daß die Benutzung oes Sonnenkompajses ermöglicht war. Dagegen hat Byrd bei seiner Rückkehr nach F g-bay erklärt, daß der magne- ti-cye Kompaß in der Polgegend derartig abwich, daß dessen Gebrauch unmöglich war. Byrd, der auf dem Hinweg nach dem Nordpol auf dem geraden Wege über die Amsterdaminsel und Neu- Friesland geflogen ist, flog nicht auf demselben
Wege zurück, um sicher zu sein, wieder nach Spitzbergen zu kommen. Er entdeckte am Pol kein lebendes Wesen, auch keine Spuren von Polarbären.
Byrd ließ über den Pol die Flagge fallen. Byrd ist nicht der Ansicht von Amundsen und von Ellsworth, daß man auf der Polrcgion nicht landen könnte; er brächte Photographien mit, die beweisen, daß die Landungsmöglichkeit besteht.
Coolidges Glücktvürrsche.
Präsident Coolidge hat Byrd ein Glückwunsch telegramm gesandt, in dem er feine Genugtuung darüber aus sprach, daß der Polflng durch einen Amerikaner erfolgte.
Der Staatssekretär der amerikanischen Marine, Wilbur, äußerte sich über den Nordpolflng Byrds: Wir dür- sen Byrd, feine Begleiter und unser Land zu dieser Leistung beglückwünschen; wir empfinden größte Frende über das Gelingen des Unternehmens und über die sichere Rückkehr. Staatssekretär für den Krieg, Davis, erklärte, wie alle Amerikaner, fei er über den neuen Triumph des amerikanischen Flngwesens hocherfreut. Der Flug sei nicht nur epochemachend vom technischen Standpunkt aus, sondern auch eine Leistung bewundernswerten Mutes. Ein Land, dem solche Männer dienen, werde auch in der Stunde der Not seine Pflicht tun.
^muniuen siar^ereri.
Amundsen bewillkommnete Byrd und Bennett bei ihrer Rückkehr persönlich mit der gesamten Besatzung der „Norge". Byrd sind verschiedene Finger erfroren. Nach den neuesten Nachrichten aus Kingsbay hatte sich Amundsen entschlossen, am Dienstag, den 11. Mai, mit der „Norge" zum Pol zu fliegen
Das günstige Wetter sticht vorläufig dafür, daß an diesem Starttermin festgehalten werden wird. Indessen wollte Amundsen noch wi dem Abflug genaue Erkundi- gungen bei den in Betracht kommenden meteorologischen Stellen einholen und sich erst wenn diese günstig aus- sallen, endgültig zum 'M sing entschließen. Die Vorbereitungen für Liefen sind bereits feit einigen Tagen beendet, so daß der Start jederzeit erfolgen kann.
Kapitän Wilkins ebenfalls.
Kapitän Wilkins hat an Bord seines dreimotorigen Flugzeugs Fairbanks verlassen, um nach Point Barrow zu fliegen. Drei Stunden nach seinem Übflug kündigte er durch eine drahtlose Meldung an, daß er die Endieott- berge überflogen habe. Man vermutet, daß er glücklich in Point Barrow gelandet ist. Kapitän Wilkins beabsichtigt, nach einem Ruhetag seinen Flug in das Polar- gebiet fortzusetzen und über den Nordpol hinweg nach Spitzbergen zu fliegen.
Der Nordpol.
Auf eine Reihe von Tragödien folgt jetzt ein Spiel, das man fast als Komödie bezeichnen kann.
Der Nordpol — heißersehntes Ziel kühner Forscher- naturen und abenteuerlustiger Waghälse. Gar manches Opfer bat er mit seinen eiligen Krallen gepackt. mit den
Eisblocken zermalmt; oft kam keine Kunde mehr vom Leiden und Sterben dieser Nordpolfahrer. Oft kehrte^i Rettungsexpeditionen zurück, ohne eine Spur der Verlorenen gefunden zu haben. Opfer der Kälte, des Eises, des Hungers, gar oft sehr mangelhafter Vorbereitung. Aber immer wieder fanden sich neue, die das Wagnis unternahmen, die die Erstürmung des Nordpols geradezu sich zur Lebensaufgabe machten. Grotesk aber wurde dies, als der Wettlauf zum Nordpol anhoo, und nn vergeßlich blieb der häßliche totreit zwischen Cool und Peary, wer denn nun zum erstenmal am Pol gewesen sei und ob überhaupt einer von ihnen den Pol erreicht batte. Nun aber hatte das Wettercnneu noch hastigere formen angenommen, weil man dafür die modernsten Beförderungsmittel — Flugzeug und Senfballon — an wenden wollte. In Alaska rüstete ein Amerikaner und auf Spitzbergen ein zweiter: dazu ist Amundsen mit seinem Luftschiff „Norge" gelandet, nun aber anscheinend — zu spät gekommen, weil der amerikanische Marineflieger, Kommander Byrd, das Rennen gemacht haben soll.
Angeblich wenigstens — er behauptet, ein paarmal den Nordpol umkreist und — was die Hauptsache ist — eine amerikanische Flagge h e r u ntè r g e w 0 r - sen zu haben. Gerade auf den Nordpol, mitten drauf! Um Besitz von ihm zu nehmen — wobei wahrscheinlich — auch nach einer angeblichen Mitteilung Byrds — trer Nordpol mitten im Wasser liegt, sich also vermutlich nicht sehr darum bekümmert, wer von ihm Besitz ergreift. Es ist dort überhaupt eine ganz verzwickte Gegend: man hat dort nämlich mir el ;e einzige Himmelsrichtung, den Süden. Wohin man auch blickt — überall ist Süden.
Wenn nun das auer nicht der richtige Nordpol ist! Ihn sestzustellen ist wissenschaftlich nicht ganz leicht. Wenn aber der Nordpol — ter richtige nämlich — etwa auf dem Land liegt, so werden sich um den Besitz so etwa sieb c n Länder streiten, genau wie sich sieben Städte darum zankten, die Geburt^stadt des griechischen Dichters $omer zu sein. Man kann schließlich eine „Besitzergreifung" per Flugzeug von oben her nicht gerade als völkerrechtlich stichhaltig betrachten. Landen muß man doch wenigstens. Aber A m e r i f a, würde eine derartige Besitzergreifung schon als genügend betrachten; ihm ist die Hauptsache, daß die „strips und Stars" auf dem nördlichsten Punkt der Erde flattern. Und vielleicht ist da so ganz nebenbei auch noch allerhand zu holen; ist doch genug phantasiert worden über die angeblich vorhandenen Riefenlager von Eisen, Kohle, Petroleum usw. — alles also überaus be gehrenswerte Dinge. — Was aber wird E N g land dazu sagen? Nach englischem Glauben hat es sich so gefügt, daß nichts auf dem Erdball geschehen kann, ohne daß das „englische Interesse" dadurch irgendwie berührt wird. Also auch am Nordpol. Vielleicht gibt das Veranlassung und Stoff für die Berufung einer internationalen Konferenz, was ja jetzt ein ganz besonders beliebter Zeitvertreib ist. Aber — wird die Sotojetrepublik Rußland protestieren? Sie hat nämlich in aller gorm und Feierlichkeit erklärt, daß alles, was künftig in den Nordpolgcgeu den entdeckt wird, in den Besitz der Sowjetrepublik übergeht. Und Norwegen? Amundsen will ja nun auch zum Nordpol fliegen mit seiner „Norge", will nachsehen, ob Byrd wirklich da war. Wenn aber dessen Flagge ins Wasser gefallen ist, dann wird nicht die geringste Spur von seinem Nordpolflug übrig sein. Man sieht also, daß die Geschichte mit dem Nordpol eine ganz vertrackte ^ache ist. Hoffentlich entsteht kein Weltkrieg daraus, wie ihn die Phautasie eines Romanschreibers ersonnen hat.
Dsr Asichsprasiöerri èn Weimar.
Hindenburg Ehrenbürger der Universität Jena.
Reichspräsident von Hindenburg ist programmäßig in Weimar eingetrofien, wo ihm ein begeisterter Empfang bereitet wurde. Auf dem Fürstenplatz vor dem Landtags- gebäube war die Jenaer Studentenschaft in Wichs angetreten und begrüßte den Reichspräsidenten bei seiner Anfahrt. Beim Betreten des LandtagsgebäiweS wurden dem Reichspräsidenken durch Staatsminister Leutheußer das Staatsministcriiim und die Staatsräte vorgestellt, sodann in einem anderen Saale das Präsidium des Landtages und die Fraktionsvorsitzenden. Der Reichspräsi- deiit empfing hierauf eine Abordnung der Universität Jena, die ihm die Ehrenurkunde über seine Ernennung zum Ehrenbürger der Universität überreichte. Am Nachmittag machte der Reichspräsident eine Ruudfahr durch die Stadt zum Belvedere zur Besichtigung des dortigen SchloßmusoninS.
Deutscher Reichstag.
(198. Sitzung.) CB. Berlin, 10. Mai.
Das deutsch-portugiesische Haudelsabkoiiimeii, das Zujatz- abtommen zum französischen Handelsprovisorium, das -van- delsabkoinmen mit Honduras und Der deutsch-estnische K on- sularvertrag wurden dem AnSivärtiyen und Handelspolitischen Ausschuß iibcrivieseit. Es folgte die zweite Beratung der
Novelle zum Kraftsahrzcugsteucryesci-.
Der Ausschuß hat die Vorlage in einigen Punkten geändert. Die Jahressteuer soll danach u. a. betragen: für Krafträder für jede halbe Pferdestärke oder für einen Teil einer solchen 10 Mark (nach der Vorlage 20 Mark). Die Kraftsahrzeugsteuer soll zu je K nach der Bevölkermigswül und dem örtlichen Aufkommen und zur Hälfte nach dem Gebietsumfang aus die ein« reinen Länder verteilt werden. Die Neuregelung der Steuer