Möser Mzeiger
Erscheint jeden Werktag ❖ Bek Lleferungsbe- Hinderungen durch „höhere Gewalt", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw.erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche :- Rotationsdruck und Verlag: Frieörich Ëhrenklau, Lauterbach, Hessen, Mtglieo des Vereins Deutscher Zeitungsverleger. Postscheck-Konto: Frankfurt am Main Nr. 5585. Nr. 100 — 1926 "
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3. Jahrgang
Englands Wirtschaft steht still!
Zer Geaeralsireik in England durchgeführt.
Vier bis fünf Millionen Streikende.
Der Generalstreik in England hat Dienstag nacht Mit voller Wucht eingesetzt. Die Arbeiter aller Betriebe,, die von der Streikleitung für die Arbeitseinstellung in Aussicht genommen waren, sind der Streikparole restlos; gefolgt. Die Zahl der Streikenden wird nicht übereinstimmend angegeben, doch dürfte sie vier bis fünf Milli 0 n e n betragen. Über die ersten Stunden nach dem Streikbeginn gibt das Reuterbureau eine Darstellung, in der cs heisst: In London spielten sich durch den Zustrom der zu Fust, auf Rädern und Fahrzeugen aller Art ihrer Arbeitsstätte zustrebenden Angestellten unbeschreibliche Szenen aus den Straften ab. Die Hauptverkehrsstrafteu sind mit Fahrzeugen überfüllt, so das; nur ein sehr langsames Vorwärtökommen möglich ist. Die Eisenbahnen, Untergrundbahnen und Autobusse haben den Verkehr vollkommen eingestellt. Es bestehen keine neuen Anzeichen für eine Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen der Regierung und dem Gèwerk-
schastskongreß. Aus dem ganzen Lande wird die allgemeine Stillegung der lebenswichtigen Betriebe gemeldet. Insbesondere in Manchester und in Süd- waleS ruht der Eisenbahn- und der Straftenbahnverkehr vollkommen. Wo noch Verkehrsmittel in Betrieb find, wird der Dienst von Freiwilligen geleistet. Die englische Regierung organisiert ihre Gegenmaßnahmen zur Bekämpfung des Generalstreiks weiter. Viele Tausende von Freiwilligen sind bereits von der Technischen Nothilfe angeworben worden. Alle Spezialkonstabler wurden ans- geboten. Kriegsschiffe wurden von Portsmouth -l ad) den verschiedenen Teilen des'Landes gesandt, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Im Hyde-Park wurde eine Milchverteilungszentrale errichtet, und schon vor Einbruch der Nacht, in der der Generalstreik begann, war in der Nähe des Marmorbogens eine ausgedehnte Budrn- Hadt aufgestellt. Ein Fernsprechamt und ein geräumiges Geschäftszimmer für die Leitung waren mit unter den ersten Bauten, die fertig wurden.
London. Das Kabinett hielt Dienstag eine Sitzung ab. Sodann wurde Baldwin vom König in Audienz empfangen. Der Generalrat der Gewerkschaften trat ebenfalls zu einer Sitzung zusammen, um Berichte cntgegenzn- nehmen und über die Lage zu beraten. In einer Kundgebung ermahnte der Generalrat die Arbeiter, Gewalttätigkeiten und lebe Störung der Ordnuüg zu vermeiden. Über den Verkehr in London wird mitgeteilt, daß die Stadtbahn einen eingeschränkten Dienst aufrechterhält, der ausgedehnt werden soll. Außerdem will man mit Hilfe von Freiwilligen einen Omuibusvcrkehr entrichten. Den bei der Regierung eingegangenen Meldungen zufolge geht die Arbeit Jin Lande im allgemeinen sehr ruhig bonftatten. Die Zahl der Meldungen von freiwilligen --Arbeitern ist überall ständig im Wachsen begriffen. Die Lebens-»- -»anttelzufuhr ist normal. Alle Milch- und Fischzüge sind tn' London eingetroffen.
Die Solidarität der TranFportarbeiter.
Transportarbeiterverbände der wichtigsten euro-»» Patschen Länder sind vom geschäftsführenden Vorstand ^.Internationalen Transportarbeiterverbandes ange- ^e,en -worden, die Steinkohlenaussuhr nach Englanv
Anmusterung für englische Schisse zu verhin- ucrn. .ut einer Vreffsunterreduna erklärte einer der drei
Sekretäre des Internationalen Gëwerkschastsbundes, Jan Ondegeest, daß der Internationale Gewerkschastsbund sich mit seiner ganzen Macht hinter die englischen Bergarbeiter und den englischen Gewerkschaftskongreß stelle. Dies bedeute, daß die dem Internationalen Gewerkschaftsbund angeschlossenen 23 verschiedenen Ländern angehörenden Gewerkschaftszentralen mit ihren gesamten finanziellen Mitteln, die bereits im Jahre 1924 einen Betrag von mehr als 200 Millionen holländischen Gulden darstellten, hinter den englischen Gewerkschaften ständen. Es stehe fest, daß die englischen Arbeiter mindestens vier bis fünf Wochen lang den Kamps ohne finanzielle Unterstützung von feiten der Organisation des Kontinents führen können, und es aei sehr unwahrscheinlich, daß der Konflikt länge" als einen Monat dauern werde.
Der bekannte Älrbeitcriührer und frühere englische Premierminister Ramsay Mac Donald, welcher in der gegenwärtigen großen Streikbewegung in England eine hervorragende Rolle spielt, in Begleitung । eines Sekretärs beim Verlagen des Gewerkschaftshauses in London nach einer entscheidenden Sitzung.
Der Mesenkamps in England.
Nun ist der englische Generalstreik da, zum erstenmal, seit der kapitalistische Wirtschaftsgedanke in England geboren wurde. Denn gar eng ist das Bündnis zwischen den Bergarbeitern, den Arbeitern der Metallindustrie und des Transportgewerbes, zu dem auch der größte Teil der Eisenbahner hält. Schon oft hat man mit solchen Sympathiestreiks gespielt, wenn eine der drei Gewerkschaften in den Ausstand trat: bisweilen hat namentlich der Transportarbeiterverband diese Absicht denn auch verwirklicht. Jetzt aber haben sich noch eine ganze Reihe anderer Gewerkschaften angeschlossen; keine Zeitung erscheint, keine Post soll befördert werden — soweit die Regierung das nicht mit den ihr zur Verfügung stehenden eigenen Mitteln durchsetzen kann.
Trotz des Riesenkampfes zwischen Unternehmertum und Arbeit tritt doch wieder jener alte A ii t i r a d i k a l i s- m u s der englischen Gewerkschaften nicht ganz in den Hintergrund. Es ist ein Fechten, kein Messerstechen, ein Boxkampf, nicht eine Schlacht mit allen Mitteln, bei der gar keine Rücksicht darauf genommen wird, ob Unschuldige oder Hilflose darunter leiden. Die Nährn n g s m i t t e l v e r s o r g u n g , Gas, Wasser und Elektrizität — alles soll weiter funktionieren; man denkt nicht daran, den Gegner sozusagen unter einen wirtschaft- lichen Gasangriff zu setzen. Bezeichnend ist ebenso, daß beispielsweise im Newyorker Hafen die Mannschaften der englischen Schiffe erklärten, sie würden der Streikorder erst Folge geben, wenn sie diese Schiffe nach England gebracht haben.
Wie lange kann der Streik dauern? Darauf als Antwort angesichts der Größe des Riesenheeres der Streikenden etwas zu sagen, wäre voreilig. Aber wesent- lich ist dabei einmal, wie sich das übrige englische Publikum verhält; denn schon einmal ist ein englischer Bergarbeiterstreik zusammengcbrochen, weil sich das englische Publikum mit größter Schärfe und energischster Tatkraft gegen die Streikenden wandte. Dann aber wird der Streik bestimmt schleunigst beendet werden, wenn die Arbeitgeber und Arbeitnehmer erst merken, daß der englische Handel auf dem Weltmarkt erhebliche Verluste erleidet. Denn trotz des Kampfes, trotz des Streikes würde die Furcht hiervor zu einer schnellen Einigung führen.
Die Kohlenwirtschaft ist ein Problem, aber ein B e l t p r 0 b l e in , nicht etwa nur ein englisches. Gewiß wird es nicht gelingen, es auf dem Wege wirtschaftlichen Kampfes zu lösen.
Die letzte Unterhausdebatte in London hat es bewiesen: eigentlich wollte man auf keiner Seite den Kampf. Wollte vor allen Dingen nicht den Generalstreik. Wollte lieber an die Kohlenbergwerke weiter Subvention zahlen, als die schwere Katastrophe über England Hereinbrechen lassen. Doch die Dinge waren stärker als das Wollen; trotzdem hat man bis Montag nacht geglaubt, sich noch rechtzeitig am Verhandlungstisch wieder treffen zu können.
Doch es sind nicht mehr die alten englischen Trabes U n i o n s , die Gewerkschaften, die der Sozialdemokrat des Kontinents eigentlich nur als halbsozialistisch betrachtete. Jene Tradcs Unions, die vor allem einmal englisch waren, englische Interessen vertraten, ehe sie an den Internationalismus dachten: die freilich gern jede Unterstützung vom Internationalismus her annahmen, dann besonders, wenn sie durch diesen in ihren Auseinandersetzungen mit ihren eigenen Arbeitgebern unterstützt wurden. Ein Zug von Radikalismus ist in die englischen Gewerkschaften hineingekommcil, ein Radikalismus, der besonders der einen furchtbaren Tatsache entspringt, daß England seit Ausgang des Krieges immer rund eine Million Arbeitslose hat; trotz Einführung der Erwerbs- losenfürforge ist das eben sozial-ethisch nicht ohne Folgen geblieben und der linke Flügel der Arbeiterschaft hat zweifellos stark in Einfluß gewonnen. Nicht mehr unum- schränkter Herrscher ist der Bergarbeiter Thomas, der übrigens auch Vorsitzender des Internationalen Arbeitsamtes in Genf ist; neben ihm sind jüngere Genossen aufgetaucht, die eine weit schärfere Kampfstellung einnehmen wollen.
Auf der anderen Seite die verschuldete oder unverschuldete Lage der K o h l e n g r u b e n b e s i tz e r. Vor ein paar Tagen war eine Deputation englischer Bergarbeiter in Deutschland, die unumwunden zugestanden haben, daß der technische Betrieb in den deutschen Bergwerken dem der englischen größtenteils überlegen sei. Systematische Stillegung der unrentablen englischen Kohlengruben, also eine Wirtschastsumstellung auf lange Sicht, würde aber die Albeiterschwierigkeiten nur noch vermehren.
Man hatte sich festgerannt und die Drohung mit dem Generalstreik hat die politischen Parteien auf den Plan gerufen; daher die Äußerung Baldwins im Unterhause, der Streik trage mehr politischen als wirtschaftlichen Charakter.
Alle Enteignungsaickäge abgelehnk.
In Erwartung der Regierungsvorlage.
Der Rechtsausschuft des Reichstages beriet wiederum über die Enteignung der Fürsten. Nach kurzer Debatte wurde der sozialdemokratisch-kommunistische Gesetzentwurf über entschädigungslose Fürstenenteignung mit 17 gegen 10 Stimmen abgelehnt. Dafür stimmten nur die Sozialdemokraten und die Kommunisten. Abgclehnt wurde auch der demokratische Änderungsantrag, für den nur die Demokraten stimmten. Ferner wurde mit 21 gegen 6 Stimmen der Abänderungsgesetzentwurs des Zentrums abgelehnt. Dafür stimmten nur die Demokraten und das Zentrum.
Es bleibt in der Frage de Fürstenabfindung jetzt nur noch der Regierungsentwurf übrig, der augenblicklich im Reichsrat behandelt wird und dann dem Reichstag zugeleitet werden muß. Es wird also wahrscheinlich nach dieser Entscheidung, die sich im Reichstag wiederholen wird, zur Volksabstimmung über den Gesetzentwurf zur vollständigen Enteignung kommen. Der Volksentscheid wird vermutlich um die Mitte des. Junis vor sich gehen.
Der Reichspräsideni in Hamburg.
Glanzvolle Begrüßung.
Dienslag früh gegen 9 Uhr trat Reichspräsident von Hindenburg mit dem fahrplanmäßigen Zuge die Steife an, um den angelündigten Besuch in Hamburg abzustatten und dort Senat und Bürgerschaft zu begrüßen. Tie Ankunft in Hamburg erfolgte ungefähr um 'Â2 Uhr.
Vor dem Bahnhof hatte eine Ehrenkompagnie der Küstenwehrabteilung Cuxhaven Aufstellung genommen. Die Stadt hatte reichen Flaggenschmuck angelegt und grüne Ehrenpforten errichtet, nm den Präsidenten, der zm» erstenmal in Hamburg weilt, würdig zu empfangen. Schon Stunden vor der Ankunft waren die Zugangsstraßen, durch die der Präsident auf der Fahrt zum Rathaus kommen mußte, von unzähligen Menschen besetzt. Auf den staatlichen und Reichsgebänden waren die hamburgischen und die schwarz-rot-goldenen Farben des Reiches aufgezogen. Die Kaufmannshäuser zeigten überwiegend die Handelsflagge schwarz-weiß-rot mit der schwarz-rot-goldenen Gösch. Die Schiffe im Hafen hatten über die Soppen, geflaggt. Der Zustrom der Menfchcnmassen aus den Außenbezirken in die innere Stadt war gewaltig. Die Züge aus der Umgebung hatten Scharen von Besuchern nach Ham-, bürg gebracht.
Brausende Jubelrufe erhoben sich überall, als der Reichspräsident nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Senats, Dr. Pete r- sen, und dem Abschreiten der Ehrenkompagnie mit seinem Gefolge vom Bahnhof zum Rathaus fuhr. Im Rathaus erfolgte die Vorstellung der Mitglieder des Se- nats und des Präsidiums sowie der Bürgerschaft und dann wurde die Fahrt nach den Landungsbrücken ange» treten zu einer
zweistündigen Hafenrundfahrt. ..^