Als das Posthorn klang.
Novellette von F. Gebhardt.
” (Nachdruck verboten.?
„Es ist im Leben häßlich "eingerichtet —*--— Wehmütig, leise verhallend, klang Scheffels Trompeter- lied durch die klare GebirgAnft. Ein Posthorn war es, dessen Mund die Weise sich entrungen. Und drunten, jenseits der Loisach, hinter der Brücke, verschwand der gelbe Wagen mit seinem bayerischen Pollillion zwischen den BÜMen der Garmischer Dorfstraße.
/ Ein träumerisches Lächeln im Antlitz, stand die ein« 'same Lauscherin noch vor ihrer Bank am Hang des Kramerberges und folgte dem Entschwindenden mit den Blicken, schien mit vorgeneigtem Ohr die letzten vcrzittcrn- den Töne noch auffangen zu wollen. Und durch ihre Gedanken gstlg ein alter Vers:
Keiner blies das Horn so hell
Wie mein Kamerade--"
Also' das gab es noch, solch Idyll aus alter Zeit, heute? In Wirklichkeit, nicht bloß in Geschicbtcn oder aus dem Theater? Den Klang des Posthorns im Walde?
; Sie hatte gemeint, das sei ein für allemal vorbei und tot. Im großen, lauten Berlin hörte man es nicht mehr. Und Jahre, Jahre war es her, seit sie selber es zuletzt vernahm —> — seit? Seit damals — als sie noch ein Kind war! Im weltfernen, kleinen Dorfs in dem das Renimeister-Dorle geboren war und die erste Spanne ihrer Lebenszeit verbracht hatte. Da war das Posthorn auch erklungen, alltäglich in der Morgenstunde. Und der gelbe ;28agen, aus der Stadt kommend, rasselte die Dorfstraße entlang und hielt ein Weilchen vor dem Dorfkrug, in dem ! zugleich die Posthalterei war. Und alles kam eilfertig herbei, zu sehen, ob nicht irgendwas für ihn „mit angc- kommen" sei, oder ob irgendwer aus der Welt draußen hier einkehrte — oder gar von hier aus die Fahrt in die /Welt machen wollte! Klein-Dorle war dann auch immer dabei, die Briefe für den Vater zu holen, und neben ihr stand dann auch stets der Hansel, der Lehrersohn, der zu gleichem, Zweck aus dem Schulhause gelaufen kam. Und wenn jedermann das Seine dann empfangen, blies Schwager Postillon noch ein Stücklein auf seinem Horn, ein fröhlich schmetterndes, und der gelbe Koloß setzte sich langsam wieder in Bewegung und ratterte die Chaussee entlang, die sich wie ein weißes Band zwischen den dunklen Kiefernwäldern ins Land zog. Hansel und Dorle aber trotteten Hand in Hand davon, soweit ihr Weg der gleiche war, die Postschätze überzahlend und mit Neid oder Triumph erfüllt, je nachdem, wie umfangreich die Er- rungenschaften des einzelnen von ihnen waren.
Der Lehrer-Hansell So sah sie ihn noch vor sich: mit dem strohblonden Haar, davon ihm eine Locke immer eigenwillig in die Stirne fiel, mit den großen Blauaugen voll jugendlichen Kraftbewuhtseins. Wie er einmal aus ihre Frage, was er werden wolle, gesagt: „Was sonst als Schulmeister? Das ist das Größte!" — Worauf sie sagte: „Und ich — ich werd' mal eine gnädige Frau!" — Oh, Ltindertqg — wie fern, wie ferne lauge!
Es war anders gekommen, wenigstens mit dem Dorle. Ihr Vater war früh gestorben und die Mutter hatte mit dem Kind das Dorf verlassen, um nach einer entfernten Stadt überzusiedeln. Da war Dorle ausgewachsen wie die Altersgenossinnen auch, in beschäftigtem Müßiggang. Vis zu jenem Wendepunkt in ihren: Leben, da die Mutter eine zweite Ehe einging und sich von Dorothea dadurch innerlich schied. Und der innerlichen Trennung war dann bald die äußere gefolgt. Sie war fortgegangen nach der Hauptstadt, sich ein eigenes Leben zu bauen — ein Leben ernster Arbeit. Ein hübsches ZèiHentalent, das sie bisher mehr spielerisch gepflegt, wies ihr dabei die Bahnen, — sie wurde Kunstgewerblerin. In fleißigem Streben, in rastloser Arbeit hatte sie sich vorwärts, aufwärts gerungen, ihrem Dasein einen Inhalt und zugleich einen Weg zum befriedigenden Unterhalt gewonnen. Sie war kein nutzloses Glied der Gesellschaft mehr — ihr Leben hatte einen Zweck, für sich und andere — schenkte ihr Befriedigung, äußerlich und innerlich.
Innerlich — voll'und ganz? War dem wirklich so? Warum stieg denn jetzt, da sie dem verhallenden Posthornklang lauschte, die Kindheitserinnerung aus der Vergessenheit empor — und mit ihr ein seltsames Empfinden, das ihr wider Willen eine Träne ins Auge trieb? Was war cs? Sehnsucht — Heimweh — Wehmut? Trauer über ein unbekanntes, unerreichtes Glück? — Ach, wer darf sich denn ans Erden restlos glücklich nennen? Wohl nur, wem die Schwestern „Arbeit" und „Genuß" in gleicher, stets überreicher Weise aus ihrem Füllhorn spenden! Nur wenigen Sterblichen ist das vergönnt. Jene, deren Göttin Genuß heißt, tragen oft an schweren Stunden innerer Leere. Und die sich die Arbeit als Genius erwählt, sie kennen Stunden, da ihre Seele an den Fesseln .rüttelt, welche die ihr anlegt, und verlangend schreit nach dem Recht des Eenießens. — Auch Dorothea kannte solche Stunden. Sie waren selten. Denn die Arbeit und Der Zwang des Erwerbs gönnten ihr wenig Muße, jenem Schrei zu lauschen. Einmal aber, vor kurzem, hatte sie ihm gehorcht, sich für einige Wochen frei gemacht und war ge» liegen in die Bergeinsamkeit und Frische, sich Rast zu gön- '^1 von der Alltagssron. Und hier nun weckte der Klang r~c; Posthorns ein neues, wachsendes, süßschmerzliches sehnen Heimweh war es — nach der Stätte, dem Er- “ben, dem stillen Glück der Kinderzeit! —
Und die Gedanken trafen wieder aus die blauen, leuchtenden Knabenaugen und blieben an dem Spielgefährten has-cn. Hans Albrecht! Wo mochte er weilen, was aus
geworden sein? Doch wohl, wie er gewollt — ein Schulmeister! Aber ganz gewiß nicht in dem kleinen Heimatdorf.' Die Jugend strebt hinaus ins Weite — und erst auf der Höhe des Lebens, rastend bei einem Haltepunkt nnp rückschauend, geht dem Einsamen das Glück der Enge 71 vnd kommt die Sehnsucht — so wie ihr, heute, da das Posthorn klang! — Hans Albrecht — lange hatte sie nicht, mehr an ihn gedacht, hatte nichts von ihm gehört, last seinen Ramen vergessen gehabt. Nichts? Oder doch? -wie war ihr denn? Wann, wo hatte sie unlängst diesen Namen gelesen? 7
., Und dann wußte sie es — ein schmales Büchlein war '^H"ud gekommen, zufällig, vor einiger Zeit, ein L^der! Johannes Albrecht hatte als Versasser- darunter gestanden. Ihr war damals nichts dabei r- "ver die anmutigen, warm empfundenen Verse galten sie angeiprochen. Jetzt fiel ihr all das auf einmal
ein. Ob es derselbe Hans Albrecht war, mit dem sie als Kind gespickt — der Lehrer-Hansel? —
Und ein Wunsch stieg in ihr auf. Wie wäre cs, wenn sie der plötzlichen Heimwehregung Folge gab? Wenn sie, ehe sie zurückkehrte nach ihrem Wohnsitz, den Wanderstab ein wenig abseits des geraden Weges setzte — nach dem Heimatdörflein, das ja noch das Grab des Vaters barg?
Und so geschah es, daß Dorothea Hochfeld an einem Julitage nach langen, langen Jahren wieder zum ersten Male die Straße wanderte, die an dem Rcntmcisterhause Hart am Eingang zum Gntshofe vorüberführte nach dem Anger, daran die Kirche mit dem grünen Friedhof ringsum und unweit Pfarr- und Schulhaus lagen. Mit der gelben Postkutsche war sie nicht eingetroffen, jetzt führte eine Bahnlinie vorüber, und das brachte schon etwas Fremdes in das Erinnerungsbild. Auch sonst schien manches anders. Kleiner vor allem, was dem Kinde einst stattlich und gebietend erschienen war — das ehemalige Vaterhaus, das Gntsgcbäuoe dann. Die Kirche mit dem schlichten weißen Turm war noch dieselbe — aber die Reihen der Gräber um sie her waren länger und dichter geworden. Sie mußte lauge suchen, bis sie des Vaters halb eingesunkenes Grab mit dem schlichten Gedenkstein fand. Sinnend stand sie davor. Wenn der, der dort drunten ruhte, ihr minder früh entrissen worden — vielleicht stünde sie nicht hier als Einsame, die sich durch eigene Kraft durchs Leben rinnen mußte.
Vrèchst du Blumen, sei bescheiden.
Brichst du Blumen, sei bescheiden, Nimm nicht gar so viele fort!
Sieh, die Blumen müssen's leiden;
Doch sie zieren ihren Ort.
Nimm ein paar und laß die andern In dem Erase, an dem Strauch!
Andre,, die vorüber wandern, Freu'n sich an den Blumen auch.
Nach dir koyrmt vielleicht ein müder
Wandrer, der des Weges zieht Trüben Sinns; der freut sich wieder, Wenn er auch ein Röslein sieht.
Johannes Trojan.
Sie wandte sich und schritt weiter, dem Schulhause zu. Hier aber war viel verändert — das alte Häuslein war verschwunden, hatte einem stattlicheren, neuen Platz gemacht. Gewiß war auch der alte Lehrer, Hans Albrechts Vater, längst von dauucn gezogen — in die Welt der Ewigkeit oder nach einem stillen Altcrssitz. Erfahren aber wollte sie das wenigstens. Sie trat ins Schulhaus. — Die Räume, an deren Türen sie nacheinander pochte, ohne eine Antwort zu erhalten, waren, als sie sie zu öffnen suchte, verschlossen oder menschenleer. Ach, richtig, es war in Ferienzeit! Da würde sie am Ende vergebens vorsprechew Aber horch — cs waren Menschen in der Nähe — hinte: dem Hause schallten Stimmen. Sie näherte sich der Hoftür. Da klang hinter dieser ein Lachen, sie wurde ausgc- stoßen, und ein braunköpfiges Dirnlein stand auf vei Schwelle und starrte verwundert auf die feine, fremde Dame. Dorothea fragte nach dem Herrn Lehrer.
„Der Vater? Da hinten ist er im Garten!" Und zurückspringend rief die Kleine mit lauter Stimme: „Vater, Vater, da ist wer!" —
Dorothea war dem Kinde gefolgt und fah nun hinter der weinumrankten Wand einer Laube, die den g."ßteu Teil des Gärtchens einnahm, eine recht behaglich am mutende Gruppe um den sauber gedeckten Kaffeetisch ver- sammelt: außer einer braunhaarigen Frau, die eben dabei Ivar, den braunen Trank in die Tasten zu gießen, drei Herren, einen weißhaarigen alten und zwei jüngere. Die beiden letzteren, welche voran saßen, erhoben sich auf den Ruf des Kindes und das Herannahen der Fremden hin, der vorderste, um den weiter im Laubeninnern sitzenden Hausherrn durchzulassen. Dabei fiel das Licht voll auf ihn, und Dorotheas Augen, dem sich nähernden Hausherrn entgegensehend, fielen zugleich auf den anderen und blieben an ihm haften. Sie sah ein frisches, energisches und kluges Männergesicht, dem doch das Durchgeistigte nicht fehlte; zwei blaue, heitere Augen unter hoher, freier Stirn und blondes, ein wenig welliges Haar, davon ein kleiner Schopf eben wieder in die Stirne fiel, der es zurück- streichondcn Hand zum Trotze.
„Hans Albrecht!" rief sie unwillkürlich.
Und nun kam das übrige sehr rasch. Denn der Lehrer- Hansel war es wirklich, der da zu Gast bei seines Vaters Nachfolger war. Die „Renüneister-Dorle" hätte er freilich nicht erkannt, versicherte er, und^ das war wohl zu glauben. Auch Pater Albrecht, der Weißhaarige, ter bei seinem Schwiegersohn und Amtsnachsolger wohnte, gestand das. Das Torle war srcilich noch ein kleines, um bedarfsames Ding gewesen damals, in der Unterklasse, als die Frau Rcnnneiftcr fortgesogen war. Aber man sah wieder, was aus Kindern weroen kann! Und der plöm lich bereingewehte fremde Gast mußte mit niedersitzen am Familienkasfeetisch und berichten. Er gehörte ja ins Tors und ein wenig noch ins Schulhans — und in Den Kreis der Kindheitsgefährten, zu benen ja eigentlich auch die jetzige Frau Lehrer zählte. Wenn auch das Mariele damals noch ganz, ganz klein gewesen war. — Und Dorothea Hochfeld ward es seltsam eigen zumute. Machte das wirklich die Heimatluft, machte das der Geist der Kinderzeit, der ans- erstanden war aus seinem Grabe? Ihr war, als-sei hier ihre eigentliche, wahre Welt bei den einfachen, genüg, samen, fröhlich-unverbildeten Menschen; und nicht dort in der Großstadt, wo sie ihre Ausgabe fand im Dienste eine» anspruchsvoll verfeinerten Geschmacks, der sich als Kunst zu gebärden suchte. — Und scilsam war auch das: sie war gekommen, Fragen zu tun — und erzählte nun von sich selber! Dachte an ihren Zweck erst, als Hans Albrecht zum Schlüsse lächelnd sagte: „Also sind wir nicht allein hier in unserem Dörflein Landsleute, — anch sonst! Ich wohne nämlich auch in Berlin uttb.-bin dort tätig." —
«Als Lehrer natürlich?" warf sie jetzt fragend hin. „Denn das wollten Sie ja als Knabe schon werden." —,
„Im Grunde ward ich's auch," gab er mit einem Lächeln zurück. „Denn auch der Künstler, auch der Dichter, und Schriftsteller soll Lehrer und Erzieher sein!" —
»Also doch — Johannes Albrecht — der Dichter der „Sonnensunken"!" rief sie aus. „So trog meine Ahnung mich nicht. Wie kommt's, daß wir in Berlin einander nie begegneten?"
„Vielleicht, weil wir beide ein wenig einander vergeffeir hatten. Aber nun, denk' ich, brauchen wir dort nicht mehr an uns vorbeizngehen." —
Das Wort ward wiederholt und in die feste Form deS Versprechens gekleidet, daß Hans Albrecht seine ehemalige «Spielgefährtin aussuchen würde, sobald er ihr nach Berlin gefolgt sein würde. Sie selber mußte bald dorthin zurück, die Zeit ihrer Freiheit war vorüber. —
Hub das Versprechen wurde in den nächsten Woche» schon cingelöst, und bald waren der „Lehrer-Hansel" und das „Rentmetster-Dorle" beinahe wieder so unzertrennliche Kameraden wie in Kindertagen. Denn auch er lebte das Leben des Einsamen wie sie. Bis zu dem einen Tage, Da Dorothea für den Freund den Weihnachtsüaum in ihrem fchlichten, geschmackvoll und gediegen Mißgestalteten Wohn, gemach anzündete. Da fand er, daß es an Der Zeit sein möchte, wenn auch sie ihren Kitiberträum voll zur Er» süllung brächte. Eine „gnädige Frau" zu werden oder nicht — das Wollen lag bei ihr, bei ihr allein; und, sie allein auch tonnte ihm helfen, daß er ein Lehrer und Erzieher würde noch in anderem Sinne als bisher — an eigenen Kindern! —
Da legte sie lächelnd ihre Rechte in seine ihr hinge- sircckie Hand und sagte: „Jetzt weiß ich es, warum mir so wohl und loch, so selig und sehnsuchtsvoll zugleich zumute ward, damals bei Lied Yes Postillions! Es war ja meines Schicksals Stimme, die mich rief, als das Posthorn klang!"
t Ein Handkuß.
Skizze von Georg P e r s i ch. " ,
1 «7 (Nachdruck verböten.!
Ihre Hand lag auf der rotsamtnen Logenbrüstung. Sie ivar stolz auf diese Hand. Künstler hatten sie „klassisch" genannt, hatten sie modelliert und gemalt.
In diese Hand hatte sich auch ihr Mann verliebt. Er hatte cs eingestanden, als sie von ihm wissen wollte, warum er denn sie, gerade sie unter so vielen Töchtern des Landes gewählt habe.
„Zuerst bezauberte mich deine Hand. Ich sah sie im Wachen und im Traume vor mir, ich glaubte nie etwas Schöneres gesehen zu haben, und sagte mir, das muß doch ein Wesen besonderer Art sein, das die Natur so vor anderen ausgezeichnet hat. Und habe mich ja auch nicht getäuscht."
„Schmeichler!" — —
Er war reich und hatte die Hand, die er nun besaß, mit kostbaren Ringen geschmückt.
Die toten Steine gewannen Leben im Lichte, das den Zuschauerraum des Theaters während der Pausen erhellte. Bunte, funkelnde Farbenspiele sprühten von ihnen auf.
Viele Micke wurden davon angezogen. Bekannte grüßten die junge Frau, sie grüßte zurück.
Und da trat in der letzten Pause ein eleganter, hochgewachsener Herr in ihre Loge.
Auch er in der Haltung eines Bekannten. Die Gnädige möge verzeihen, aber der Herr Gemahl, mit dem er sich am Vormittag getroffen, habe ihm für den Abend ein Wiedersehen im Theater in Aussicht gestellt. Er habe ihn noch nicht bemerkt. Hosfcutlich läge kein ernster Verhinderungs- gruud vor.
Wer war denn das? Ihr Mann hatte so zahlreiche Freunde. Man besuchte Gesellschaften. Da konnte ihr auch dieser Herr vorgestellt sein, der ihrem Gedächtnis wieder entschwunden war.
„Nein, mein Mann war nur geschäftlich verhindert, mich zu begleiten," sagte sie. „Aber er wollte mich bestimmt nach der Vorstellung vor dem Theater erwarten."
„Er sollte sich nur auch etwas mehr Erholung gönnen," meinte er. „Und sein Interesse für die Kunst war doch früher so lebhaft! Wir hallen manche Theatervor- stellnng, manches Konzert zusammen besucht."
Davon plauderte er nun, und er verstand, angenehm zu plaudern. Sie wunderte sich im stiller:, daß sie diesen guten Freund ihres Mannes so wenig kannte, daß ihr nicht einmal sein Name eins allen wollte. —
Ein Klingelzeichen. Die Pause war zu Ende, der letzte Alt sollte beginnen.
Der Herr verabschiedete sich. Vielleicht würde er ja nach Schluß der Vorstellung vor dem Theater die Ehre, haben --
Der Zuschauerraum wurde bereits verduickelt.
Sie reichte dem Freuude ihres Gatten zum Abschied die Hand. Er beugte sich darüber, küßte sie chevaleresk. Es war ein etwas fester Druck, den ihre Finger einen Augenblick fühlten.
Noch eine Verneignng. Die Logeniür schloß sich hinter ihm. Der Vorhang rollte in die Höhe.
Man spielte ein spannendes Stück, und der letzte Akt fesselte am stärksten.
Aber in der bewegtesten Szene hatte die junge Fra» plötzlich die Empfindung, als sei eine Veränderung mit ihrer rechten Hand vor sich gegangen.
Sie blickte darauf.
Der kleine Finger, an dem sie einen ihrer schönstens :9Hnge getragen hatte, war leer.
Der Ring hatte nur lose gesessen, aber sie wußte, vag; sie ihn in der letzten Pause noch gehabt hatte. Da mußte! er ihr unbemerkt vom Finger geglitten sein.
Sie bückte sich, sah ihn aber nicht. Die Vorstellung war' ja gleich vorüber, sie wollte sich bis dahin gedulden, danru würde sie ihn wiederfinden. /
Doch trotz eifrigen Suchens, an dem sich auch der Logendiener beteiligte, fand sie ihn nicht, auch nickst an ihren Kleidern. Sie hinterließ ihre Adresse und versprach eine hohe Belohnung. "Und verließ äußerlich beherrscht, aber doch in solcher Ausrcguu.g das Theater, daß ihr Gatte, der draußen auf sie wartete, gleich sah, daß ihr Ungewöhnliches begegnet sein mußte. , ... ,
Sie erzählte.
Er wollte noch einmal mit ihr umkehrcn.
„Vielleicht hilft auch dein Freund mit suchen,^ meinte sie.