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Zul-aer ÄnZeiger

ZuISa / Statt 2

ar, 84 Fulda, 28. Apiil 1926

tim das Gemeindebestimmungsrecht.

Beratungen im Haushaltsausschuß des Reichstages.

Der Haushaltsausschuß des Reichstages beschäftigte sich mit dem kommenden Reichsgesetz gegen den Alkohol­mißbrauch in Verbindung mit der Stellung des Reichs­tages zum Gemeindebestimmungsrecht. Abg. Sollmann (Soz.) wandte sich gegen die Agitation des Ausschusses gegen das GeMeindebestimmungsrecht. Er bestritt, daß damit eine Trockenlegung Deutschlands beabsichtigt sei. Er will die Entscheidung in die Gemeinde selbst legen. Er legte einen Gesetzentwurf vor, nach dem die Gemeinde selbst bestimmen soll, fvenn es ein Fünftel der zur Ge­meindewahl berechtigten Mitglieder verlangt. Der deutsch­nationale Abg. Schulz- Bromberg verlangte für seine Fraktion verschärfte Maßnahmen zum Schutz der Jugend­lichen und eine wirksame Reform des Konzessionswesens. Die Mehrheit seiner Fraktion werde sich gegen das Ge- meindebestimmungsrecht aussprechen. Der deutschnationale Abgeordnete v. Mumm sah dagegen im Gemeinde­bestimmungsrecht ein wirksames Mittel zum Kampf gegen den Alkohol. Mumm fordert von der Regierung ein energisches Eingreifen.

Der Abg. Andre legte den Standpunkt des Zentrums dahin fest, daß seine Fraktion gewillt sei, durch gesetzgeberische Maßnahmen das Schankstättenun- Wesen und den Alkoholmißbrauch zu bekämpfen. DaS Ge­meindebestimmungsrecht lehne die überwiegende Mehrheit des Zentrums als ein untaugliches Mittel zur Verbesse­rung der Verhältnisse ab. Auch bestehe die Gefahr, daß das Gemeindebestimmungsrecht auf andere kommunal­politische Angelegenheiten Anwendung finden würde.

Abg. B u d j u h n (Dtn.) und der Abg. Nolte (Wirt- schaftspaxtei) schlossen sich den Ausführungen des Abge­ordneten Andre an. Abg. Rauch (Bayer. VP.) erklärte, daß seine Fraktion Gegner von Zwangsbestimmungen sei, und berichtete überden durch das Gemeindebestimmungs- recht in Amerika geschaffenen Sumpf von Korruption". Abg.. Moses (Soz.) betonte vom ärztlichen Standpunkt aus, daß der Alkoholismus ein Hauptträger und Förderer verschiedener Krankheiten sei. Abg. Dr. B i ck e s erklärte, daß die Deutsche Volkspartei ein Gegner des Gemeinde- bestimmungsrechtes sei. In Amerika hätten die Todes­fälle durch Alkoholvergiftung seit der Trockenlegung er­heblich zuaenommen. Nachdem 9(bg. Frau Arendsee (Komm.) sich für das Gemeindebestimmungsrecht ausge­sprochen hatte, vertagte sich der Ausschuß auf Mittwoch.

Neuere Nachrichten.

Das Volksbegehren zur Auswertungssrage deammgr.

Berlin. Unter dem Kennwort:Sparerbund Dr. Best" ist dem Rcichsministcrium des Innern der Antrag aus Zu­lassung eines Volksbegehrens zur Abänderung der Aufwcr- tnngsgcscyc vom 16. Juli 11)25 cingcrcicht worden.

Rückgang der Arbeitslosigkeit.

Berlin. Die Gesamtzahl der Hauptunterstühungsemp- fänger in der Erwerbsloscusürsorge ist von 1942 000 am 1. April d. Js. auf 1881000 am 15. April, d. b. um 3 % zurückgegangen. Die Zahl der Zuschlagsempfänger (unter­stützte Familienangehörige von Hauptuntcrstutzungsempfan- gern) ist von 2 091000 auf 1 977 000 zurückgegangen. Der Höchststand der Erwerbslosigkeit betrug am 15. Februar d. Js. 2 059 000 Hauptunterstützungsempfänger, die Höchstzahl der Zuschlagscmpsänger 2 361 000.

Sieben Jahre Zuchthaus für einen polnischen Spion.

Breslau. Der 1. Strafsenat des Breslauer Oberlandes­gerichts verhandelte unter Ausschluß der Öffentlichkeit gegen den Privatdetektiv Johannes Bochinski au§ Zduny (Kreis Krotoschim wegen Verbrechens gegen § 3 des Spionage­gesetzes. Spionage zngunsten Polens hatte der Beschuldigte in Militsch betrieben. Der Staatsanwalt beantragte eine Zuchthausstrafe von zehn Jahren. Der Strafsenat verurteilte den vielfach vorbestraften Angeklagten zu sieben Jahren Zucht­haus und zehn Jahren Ehrverlust.

Bestrafte Bluttat.

Neuwied. Der als Separatist berüchtigte und auch sonst unvorteilhaft bekannte Heinrich Elzermann aus Ehrenbrcit- stein wurde vom hiesigen Schwurgericht wegen Totschlags (er hatte seine Frau im November v. I. erschossen) und fortgesetz­ten Siltlichteitsverbrechens, begangen an seinen Töchtern, zu einer Gesamtstrafe von fünfzehn Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust ohne Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt. Während der ganzen Verhandlung zeigte der An­geklagte keine Spur von Reue.

Sturmschäden in Bayern.

München. Der über einen großen Teil Bayerns hinweg- gegangene Orkan hat überall größere Verwüstungen augerichlct. In Kochel war das Unwetter von Hagelschlag begleitet, der die Ob st bäume schwer mitnahm. Auch aus der Rcichcnhaller Gegend werden schwere Sturmschäden gemeldet. In Passau wurden ganze Budcnrcihen der Maidult umgelegt und vier Personen dabei verletzt. In Bamberg wurden zwei Per­sonen von einer stürzenden Buche getroffen und trugen schwere Verletzungen davon.

Durch einen umstürzenden Kahn erschlagen.

Arnstadt i. Th. Aus einem hiesigen Grundstück war ein frischgcstrichcncr Kahn aufgestellt. Ein vierjähriger Knabe kam beim Spiel mit dem Kahn in Berührung: dieser stürzte um und zerschmetterte dem Knaben die Wirbelsäule.

England und der deutsch-russische Vertrag.

London. Wie Reuter erfährt, wird der Text des deutsch-russischen Vertrages zurzeit in London einer sorg­fältigen Prüfung unterzogen. Der allgemeine Eindruck sc^, daß viele der im Vertrag gebrauchten Wendungen möglicher­weise einer anderen Auslegung fähig sind Aul den ersten Blick scheine sich jebod) nichts in dem Vertrag zu befinden, was zu Einwendungen Anlaß geben könnte.

Nah und Kern.

O Folgenschweres Autounglück. Ein Autounglück, das drei Todesopfer forderte, ereignete sich zwischen Groß­sachsen und Leutershausen. Ein in Richtung Heidelberg fahrendes, mit fünf Personen besetztes Personenauto wollte ein vor ihm fahrendes Automobil überholen, als ihm ein Motorradfahrer entgegenkam und so unter die Räder zu kommen drohte. Bei dem Versuche, rasch zu halten, geriet das Auto in die Schienen der Oberrheini­schen Eisenbahn und überschlug sich seitlich, die Insassen unter sich begrabend. Zwei Frauen und ein junger Mann waren sofotr tot, die beiden mitfahrenden Herren, darunter der Besitzer des Automobils, wurden schwer verletzt.

O Sturm in der Sächsischen Schweiz. Ein furchtbarer Sturm lobte in der Sächsischen Schweiz und in Dresden und richtete außerordentlich viel Sachschaden an, auch ver­hinderte er eine Flugveranstaltung in Dresden. Auch ein Menschenleben fiel ihm zum Opfer; der Sturm riß von einem Baume einen stärken Ast ab, der eine Kirch­gängerin, die Kürschnerehefrau Grützmann, traf und so schwer verletzte, dâß sie bald darauf im Krankenhaus verstarb.

O Feuergefecht zwischen Einbrechern und Polizei. In Vierlanden sind an mehreren Stellen Einbrüche aus­geführt worden. Ein Bergedorfer Beamter konnte nachts zwei Täter stellen, die gerade eine Menge Diebesgepäck auf Fahrrädern entführen wollten. Die Diebe zogen je­doch Revolver und es entstand ein regelrechtes Feuer­gefecht, bis die Verfolgten unter Zurücklassung der Beute und der Räder zur Elbe raunten und den Fluß durch- schwackmen.

O Eine Haftentlassung in der Fememordsache Wilms. Der Ingenieur Dr. Kurt Stanticn aus Dahlem, der zu dem persönlichen Freundeskreis Ehrhardts zählte und im Zusammenhang mit der Aufdeckung des Mordes au beut Feldwebel Wilms von der Berliner Politischen Polizei verhaftet wurde, ist nach mehr als sechs Monaten aus der Untersuchungshaft entlassen worden.

O Eine Eisenbahndiebeöbande verhaftet. Seit längerer Zeit sind auf der Eisenbahnstrecke zwischen Stargard und Neustrelitz große Mengen Eisenbahngüter aus den Wag­gons verschwunden. Nunmehr konnte eine Bande von fünf Eisenbahnarbeitern gefaßt werden, die systematisch die Güterzüge bestohlen haben. Der Haupträvelsführer der Bande ist der frühere Stadtverordnete Kälcke, der auf dem Bahnhof Stargard beschäftigt war.

O Stapcüauf eines neuen Flcttncr-Schiffcs. Von der Weser-Werft A.-G. in Bremen läuft ein neues, <3000 Ton­nen großes und 100 Meter langes Flettner-Rotorschiff vom Stapel. Das Schiff wird den NamenBarbara" erhalten. Es soll drei je 30 Meter hohe Rotoren von je vier Meter Durchmesser erhalten.

O Schweres Explosionsunglttck bei Osnabrück. In dem Kraftwerk der Klöckner-Werke ereignete sich ein schwerer Unglücksfall. Der Schlosser K r a b b e m e y e r war be­auftragt, eine Gasprobe aus einer Flasche mit verdich­tetem Koksofengas zu nehmen. Als er den Auftrag aus­geführt und die Probe zur Untersuchung weitergegeben hatte, erfolgte kurze Zeit darauf eine Explosion, wobei der Schlosser Krabbeinevcr und der Maschinist Wöhr- m c y e r den Tod fanden. Die Ursache dieser Explosion konnte bisher noch nicht aufgeklärt werden, da außer den beiden Verunglückten niemand zugegen war.

O Waldverwttftnngen im Erzgebirge. Der letzte Sturm hat in dem ganzen Erzgebirge den Waldbestand, insbe­sondere auch die blühenden Obstbäumc in den Gürten, streckenweise teils abgeknickt, teils entwurzelt, viele Zäune umgelegt, großen Schaden an den Dächern verursacht, viele Fenster ausgehoben und ungezählte Fensterscheiben zertrümmert. In I a h n s d o r f stießen zwei Radfahrer, die den Wind im Rücken hatten, zusammen. Der eine von ihnen wurde beim Sturz getötet, der andere schwer verletzt.

0 Die Haupttagung des Vereins für das Deutschtum tri Ausland in 1926. Die diesjährige Haupttagnn« des V.D.Ä. findet in Hirschberg in Schlesien statt. An die Tagungen, die sehr interessant und groß zu werden versprechen, schließen sich Wanderungen in das Riesengebirge und die «äcbiiiche Schweiz an. Die Fahrt nach Hirschberg, sowie die Rückfahrt findet in einem Sonderzug statt.

0 Tödlich abgcstürzt. In der Kransbitter Klamm bei Innsbruck ist die Studentin der Medizin Else Schön­knecht aus Löwen (Schlesien) tödlich abgestürzt. Schuld an dem Unfall war die ungenügende Ausrüstung der Ab­gestürzten, die Turnschuhe trug.

0 Ein Dorf eingeäschert. In der steirischen Ortschaft Dreiach brach, während sich fast die gesamte Bevölkerung in der Kirche beim Gottesdienst befand, ein Feuer aus, das wegen des herrschenden Sturmes in kürzester Frist 25 Gebäude einäscherte. Viel bewegliches Gut und Vieh wurde vernichtet. Zwei Einwohner erlitten schwere Brandwunden, und es gelang nur mit vieler Mühe, neun Kinder und einige alte Leute aus den brennenden Ge­bäuden zu retten. Drciach ist in den letzten 200 Jahren bereits dreimal vom Feuer vollständig zerstört worden. Die heimgesuchten Bauern sind nur zur Hälfte des Scha­dens versichert.

O DieNorge" startbereit. AmundsensNorge" ist fiat zum Start. Das Luftschiff wird von Leningrad aus am 30. April starten. Während ihrer Fahrt nach Spitzbergen wird dieNorge" drahtlos Wetternachrichten von 53 mete­orologischen Stationen erhalten.

O Überfall auf einen Faschisten in Esch. Der Italiener Farbetti, ein intimer Freund des vor einigen Monaten von Kommunisten erschossenen Sekretärs des italienischen Wohlfahrtsvereins, Bonemelli, wurde beim Verlassen einer Wirtschaft in Esch von drei unbekannten Italienern mit dem Ruf:Du bist ein Faschist!" überfallen, mit Tot­schlägern geschlagen und schließlich durch einen Schuß ins Bein niedergestreckt. Die Angreifer entkamen über die nahe französische Grenze.

0 Tod eines berüchtigten Banditen. Bei Ajaccio auf Korsika ist der berüchtigte korsische Bandit Romanetti,' dem es seit mehr als zehn Jahren gelungen war, allen Ver­folgungen der Polizei zu entgehen, in einem Feuergefecht mit Gendarmen erschossen worden. Romanetti war nicht weniger als dreimal im Abwesenheitsverfahern zum Tode verurteilt worden.

0 Automobilimglück in Australien. Ein elektrischer Zug stieß bei dem Übergang von Boronia an der Eisenbahn­linie nach Fern Tree Gully mit einem mit Ausflügler» voll besetzten Postautomobil zusammen. Neun Per­sonen wurden getötet, zwölf verletzt.

Bunte Tageschronik.

Berlin. Der beim Postamt 19 beschäftigte Oberpostfetretär Wilhelm Beste her wurde dabei überrascht, als er mehrere ge­wöhnliche Briese, die Geld enthielten, unterschlug. Be­steller legte ein Geständnis ab und wurde sofort aus dem Dienst entlassen.

Potsdam. Im Turme der Hciligc-Gcist-Kirche in Pots- dam, in dem kürzlich die drei neuen Glocken cingewciht wor­den waren, brach Feuer aus. Die Feuerwehr löschte den Brand nach dreistündiger Tätigkeit.

Thäte i. H. Der 20 jährige Karl Werner aus Wittenberg ist von der Roßtrappe im Harz tödlich abgestürzt. Er wollte, ohne angefeilt zu fein, eine steile Felswand herunter­steigen.

Prag. In dem Städtchen Groß-Sevljus in Karpatho- Rußland versetzt eine Räuberbande die Bewohnerschaft in Schrecken. Dieser Tage drangen bewaffnete Räuber wäh­rend der Nacht in fünf Häuser ein, betäubten die Bewohner mit Chloroform und raubten Geld und Schmucksachen.

Bukarest. In der Kischènewer Nebenstelle des rumänischen Kricasministerinms wurden Unterschlagungen in Höhe von 30 Millionen Lei aufgebeeft, in die zahlreiche Offiziere ver­wickelt sind. Der Hauptschuldige, ein Leutnant Enescu, wurde verhaftet.

Wett und Wissen.

w. Die erste russische Bibel nach dem Kriege. Soeben ist der Methodistenbischos D. Dr. Mülsen- Zürich aus Rußland zu­rückgekehrt, wo er als Bevollmächtigter der amerikanischen Bibelgesellschaften die Vorarbeiten für den Druck einer neuen russischen Bibel zum Abschluß gebracht hat. Die Herstellung der Stereotypplatten ist von der russischen Regicrungsdruckcrci Komintern" in Leningrad übernommen worden. Die erste Druckerlaubnis für eine Auslage von 25 000 Exemplaren der Bibel hat der Bund evangelischer Christen erhalten. Der Text folgt genau der vom Heiligen Synod autorisierten Auflage von 1907, aber nach dem neuen Alphabet. Danach ist es zuni ersten Male seit Kriegsende gelungen, dem Druck von Bibeln in Ruß­land wieder Bahn zu schaffen.

w. Eine neue Tropfsteinhöhle entdeckt. In bergigem Gelände zwischen Hohenlimburg und Iserlohn entdeckten Straßenbau- arbeiter, die mit Sprengungsarbeiten beschäftigt waren, eine Tropfsteinhöhle von beträchtlicher Ausdehnung. Es handelt sich anscheinend um einen Ausläufer der in der Nähe befindlichen Dechenhöhle.

w. Mammutfilndc bei Godesberg. Bei den Ausschachtrings-, arbeiten am Fuße des Rodderberges bet Mehlen wurden in einer Kiesschicht zwei große Stoßzähne, Kieferteile und andere Zähne gefunden. Während der zuerst gefundene Stotzzahn bald zerfiel, sind die übrigen Funde ziemlich gut erhalten. Eine, Unteruschung ergab, daß es sich um Zähne eines Mammuts handelt.

Stimmungsbilder.

(Skizzen aus dem Felde 191418.)

Von Otto Albrich, Fulda.

(Fortsetzung.)

Verschiedenes.

20. Mai 1915.

.Ich sitze einsam in meinem netten Stübchen in Frankreich, Miss meinem Tisch stehen Maiblumen und Fliedersträutze, das Zimmer mit wunderbarem Aroma erfüllend, arme Frauen und Xtnbet bringen mir dieselbe für einige Groschen oder ein Stück

Die frischen Blumen führen mich in Gedanken zurück 'n ein frohes Iugendland, an den Quell einer reinen ersten Liebe voll Seligkeit und Hoffnung. Vor mir liegen die Bil- der meiner Lieben zu Hause, sch trage sie als meinen Talis­man immer bei mir, sie sind meine treuen Begleiter bei Regen und Sonnenschein, in Sturm und Wind bei Licht und Dunkel­heit. Es sind meine lieben, guten Mndcr und meine treue ©eutfrfje Frau! Draußen in den Gärten blühen Aepfel- und Birnbäume, Kirschen, Pfirsiche, Hollunder, K<rstanicn, es ist eine Wonne, dies alles zu sehen. In einem Olcanderbusche hat eine Amsel ihr Nestchen gebaut, leichtsinnig, man kann die Eierchen greifen! Buntfarbige Falter fliegen herum, tummeln sich nach Herzenslust, und die vielen Hähne auf dem Hofe haben mehr zii tun denn je, ich denke dabei an die großartige Zeichnung mm Prof. Sch., Franz H., darstellend, wie er als stolzer Hahn unil)ennarfd)tert, und an den Vortrag unseres unermübltdjen Humoristen:Wie hat es doch ein Hahn so gut." Eier gibt es m Fülle, 5 bis 6 Pfennige das Stück, ein Glück für uns. Ich muß Meldungen, 'fortbringen und fahre am Morgen der Sonne entgegen, froh grüß« ich. den ©cucrbaU, wie auch die üppig wach­senden Gänseblümchen und tue die Felder bestellenden deutschen Kameraden, überall bestürmt und befragt noch neuen Depeschen uns nach dem, was ich eigentlich nicht sagen darf, nach den streng-geheimen Befehlen. Um Ä Neugierige zu befriedigen, gebe ich jeweils, mich nach dem Frager' richtend, Befehle be- tannt, z. B.: Ein Zeppelin ist bei Arras durchgeh rachen oder:

Die englische Flatte beschießt die Karpathen, ehe mich dann eine Erdscholle erreicht, bin ich außer Schußweite. Mäuse rennen über die Wege, sie fressen bas abgefallene Korn von den zum Dreschen gefahrenen großen Haufen, Finken, Stieglitze und Emmerlinge beleben die Hecken, verliebte Kaninchen schlagen Purzelbäume, Rebhühner jagen sich einander, und die franzö­sischen Bauern fahren die Haufen Zuckerrüben von den Feldern in die Zuckerfabriken. Große zweiräderige Ochsenkarren schie­ben- sich' die Wege entlang, ein Wink mit dem Arm und ge­horsam lenken die Wulges das Gefährt auf die Seite, damit die deutsche Ordonnanz passieren kann. Sind die Kerle höflich, erhalten sie gelegentlich auf diesbezügliches Bitten einige Ziga­retten oder einßiebesgabenygatre *, andernfalls werben sie an gehalten und der Passierschein muß heraus. Ein Geistlicher -begegnet mir oft ein Halunke, er verstand zunächst kein Deutsch, jetzt spricht er zwar gebrochen, aber verständlich mit mir. Ich staune über sein Wissen, er kennt einen großen Teil von Goethes Werken, so Iphigenie auf Tauris, Hermann und Dorothea. Faust usw. Ebenso kennt er verschiedene andere deutsche Klassiker, wenigstens ihre Hauptwerke, leider kann ich ihm nicht mit gleicher Münze dienen und muß mich auf die ins Deutsche übersetzten populären französischen Schriftsteller be­schränken, außer den Namen bilden die Werke der großen Franzosen für mich böhmische Dörfer. Ich fahre Meldungen nach Dorilly über Forrest«, nach Abgabe derselben zurück über St Quentin wo ich auf einer dominierenden Höhe an der Straße einen von unseren Truppen angelegten Stützpunkt bc= sichtige: Ich lese ba: Stützpunkt des III. Batl..... Inf- Rogts." Betreten verboten! Mein Stahlrotz stell ich hinter eine Hecke und klettere behutsam über das erste Drahthindernis, ich muß ant hellen Tage sehr aufpass-en, um in feine Wolfsgrube oder eine versteckte'und wicbcrcmgcbecfte Oeffnung zu sinken, da bics sehr gefährlich ist, man spictzt sich entweder or»f cingc- rammte spitze Pfähle oder bleibt in den Maschen des Stachel­drahts hängen. Mit Mühe suche ich einen Eingang und rutsche endlich hinab merke mir aber die Stelle, damit ich einen Ans­mog finbe aus hem TaSyrinth von Laufgräben. Brustwehren, Unterständen, Wärmeräumen usw. Ich bin erstaunt, sogar Weg­weiser darin zu finden, damit jeder rasch seinen Platz findet.

Nach eingehenden Studien im Schützengraben und Benutzung der vorhandenen Anlagen, fahre ich gen Doully, wo eine An­zahl . Kameraden gerade dabei ist, einen entdeckten Keller zu entleeren. Drunten im Keller, welcher zugemauert war, befand sich der Zahlmeister mit einigen Helfershelfern, und die steile Treppe herauf standen Kameraden. Es fand sich ein wunder­bares Sortiment alter vorzüglicher Weine und Liköre vor, et­wa 2000 Flaschen, von denen viel Flaschen auf dem Wege aus dem Keller heraus ausgelaufen sind ober verschwanden, sie gingen von Hand zu Hand bis sie leer oder fort waren. Der oben beaufsichtigende Sergeant hotte volles Verständnis für den Durst der Kameraden. Später bekam er einen Rüffel, da er nicht richtig gezählt haben sollte. Auch ich, der nur zufällig vor- heifam, hatte mit Erlaubnis des Sergeanten eine sehr alte Flasche Bordeaux weggebracht und da sie mich beim Fahren hinderte, so legte ich mich an der Stratze hinter eine sonnige Hecke und brach ihr den HalsSoldatenleben, ja das heißt luftig fein, ich merkte aber erst als ich weiterfuhr, wie der Tropfen, zusammen mit den verschiedenen Versuchen, die ick an Ort und Stella gemacht hatte, wirkte. Eine Kette Rebhühner strich vor mir hin auf einem Acker und ich versuchte mein Heil als Jäger. Ob mir nun aber eine alte Frau über den Weg gelaufen war, ob' ich zitierte, genug, der Schuß krackte und die Rebhühner flogen kreischend davon, ein Staubwölkchen zeigte mir an, daß ich hinter die in der Furche fortlaufenden Tierchen geschossen hatte. Es mag mit der Kugel schwer fein, Rebhühner zu treffen, insbesondere auch mit vergnügten Fingern. In­zwischen war der in Doully gefundene Wein nach der Abtcihuu« gebracht worden, meine Kameraden laben ihn ab unb vergaßen, einige Flaschen aus dem Stroh herauszuholen, in welchem er verpackt war, so daß die Rechnung des Zahlmeisters wieder nicht stimmte. Wir durften nie mehr Wein mit abladen hel­fen, dafür feierten wir aber den einen Tag Ins in die späte Nackfi in seltenem Genuß, froh und aller Gedanken und Sorgen lebig, bis zum nüchternen Erwachen !

Fortsetzung folgt.