Zul-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal *Zul-aer Kreisblatt
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Nr. 83 — 1926
Fulda, Donnerstag, 15. April
3. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Bei dem Volksbegehren über die Fürstenabfindung sind nach endgültiger amtlicher Feststellung 12 523 939 Eintragungen erfolgt
* Der in Berlin verhandelte Kutisker-Prozetz wurde zum zweitenmal wegen eines Schwö.cheansalls Kutiskers auf mehrere Tage unterbrochen.
* Die Französischen Delegierten für die Friedensverhand- lungen mit Abd el-Krim sind nach Madrid abgereist.
' Das Luftschiff „Norge", mit dem Amundsen den Nordpol erreichen will, ist von Pulbam in England in der norwegischen Hauptstadt Oslo angekommen.
" '.u Amerika wurde über verschiedene Orte des Staates Flunois der Belagerungszustand verhängt, weil die Anhänger des Ku-Klux-Klan blutige Wahlkämpfe hervorgerusen hatten
postschmerzen.
Die Deutsche Reichspost ist eigentlich immer ein Schmerzenskind nicht bloß im Haushalt des Reiches, sondern auch bei der — Bevölkerung des Reiches gewesen. Die Zeiten des unsterblich gewordenen Stephan sind ja längst vorbei und wie so vieles unerquicklich wurde, wie man über all und jedes schimpfte, so ist auch Die Reichspost längst nicht mehr bei der Bevölkerung unbedingt in Gnade geblieben. Manches hat sich ja gebessert in den letzten Jahren der allgemeinen Sanierung, aber vieles, sehr vieles bleibt noch zu wünschen übrig und die neue Anleihe von 70 Millionen, die jetzt von der Reichspost begeben werden soll, und zwar in der Form einer inneren Anleihe gegen 6% %ige Schatzanweisungen des Reiches — sie soll später in langfristige Obligationen konvertiert werden — muß unbedingt dabei mithelfen, die Sanierungsarbeit fortzusetzen.
Natürlich sind, wie überall, so auch bei der Reichs- Pöst, die allgemeinen Kosten beträchtlich gestiegen und gegen früher ist besonders ein Posten neu entstanden, das sind die Kosten der Postwagenbeförderung auf der Eisenbahn, die ihr früher, als dieses Verkehrsinstru- ment noch staatliches Eigentum war, überhaupt nicht in Rechnung gestellt wurde. Nur dadurch hat es übrigens die Post in der Vorkriegszeit hauptsächlich erreicht, daß ihr Etat einen Überschuß aufwies. Das ist jetzt anders geworben und die schönen Zeiten etwa der 2^-Pfennig- Postkarte oder des 5-Pfennig-TelePhongesprächs kehren wohl kaum wieder. Nun soll aber die Gebührenordnung für Telephongespräche wieder einmal abgeändcrt werden, wobei man wirtschaftliche Gründe recht egoistischer Art in den Vordergrund stellt. Die Großinhaber von Telephonanschlüssen bzw. die Großbenutzer sollen bevorzugt, die Kleinverbraucher mehr belastet werden, was man nicht gerade als sehr sozial bezeichnen kann. Denn das Telephon ist jetzt derart weitgehend zu einem notwendigen Verkehrsmittel geworden, daß auch der kleine Handwerker, Kaufmann und Gewerbetreibende unbedingt im Besitze eines Telephons sein muß.
Wenn auch die Anleihe funktioniert, die übrigens später noch um 80 Millionen gesteigert werden wird, so ist doch zu befürchten, daß auch die anderen Postschmerzen nur dann beseitigt werden, wenn die dreimal gelobte Rentabilität nicht im geringsten bedroht erscheint. Besonders benachteiligt ist ja das flache L a n d , wo auch jetzt noch grundsätzlich Pakete nicht zugestellt werden, sondern der Empfänger lediglich benachrichtigt wird, daß ein Paket für ihn auf der Post liegt und er es sich gefälligst abholen möge. Auch Eilbriefe werden nicht bestellt, sondern der Adressat benachrichtigt. Vielfach liegt auch die Briefbestellung mehr wie im argen; es würde außerdem eine außerordentliche Verkehrserleichterung bedeuten, wenn die angedeutete Abänderung der Fernsprechgebührenordnung sich nicht mehr so sehr wie bisher gegen die Kleinbenutzer des Telephons auf dem Lande richten, sondern durch Billigkeit der Gebühren die Ausbreitung des Telephons auf dem Lande ermöglichen würde.
Aber auf einem anderen Gebiete könnte zwecks Behebung aller dieser Postschmerzen leicht eine Steigerung der Einnahmen erzielt werden, wodurch dann die Unrentabilität auf anderen Gebieten des Postwesens behoben werden könnte. Wir meinen die Ausdehnung des Kraft- w a g e n v e r k e h r s. Dieser ist in den letzten Jahren sehr erheblich gewachsen und wir hatten Ende 1925 schon nicht weniger als 1192 Postlinien mit einer Kurslänge von über 23 000 Kilometer. Die gesamte Kilometerleistung, die 1923 etwas über acht Millionen betragen hatte, war bis Ende 1925 auf das Dreifache angestiegen, und über 2700 Postautobusse sind im Betrieb. Natürlich ist die Eisenbahn grimmig geworden und klagt über die große Konkurrenz, die ihr dadurch gemacht wird. Die Bevölkerung ist jedenfalls sehr damit zufrieden, daß auf diese Art und Weise das Verkehrsmonopol der so stark fiskalisch arbeitenden Eisenbahn an manchen Stellen gelockert wird.
Hier kann noch sehr viel geschehen und geschickt angelegte, dem Verkehrsbedürfnis entgegenkommende Postkraft- kurse können für die Reichspost wahre Goldgruben werden, wie das in anderen Ländern schon sehr weitgehend der Fall ist. Wenn man außerdem bedenkt, daß die Reichspost aus dem modernsten Verkehrsmittel, nämlich dem Funkberk e h r, sehr erhebliche Einnahmen zieht, so soll sie es vermeiden, aus rein wirtschaftlichen Gründen und Rentabi- litätsrücksichten auf anderen Gebieten unsozial zu wirken.
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Deutsch-russische Besprechungen.
SeuWand, Rußland und Locarno.
Kein Rückversicherungsvertcag.
Nach englischen Blättermeldungen soll der Abschluß eines Nückversicherungsvertrages zwischen Deutschland und Rußland unmittelbar bevorstehen. Die deutsche Reichsregierung soll in Paris, London und Rom die betreffenden Regierungen von dem Abschluß dieses Vertrages in Kenntnis gesetzt und betont haben, daß dieser neue Vertrag in keiner Beziehung dem Geiste der Locarnovertrüge widerspreche.
Bon gut unterrichteter deutscher Seite wird hierzu mitgeteilt, daß vom Abschluß eines deutsch-russischen Rück- vcrsicherungLvcrtrages keine Rede sein könne. Richtig ist vielmehr, daß schon seit Beginn des ganzen Sicherheitsproblems Besprechungen zwischen Deutschland und Rußland über eine Präzisierung des Verhältnisses zwischen beiden Staaten im Hinblick auf die Sicherheitspolitil im Gange sind. Bei diesen Besprechungen ist von deutscher Seite immer wieder betont worden, daß der Pakt von Locarno keine Änderung in dem Verhältnis Deutschlands gegenüber Rußland bringe. Es ist auch immer Deutschlands Bestreben gewesen, bezüglich des Artikels sechzehn des Völkerüundstatuts (Durchmarschrecht) jede Änderung gegenüber der deutschen Einstellung zu den Oststaaten zu vermeiden. Bekanntlich hat die deutsche Regierung zu diesem Punkt erklärt, daß sie eine bindende Verpflichtung, einen Durchmarsch durch deutsches Gebiet zu gestatten oder an militärischen Maßnahmen gegen ein anderes Land teilzunehmen (gemeint ist hier vor allem Rußland), nicht eingehen könne. Die übrigen Teilnehmer des Locarnopaktes haben dieser Stellungnahme Deutschlands durch Abgabe besonderer Erclärungen seinerzeit volles Verständnis entgegengebracht.
Die, deutsch-russischen Besprechungen haben sich bis jetzt durch die Genfer Beratungen hingezogen, ohne daß bisher ein Abschluß der Verhandlungen stattgefunden hat. Allerdings hat sich der Standpunkt der deutschen und der russischen Regierung in der Zwischenzeit stark genähert. Von deutscher Seite wird besonders betont, daß die Locarnomächte stets auf dem laufenden gehalten wurden, ebenso wie Rußland über die Verhandlungen Deutschlands mit den Westmächten dauernd unterrichtet worden ist. Ob und wann die deutsch-russikchen Verhand
Das erste Bild der Attentäterin Mih Violet Gibson, die das Attentat auf Mussolini ausführte und den „Duce" dabei an der Nase verletzte.
Das Ergebnis des Volksbegehrens.
12 523 939 Eintragunge n.
Der Rcichswahlausschutz hielt unter Vorsitz des Reichswahlleiters Prof. Dr. Wagner eine öffentliche Sitzung zur Feststellung des endgültigen Ergebnisses des Volksbegehrens zur Frage der Fürstenentcignung ab. Der Reichswahlausschutz stellte fest, daß im gesamten Wahl- gebiet (Deutsches Reich ohne Saargebiet) 12 523 939 Eintragungen erfolgt sind. Tas vorläufige Ergebnis betrug 12 512 000 Eintragungen. Einige Einsprüche sind seitens der Deutschnationalen Volkspartei, z. B. aus Mecklenburg, Mecklenburg-Strelitz usw., erfolgt. Der Reichswahlausschutz stellt hierzu fest, daß bei der Beurteilung der Unterschriften hinsichtlich ihrer Gültigkeit in den ver schiedenen Wahlkreisen nicht einheitlich verfahren worden ist. Von einer Nachprüfung der Beschlüsse der Abstim- mungsausschüsse kann in diesem Falle aber abgesehen werden, weil die ermittelte Gesamtzahl der Eintragungen die für die Zulassung des Volksentscheides erforderliche Zahl bei weitem überschreitet. Der Reichswahlausschutz spricht jedoch den Wunsch aus, daß der Reichswahlleit-r den Reichsminister des Innern auf die unterschiedliche Beurteilung der Unterschriften in den einzelnen Stimm- kreisen und auf die sonstigen zutage getretenen Mängel aufmerksam macht, damit letztere bei der N e u b e a r b et- tung des Gesetzes über den Volksentscheid und der Reichsstimmordnung verwertet werden können.
lungen eine konkrete Form anneymen und zu einer schriftlichen Vereinbarung führen werden, steht noch nicht fest.
DLe Reform des Völkerbundraies.
Annahme der Einladung durch Deutschland.
Nachdem die deutsche Fühlungnahme über Charakter und Beralungsform der Studienkommission im Völkerbünde abgeschlossen ist, wird die Absendung der deutschen Antwort in nächster Zeit erfolgen. Es handelt sich hierbei um die prinzipielle Annahme der Einladung zu den Beratungen über eine Reform des Völkerbund- ra t e s, wie sie vom Reichskabinett schon vor Ostern beschlossen worden ist. Als Vertreter Deutschlands bei diesen Beratungen ist Ministerialdirektor Dr. Gauß in Aussicht genommen, der als hervorragender Jurist bereits mehrere Male den deutschen Kommissionen bei itnernationalen Tagungen angehört hat.
Verschiebung der Abrüstungskonferenz?
„Morningpost" meldet: Die endgültige Weigerung Sowjetrußlands, an der Abrüstungskonferenz teilzuneh- mcn, werde vielleicht dazu führen, daß die gesamte Frage der Abrüstung zu Lande vorläufig verschoben wird. Man erwarte, daß in erster Linie Polen und die baltischen Staaten um eine Verschiebung der Konferenz ersuchen werden und daß Frankreich dieses Ersuchen nachdrücklich unterstützen werde. „Daily Hcrald" hält es für fast sicher, daß die Abrüstungskonferenz verschoben wird. Die französische Regierung werde einen dahingehenden Vorschlag machen. Dieser Entschluß sei auf Grund von Boncours Warschauer Besprechungen mit Vertretern der polnischen und der rumänischen Regierung zustande gekommen.
Zu der Note Tschitscherins an den Völkerbund schreibt die „Baseler Nationalzeitung": Der Streit mit der Schweiz bildet für Sowjetrußland nur den bequemen Vorwand, seine Rüstungen nicht vor einem internationalen Gerichtshof untersuchen zu lassen und um sich jeder Kontrolle seiner inneren Verhältnisse zu I entziehen. Daß Tschi.'cherin die erneute Zusicherung ( der Schweiz für die Sicherheit des Sowjetdelegierten nicht ! beachtet, ist ein Beweis für seine zweideutige Hal- : tun g. Die Abrüstungskonferenz selbst wird durch den : russischen Widerstand um einen großen Teil ihrer Bedeu- i tung gebracht. Durch die Haltung der Sowiotregienmg wird das Mißtrauen gegen Rußland verstärkt
Im einzelnen beträgt die Zahl der gültigen Eintragungen in: Preußen 7 553 631, Bayern 751 734, Sachsen 1 541 066, Württemberg 467 835, Baden 500 238, Thüringen 422 680, Hessen 325 609, Hamburg 395 836, Mecklenburg- Schwerin 104 987, Braunschweig 112 015, Oldenburg 58 912, Anhalt 89 024, Bremen 92 544, Lippe 36 250, Lübeck 41 615, Mecklenburg-Strelitz 14 558, Waldeck 4905, Schaumburg- Lippe 10 500, insgesamt 12 523 939 gültige Eintragungen.
Die Gesamtzahl der für die Sozialdemokraten, Unabhängigen Sozialisten und Kommunisten bei der Reichstagswahl am 7. Dezember 1924 abgegebenen Stimmen betrug 10 688 969. Die Zahl der ortsansässigen Stimmberechtigten für die Reichspräsidentenwahl (zweiter Wahlgang) am 26. April 1925 betrug 39 421 617. Die Zahl der gültigen Eintragungen machte int ganzen Reiche 117,2 % der Gesamtzahl der für die Linke am 7. Dezember 1924 abgegebenen Stimmen und 31,8 % der Zahl der Wahlberechtigten bei der Reichspräsidentenwahl aus,
Der Femeausschuß der Preuß. Landtages.
Fortsetzung Der Plädoyers.
Im weiteren Verlaufe der Plädoyers im Femeausschuß des Landtages »nachte Abg. Schwering (Ztr.) den Abgeordneten Meyer und Behrens zum Vorwurf, in ihrem Geschäftsgebarens fahrlässig gewesen zu sein. Abgeordneter Eichhoff (D. Bp.) hob hervor, daß die Einstellung des Oberleutnants Schulz als Organisator der Landvolkgenosscn- schaft durchaus einwandfrei gewesen sei. Abgeordneter Riedel (Dem.) bedauerte, daß der Fall Meyer-Behrens, der nur ein kleiner Ausschnitt aus einem Gesamtkomplex ,ei. vorweggeuqmmen worden sei. Politische Beziehungen zwischen den beiden Abgeordneten und Schulz hätten seit 1923 bestanden. Der Kommunist O b u ch warf dem Ausschuß vor, er sei überhaupt nicht gewillt, Lickt in der ganzen Angelegenheit zu verbreiten. Obne die allgemeinen Zusammenhänge über die Schwarze Reichswehr gebe es keine Beurteilung des vorliegcnbcH Eiuzclfallcs. Der Wirlschaftsparteiler Schön stellte fest, daß die Untersuchung über die in Frage stehende Materie nichts ergeben habe. Es habe sich nicht beweisen lassen, daß big deutschnationalen Abgeordneten Wiener und Behrens in Beziehungen zu den Fememördern gestanden haben.
Politisier Besuch in Prag.
Deutschenhctzc in der Tschechoslowakei.
Der polnische Ministerpräsident Skrzyuski ist in Prag eingelassen, wo er vom tschechischen Autzcnmlmster Benesch und Vertretern der in- und ausländischen Diplomatie empfangen wurde. Die Hauptfragen, die in Prag zur Verhandlung stehen, sind die Stellungnahme zur R c- konstruktion des Völkerbunorates, der pol- Nische Ratsitz und die Vertretung der Kleinen Entente im Völkerbundrat. Der zweite wichtige Punkt, der zur Verhandlung steht, ist die Stellungnahme der beiden Länder zur &brüstungskonserenz.