Zulöaer Anzeiger
Erscheint jeden Werktag ❖ Bei Lieferungsbe- Hinderungen durch „Höhere Gewalt", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw.erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche ❖ Rotationsdruck und Verlag: Zriedrich Ehrenklau, Lauterbach, Hessen, Mitglied des Vereins DeutscherZeitungsverleger. Postscheck-Konto: Zrankfurt am Main Nr. 5585.
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal »Zul-aer Kreisblatt
Re-aktion und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 ❖ Zernsprech-^nschluß ttr. 989 Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit chueUenangabe .ZulSaer flnzeiger'grstattet.
Mzeigenprei»: Zür Behörden, Genossenschaften,Banken usw. beträgt dieKleinzrile 0.30 ML, für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk., für die Reklamezeile 0.90 Mk.u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezelle 0.60 Mark ❖ Bei Rechnungsstel. lung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen 3d erfolgen » Tag- und platzvorschristen unverbindlich.
Nr. 75 — 1926
Fulda, Dienstag, 6. April
3. Jahrgang
Jubiläum des Reichspräsidenten.
Hindenburg 60 Zähre Soldat.
1866 — 7. April — 1926.
In seiner Villa in Hannover bewahrt sich Neichs- Präsident von Hindenburg unter einem Glassturz den Helm auf, den er, der junge 19jährige Offizier, bei Königgrätz getragen hat. An der linken Seite hat ihn eine Kugel zerrissen, dicht, ganz dicht an der Schläfe und am Leben ging die Kugel vorbei. „Ich habe mich schnell mit dem Taschentuch verbunden, aber der Helm war unbrauchbar gewor- den; ich mußte den Rest des Feldzuges in Mütze mitmachen," sagte der Feldmarschall auf den fragenden Blick des Besuchers. Einen Finger breit weiter — und eine m i l i t ä r i s ch e, eine politische Laufbahn wäre jäh zu Ende gewesen, eine Laufbahn, wie sie nur ganz, ganz wenigen Menschen beschieden gewesen ist.
Nur noch ein paar alte Offiziere sind am Leben, die gleichzeitig mit Hindenburg vor 60 Jahren in die Armee eintraten, zum Dien st. Kaum eine andere Einrichtung war so eng verbunden mit dem Gedanken des Dienstes wie die deutsche Armee. Unterordnung unter diesen Gedanken war alles durchdringende Selbstverständlichkeit; das galt für den höchsten Befehlshaber ebenso wie für den letzten Leutnant. Wo es rein äußerlich bleibende Einordnung blieb, war das eine Schwäche. Zur ethischen Größe wurde sie, wenn die Hingabe der Persönlichkeit zum Dien st um der Sache willen geschah. Diese ethische Größe, nicht die äußere, sondern die innere Disziplin ist es gewesen, die in den furchtbaren vier Jahren des Weltkrieges Offizier und Mann dort stehen, kämpfen und sterben hieß, wo der Dienst es befahl.
Hingabe der Persönlichkeit an den Dienst des Vaterlandes — wer heute die Lebenserinnerungen Hindenburgs liest, findet in einfach-nüchterner Selbstverständlichkeit das zum Ausdruck lommepd Seite um Seite, ein langes Soldatenleben hindurch von jenem Tage bei Königgrätz an bis zu jenem Augenblick, da das Gebr ' von Versailles das alte Heer zerschlug, Hindenburg seinen Abschied vym Dienst nahm. Damals, im Juli 1919 mag er noch nicht geahnt haben, daß ihn sechs Jahre später das Volk zu neuem Dienst rufen würde. Wenn er -- selten genug — in diesen sechs Jahren in die Öffentlichkeit trat, so gab er immer und immer wieder dem Gedanken des Dienstes am Vaterland tatkräftigen Ausdruck. Nicht der einzelne, nicht die Parteien sind da für sich: sie haben in ihrer Eigensucht zu weichen hinter dem Großen über uns — der Schicksalsverbundenheit aller, dem Volk, dem Staat.
„Mein Leben liegt klar vor aller Welt" — so sprach H i n d e n b u r g in seiner Osterbotschaft, acht Tage, ehe er des Deutschen Reiches Präsident geworden ist. Dies Wort ist wahr, blieb wahr auch in dem Jahr, da er des höchsten Amtes Bürde trägt, das das deutsche Volk zu vergeben hat. Selbst von den parteipolitischen Leidenschaften der Wahlzeit ist nichts geblieben, auch dieses Krieges Stürme schwiegen bald, weil auch die Anderswollenden schnell genug sahen: Hier steht ein Mann, der in den sechs Jahrzehnten bewußten Lebens soviel Hohes hat sinken, soviel Niederes hat emporsteigen sehen, an dem soviel Erhabenes und Schönes» aber auch soviel des Menschlich-all- zu-Menschlichen vorbeigegangen ist, daß er die Achseln zucken kann über das, was Tagesmèinung heute als Götzenbild des Augenblicks auf den Thron erhebt, um es morgen wieder zu stürzen. Unbeirrt vom Lärm des Tages geht er seinen Weg, wie er ihn sechzig Jahre gegangen ist, den Weg des D i e n st e s. Das brachte auch den Gegner von einst zum Schweigen, zur Achtung. Heute geht eine Stimme durch Deutschland: Möge Reichspräsident von Hindenburg wie bisher aufrecht bleiben, ein Wächter für des Volkes Wohl, ein unermüdlicher Wahrer des Ansehens und des Gedeihens des Reiches.
In Hindenburgs Wahl zum Reichspräsiden- t e n kam zum Ausdruck, daß das deutsche Volk an dieser Stelle einen Mann brauchte, der über dem wechselnden Politischen Spiel des Tages stehen soll, niemandem zuliebe und niemandem zuleide. Um die Gewißheit zu erlangen, daß des Reiches Präsident eine solche Persönlichkeit ist, genügen nicht Worte, müssen Taten sprechen. Und wenn sich demnächst der Tag jährt, da Hindenburg wieder „aktiv" wurde, wieder in den Dienst trat, wird das deutsche Volk sich das Zeugnis ausstellen können, eine gute Wahl getroffen zu haben.
Wieder hat für Hindenburg der Dienst begonnen weit über die Zeit hinaus, die anderen Sterblichen vergönnt ist. Auch Bismarcks heißester Sehnsuchtswunsch ist es gewesen, „in den Sielen zu sterben". Weil er sich ein Leben ohne Dienst nicht denken konnte. Im wilden egoi- schen Kampf unserer Tage, im eigensüchtigen Nur-an-stch selbst-üenken ist darum das Leben eines Mannes wie Hindenburg eine unablässige Mahnung. Ist Dienst, nur Dienst au anderem, Höherem. War es sechzig Jahre hindurch und wird es bleiben. Er hat sich das letzte Wort weiland Kaiser Wilhelms I. zu eigen gemacht: „Ich habe keine Zeit, müde zu sein." Dr. Pr.
Die militärische Laufbahn.
Es ist mir, als wäre es heute.
Unser drittes Reservekorps hatte in den ersten Mo- naten des Weltkrieges die Aufgabe, die Besatzung Antwerpens abzusperren; zu verhindern, daß sie irgendwo auch unsere Etappenlinie in Belgien attackierte. Wo es geschah 7** nun, dorthin marschierten wir und warfen die Belgier in ihre Festung zurück. Also marschieren, marschieren . . ,
Wir lagen Anfang September 1914 auch wieder auf der Landstraße. So in der Gegend von Löwen. Und da kam — die Feldpost. Zum erstenmal feit Kiegsbeginn. Gab es Briefe, gab es aber auch Zeitungen, die uns erzählten, was inzwischen geschehen war. Und da — die Augen sehen es, aber man will es nicht glauben: Gröger Sieg über die Russen, 40 000 Gefangene, 90 000 Gefallene usw. Mitten auf der Chaussee steht ein zusammengebroche- ner Lastwagen, ich schwinge mich hinauf und verlese die Siegeslunde. Kaum glaubt man sie — man war ja noch nicht einge- stellt auf die Riesenzahlen dieses Krieges.
Und da taucht« zum erstenmal der Raine Hindenburg auf als der des Oberbefehlshabers.
„Hindenburg, Hindenburg — wer ist denn das?" Doch da ruft ein alter 26er: „Das war ja vor drei Jahren noch unser Kommandeur!" Alles umdrängi den Magdeburger
vom vierten Korps — und er erzählt von dem korunran- oierenden General, der bis 1911 das Korps geführt hatte, seitdem im Ruhestand war. „Der hat ja noch 1866 mitgemacht und 1870, war sogar bei der Kaiserkrönung vo» Versailles dabei."
1847 ist der berühmte Sproß des Geschlechtes derer von Beneckendorff geboren, die seit dem 13. Jahrhundert auf deutschem Kolonisationsboden im Oster fochten und arbeiteten und dem 1789 der Name „Hindenburg" zugeteilt wurde, um den Namen dieses alten neumärkischen Geschlechts nicht aussterben zu lassen Für ihn, der einer alten Soldatenfamilie entstammte, war die Laufbahn als Offizier eine selbstverständliche. In der Kadettenanstalt Wahlstatt bei Glogau erhält er eine harte spartanische Erziehung; der 16jährige ist auch einmal Leibpage bei der verwitweten Königin Elisabeth, der Gemahlin Friedrich Wilhelms IV. Sie schenkt ihm zum Andenken eine Uhr, die er in drei Kriegen getragen hat und jetzt noch trägt.
In drei Kriegen —
denn der junge Leut- *r" Hindenburg 1866. nant tritt am 7. April
1866 in das 3. Garderegiment zu Fuß ein, das damals in Danzig stand; die unmittelbar darauf erfolgend« Mobilmachung führt ihn nach Potsdam, dann in der Krieg. Bei Königgrätz wird er durch eine Kartätschkuge! verwundet, die ihm den Helm durchschlägt. Bald rafft ei sich wieder auf und erstürmt eine feindliche Batterie.
Einzug in Berlin, vier Jahre des Friedens, dann gehi es gegen Frankreich. Fast ein Wunder rettet ihn, der Bataillonsadjutanten, beim furchtbaren Sturm der Gard« auf St. Privat. Dann Sedan, der Marsch auf Paris — und als Höhepunkt die Teilnahme an der Kaiserkrönung.
Bald wird der Oberleutnant von Hindenburg zui Kriegsakademie versetzt und 1878 kam er in den Großer Generalstab, dem Moltkes unsterblicher Geist die Prägung gab. In Stettin verheiratete er sich mit der Tochter des Generals von Sperling, die ihm einen Sohn, den jetziger Major von Hindenburg, und zwei Töchter schenkte. 1881 wurde er nach Ostpreußen zur 1. Division als Generalstabsoffizier versetzt, in diejenige Provinz, die ihm später die Befreiung verdankte. Kriegsministerium, schließlich Chef des Geueralstabes beim 8. Korps in Koblenz uns endlich Divisionskommandeur in Karlsruhe, dann 1903 Kommandeur des 4. Korps in Magdeburg sieben Jahre hindurch.
Seine weitere Laufbahn gehört der Weltgeschichte an von dem Augenblick, da ihn am 22. August 1914 das Telegramm erreichte mit der Anfrage, ob er zu sofortiger Verwendung bereit sei. Zwölf Stunden später war sein Generalstabschef Ludendorff bei ihm und die Fahrt ging gen Osten. Tannenberg, die Masurischen Seen, die Winterschlacht, dann der Siegesmarsch bis tief nach Rußland hinein — wir alle haben es miterlebt, fochten unter ihm.
Dringendste Not macht ihn am 29. August zum Chef des Generalstabes des Feldheeres, also zum eigentlichen Führer. Und was Menschen leisten können — er leistete es. Doch was von ihm verlangt wurde, war Übermenschliches. Das Drama spielt sich ab bis rum furchtbaren
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Reichspräsident von Hindenburg kann am 7. April aus die Wiederkehr des Tages zuriickblicken, an dem er vor 60 Jahren in die Armee eintrat.
* Zwischen Berlin und Wien ist zum ersten Male eine Bild- Fernnbertragmig durch Funkdienst gelungen.
* In Paris fanden Besprechungen zwischen dem deutschen Boiscvastcr v. Hoesch und Briand über die für den 10. Mai in Gens geplante Konferenz zur Ratreform statt.
* Im Mossulgebiet haben ernsthafte Kämpfe zwischen englischen Streiikrästeii und Eingeborcnenstämmen stattgefunden.
Schluß. „Wir waren am Ende." Nicht Hindenburg. Er blieb auf seinem Posten. Noch schützte er dann im Osten die Heimat gegen den übelsten Feind, die Polen — bis die Unterzeichnung des Friedens von Versailles auch das Ende feiner militärischen Laufbahn bedeutete. —e—
Die militärischen Feierlichkeiten.
Aus Anlaß des 60 jährigen Militärjubiläums, das der Reichspräsident, Geueralfeldmarschall von Hindenburg, am Mittwoch, den 7. April, begehen kann, sind folgende militärische Veranstaltungen in Berlin vorgesehen:
9.30 Uhr vormittags bringt die Kapelle des 9. Jnf.-- Regts. dem Herrn Reichspräsidenten im Garten seines Hauses eine Morgcninusik dar; 11.45 Uhr vormittags werden durch eine Fahnenkompagnie des Wachtregiments Berlin mit Musik die Fahnen der Regimenter des Generalfeldmarschalls, nämlich des 3. Garderegiments zu Fuß, des Oldenburgischen Jnf.-Rgts. Nr. 91 und des Jnf.-Rgts. Generalfeldmarschall von Hindenburg (2. Masurisches) Nr. 147 durch die Wilhelmstraße nach dem Hause des Herrn Reichspräsidenten gebracht. Um 12 Uhr findet im großen Saal des Präsidentenhauses eine militärische Feier statt, an tvelcher Abordnungen von Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften der Traditionstruppenteile vorgenannter Regimenter, die Chefs der Heeres- und Marineleitung, Vertreter der Reichswehr und der Reichsmarine und der Reichswehrminister tetlnehmen werden. Auch der Reichskanzler wird dieser Feier beiwohnen. Der Reichswehrminister wird hierbei die Glückwünsche der Wehrmacht barbringen. Nach dieser Feier werden die Fahnen im Arbeitszimmer des Reichspräsidenten aufgestellt, von wo sie am nächsten Tage, dem 8. April, mittags 12 Uhr, von einer Fahnenkompagnie zur Kaserne des Wachtregiments gebracht werden.
*
Ehrung Hindenburgs in Wien.
Die Wiener „Reichspost" bringt zum sechzigsten Jahrestag des Eintritts Hindenburgs in das Heer und des Jahrestages feiner Wahl zum Reichsprsidenten ein« Würdigung Hindenburgs, in der seine Arbeit für die Zukunft des deutschen Volkes unb feilte ganz ungewöhnliche Fähigkeit gerühmt wird, sich den gegebenen Tatsachen an- zupassen und frei von allen Hemmungen und Bindungen der Vergangenheit selbst die Initiative zu einer aus Zusammenfassung aller Kräfte des Volkes gerichteten auf-, bauenden und friedlichen Politik zu ergreifen.
Pareto Steuergesetze angenommen.
Große Mehrheit in Kammer und Senat.
Kammer und Senat haben ihre Beratungen über die Steuergefetzentwürfe Psrets beendet. Die Kammer hat das Gesetz mit 365 gegen 145, der Senat mit 220 gegen 16 Stimmen angenommen.
Im Laufe der Nachtsitzung haben sich die beiden Parlamente über die Abänderungen geeinigt, die der Senat an dem Text der Kammer vorgenommen hatte. Es handelte sich in der Hauptsache darum, ein Kompromiß hinsichtlich der Monopole für Petroleum und Zucker zu finden. Die Kammer schlug vor, durch ein Sondergesetz das Petroleummonopol später zu regeln und das Zuckermonopol ganz fallen zu lassen. Mit dieser Einigungsformel hat sich der Senat zufrieden gegeben, doch mußte die Kammer ihrerseits in bezug auf die Tabakpreise ein Zugeständnis machen. Die Kammer hatte den Tabakpreis auf 2,10 Frank für das Kilo festgesetzt, der Senat hatte den Preis auf 2,50 Frank heraufgesetzt, woran er festhielt. Alle übrigen geringfügigeren Meinungsverschiedenheiten wurden ausgeglichen. Es wurde schließlich beschlossen, daß der Senat die Beratung des Haushaltsplanes für 1926 am 12. April im Plenum beginnen soll. Die Kammer vertagte sich bis zum 20. April. Sie soll jedoch früher einberusen werden, falls der Senat vorher seine Budgetberatungen beenden kann.
Deuisch-französische Besprechungen.
Guter Fortgang der Handelsvertragsverhandlungen.
Der deutsche Botschafter in Paris, von Hoesch, hatte eine längere Unterredung mit dem französischen Ministerpräsidenten Briand. Die Unterredung bezog sich auf bte politische Gesamtlage und die Deutschland gegenwärtig besonders interessierenden Fragen, wie z. B. den ^tanv der Luftschiffahrtsverhandlungen und die franzostsch-dent- schen Wirtschaftsbeziehungen.
In bei Unterredung ist dem „Matm" zufolge vor allem auch die Frage der Kompetenz der Kommisswn zur Prüfung der Verfassung des VölkerbundratS und die Saltuna Frankreichs aeoenüber den Ansvrückeir