^Fuldaer Anzeiger,
I Fulda Blatt 2 J
Ar. 63 Fulda, 20. März 1926
Sie Fortführung der Locarnopolitik.
Beratungen beim Reichskanzler.
In einem unter dem Vorsitz des Reichskanzlers abge- halten«» Ministerral wurden die Genfer Verhandlungen surchbcraten, nachdem die beiden Delegierten ihre fortlaufenden schriftlichen Berichte durch mündliche Darlegungen ergänzt hatten. Das Reichskabinett billigte einstimmig sie Haltung der deutschen Delegation und nahm insbesondere savon Kenntnis, daß durch die in Genf getroffenen Abmachungen die beiderseitige Fortführung Ler Locarnopolitik gewährleistet ist. Reichskanzler Dr. Luther hat ferner die Führer der Regierungsparteien empfangen und sie von den» Verlauf der Genfer Konferenz unterrichtet. Dr. Stresemann sprach bei diese» Beratungen über die Ergebnisse von Genf und die jetzige Lage.
Nach Beschlüssen -es Ältestenrates -es Reichstages beginnt am Montag vormittag die Beratung des Etats des Reichskanzlers und des Auswärtigen Amtes. Bei dieser Gelegenheit wird auch die Besprechung der nißen- politischen Lage und der Vorgänge in Genf erfolgen. Von der kommunistischen Reichstagsfraktion ist ein M i ß- trauensantrag gegen das gesamte Kabinett Angegangen. Außerdem haben die Kommunisten eine Interpellation eingebracht, die die Regierung fragt, ob Deutsch-- lând nicht sein Eintrittsgesuch in den Völkerbund zurück-, ziehen wolle.
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Beschlüsse des BölterbundrateS.
Der Völkerbundrat hat seine Arbeiten beendet. Nach seinen Beschlüssen wird die vorbereitende A b r ü st u n g s- konferenz am 17. Mai stattfinden. Tie Kommission für die Naterweiterung wird am 10. Mai zusammentreten, um den Bericht an den Rat vorzubereiten. Ferner beschloß der Rat, die erste Tagung des vorbereitenden Ausschusses für die W e l t Wirtschaftskonferenz auf den 26. April nach Genf einzuberufen. Der Völkerbundrat hat ferner ein Schreiben an den russischen Volkskommissar für Auswärtiges, Tschitscherin, aufgestellt, in welchem der Rat den lebhaften Wunsch bestätigt, auf die Mitarbeit Sowjelrußlands bet den Beratungen der vorbereitenden Kommission für die Abrüstungskonferenz zählen Zu können.
Veckauensvokun für Vriand.
Eine dramatische K a m in e r s z c n e.
Die Französische Kammer hat dein neuen Kabinett Briand mit 361 gegen 164 Stimmen vaS Vertrauen ausgesprochen. Die Sitzung, in der Briand die Regierungserklärung abgab und sein neues Kabinett dem Parlament vorstellte, verlief außerordentlich dramatisch. Von der rechten Seite der Kammer waren gegen den neuen Innenminister Malvy schwere Vorwürfe erhoben worden, daß er während des Weltkrieges Verrat an Frankreich begangen habe, da er Angriffspläne der französischen Heeresleitung über die Kämpfe am Chemin des Dames an den Feind verraten habe. Ministerpräsident Briand erhob sich sofort zur Verteidigung seines Innenministers und auch Malvy hatte die Rednertribüne betreten und sich kurz gegen die Angriffe gewandt, als er ohnmächtig z n s a m - menbrach und aus dem Sitzungssaal getragen werden mutzte.
Es kam, obwohl die Sitzung sofort unterbrochen wurde, zu Ausbrüchen größter Erregung zwischen den Parteien, und die Saaldiener mußten eine Kette bilden, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Malvy wurde in seine Wohnung geschafft, wo die Ärzte einen schweren Nervenzusammenbruch feststellten, so daß er sich für die nächste Zeit große Schonung aitfer« legen muß. Nach kurzer Zeit wurde die Kammersitzung wieder eröffnet. Sofort ergriff Briand noch einmal das Wort. Unter stürmischem Beifall der Linken erklärte er, daß die Kammer sowie Poincarv die Überzeugung ausgesprochen hätten, daß Malvy schuldlos sei. Wenn man derartige Gemeinheiten sieht, so sagte der Ministerpräsident, so erfasse einen für immer ein Ekel vor d e r P o l i t i k.
preußischer Landtag.
(145. Sitzung.) tt. Berlin, 19. März.
Das Haus setzt zunächst die zwciic Beratung des Haushaltes des Ministeriums des Innern fort. Abg. Casper (Komm.) verweist aus den Fall des von den Franzosen inhaftierten und im Mainzer französischen Gefängnis sitzenden Deutschen Schürer, der in der französischen Haft ein todkranker Mann geworden sei. Ter Redner fragt den Minister Severing, N as gegen die deutschen Denunzianten veranlaßt sei.
Abg. Barlcld-Hannovcr (Dem.) weist die dculschnationake Kritik an der Tätigkeit des Innenministers Severing zurück. Mian beginne allmählich auch auf der Rechten den Wert Severings anzuerkennen. Bezüglich der Einstellung der Beamten zur Republik habe der Rcichsinuenministcr Dr. Külz mit seinen prägnanten Programmpunkten einen großen Sieg davonge- tragen.
Innenminister Severing
beantwortet zunächst die kommunistische Anfrage wegen der Denunziation des Deutschen Schürer an die französischen Polizeibehörden int besetzten Gebiet dahin, daß die deutschen anzeigenden Beaviten pflichtwidrig gehandelt hätten und daß die Angelegenheil der Staatsanwaltschaft übergeben sei. Dann beschäftigt sich der Minister mit der Forderung des deutschnationalen Abg. Graf Garnier, daß man gegen den Roten Fronikämpserbund anders vorgehen müsse als gegen die rechtsgerichteten Organisationen. Solange ich, erklärt Minister Severing, noch Polizeiminister bin, werde ich auf dem Boden der bestehenden Gesetze alle Organisationen gleichmäßig behandeln. Sie (nach rechts) riefen die Geister und werden sie nun nicht los; und Sie dürfen sich nicht darüber wundern, daß die Linke ähnliche Organisationen einsetzle.
Abstimmung über die Hauszinssteuer.
Das Haus unterbricht die Beratung, um die Abstimmungen zur Hauszinssteuer vorzunehmen. — Es ist eine große Zahl namentlicher Abstimmungen beantrag«.
Das Hauszinsstcucrgesctz wurde in zweiter Lesung angenommen.
Darauf vertagte sich der Landtag aus Sonnabend.
Die Lage der Reichspost.
Geplante Verbesserungen i in Postbctrieb.
Im Haushaltungsausschuß des Reichstages gab Reichs- postniinister Dr. Stingl einen Gesamtüberblick über die Verkehrs- und Wirtschaftslage der Rcichspost. Der Briefver- ke b r hat im Monat Dezember annähernd den Vorkriegsstand erreicht. Seitdem ist ein gewisser Stillstand eingetreten. Der Drucksachenverkeyr hat zugenommen. Toch im Paket- verkehr macht sich eine rückläufige Bewegung bemerkbar. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Entwicklung des Post- krasltvagenVerkehrs zugewcudci. Gegenwärtig bestehen im Uberlaudvcrlehr mehr als 1200 Linien. Die Zahl der Kraftomnibusse und sonstiger Personenwagen beträgt über 2700. Der Flugpostdicnst wird weiter ansgebaut, besonders der Rachiflugverlchr gcsörderl. Die Zahl der Postscheckkundcn hat sich seit 1914 vcrstcbcnfachl. Das Guthaben der Postscheckkunden hat sich in derselben Zeil nur verdoppelt. Seit Januar ist ein Rückgang cingcirclcn. Der Überweisungsverkehr ist erfreulicherweise entsprechend dem eigentlichen Wesen des Postscheckverkehrs seit der Vorkriegszeit auf das Zwölfsache gestiegen. Der Telegraphen vcr- k e h r entwickelte sich auch im ab gelaufenen Wirtschaftsjahr nur sehr langsam. Zurzeit beschäftigt sich die Rcichspost mit einer durchgreifenden Umgestaltung des ganzen Tele- graphenbetriebes, um die neuesten technischen Errungenschaften nutzbar zu machen und die Wirtschaftlichkeit zu heben. Die Telegraphie arbeitet jetzt mit Unterbilauz. Der Bricftelc- grammverkehr hält sich dauernd aus mäßiger Höhe. Tas Fernsprechwesen besindel sim auch setzt noch in einer Aufwärtsentwicklung. Zurzeit sind trotz umfassender Anstrengungen noch rund 19 OOH Anträge aus Einrichtung von Neu- anfcylüffen rückständig. Bemerkenswert ist, daß die Intensität des Fernsprechverkehrs gemessen an der Zahl der Anschlüsse in den letzten Jahren wesentlich gesunken ist. Tie Frage einer Tarifändcruilg wird zurzeit im Ministerium geprüft. Tas Funkwesen entwickelt sich in rasch auffteigenber Linie. Die Zahl der Rundfunkteilnehmer hat bereits im Dezember pie erste Million überschritte 1. Es sind zurzeit 19 Sender im Betrieb. Der weitere Ausbau der Zugiclephouic ist im Gange.
potiiifche Rundschau.
Deutsches Reich
Die Aufgaben der Reichsbahn. &
Auf einem parlamentarischen Abend, den der Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn, Dr. Oeser, veranstaltete, sprach dieser über die Aufgaben der Deutschen Reichsbahn. Er erinnerte daran, daß die Reichsbahn eine gewaltige Umstellarbeit vollzogen habe, um sich von einem Zuschußbetrieb zu einem überschußmUernehmen um;n- stellen. Dr. Oeser wies ferner darauf hin, daß die Teutsche Reichsbahngesellschaft als Trägerin von 40 % Rcpara- tronslasten ihre Erwerbsaufgabcu mit den volkswirtschaftlichen Interessen Deutschlands in Einklang bringen müsse. Schwerwiegend sei die Tatsache des ständigen Rückganges der Einnahmen. Tie durch Reichsiags- beschlüsse verursachten Mehrausgaben seien ohne Deckung. So Dürfe es aber nicht weitergehen. Dr. Oeser verwies ferner auf die Verkehrs- und Seirleb'?Verbesserungen der
Reichsbahn in letzter Zeit. Allein im Sommer 1925 sink« 474 Sommersonderzüge gefahren worden.
Das deutsche Eigentum in Amerika.
Nach Mitteilung des amerikanischen Staatssekretärs Mellon steht die Ausarbeitung des Gesetzentwurfes für die Freigabe des deutschen Eigentums in Amerika unmittelbar vor dem Abschluß. Die amerikanische Regierung glaubt, daß die Angelegenheit etwa Mitte Mai erledigt sein wird.
Freiligrath-Spende des Lippeschen Landrspräsidiums.
Ans Anlaß der 50. Wiederkehr des Todestages Ferdinand Freiligraths hat das Lippeschc Landesprästdium an den noch lebenden Sohn des Dichters, Wolfgang von Freiligrath, in Külz (Hunsrück) ein Telegramm gesandt, in dem der unvergänglichen Verdienste seines Vaters und Der inneren Verbundenheit der Familie Freiligrath mit dem lippeschen Lande gedacht wird. Gleichzeitig har das Landespräsidium eine Freiligrath-Spende in Höhe von 2000 Mark ausgesetzt, Die in Der Weise verwendet werden soll, daß im Laufe der nächsten zwei Jahre fünfmal je 400 Mark als Zuwendung an befähigte Kinder unbemittelter Eltern zu ihrer Aus- und Fortbildung durch das Landespräsidium gewährt werden.
Aus Zn- und Ausland.
Berlin. Zwischen der d e u «s ch e ii und der japanischen Regierung ist eine Vereinbarung getroffen worden, derznsolgc vom 20. März ab die Angehörigen des einen Staates das Gebiet des anderen Staates jederzeit lediglich auf Grund eines gültigen Heimaipasscs ohne Sichtvermerk des Gegcnstaalcs betreten und verlassen können.
Berlin. Der Volkswirtschaftliche Ausschuß des Reichstags nahm den Antrag auf Bewilligung von Reichsgeldern für Dtc- von den Berufsständen gegründete Getreivchandelsgescllschajt an. Zur definitive«« Beschlußfassung muß die Angelegenheit jedoch noch dem Haushaltsausschuß zugehen. Der Antrag wegen eines von der Regierung zu enimerscnden Gesetzentwurfes über ein Getreivemonopol verbleibt, zur weiteren Behandlung im Volkswirtschaftlichen Ausschuß.
Berlin. Der Reichsminister der Finanzen mach« darauf aufmerksam, daß am 1. April d. Js. Die erste Naic oer iw diesem Jahr zu entridjtenben Rentenbankzinstn fällig wird und innerhalb einer Woche nach Fälligkeit. D. b. bis zum 8. März einschließlich, an die Finanzkasscn zu zahlen ist. Die Zahlung erfolgt gemäß ben von den Finanzämtern früher erteilten Bescheiden oder sonstigen Mitteilungen. Besondere Aufforderungen ergehen nicht.
Stuttgart. Bei der von Der Kommunistischen Partei Stuttgarts abgehaltenen Märzfeier haben, nach polizeilicher Miitci-- lung, Die Württembergischen Landtagsabgcordnetcn Schneck und Brönnle Äußerungen gemacht, die den dringenden Verdacht eines Verbrechens Der Mitwirkung zum Hochverrat begründen. Beide Abgeordneten sind deshalb am anberen Tage im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft vorläufig festge--. nommen und dem Amtsgericht Stuttgart vorgeführt worden.
Wien. Bundespräsident Dr. H a i n i s ch wird sich zur Er- össnung der Zugspitzcbahn im April nach München begeben. Bei diesem Anlaß wird er sich mit Reichspräsident v. H i n b c n- b ii r g zu einer freundschaftlichen Begegnung treffen.
Prag. Tas neue Ministerium Ceruy ist gebildet worden. Dr. Benesch hat das Ministerium des Äußeren behalten.
London. Die Arbeitszeitkonferenz hat ihr Programm beendigt und ist zu einer Einigung gekommen. Bou den fünf beteiligten Staaten wurde ein Protokoll über die Auslegung des Washingtoner Abkommens unterzeichnet.
Madrid. Wie verlautet, gedenkt Abd-el-Krim sich im kommenden Ramadan mit einer Tochter des verstorbenen Häuptlings Raisuli zu verheiraten. Die Hochzeit soll mit großen Festlichkeiten in Gegenwart aller Führer vollzogen werden.
Newyork. Der Vater des Präsidenten Coolidge ist gestorben, (foolibge hat sich sofort nach dem Sterbeort Plymouth begeben.
Peking. Die Antwort des chinesischen Auswärtigen Amtes auf das Ultimatum der Mächte ivirb von diesen für befriedigend erachtet.
Athen. Staatspräsidcui Kundüriotis, der schon seit längerer Zeit mit Rücksicht auf sein Alter und seinen Gcsiindheits-- znstand Rücktrittëabstchten geäußert hatte, aber aus Ersuchen des Ministerpräsidenten Pangalos bisher int Amt geblieben war, teilte Dem Ministerpräsidenten schristlich mit, daß er durch Gc- fnubbeitSrüdfufiten zum Rücktritt gezwungen sei. Pangalos tat ben Staatspräsidenten, sein Amt bis zu ber auf den 4. April angefepteu Wahl des neuen Präsidenten auszuüben.
Wett und Wissen.
w. Eine deutsch norwegische Nordpolcxpcdition? Dr. Mohr teilte in Oslo mit, daß im nächsten Jahre von Kirkenes ober Spitzbergen aus eine ivcitcie Luftschiss-Polcrpeviiion ausgehen wird. Die sich des zurzeit in Deutschland im Ban befindlichen Schiffes bedienen ivtrb. Dr. Mohr und der 1914 von England nach Norwegen geflogene Major Trvgvc Grau werden als Erpcdiiionsleiler suugicicu, denen sich Mitglieder Der ehemaligen Seelischen Süopolaiexpedi'ion ouschließcn werden. Tie Epedition verfolgt rein wissenschaftliche Ziele. Die Hälsic des Personals soll am Pol auSgefeßt werden, um Dort zu über» Wintern und im nächsten Frühjahr wieder von Dem Luftschiff abgeholt zu werden. Als Finanzlenre für das Unternehmen werden dcnischc wissenschaftliche Institute genannt.
Die Sprache der Tiere.
Es ist ein großer Fehler, wenn man bei Beobachtung und Erforschung der Tierwelt menschliche Eigenschaften zum Vergleiche heranzieht und damit Lebensäu^erungen des Tieres erklären will. Wenngleich wir das Verlegen- Heitswort Instinkt z. T. überwunden haben, fehlt uns doch eine sichere Erkenntnis der geistigen Kräfte der Tierwelt, die ebenso große Unterschiede aufweisen wie die der Menschenrassen.
Man tut deshalb gut, zur Erklärung zunächst die Triebe heranzuziehen, die aus den Notwendigkeiten zur Erhaltung des einzelnen Tieres und seiner Art hervor- gehen. Das sind: Ernährung, Schutz vor Gefahr und Fortpflanzung. Dann schrumpfen von selbst die Fälle zusammen, -je uns nötigen könnten, zu ihrer Erklärung das Vorhandensein und die Betätigung einer gewissen Vernunft anzunehmen und anzuerkennen. Daß sie diese besitzen, und daß sie bei manchen Tierarten beutlid) zutage tntt, wird niemand bestreiten. — Verschieden ist die Fähigkeit der Tiere, sich unter einander zu verftänbigen und sogar innerhalb derselben Art. Der Warnungsruf der Droffel, der Krähe, des Eichelhähers wird von jedem Tiere verstanden, das auf seine Sicherheit bedacht sein muß. Verstehen doch auch wir den Schrcckcnsruf eines Negers in seiner Sprache. In diesem Falle macht der Ton die Musik, b. H. bringt die Wirkung hervor. Daß die zur Acsung ausgetretenen Rehe ohne Zögern dem Beispiel des Fuchses folgen, der vor irgend einer Gefahr dem schützenden Dickicht zueilt, ist nicht verwunderlich. — Die Möglichkeit, sich durch die Stimme zu verständigen, ist sehr verschieden. Ganz stimmlos sind wohl bic Fische. Und doch vebaupten alte erfahrene Angler, daß die vor ihnen in der Tiefe stehenden Fische sofort wcgschwimmcn, sobald nur einer den scharfen §af?tt einn^af sm Maul gefühlt hat, ohne daran emporgczogën âu werden. — Sticfinütterlich sind auch die Säugetiere von der Natur mit der Fähigkeit
bedacht worden, Laute aus der Kehle von sich zu geben. De«r meisten eignet nur ein Schreckruf ober Hungerruf. Viele Arten sind nicht einmal imstande, ihren Parungs- trieb durch Laute kundzugeben. Dagegen besitzen hochstehende Arten, wie die Hunde, die Eabe, mit der einzigen Lautgebung, deren sie fähig sind, dem Bellen, allerhand Gefühlsregungen erkennen zu lassen. Es ist deutlich zu unterscheiden, ob der Hund einen warnenden Blaff aus- stößt, oder zornig auf einen Gegner losstürmen will. Er bellt vor Freude bei der Begrüßung seines Herrn, ja er bettelt bescheiden ober fordert ungestüm mit der Stimme. Daß viele Hunde cs lernen auf Befehl oder infolge Abrichtung ihre Stimme zu erheben, dürfte bekannt sein. So ruft der Jagdhund seinen Herrn, wenn er das Wil- gestellt hat, oder er verbellt den im Dickicht tot gefundenen Hirsch.
Die sprachbegabtesten Tiere sind die Vögel, und unter ihnen wieder die Singvögel. Natürlich gibt es auch da große Unterschiede. Manche haben bloß einen Ton in der Kehle, wie der Sperling, die Schwalbe usw. Viele verfügen zwar über eine kurze Strose, die sich indes ohne jede Abwechselung immer gleich bleibt, wie der Buchfink, das Rotschwänzchen u. a. Hoch über ihnen stehen an Kunstfertigkeit die wenigen Arten, bic ganze Weisen vortrfigen und sich nur selten wiederholen. Die größte Künstlerin des Waldes ist unstreitig bic graue Singdrossel. Es gehört wirklich iftcht viel Empfindsamkeit dazu, aus ihren schmelzenden Tonen die Sehnsucht herauszuhören. Und man braucht dem kleinen Sänger keine menschlichen Vorstellungen unterzulegen, da seine Lieder dem stärksten Triebe entquellen, der bic ganze Natur beseelt. — Daß die Vögel um Iohanui, b. h. nach Beendigung des Brut- gcschäft'es, zu fingen aufhören, hat seinen guten Grund. Ehe und solange das Weibchen brütet, hat das Männchen Zeit zunr Singen. Sobald jedoch die jungen Vögel aus dem Ei geschlüpft finb, nimmt die Ernäyrung ber kleinen Nesthocker alle Kräfte der Alten vom ersten Son
nenstrahl bis zum sinkenden Abend in Anspruch. (Märchen der Masuren: Jesus mit Jünger durch die Felder, Frage überhört, weil Vögel laut fangen; Herr Hand aus, und alle verstummten; seitdem stumm, außer Lerche, hoch in ber Luft.) Man kann indes auch von einem Gesang der Vögel im Herbste sprechen, der freilich ganz anders klingt als das fröhliche Geschmetter im Frühjahr. Er besteht nur aus einem Gezwitscher, woraus man die wehmütige Abschiedsstimmung heraushören könnte, wenn man nicht einfacher annehmen sollte, daß sich die Vögel, die in größeren Gruppen nach dem^Süden ziehen, durch diese Laute zu- sammcu halten, wie die Wildgänse in finsterer Nacht, die Kraniche beim Aufstieg zur Kcilform des Zuges. Etiinm- begabte Vögel haben neben ihren Liedern noch besondere Laute, wodurch sie sick verständigen, einander warnen und locken. Jedes junge Rebhühnchen versteht es, wenn der alte Hayn mit sanftem Tone zum Sammeln, ober mit scharfem Laut zum Aufschwirreu ruft. —
Ein Eprachkiiustlcr ist das Haushuhu, das über mehr als 20 deutlich zu unterscheidende Laute verfügt. Der Hahn weckt, warnt, lockt, entrüstet sich über einen Störensried, bettelt um Futter, frohlockt mit der Henne über das frisch gelegte Ei usw. Die Henne, die ihre Küchlein führt, warnt, lockt und schilt, fährt den herumschleichenden Hunan, nötigt bic Jungen, die ihnen noch unbekannte Nahrung zu ergreifen, ist enttäuscht und drückt dies aus, wenn das Futter aufgefreffen ist und ihr die leeren Hände ge- zeigt werden, ober schilt über den Geiz, lockt die Hausfrau zur Ecke hin, wo Sonnenblumen stehen und bettelt so lange, bis sie einen Stengel umfnictt oder umbiegt, so daß sie an bic süßen Kerne gelangen kann. — Allerdings gehören die Hühner zu den Haustieren, bte unter der Herrschaft des Menschen nicht verdummt sind, wie Rind, Schwein und Schaf, sondern sich die im Freileben erworbenen Fähigkeiten bewahrt, ja vielleicht gesteigert haben, weil sie eben meist im Freien leben.