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Fuldaer Anzeiger [ Fulda Blatt 2 I

Nr. 54 Fulda, 10. März 1926

potiiLsche Rundschau.

Deutsches Reich.

Ehrung von Professor Warburg durch Hindenburg.

Der Reichspräsident hat dem ehemaligen Präsidenten der Physikalisch-technischen Neichsaustalt, Wirklichen Ge­heimen Obcrregierungsrat Prof. Dr. Emil Warburg, in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um die Experimentalphysik zu seinem 80. Geburtstag den Adler­schild des Reichspräsidenten verliehen. In einem Begleit­schreiben spricht Hindenburg den Wunsch aus, daß es Pro­fessor Warburg vergönnt sein möge, sich dieser höchsten deutschen Ehrung noch lange Jahre zu erfreuen. Der Adlerschild ist eine bronzene Adlerplakettc, die auf einem Bronzesockel steht und auf der Rückseite die Widmungsschrift trägt. Sie ist bisher an Gerhart Haupt­mann, Professor Wagner-Darmstadt und den Ehrenober- meistcr des deutschen Handwerks, Plcfte, verliehen worden.

Die deutschen Exportkredite für Rußland.

Das Mitglied des Kollegiums des russischen Handels­kommissariats Hanetzki drückte einem Vertreter der Tele- graphenagenLur der Sowjetunion gegenüber die Überzeu­gung aus, daß die wirtschaftliche Annäherung zwischen Deutschland und der Sowjetunion durch die 300 Millionen Kredite bedeutend gefördert wer­den wird. Während die englische Regierung sich der An­wendung der Exportkredite gegenüber der Sowjetunion widersetze, habe Deutschland ein Exportkreditgesetz durchge­führt, das ausschließlich der Sowjetunion gilt. Hanetzki teilte mit, daß zurzeit ein Plan für die Verwertung der Kredite namentlich für die Metall-, Textil-, Naphtha-, Pa­pier-, Berg- und elektrotechnische Industrie mit möglichster Beschleunigung ausgearbeitet wird. Hanetzki gab ferner der Hoffnung auf einen baldigen günstigen Abschluß der schwebenden Verhandlungen mit den deutschen Industriel­len Ausdruck.

Aus Zn- und Ausland.

Breslau. Der Rektor der Friedrich-Wilhelm-Universität, Prof. Manigk, in Begleitung des Dekans der juristischen Fakultät, Prof. Dr. Schott, überreichten Geheimrat Porsch, dem Vize­präsidenten des Preußischen Landtages, aus Anlaß seines 50jährigen Doktorjubiläums die Erneuerungs- Urkunde zu seinem Doktordiplom.

Bonn. Die Vertreterversammlung der Bonner Korpora­tionen wird zur Feier der Anwesenheit des Reichspräsidenten im Rheinland am Abend des 22. März in der Beethoven-Halle einen großen Hindenburg-Kommers veranstalten. Die Festrede wird Ministerpräsident a. D. Dr. Stegerwald, M. d. R., halten. Zum Kommers ist die Altherrenschaft aller ehemaligen Bonner Studenten eingeladen.

Schwerin. Das mecklenburgische Staatsministerium hat die zum Tode verurteilten Fememörder Schöber, Liczka, Kela, Holtz, Boldt und Peters begnadigt und die Todes­strafe in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt.

Wien. Der Vorstand der Universitätsklinik in Prag, der bekannte Chirurg Professor Haberer, ist telegraphisch nach Rom berufen worden, um einem ärztlichen Konzil beizuwohnen, das über die Möglichkeit einer Operation an Mussolini

Paris. Aus Damaskus wird gemeldet, daß der Führer der aufständischen Drusen, Sultan Atrasch, durch eine französische Fliegerbombe schwer verletzt worden ist.

Paris. Hier wurde auf Veranlassung von Albert Carrâ eine P r o p a g a n d a g e s e l l sch a f t zur Einführung des Gebrauchs der französischen Sprache in Elsaß und Lothringen gebildet,

Verkauf der Romanow-Juwelen.

Franzöfische Käufer.

Aus Moskau wird gemeldet, daß der Kampf zwi­schen den englischen, französischen und amerikanischen Ju­welieren um die von der Sowjetregierung zum Kauf an­gebotenen Brillanten der Romanows zugunsten der fran­zösischen Gruppe entschieden worden ist. Diese Gruppe mit den Juwelieren Frankiano und Friedmann an der Spitze hat den Hauptteil der Kostbarkeiten, im ganzen 54 000 Karat zum Preise von 603 0M Pfund (12 060 000 Mark) erworben, nachdem die Engländer und Amerikaner 575 000 Pfund geboten hatten.

3» der VölkerbmdKadt. (Originalbericht unseres besonderen Mitarbeiters.)

JK. Genf, 9. März.

s Eintreffen der Deutschen war ein Ereignis, v- ----- ........ --^ -...-»-. -.................

beffen Bedeutung Genf sehr unmittelbar empfand. Trotz' Industriestadt aufzubauen begonnen, die den spezifisch dem der Genfer genau so wie der Eingesessene iraeird- Genfer Fabrikationsbetrieben planmäßig das Wasser ab- erner anderen alten Stadt in erster Linie Lokalvatrint gräbt. Einst war Gens eine Fremdenstadt, die mit die litt h fr ' * I v Sam mw 1 a

Kampfe um Eingemeindung irgend- kerben hier genau mit der gleichen Leidenschaft geführt wie überall sonst, wo es ehrgeizige Kommunalpolitiker gibt, und die einzelnen Stadtteile, z. die Außenstadt Ca rouge und das von jeher licueruiigssuchtige Bahnhofsviertel St. Gervais be- kampsen die Innenstadt in Versammlungen und in Winkelblattchen, deren Leserkreis nur über das Quartier ihres Erscheinens verbreitet ist, mit einem Feuereifer, k^â" komisch erscheint. E i n Sinn aber, ein echt schweizerischer, ist bei den Genfern besonders aus­geprägt, das wirtschaftliche Rechnen. Wilson mag sonst eine sehr umstrittene Persönlichkeit bleiben, über welche sich Politiker und Geschichtsforscher zanken oder einigen mögen. Für die Genfer ist er der Mann, der den Völkerbund hierher verlegt und damit Genf einen nCUesm-VAn neue Einnahmequellen verschafft hat.

^?/6en verfolgte man daher die zunehmenden Schwierigkeiten, mit denen der Völkerbund in den letzten Jahren zu kämpfen hatte. Dabei war eines auch dem einfachsten Gemüte klar: Der Völkerbund behauptet mehr zu jein als er ist, solange große Völker nichts von ihm wissen wollen. Deshalb ist für die Genfer ohne Aus- nahme der Standpunkt klar gegeben: Es müssen alle Volker nach Genf kommen. Was eigentlich die Deut- o 5ièbei und die Amerikaner und Russen auch in Zukunft abhält, das ist dem Genfer ganz gleichgültig und vjellelcht auch gar nicht verständlich. Aber das ist ihm völlig klar: Sie müssen alle eintreten, dann erst wird Genf die wirkliche Hauptverständigungsstelle der Rationen, dann gehen die so sehr damederliegenden Ge­schäfte besser, dann blüht die Fremdenindustrie in sonst toten Jahreszeiten, dann vermindert sich die Zahl der ungemütlich auf den Geldbeutel des Steuerzahlers druckenden Arbeitslosen.

Hätte also Genf über Deutschlands Beitritt zum Völkerbund abzustimmen, so gäbe es keine Meinungsver­schiedenheit. Das heißt aber nicht, daß man nun die angekommenen Deutschen mit übermäßiger Begeisterung empfing. Auf dem Bahnhöfe waren, als der Zug mit der deutschen Delegation einlief, bestimmt noch nicht zwei Dutzend Genfer, alles übrige waren Vertreter der Presse, der Photographieverlage und der Kinos, die hier beruf­lich zu tun hatten. In dem Meere internationaler Farben, welches hier bei jeder Völkerbundtagung in den Hauptverkehrsstraßen von allen Fenstern und Dächern heruntergrüßt, kann man die paar deutschen Fahnen an den Fingern der Hände abzählen. Man erinnert sich hier­bei unwillkürlich daran, daß man bei manchen Gelegen­heiten in der Schweizerstadt Genf viel mehr französische Trikoloren als Schweizer Bundessahnen sieht. Hätten Briand oder Chamberlain einen Teil ihrer Jugendzeit in Genf verlebt, so würden die Genfer Zeitungen nicht müde werden, diese Staatsmänner bei solchen Gelegen­heiten als alte Mitbürger schmeichelhaft zu begrüßen; zu­fällig hat aber der deutsche Reichskanzler Dr. Luther hier als Student gelebt und sich dabei die anerkannt flüssige Beherrschung der französischen Umgangssprache angeeignet, aber daran zu erinnern fällt keinem Genfer Blatte ein, sondern es war der deutschen Delegation Vor­behalten, an diese Tatsache bei einer Begrüßungskund-

gebang an die Genfer Bevölkerung selbst zu erinnern. Dagegen haben einige Genfer im französischen Fahr­wasser segelnde Blätter die Ankunft der Deutschen zu geschmacklosen Spötteleien benutzt.

Macht man einen Genfer darauf aufmerksam, so wendet er etwas verlegen ein, die Zeitungen seien nicht Genf, und erinnert daran, daß den Genfern selbst die Hetzereien gegen Deutschland zuviel wurden, als man bemerkte, daß die, deutschen Gäste Genf zu meiden be­gannen, und daß verschiedene Gastwirts- und Kaufmanns­verbände vergeblich versucht haben, das Unterlassen solcher Feindseligkeiten durchzusetzen. In dieser Hinsicht muß man gerecht sein: Genf war nun einmal jahrelang während und nach dem Kriege eine Domäne der f r a n - z ösischen Propaganda, und zwar in einem Maße, daß wirklich neutral gesinnte Schweizer, auch Welsch­schweizer, schon selbst nervös zu werden begannen. Die Wirkungen lassen sich nicht von einem Tage zum andern auslöschen.

Doch die Genfer knüpfen an diesen ersten offiziellen deutschen Besuch manche Hoffnungen. Es geht ihrer Stadt sehr schlecht. Die Franzosen haben ihr nach dem Versailler Frieden rücksichtslos die Freizone abgeschnitten, aus der das seit der Annexion Savoyens durch Frank­reich wie eine enghalsige Flasche in französisches Gebiet

ragende Genf seit ewigen Zeiten seine Lebensmittel be­zog.^ Die hohe Valuta hat der Industrie des Kantons zuerst den Absatz nach Deutschland, seither auch den nach dem unmittelbar benachbarten Frankreich abgeschnitten. Damit nicht genug, haben die Franzosen gleich jenseits der Grenze in dem früher winzigen A n n e m a s s e eine

höchste Verkehrsziffer der Erde aufweisen konnte. Fran­zosen, Italiener, Russen, die ganzen BaUänvölker bleiben längst aus, weil ihre Valuta sie fernhält, die Engländer und Amerikaner bevorzugen die Länder mit vorteil­haftem Wechselkurs, die Deutschen hat man, wie man sich selbst eingestehen muß, beleidigt und verprellt. Und doch hat man nicht vergessen, welche Rolle hier früher gerade die Reichsdeutschen als Studenten, als Besucherinnen der Töchterpensionate und als Bewunderer der Sehens-

Würdigkeiten gespielt haben. Dieses Verhältnis würde man lieber heute als morgen wieder herstellen, wenn auch die Sehnsucht dabei weniger dem Deutschen als der deutschen Festmark gilt, und so ist es wirklich die Wahr­heit, wenn gute Genfer betonen, daß die immer noch un­vermeidlichen Gehässigkeiten einiger Genfer Blätter gegen Deutschland und alles was deutsch ist nicht die Ansicht der Bevölkerung wiedergeben.

Kongresse und Versammlungen.

Tagung des Teutschen Buchdruckervereins Der Haupt- vorstand des Teutschen Buchdruckervereins titelt in Köln (eine erste diesjährige Tagung in dem von der Besetzung be- freiten Köln ab. Unter dem Vorsitz von Dr. Pelersmann- Leipzig. und Rudolf Zickfeldt-Osterwieck wurde eine umfang­reiche Tagesordnung erledigt, die neben Fragen der Vereins- organtfation und internen Angelegenheiten die Wirtschafts­lage des deutschen Buchdruckgewerbes, insbesondere dessen Ent­wicklung nach den kürzlich geführten Tarisverhandlungen um» faßte. Die Preisgestaltungspolitik Der Reichsregierung wurde einer scharfen Kritik unterzogen.

k. Großdeutsche Hochschultagung in Wien. Unter dem Ehren­schutze der Rektoren der Wiener Hochschulen findet in Wien vom 10. bis 14. März die vom Hochschulring veranstaltete Groß­deutsche Tagung statt, zu der etwa 1000 Hochschüler aus allen Teilen Deutschlands angemeldet sind. Namhafte Professoren und Fachleute werden vor den Studenten die politischen, wirt­schaftlichen und kulturellen Voraussetzungen für eine Vereini­gung Österreichs mit dem Teutschen Reich in Vorträgen er­örtern.

Schweres Sergverlsungiück in Amerika.

58 Bergleute verschüttet.

Durch eine Explosion in einem Bergwerk in der Nähe von Eccles (West-Virginia) wurden 28 Bergleute verschüttet. Durch die starke Rauchentwicklung wird das Nettungswerk behindert. Kurze Zeit darauf erfolgten in einer benachbarten Grube neue Explosionen, wodurch weitere 30 Bergleute verschüttet wurden

Eine spätere Meldung besagt: 31 Bergleute sind zur­zeit noch verschüttet, 37 konnten lebend geborgen werden. Bis jetzt ist erst ein Todesopfer sestgestellt. Von den Ge­retteten haben viele schwere Brandwunden Dabongetragen oder leiden unter den Folgen der Gasvergiftung.

Wett und Wissen.

W. Tie einzige deutsche LupusheilstStte. Die Lupusheilstätte, die der Universität Gießen angegliedert ist, die einzige in Deutschland bestehende, hat in dem Neubau endlich das ihrer Bedeutung entsprechende Feld gefunden. An der Ein­weihungsfeier nahmen zahlreiche Gäste aus Hessen und dem Reiche teil. Der Leiter, Prof. Dr. Jesionek, sprach über die Entwicklung der Anstalt, die jetzt etwa 90 bis 100 Kranke auf- nctimen könne und die im Anschluß an Die Universität der wissenschaftlichen Forschung dienen solle. Der Vorsitzende der hessischen Landesversicherungsanstalt, dessen Initiative die Er­richtung des Neubaues zu verdanken ist, wurde zum Ehren­senator der Universität Gießen ernannt.

w. Heilung von Kurzsichtigkeit durch Operation. Die Be­handlung der Kurzsichtigkeit bestand bisher in Der Verordnung eines entsprechenden Augenglases. Nur bei sehr hohen Gra­den von Kurzsichtigkeit hat man bisher Die Augenlinse ent­fernt, ein operativer Eingriff. Der allerdings eine Reihe von Nachteilen in sich birgt. Mitteilungen. Die letzt in Wien in der .Gesellschaft Der Ärzte" über eine neuartige Operation bei Kurzsichtigkeit gemacht wurden. Dürften deshalb in weitesten Kreisen Aufsehen erregen. Ein Wiener Augenarzt trug eine neue Therapie über Die Entstehung der Kurzsichtigkeit vor. Auf der Grundlage dieser theoretischen Voraussetzung ist er zu einer einfachen Operaiionsmeihove gelangt. Die in der Durch- schneidung zweier Augenmuskeln besteht, ohne daß im Augen- iintern selbst irgendein Eingriff vorgenommeu wird. Was den Erfolg dieses einfachen Verfahrens betrifft, so muß hervor­gehoben werden, daß in einigen Fällen die Sehschärfe ganz wesentlich gebessert. Der in Dioptrien angegebene Grad Der Kurzsichtigkeit auf Die Hälfte herabgesetzt werden konnte.

Stimmungsbilder.

(Skizzen aus dem Felde 191418.)

Von Otto Ulbrich, Fulda.

Wir beginnen heute mit der Veröffentlichung eines Teils der Kriegserinnerungen des Fuldaer Malers Otto Ulbrich. Da der Verfasser dieser Kriegsschilde- rungen den Weltkrieg als Angehöriger des 18. Armee­korps mitgekämpft hat, hoffen wir vielen unserer Leser, die größtenteils im gleichen Armeekorps, ja die selben Stragen wie Otto Ulbrich gezogen sind, mit denStim­mungsbildern" eine bleibende Erinnerung an die eige­nen Erlebnisse des großen Krieges zu geben.

- Die Schristleitung.

Ausreise.

Breuil in Frankreich, Den 25. November 1914.

Nach kurzem^schwerem Abschied von allem, was mir lieb und teuer ist auf Erden, ging unser Transport nach Darurstadt, wo mir nachts untergebracht wurden, um anderen Tages untersucht und verteilt zu werden. Einige Uebungen wurden gemacht, und bald hieß es für uns, die feldgraue Uniform empfangen, feld­marschmäßiges Eintleiden und Abmarsch zum Bahnhof! Unter­wegs schmückten uns liebe Hände mit Blumen, und am Bahn­hof selbst gab es noch kleine Erfrischungen und Wegzehrung. Für die meisten war der Abschied schon vorüber, nur einsame trennten sich schwer von herbeigeeilten Angehörigen. Die Braut eines jungen Offiziers sprach mir lange Trost zu, während sie selbst Trost suchte, und ich hoffe und wünsche, der Tapfere, wel­cher schon viel mitgemacht hatte, kehrt heim!Wir fuhren dem Rhein entlang, überall in einer so herstichen Weise begrüßt, über alles Erwarten herzlich, daß uns dies allein eine ewig dankbare, schöne Erinnerung 'bleiben wird. Manch schönes Auge und manch frohes Herz grüßte uns, manch schöne Hand reichte Liebesgaben, auch viele besorgte Augen gingen die stattlichen Reihen entlang. Das Grün, mit welchem unsere Wa­gen geschmückt waren, der helle Sonnenschein. es war eine Fahrt jur Freude, fein Greis, der nicht froh winkte, und kein Kind, das nicht freudig grüßte. O, welch eine große Zeit er­leben wir! Herrliches, frohes deutsches Rheinland. Du sollst deutsch sein und bleiben! Ein stattlicher Zug überschritt nachts die belgische Grenze, 200 Pferde und 180 Mann! Wir wurden angewiesen, noch auf deutschem Gebiet die Karabiner zu laben, hie Lichter wurden gelöscht und fang- und klanglos ging es hin­

ein in Feindesland, herrliches Weideland mit weidenden Kühen, alles schön von Hecken eingefriebigt, sehen wir am Morgen. Beim Passieren von Battice sehen wir die ersten Spuren der Kriegsfurie,. denn hier ist alles zerschossen und verbrannt. Arme, bedauernswerte Menschen, über deren Land das Unglück eines Krieges kommt! Wir passieren Herve, gänz­lich zerstört, Bahnhof, Fabriken nur noch schauerliche Ruinen und Mouerreste. Ueherall stehen deutsche Wachen und Posten, und wir sehen auch die ersten Feldbefestigungen, Schützengräben, Geschützstände, Drahtzäunc, Verhaue usw.

Melen ist ganz zerstört, Michcroux auch zerstört, speziell alle Häuser an der Straße. Flcron auch zerstört. Lüttich, schöne große Stadt, von waldigen Höhen umgeben, Forts sichtbar. Tir- lemont nicl zerstörte Häuser. Loewen surchtbor zerstört, schauer- volle Ruinen, nur einzelne Häuser mit weißer Flagge verschont geblieben, über 900 Häuser zerstört. In der Ferne das Grollen der großen Geschütze, welche Aukwerpen beschießen. Herent zer­stört, viele herrenlose Hunde überall. Chäärdek Aufenthalt, wiederholte Schüsse auf unseren Zug. Brüssel, nachts passiert, Mons längerer Aufenthalt; Aufnahme von viel Proviant für Menschen und Vieh, alles ging gut bisher, hier traut ich das letzte Bier, mit welchen Gefühlen schlürften wir die Tropfen hinunter. Unterwegs im Zuge gab es bann einige Flaschen Sekt, was Stimmung erzeugte.

(Fortsetzung folgt.)

Das Haus in acht Tagen.

In Berlin hielt Walter Gropins, der bekannte Vorkämpfer moderner Baukunst und Direktor des Bau­hauses in Dessau, einen Vortrag über moderne Architektur. Er führte dabei aus:Wenn jemand in Amerika ein Holz­haus haben will, nimmt er einen Katalog, sucht sich eine bei 60 Typen aus, klingelt bei der Fabrik an und in acht Tagen steht das Haus fix und fertig da. Noch einige Jahre werden vergehen und Gleiches wird auch mit Steinhäusern, itiib Fabriken möglich sein. Das Bestreben, geht dahim, ein Haus nicht mehr wie bisher von unten auf Stein nach Stein aufzubauen, sondern es aus fertigen Einzetteilen zusalnmcnzusctzen. Diese Teile werden serienweise in Fa­briken allgefertigt; damit aber die Häuser sich nicht wie ein Ei dem andern gleichen und auch der Besteller beim Ba» [einen Geschmack geltend machen kann, Werden diese

Einzelteile in vielerlei verschiedenen Typen hergèstellt, Die -wieder verschieden zusammengesetzt werden können. Alsa, -eine hübsche Idee. Ist einer seines Hauses überdrüssig, bestellt er bei der Fabrik andere Einzelteile, ätzt das Ganze auseinandernehmen, auf andere Art zusammen, letzen und hat am nächsten Tage ein neues Haus. Jetzt stellt man nur Möbel um, später wird man das ganze Haus umstellen.

Gefördert wird Die Einführung dieser neuen Bauweise durch Die heute notwendige Beschleunigung und Verbilli­gung der Wohnungsherstellung. Alles am neuen Haus ist anders als beim alten; das Äußere knüpft an die Linien- und Flächcnformcn der modernen Malerei an; sie Häuser bekommen das Aussehen mathematischer Körper. An die Stelle des schrägen Daches wird vermutlich das flache treten. Alles ist zweckmätzig, möglichst einfach und billig. Licht soll durch die grotzen Fenster fluten, manche Bauten bestehen schon jetzt nur noch aus Eisengerüsten mit Glaswänden (Fabriken, Ateliers, Bahnhöfe), um dem Innern Helligkeit zu geben. Farben werden den Eindruck der geraden Linie verstärken. Innen wird an Die Stelle der Tapete Die gestrichene farbige Wand, an die Stelle der Teppiche Linoleum oder festes Gewebe treten. Auch das Banmaterial unterscheidet sich von dem früheren: zum Bari des neuen Haussystems werden starre, fugenlose Stoffe wie Eisen, Beton, Glas. Porzellan verwandt.

Das DresdenerBauhaus" hat nach den Erklärungen des Vortragenden die Aufgabe, 1. Versuchsanstalt für alle Erscheinungen der Innen- und Autzenarchitektur zu sein (vom Stuhl im Kinderzimmer bis zur Eisenbetonfläche der Hauswand), 2. eine junge Architektengeneration heran;n- bilden, Die dort vor allem mit dem Gesamtgebiet des Handwerks vertrant geniacht wird, und 3. die Wirkungen der Größenverhältnisse, Linien, Farben, Licht usw. zu er­proben und zu lehren. Die Arbeit des Bauhauses ist weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Bald werden Ergebnisse der seit Jahren angestellten Versuche vorliegen, die geeignet sind, den ganzen Hausbau umzuwälzen. Man darf auf die erste Ausstellung des Bauhauses im Herbst gespannt sein. A. &