bisherigen Bürgermeister Heinrich Kneipp II hätten wählen wollen, so hätten sie den gebrudttn Stimmzettel unverändert ergeben können. Gegen dieses Erkenntnis verfolgte der bisherige Bürgermeister Kneipp wiederum Berufung an den Pro- vinzralausschutz mit dem Antrag, das Kreisausschutzurteil auf- zuheben, die beiden für ungültig erklärten Stimmzettel für gültig zu erklären und die Dürgermetsterwahl zu bestätigen. Der Proomzialausschutz schloß sich in seiner Sitzung vom Samstag Ler Stellungnahme des Verwaltungsgerichts in der ! Instanz an und wies die eingelegte Berufung kostenpflichtig zurück. (Gieß. Anz.)
* Gießen. (Strafkammer.) Von dem Amtsgericht Nidda wurde in erster Instanz die Wilhelm Weber, Ehefrau in Nidda, wegen fahrlässiger Brandstiftung zu 1 Woche Gefängnis verurteilt. Dem Urteil lag folgender Tatbestand zu Gründe. In dem Hause der Familie Weber, in dem diese im unteren Stockwerke wohnten, brach Feuer aus. Das in dem Wohnraum befindliche Mobiliar wurde restlos zerstört und sogar die Fenster, alle Decken und Wände stark verbrannt. Der Angeklagten wird nun jur Last gelegt, den Brand durch Fahrlässigkeit verursacht zu haben, indem sie das Zimmer mit mehreren Streichhölzern nach dem Lutscher ihres Kindes »6= leuchtete und die Streichhölzer in unachtsamer Weise, ohne sie auszutreten, liegen ließ. Dabei war ihr bekannt, daß auf dem Fußboden leicht feuergefährliche Sachen: Papier, alte Strümpfe, Lumpen und dergleichen lagen, und so kam es, daß schnell das ganze Zimmer in Brand geriet. Sonst hielt sich nach Angabe der Angeklagten niemand in der Wohnung auf und so konnte übereinstimmend mit dem Urteil 1. Instanz festgestellt werden, daß die Täterin nur die Angeklagte sein konnte. Die Ange- klagte, Frau Weber, hat die absolut notwendige Vorsicht beim Umgehen mit Feuer nicht beachtet und leicht hätten Menschenleben dem Brand zum Opfer fallen können. Gemäß dem Antrag der Staatsanwaltschaft erkannte das Gericht mit Rücksicht auf die sonst gut beleumundete Angeklagte auf eine Geldstrafe von 100 Mark. Im Falle ihrer Uneinbringlichkeit treten je für 10 c« gleich 1 Tag Gefängnis.
Eichen, 26. Zan. (Von der Landesuniversi- t ä t.) Üniversitätsprofessor D. Dr. Frick, der Vertreter der systematischen Theologie, ist dieser Tage wohlbehalten aus Amerika zurückgekehrt, wohin er gleich anderen deutschen Professoren zur Abhaltung von Vorlesungen und Vorträgen berufen war. In gleicher Mission wird am 20. Febr. Kirchenrat Prof. D. Dr. Krüger von hier nach Amerika abreisen.
* Bad Nauheim, 24. Jan. (Vom Kriegerverein.) Auf der gestrigen Generalversammlung des Krieger- und Militärvereins „Hafsia" konnte die erfreuliche Tatsache mitgeteilt werden, daß die Mitgliederzahl wieder stark im Wachsen begriffen ist. Der Verein beschloß, sich mit allen Kräften dafür einzusetzen, daß die Frage der Errichtung eines Gesellen-Ehren- mals endlich eine dem Ansehen unserer Badestadt würdige Lösung finde.
* Butzbach, 26. Zan. Eine Zuchtviehprämiierung verbunden mit Bullen- und Eberauktion findet anläßlich des 50jährigen Bestehens des Faselmarktes unserer Stadt am 18. März hier statt. Zur Preisbewertung werden zugelassen weibliche Herdbuchtiere der anerkannten Rinderrasfen — Vogelsberger und hessisches Fleckvieh —. Die Veranstalter des Marktes, die Stadt Butzbach und der Landwirtschaftskammer-Ausschuß haben namhafte Mittel bereit- gestellt, ebenso die Zuchtvereine. Den oderhessischen und den benachbarten preußischen Gemeinden wird der Markt eine günstige Ankaufsgelegenheit für vorzügliche Zuchtbullen und Zuchteber bieten.
- Friedberg, 26. Zan. Die diesjährige Generalversammlung des Pferdezuchtvereins für Hetzen wird am 31. Zan. im Hotel Trapp zu Friedberg abgehalten.
* Aus Oberhessen, 26. Zan. Landwirte und landwirtschaftliche Vereine haben sich in letzter Zeit wiederholt an das Landesfinanzamt Darmstadt gewandt und um Steuererlaß bezw. Ermäßigung nachgesucht. Landwirtschaftskammer und Landesfinanzamt wenden sich nun an die Landwirte und Vereine (besonders aus dem Vogelsberg) mit dem Ersuchen, ihre Eingaben an die betreffenden Ananz- ämter zu richten und erst bei Ablehnung beim Landesfinanzamt Darmstadt vorstellig zu werden.
Ziegenhain. Der Evangelische Arbeiterverein hielt einen gut besuchten Unterhaltungsabend ab. Zithervorträge, Lieder, Musikstücke, lebende Bilder und Reigen belebten den Abend. Ein von Lehrer Pippart-Wanfried verfaßtes Märchenspiel gefiel außerordentlich. Gemeinsamer Kaffeetisch beschloß die schöne Feier.
Nah «md Fern.
O Hammelboykott i« Berlin. Die Berliner Schlächter haben seit einigen Tagen den Boykott gegen das Hammelfleisch beschlossen, weil ihnen bei jedem Viehaustrieb eine große Anzahl trächtiger Tiere durch die Agenten mitge- liefert wurde. Der sogenannte »Hammelboykott" hat die Großschlâchter veranlaßt, auf dem Zentralviehhof sämtliche Hammel stehenzulassen. Seit dem letzten Markttag befinden sich auf dem Viehhof noch 3000 Hammel, und wieviele trächtige Tiere darunter sind, ge^t daraus hervor, daß in einer Nacht 100 Schafe gelammt haben.
O Boykottierung italienischer Schnittblumen. Die Vereinigung selbständiger Handelsgärtner der Westpfalz hat als Protest gegen die Unterdrückung Deutscher in Südtirol einstimmig beschlossen, die Einfuhr von italienischen Schnitiblumeu so lange zu boykottieren, als Deutsche in Südtirol unter dem Faschismus schmachten. Gleichzeitig wird um gleiche Stellungnahme der Obst- und Gemüsehändler zur Unterbindung der Einfuhr von italienischen Früchten ersucht.
O Raubmord in Hamburg. Die Ehefrau eines Bankangestellten wurde in ihrer Wohnung ermordet aufgefun- ven. sie ist mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen worden. Vermißt wird ein Betrag von 230 Mark. Von dem Täter fehlt jede Spur.
0 83 Millionen Dollar amerikanische ttrbichaft. Vor etwa fünfzig Jahren wanderte aus Dem obcrfränkischen Dorfe Freiahorn ein Bürger nach SiueiLa aus, in dem er es, durch Glück und kaufmännische Begabung begünstigt, zum Besitz eines Kohlenbergwerks orachte. Als er starb, erwarb der amerikanische Staat dieses Kohlenbergwerk um 93 Millionen Dollar. In die Erbschaft teilen sich nunmehr sieben Verwandte, meist kleine Grundbesitzer, aus Freiahorn und umliegenden Ortschaften.
O Wegen eines Bratens den Ehemann erschossen. In der südfranzösischen Stadt M a r s e i l le hatte eine Hausfrau ihren Mann beauftragt, auf den Braten in der Pfanne zu achten. Es gelang jedoch der Hauskatze, in die Küche zu kommen und den Braten aufzusressen. Als die Frau das sah, ergriff sie im Zorn einen Revolver und schoß ihren Mann nieder.
0 Ein weiblicher Blaubart. In East Liverpool wurde die Gattin des Pfarrers Christy verhaftet, die ihren Mann drei Wochen nach der Hochzeit mit Arsenik vergiftet hatte, um m den Besitz seiner Lebensversicherung und Sparkassen- guthabeu zu kommen. Bei dem Verhör stellte es sich her- ^ö^ Frau Christy bereits zum siebenten Male ver- reiw,et war und daß von ihren früheren Ehemännern Ws unter ähnlichen Umständen gestorben sind.
0 Weltreise des schwedischen Kronprinzenpaares. DaS schwedische Kronprinzenpaar wird im Mai dieses Jahres eine längere Weltreise antreten. Am 18. Mai wird das Kronprinzenpaar von Gothenburg aus mit der „Gripsholm" nach Rewyork fahren und am 29. Mai an der Einweihung des John-Ericsson-Denkmals in Washington teilnehmen. Anschließen wird sich ein längerer Aufenthalt in Rewyork und eine Reise durch den amerikanischen Kontinent. Nach einem längeren Aufenthalt in Kalifornien wird dann das Kronprinzenpaar, das für asiatische Probleme sehr interessiert ist, über Japan, China und Indien zurückfahren.
Q Massenschmuggel in der Tschechoslowakei. Die Finanzdirektion von Neustadt in der Südslowakei hat eine Aktion eingeleitet, um den seit einiger Zeit betriebenen Massenschmuggel der Bewohner, der sich auf Waren jeder Art, insbesondere aber auf Gold, Silber und Textilwaren erstreckt, zu unterbinden. Bisher wurden gegen 500 Schmuggler verhaftet. Da sich alle bisherigen Abwchrmaßnahmcn als zu schwach erwiesen, hat die zuständige Finanzdirektion von der Prager Regierung außerordentliche Vollmachten erbeten.
0 Schiffsunglück bei Lissa. Bei Lissa scheiterte der Fiumer Kohlendampfer „van Rocco". Auf seine Radio- Hilferufe hin eilten mehrere Schiffe herbei. Sie konnten ein Rettungsboot mit sieben Mann bergen. Das zweite Boot mit acht Mann der Besatzung konnte bisher nicht gefunden werden. Es dürfte entweder gegen die Westküste oder aber auf eine Adriainsel verschlagen morsen sein.
0 153 Feuerschäden in einer Woche in Leningrad. Gerade in der Woche der stärksten Fröste gab es in Leningrad 153 Brände. Die Feuerwehr wurde zweihundert- fünfzigma! alarmiert und mußte unter unglaublich schwierigen Witterungsbediugungen arbeiten. Die Dampfspritzen überzogen sich mit Eis, die Mannschaften waren mit Erfrieren der Hände und des Gesichts bedroht. Ein Feuerwehrkommando kam zweimal 24 Stunden nicht aus den Kleidern.
Bunte Tageöchronèk.
Haag. Der Minister des Äußern hat angeordnet, daß die diesjährige Sommerzeit am 15. Mai beginnen und ant 3. Oktober enden soll.
London. In einer Kohlengrube in der Nähe von Newcastle ereignete sich eine Kohlenstaubexplosion, durch die zwölf Arbeiter getötet wurden.
Warschau. Hier sind die Telephonistinnen wegen Lohn- diffcrenzcn in den Streik getreten.
Reval. Der Stettiner Dampfer „Klara Kunstmann", der wochenlang im Eise des Finnischen Meerbusens festgeisgen hat, ist aus dem Eise freigekommen und in den Hafen von Reval eingelaufen.
Turnen, Sport und Spiel.
Deutsche Turnerschaft und Reichsgesundheitswoche.
Die Deutsche Turnerschaft gibt amtlich nachstehendes bekannt: Eine Reichsgesundheitswoche wünscht das Reichsgefund- Heitsamt Ende April 1926 im ganzen Reiche durchgefiihrt zu sehen. Ich empfehle grundsätzlich unseren Turnvereinen mitzuwirken, entweder durch besondere turnerische Darbietungen, nicht von Gipfelübyngen, sondern von Gesundheitsübungen aller Art, aller Altersstufen und Geschlechter, oder, von ebensolchen Uebungen im Saal oder auf der Bühne im Rahmen einer Eröffnungsfeier Dr. Berger.
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Großer Dereinswettkampf im Kunstturnen in Kassel.
Eine machtvolle kunstturnerische Veranstaltung bürfte""bér große Vereinswetttampf zwischen dem Turnverein Mannheim von 1846, der Aelteren Casseler Turngemeinbe und der Turngemei nde Bochum 1884 werden, der am 2 8. März 1926 mit Genehmigung der D. T. in der Casseler Stadthalle stattfindet. Drei bekannte und erfolgreiche Vereine treten zu einer großen Prüfung ihrer Besten zusammen, die erhärten soll, welcher Verein zur Zeit über die besten Kunstturnkräfte verfügt. Jeder Verein stellt 6 Turner, von denen jeder eine Kürübung am Barren, Pferd und Reck sowie eine Kürfreiübung turnen muß. Man wird dem Ausgang des Kampfes, der weit über den Kreis der beteiligten Vereine hinaus Aufmerksamkeit erregt, als Prüfstein bet Besten besondere Aufmerksamkeit schenken müssen.
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Sitzung des Fechtausschusses der Deutschen Turnerschaft.
Der Fechtausschutz der Deutschen Turnerschaft mit Stassen, Schubert und Hoops tagte am 16. und 17. Januar in Leipzig. Als Gäste nahmen teil der Kreisfechtwart Sevin-Iena und Pressewart Engelmann-Leipzig. Es wurde folgendes festgelegt: Die Ausscheidungskämpfe für das Mannschaftsfechten der Deutschen Turnerschaft — Florett — werden den 5 Kreisgruppen übertragen; den Kreisen bleibt die Zusammensetzung ihrer Mannschaften überlasten. Die siegende Mannschaft jeder Kreisgruppe ist von deren Obmann bis 15. April an den Fechtwart der Deutschen Turnerschaft zu melden. Dem Kreis IIIb (Brandenburg) wird die Vorbereitung des Mannschaftsfechtens in Berlin am 9. Mai übertragen. Für« die Deutschen Kampf- spiele in Köln sollen Anregungen gegeben werden. Die Ausstellung Gesolei in Düsseldorf soll beschickt werden. Es ist auch ein Wettkampf auf der Ausstellung im September in Aussicht genommen. Für die Kampfrichterausbildung werden weitere Richtlinien festgelegt. Abänderungsvorschläge für die Bestimmungen für Deutsche Turnfeste und der Wettfechtordnung werden, beschlossen, u. a., die Angehörigen der bestehenden Sonderklassen der Deutschen Turnerschaft von den Vorrunden zu be= freien; auch soll den Kreisen vorgeschlagen werden, bei ihren Wètifecht mit den Degenkämpfen zu beginnen und über die gemachten Erfahrungen zu berichten. Es wird weiter über die Ausgestaltung des Pressewesens und der Fechter-Zeitung verhandelt, ebenso über die Erfahrungen bei den Fechtmeisterschaften der Deutschen Turnerschaft in Hannover 1925 und über die am 27. und 28. Februar 1926 in Halle a. S. stattfindenden Hochschulmeisterschaften.
Aus dem Bericht über die Vorstaudssitzung der Deutschen Turnerschaft am 9. und 10. Januar 1926 in Eßlingen (Wttbg.) (gelegenthtf) der 100. Geburtstagsfeier des Gründers und ersten Vorsitzenden der Deutschen Turnerschaft, Theodor Georgir).
Der Vorstand stellt im Verfolg des vom Würzburger Turn- tag S^benen Auftrages fest, daß bet Geburtstag bei Deutschen Turnerschaft der 17. Juni 1860 ist.
sw ?^j t^â^Hm^Enstaltnngen in der Nähe dieses Tages ist bietet Tatsache Rechnung zu tragen.
Die Meisterschaften in den volkstümlichen Uebungen und im Schwimmen werden am 15. August 1926 in Düsseldorf ab- gehalten.. " '
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„Turnerische Veranstaltungen sollen an den 1 Feiertagen nÄÄ W und Bettag, sowie am ®S
l T" Vorstand ist mit dem Antrag des Kreises 12: Perlön- Itdje Einladungen an iurner zu Wettkämpfen, die alsWerbe- mranstaltungen bezeichnet werden, sind verboten", cinverstan- , Werbeoeranstaltungen der Vereine sollen gebührenfrei sein' losre aber ein Dereinswettkampf dabei ausgetragen wird an Turner terlnehmen können, müssen Gebühren gezahlt werden. ®t. Berger. Breithaupt.
„Sich Aeapel und stirb!"
(Von einem besonderen Berichterstatter.)
Neapel, im Januar.
Seit Jahrhunderten preist das italienische Sprichwort die Stadt am Golf von Neapel mit den begeisterten Worten: „Sieh Neapel nnd stirb!" Mit dieser hingebenden Bewunderung ist natürlich das alte Neapel gemeint. Aber heute ändern sich auch historische Begriffe von höchster Ehrwürdigkeit. Kaum eine zweite Stadt auf dem europäischen Kontinent wandelt sich mit solcher Schnelligkeit zur modernen Großstadt wie Neapel. Das alte malerische Neapel mit seinen uralten charakteristischen Volksfesten, mit seinen engen, winkeligen, malerischen, aber auch unsauberen und ungesunden Gäßchen schrumpft immer mehr zusammen. Eines der alten Volksquartiere um das andere fällt der Spitzhacke zum Opfer und an ihrer Stelle wachsen moderne Wohn- und Geschäftshäuser an geradlinigen, breiten Straßen aus dem Boden.
Den Beginn des Karnevals pflegte man sonst um diese Zeit in den Volksquartieren auf eigene Art zu feiern. Man zündete an den Sjraßenkreuzungen die sogenannten Antoniusfeuer an und die Bewohner der nächstgelegenen Straßen setzten ihren Ehrgeiz darin, daß gerade ihr Reiter am lustigsten von allen prassele und knistere unb daß die hineingeworsenen Frösche und " nonenschläge einen rechten Heidenlärm vollführten. Da die Neapolitaner aber außer Freunden der Lustbarkeit auch praktische Leute sind, verbanden sie das Erheiternde mit dem Nützlichen und entledigten sich bei der Gelegenheit ihres im Laufe des Jahres angesammelten zerbrochenen Hausrats, der gerade recht war, um die Antonius- feuer zu nähren. Kisten, Papier, Packmaterial, zerbrochene Stühle, alte Matratzen, alles nahm im Antoninsfeuer ein lustiges Ende. Wer sich ein besonders originelles uns doch billiges Vergnügen machen wollte, der zündete wenigstens am Fenster seiner Wohnung ein ZestunMWatt an und ließ es auf die Straße flattern, nicht immer zum reinen Vergnügen Der unten Herumstehenden und Vorübergehenden. Diesem merkwürdigen Gebrauch haben m diesem Jahre die Behörden ein Ende gemacht, die toniusfeuer wurden schlankweg verboten. Sie passen nicht mehr hinein in Die neue Zeit und in das neue Neapel.
Der Ausbau des zu eng gewordenen Hafens wird diesmal allen Ernstes in Angriff genommen. Es ist dies eine Frage, an der die weisen Städtväter schon seit ciium halben Jahrhundert herumknabbern. Das erste Moocrul- sierungsprojekt stammt nämlich noch aus Dem Jähre 1860. Erst in letzter Zeit ist ein frischer Zug in Den Betrieb gekommen, Die großzügigeren jungen Kräfte packen fest zu und zaudern nicht, wenn es sich darum handelt, irgendeinen alten, wertlosen Steinhaufen zu beseitigen, der seine Existenz lediglich Damit rechtfertigen kann, daß er viele Generationen hindurch an Der gleichen Stelle stand. Um den Hafen heruni ist Luft gemacht worden. Das alte Schloß der Anjou, an das sich im Laufe von Jahrhunderten auf allen Seiten schwalbennestartig eine Unmenge häßlicher Zweckbauten angeklebt hatte, steht nun frei und imponierend auf einem weiten Platze. Denn das muß man Den neuen Baumeistern Neapels lassen, sie wissen sehr wohl zu unterscheiden uns zu schätzen, was künstlerischen oder historischen Wert hat, und diese Dinge werden sorgfältig geschont. Alles, was sich nachlrägl-ch an diese herangedrängt hat, muß weichen. Man geht hier ganz genau nach dem in Rom verfolgten Prinzip vor: weg mit allem, was überständig, unschön, unmodern, unhygienisch ist, freien Platz für das Historische und Schöci,-.
Auch auf w irt scha f t'l i ch e m erhöhte Tätigkeit bemerkbar, auch hier will Neapel mL zurückbleiben. Die Neapolitaner Messe hatte schon im letzten Jahr eine recht beträchtliche Besucherzahl auszuweisen, die sicher in den kommenden Jahren weit übertroffen werden wird, denn die Messe verspricht von größter Bedeutung für den ganzen Süden des Landes zu werden. Auch in bezug auf industrielle Tätigkeit regt sich's hier herum an allen Orten.
Drüben auf der anderen Seite des Golfes steht das alte Wahrzeichen Neapels, der Vesuv. Er speit zurzeit wieder gewaltig und schleudert riesige Mengen Asche und Steine in die Luft. Die Asche wurde diesmal durch Den Wind hinüber über das Adriatische Meer bis nach Süd- slawien getragen. Sonst aber benimmt sich der Berg diesmal manierlich. Die Lava hat einen Weg genommen, auf dem sie keinen Schaden anrichten kann. Dank der Vorsorge ihres Vesuvs hatten also die Neapolitaner doch noch ihr gewohntes Antoniusfener. D. Car.
VsrtKischiss»
— Ein neuer Messias. Annie Besant, Die bekannte Führerin der Theosophensekte, hat Berichterstattern mii- geteilt, daß in Madras in Indien vor 20 000 Delegierten aus allen Teilen der Welt der neue Messias ausaerufen werden soll. Dieser neue Messias ist ein Inder namens Krishnamurti, der seit 1911 in England und in Frankreich gelebt hat und nach europäischem Muster erzogen worden ist. Nach der Wahl wird der neue Messias Predigt- und Propagandareisen unternehmen unb zwölf Apostel werden ihn begleiten; es gehören dazu Annie Besant selbst und Charles Leadbeater, der sich Bischof von Australien nennt. Bestimmungsgemäß hätte der Messias erst nach einigen Jahren kommen sollen, aber er hat seine Ankunft beschleunigt. „Der neue Heiland," sagte die Besant, „bringt der Welt eine neue Religion, aber es braucht darum keiner seine bisherige Religion aufzugeben, da die neue Religion alle anderen Religionen umfaßt, so daß man zu ihr gehört, auch wenn man nicht offiziell beitritt." Die Messtasverkündignng in Madras findet unter freiem Himmel in einem Bananenhain statt, und die Reden, die gehalten werden, werden durch Lautsprecher verbreitet. So machen sich auch Religionsgrün- der die neuesten Erfindungen zunutze.
— Die gefährlichste aller Krankheiten. Es ist nicht bei Krebs, es ist nicht die Blutseuche, es ist auch nicht oer Alkoholismus — die Zivilisation ist es! Der bekannte Pariser Psychiater Perrin behauptet es und sucht cs zu beweisen. An unserer übergroßen Zivilisation werden wir allseamt zugrunde gehen, indem wir zunächst allesamt verrückt werden. Das menschliche Gehirn beginnt langsam, aber sicher unter dem Gewicht der Fortschritte unseres Wissens zu leiben. Unsere ganze Wissenschaft kann uns gegen die gefährliche Krankheit nicht helfen, denn sie ist ja zum Teil selbst Krankheilserregerin. Man vergleiche nur unsere Kenntnisse auf dem Gebiete Der Biologie, der Chemie unb der Physik mit denen unserer Großväter und halte sich vor Angen, was im Jahre 1825 ein Mann von guter Durchschnittsbildung über alle diese Gebiete wissen mußte und was er heute darüber wissen muß. Gelehrte, die auf mehreren Wissensgebieten Bescheid wissen, gibt es gar nicht mehr; es gibt nur noch Spezialisten. An diesem Zuviel an Wissen geht unser Nervensystem kaputt und eines schönen Tages sitzen wir da mit unheilbarem Irrsinn. Man wird also zunächst ein Serum gegen den Zivilisationsbazillus zu suchen haben.. .