Zulöaer /Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg 8ulba- und Haunetal * Fuldaer Kreisblatt iHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiitf!iiiifiiiiiinniiniiiii!iiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiimuiiiiti!iiiniiniiiii!iiiniiiii!HiiiiiHHiii Redaktion und Geschästzstelle: Mühlenstrahe I, Telefon Nr. 528 yjllllll|lllllllllllllllllll|lllllll||||lll|IHf||l|||||jH|i|||H||||||l!l|||!IHIIIIIIIIlimillllllllllllllHiJllllimilllHlllllllllllllllllillllllllHlllllllllHUUtll!Illllllllll|l!llllllllll Nachdruck der mit * verjeyenen Artikel nur mit Quellenangabe: „Fuld. Anz." gestattet.
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Nr. 2 — 1926
Fulda, Freitag, 8. Januar
3. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Auf der Strecke Hamburg - Berlin wurde die drahtlose Telephonie vom fahrenden Zuge aus praktisch eingesührt.
* In Amerika wurde ein Unternehmen zum systematischen Auskaus deutscher Aktien gegründet. Diese Nachricht ries an den deutschen Börsen eine Hausse hervor.
* Die Stellung des ungarischen Reichsverwesers Horthy soll infolge des Bankuotensälscherskandals erschüttert sein.
* Ein schwerer Ausbruch des Vesuvs setzte die Bevölkerung der Umgegend in Schrecken.
Triumph deutscher Technik.
Im fahrenden D-Zug Hamburg—Berlin wurde die drahtlose Telephonie jetzt praktisch eingesührt. Die Gespräche vom Zuge aus gelangen vorzüglich. Damit ist die Erweiterung des Fernsprechverkehrs in einer Weise, der sich noch kein Land der Erde rühmen kann, Tatsache geworden. Jeder Fahrgast kann sich dieses Zugfuukdlcnstcs, der vorläufig bei bestimmten Zügen auf der Berlin—Hamburger Strecke eingerichtet ist, bedienen.
Das Neueste ist also die drahtlose Telephonie im fah- reptden D-Zug. Augenblicklich erzählt man überall davon.
Man hat das 19. Jahrhundert als das der Natur- u issenschasten bezeichnet, man wird das 20. Jahrhundert als das der Technik bezeichnen. Als ein Zeitalter der Technik nicht bloß in der Erfindung von Methoden, Rie- scnschlachten zu schlagen, wie es vier Jahre hindurch geschah, sondern hernach als ein Zeitalter der Erfindungen friedlicher Art. Umwälzende Erfindungen sind beinahe zur Alltäglichkeit geworden: war die Ausschließung und Ausmitzung der Kohle eine Tat, so war eine nicht minder große Tat die Umstellung auf Heizung mit Ol, welche die einschneidendsten Wirkungen auch auf das Schicksal der Völker, auf die Politik gehabt hat. Drahtlose Telegraphie — schon Tausenden und Abertausenden hat sie'das Leben gerettet und das moderne Wirken und Streben ist ganz undenkbar ohne dieses Mittel schnellster Gedankenübertragung. Radio — der Äther ist durch- schwirrt und erfüllt von den Wellen, die schneller als sonst eines Menschen Werk in praktische Anwendung kommen. Nun die drahtlose Telephonie. — Der Menschenfeind wird sagen, daß er nicht einmal im D-Zug davor sicher ist, angerufen zu werden. Doch andere wieder werden es begrüßen, die Angehörigen stets erreichen zu können, auch wenn der Zug über die Gleise rollt. Wie lange wird es dauern, bis man jederzeit nicht bloß die Stimme des Fernstehenden hört, sondern auch sein Bild sehen wird, lind wird cs noch viel länger dauern, bis man imstande :ft, die Gedanken des andern zu lese»?
Dann gibt es keine Geheimnisse mehr. Entsetzlich für den einen, erfreulich für den andern. Die Technik hat eins vor allem bewirkt: die Menschen einander zu nähern. Gewiß, sie hat auch dem Menschen in mancher Beziehung nur den Wert einer von selbst funktionierenden Maschine gegeben: sie hat den Menschen nach jeder Richtung hin zur Maschine gemacht, der nur Griffe und Handreichungen zu leisten hat, wie irgendeine Maschine. Aber sie hat auch Größeres geleistet: sie hat den Menschen von der Übermacht der N a t u r g e w a l t e n befreit; freilich nicht ganz und absolut. Und noch immer gilt des Dichters Wort, daß Diese Naturgewalten Götterstärke haben, bei deren Wirken der Mensch seiner Hände Werk untergehen sieht und deren Kraft er weichen muß. Der Erdball ist durch die Technik klein gemacht worden. Die Zeit spielt nicht mehr die Rolle, die sie früher innehatte. Wenn man vor 150 Jahren einen Monat brauchte, um über den Atlantischen Ozean zu kommen, so fegt der moderne Ozeanriese jetzt in sechs Tagen hinüber. Das heißt: am Leben sparen.
Doch wenn wir uns als das Zeitalter der Technik bezeichnen, wenn diese Technik uns einander nähergebracht hat, so bleibt dieses Näherbringen leider vielfach etwas Äußerliches. Verbindet die fortgeschrittene Technik überhaupt die Völker oder trennt sie sie nicht vielmehr? Macht sie den Kampf ums Dasein für das Volk und für den einzelnen nicht schärfer, hetzender, verlustreicher? Und darum die Frage nach der Wirkung technischer Erfindung. Denn, trotz aller schönen Worte, der Mensch und das Volk und der einzelne wird doch nicht anders als er war. Und wenn von einem fernen Sterne her das Treiben des Erdenvolkes beobachtet wird, so wird festgestcllt werden, daß nur die äußeren Formen unseres Daseins sich geändert haben zwischen jener Zeit, da die Pyramiden erbaut würben, und jetzt, da die drahtlose Telephonie den Begriff des Raumes zu verneinen scheint. Dr. Pr.
Die produktive Erwerbslosenfürsorge.
Darlehen an die Gemeinden.
Der Rcichsarbciisminister hat einen Runderlaß an die Länder gesandt, der demnächst im Reichsarbeitsblatt veröffentlicht wird. Hierin werden wesentliche Erleichterungen der produktiven Erwerbslosenfürsorge augekündigt. Die Gemeinden, die Notstandsarbeiten vor- nehmen, sollen in Zukunft pro Kops des beschäftigten Erwerbslosen statt wie bisher das Dreifache zukünftig pro Kopf des Erwerbslosen das Fünffache des in der Ge- meinde geltenden Satzes der Erwerbsloscnunterstützung erhalten. Zwar werden die Rcichszuschüfsc auch in Zukunft als Darlehen gewährt, sind jedoch nicht mehr zum Reichsbankdiskontsatz verzinsbar, sondern nur noch mit 5 % und zudem erst nach zehn Jahren rückzahlbar. Der Reichsarbeitsmittister gestattet außerdem, das; in Zukunft auch solche Erwerbslose für die Notstandsarbeiten veranaezogen werden, .die an sich nicht mehr unter-
Schwierige Regierungsbildung.
Vor der Vetravung LuHrre?
Appell an die Sozialdemokraten.
Reichskanzler Dr. Luther ist von seinem Weihnacht urlaub nach Berlin zurückgekehrt. Mit der Anwesenheit des Reichskanzlers in der Reichshauptstadt kommen rowoer die Verhandlungen zur Neubildung der Reicks regierung in Fluß, die bekanntlich nach der Unter« Zeichnung des Locarnopaktes zurückgetreten Hst und Die Regierung gegenwärtig nur als geschäftsfübrendes Mi nisterium versieht. Die politische Lage ist nach wie not völlig ungeklärt. Indessen wird in politischen Kreisen an genommen, daß Reichspräsident . von Hindenburg Dr Luther mit der Kabinettsbildung beauftragen und ^eier sich mit den Mittelparteien in Verbindung setzen wir- um sie zum Eintritt in sein Kabinett zu bewegen
Ob ihm das gelingen wird, steht noch dahin T e in n traten und Zentrum halten, wenn man nach Den Reden ihrer Parteiführer urteilen darf, an der Errichtung der Großen Koalition fest. Reichsminister a. D Koch, der Führer der Demokraten, richtete in einer Reor
pützungsberechtigt wären, weil sie bereits über 26 W o ch e n erwerbslos sind. Die Mittel, die danach der Erwerbslosenfürsorge zufließen, werden sich im wesentlichen nach den Anforderungen de- Gemeinden richten, die auch fern^ n ein Fünftel der Kosten "wr No^ naudsarbeiteu zu t hegen haben, und zwar aus eigene» Mitteln. Die im Etat vorgesehenen 100 Millionen Mark, die sich durch die von den Ländern zu zahlenden Zuschüsse aus das Doppelte erhöhen, sind noch größtenteils unverbraucht.
Die „Hessische Mittagszeitung", (früher „Hessische Morgenzeitung") ist nicht das Organ der in der Volksgemeinschaft e. G. m. b. H. zusammengeschlossenen Parteien. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dah unser Organ der „Fuldaer Anzeiger" ist.
Große Erregung in Ungarn
Horthys Stellung erschüttert.
Nun wird offenbar in Verbindung mit der durch die Enthüllungen in der Bnntnotenfâlschcrangclcgenheit in Budapest entstandenen Erregung auch der ungarische Gesandte in Berlin, von Kanya, genannt, der auf Die ersten Nachrichten über die Affäre hin überraschend aus Berlin nach Budapest gereist ist. Er soll die Absicht gehabt haben, zugunsten seiner kompromittierten Freunde cinzugreifen. Was sich aus der immer stärker politischen Charakter nnnchmenden Angelegenheit noch entwickeln wird, läßt sich vorläufig nicht absehen. Nach einigen Meldungen soll die Stellung des Reichsverwesers Horthy erschüttert sein. Die Monarchisten sollen den Plan haben, um einer anderen Entwicklung vorzubcugcn, den Erzherzog Ot.o zum König auszurufen und eine Regentschaft einzu- setzen. Bei einer Durchsuchung im Budapester Kartographischen Institut soll entdeckt worden sein, daß im Laufe der letzten Jahre viermal Fälschungen von fremden Bant roten versucht worden sind.
Wie weiter gemeldet wird, sind unter dem Verdacht, an der Fälschnngsafsäre beteiligt zu sein, auch der Schwager des Prinzen Windischgrätz, Graf Viktor Szc- chenyi, weiter der ehemalige Abgeordnete Georg Szmrec- sanyi und der rechtsradikale Politiker Nikolaus Budahazy zur Polizei vorgeladen worden. Auch der Flügeladjutant des Reichsverwesers Horthy, Major Ladislaus Ma- gashazy, sei bei der Polizei erschienen. Die Untersuchung im Schlosse des Prinzen Windischgrätz, das als weitläufiges Gebäude unterirdische Gänge und Kasematten hat, ist erfolgreich gewesen. Es wurden dort die Maschinen, die zur Herstellung her falschen Noten gedient haben, gefunden. Bei dem Prinzen Windischgrätz wurde eine Schiffskarte 1. Klasse nach Bombav gefunden. Er hatte die Absicht, in den nächsten Tagen Europa zu verlassen. Im übrigen werden eine Unzahl Gerückte kolportiert, die sich im einzelnen kaum auf ihre Tatsächlichkeit prüfen lassen.
in Stuttgart einen dringenden Appell an d s Soziatdemvkratic, sich mit den anderen rcvnbü kanischen Parteien in einer Regierung zu einer Arbeit.- yem. nschach zasamnenzuschlicß.n Berz chte Die : ' eemofratie jetzt aus die Mitarbeit, so würde dem P a r l a m e n t a r i s m u s eine tiefe Wunde geschlagen In ähnlichen GedanlengLngen bewegten sich Ausnihrun - m des ehemaligen Reichskanzlers Marr a ' Dem Porte in: scS nassauischen Zentrums. Auch Marx Oe: . c Absage der Sozialdemokratie an die Große Ko" Mn. we ;c eine schwere Gefahr für die Demokratie br e 'e
Am Sonntag werden, wie Marr we-.- ' Vorstände der Partei in Berlin wichtige Bests-:-,!» ' Sage fassen, mit dem Ziel,' den bemn hatt fmen bei den anderen Parteien zu -stärken. Im Anschluß an seine Erklärung zur Genfer Angelegenheit betonte daß das Zentrum die bestimmte Forderung erheben v ;• • bei der Stellenverteilung in den Verwaltungen uu- besonders im auswärtigen Dienst aus Grund sein i mire langen nationalen Mitarbeit mehr als bisher berücki chn; zu werden.
Prinz Ludwig Windischgrätz.
Ein Lebensbild.
Ein uninteressanter Kerl ist er nicht, der Prinz Ludwig Windischgrätz, der vor einigen Tagen verhaftet worden ist, weil er etwas eigenartige Aufbaumethoden für Ungarn ersann. Er hat sich die Welt angesehen und — eigentlich wie jeder Ungar — ist er dadurch nur in dem altererbten Glauben bestätigt worden, daß Ungarn der Mittelpunkt der Welt ist. Sie sind ein eigentümliches Volk, diese ungarischen Adeligen. Unendlich bezeichnend ist, daß es neben dem Ungarischen dort nur nock eine zweite Amtssprache gab — das Lateinisch. Ein bißchen allzu eigentümlich sind die aufrechterhaltenen Sitten. Der alte, mehr als sechzigjährige Ministerpräsident Tisza schlagt sich mit dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Der noch — zwei Jahre älter ist. Und der Prinz Ludwig Windischgrätz hat schon einmal sein ganzes Vermögen durchgebracht. Zigeuner, Weiber, Spiel. Die politischen Leidenschaften brachen erst später bei ihm aus. Jetzt haben sie ihm den Hals gebrochen. Wenigstens einstweilen.
Der Großvater des Prinzen Ludwig Windischgrätz war Feldmarschall und hat 1848 in Wien, Prag und Budapest die Revolution niedergeschlagen. Auch fein Vater war General und hat seit 1848 alle österreichischen Kriege mitgemacht. Der Prinz Ludwig wird Osfi-ier, aber nicht mit allzu großer Begeisterung. Dann geht er auf eigene Kosten in den r u s s i s ch - j a p a n >; ch e n Krieg. Auf der Seefahrt dorthin kommt er in einen Taifun und läßt sich neben dem Kapitän aus der Kommandobrücke anketten; zwei Tage lebt er von Keks und -- Champagner! Dann geht er in den Balkankrieg 1912, und zwar auf der Seite der Bulgaren. Dann stürzt er sich in die Politik hinein, ist einer der Vertreter Ungarns in Der Delegation. Natürlich ist er im W c l t k r i e g auch wieder ganz vorn, macht den serbischen Feldzug mit und ist dann Ordonnanzoffizier beim Armeckommanvo. Die Deutschen mag er nicht leiden. Im April 1915 geht er aber wieder in die Politik zurück, ohne es aufzugeben, zwychendurch auch wieder an die Front hinüberzuwechseln.
Mitte 1917 ergibt er sich aber ganz der Politik, a.^ Tisza zurücktrat. Er atiachiert sich dann bald dem neuen Kaiser Karl, wird intimster Freund von 6 $ er m rt kann aber die Deutschen immer noch nicht leiden. Er seien soll Ministerpräsident werden, begnügt sich aber dann mit dem Amt als ungarischer Ernahrungs minister. Daß er damals auch für das notleidende t^st^r- reich gerade sehr viel getan hat, kann man wirklich nicht sagen. Allmählich schiebt er sich an den Grafen Karolyi heran, demissioniert beim Zu;ammcnbruck rechtzeitig und geht nach Bern, um mit der Entente wegen Der Ernährung des zusammengebrochenen staate-.« schänd lungen anzuknüpfen. Doch darüber hinaus ist er der Träger der österreichischen Friedensabsichten, wird t-otz- dem von der immer weiter links rückenden ungarneben ^.e- aicruna abgesägt, tritt immer weiter in den Hintergrund, bis schließlich der Rückschlag nach Niederwerfung der ungarischen Räteregierung auch ihm den Weg sreimacht
Er kennt weder Rücksichten noch Moral bet seinen politischen Plänen. Es fällt ihm gar nicht ein, mit diesen Ansichten irgendwie hinter dem Berg zu halten. L er Friede 1919 entriß den Ungarn die Hälfte ihres Landes. Und das ist eine Wunde, die unablässig blutet. Ungarn das Schreckenskind in Gens, und der ungarische Nobile, der dem politischen Gegner gegenüber feine anberege« arteten politischen Ansichten mit dem schweren Sabel u Der Faust unterstreicht, redet in Genf über Ungarn mit aller Offenheit und ohne jede Rückfrcht. Er kennt eben nur die ungarische Moral und, um den Feind zu Ichad.--, ist ihm jedes Mittel recht. So hat wobl auch ^-az Windischgrätz gar nichts habet gefunden, Banknoten zu fälschen.
Neue Verhaftungen in Budapest.
Budapest. Die Untersuchung in der Frankfälsckungsasfärc hat dem Vernebmen nach wieder ein wichligcS Ergebnis gezeitigt. Der technische Angeslellte^dcS Kanograpytschen Instituts namens Gero hat in dem Sinne auSgesagi, er 'ci von »em Prinzen Windischgrätz unter der Vorspiegelung, Das ^ sich um einen politischen Zweck handele, dazu bewogen worden, im Keller des Kariograpbischen Instituts Einrichtungen zur Fabrikation von falschen Frank zu treffen. Im Saufe seines