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Unter Haltungs blatt

zur Reuen Hessischen Zeitung.

M SO, Sonntag, den Z2. December. 1S5O.

£ Häussers Denkwürdigkeiten zur Geschichte der badischen Revolution.

Von Professor Häusser, einem der geistreichsten und gründlichsten der jüngeren Lehrer der deutschen Hoch- schulen, einem der patriotischsten und beliebtesten Mitglieder des Erfurter Parlaments und der Stützen der nationalen und konstitutionellen Sache, ist das erste Buch seinerDenkwürdigkeiten zur Ge- schichte der badischen Revolution" herausgekommen. Wir thun am besten, gleich Auszüge aus dem werth- vollen Werke zu geben. Er ist streng gegen die ra­dikale Partei. Hier seine eigenen Worte:

Während die Regierungen Vertrauen und An­sehen eingebüßt, die Liberalen es versäumt hatten, die Massen fest an sich zu knüpfen, hatte der Radikalis­mus sich derselben immer mehr bemächtigt, indem er nicht an abstrakte Freiheiten und Rechte, sondern an die materiellen Bedürfnisse und Genüsse der Menge sich wendete. Es lag in diesem Gegensatz etwas tie­fes und begründetes: die konstitutionellen Doktrinen seit 1789 hatten diese Seite des Lebens zu wenig in Rechnung gebracht, als daß nicht ein nothwendiger Rückschlag hätte erfolgen müssen. Der Socialismus war insofern eine berechtigte und nothwendige Erschei­nung, die den politischen Liberalismus auf seine Schwä­chen und Halbheiten hinwies; aber die Art, wie man zuerst in Frankreich die socialistische Doktrin benutzte, um die Gesellschaft in ihren Grundlagen anzugreifen, Zwietracht zwischen die einzelnen Theile derselben aus- zusäen, Mord und Todtschlag sammt der Entfesselung aller thierischen Triebe im Menschen als die Anfänge der neuen Gesellschaft anzupreisen dieses hat mit Recht den tiefen, sittlichen Abscheu aller Besseren her- vorgerufen. Von der an sich vortrefflichen und hu­manen Tendenz, die dem Socialismus zu Grunde lie­gen sollte, ist in der Ausbeutung der Demagogen nichts mehr zu finden: statt Liebe ein gemeiner Haß, Jtatt Humanität nur Gräuel und Verwüstung, statt teilte und. Tugend nur die Schrankenlosigkeit deS Lasters, statt Aufopferung für das Gemeinwohl überall nur die niedrigsten und schmutzigsten Tendenzen. Es ist ein Wort voll treffender Wahrheit, das der englische Geschichtschreiber Macaulay ausspricht: in jedem Zeitalter sind die schlechtesten Probc- tücke d er M e nsch enn a tu r unter D emag o- gen zu finden. So bat auch unsere heutige De­

magogie alle Laster und Lüsternheiten derjenigen Ge­sellschaft, gegen die sie ankämpfl; ihrem Egoismus zu Gefallen sucht sie Reich und Arm im wildesten Hasse zu entzweien, predigt sie den Kreuzzug gegen die ma­teriellen und sittlichen Grundlagen der Gesellschaft, fröhnt sie den niedersten Motiven derer, aus denen sie sich ihre Partei bildet. Die Revolution des Februars und ihre Nachwehen haben zur Genüge bewiesen, daß die Leute, die der zertrümmerten Monarchie gefolgt sind, nicht um ein Loth schwerer wiegen; sie theilten alle Laster der Monarchie, ohne eine einzige Tugend der Republik zu besitzen. Die Korruption, die Käuf­lichkeit, die Stellenjagd, die raffinirte Genußliebe, der Mangel au Wahrheit in allen öffentlichen Verhältnis­sen dieses Erbe der Ludwig Philipp'schen Monar­chie haben die weißen, rothen und blauen Republika­ner nicht nur unvermindert angetreten, sondern nach Kräften vermehrt. Wenn es noch eines Beweises be­durfte, daß die staatliche und gesellschaftliche Reform mit den Menschen und nicht mit den Formen begin­nen muß, so wäre der Beleg dazu durch die Ge­schichte Frankreichs seit dem Februar 1848 überzeu­gend gegeben worden.

In dieser Schule hatte sich unsere Demagogie seit Jahren gebidet. Nicht große praktische Verhält­nisse und Nothwendigkeiten hatten sie herangezogen und zu dem gemacht, was sie war, sondern die Lek­türe der französischen Revolutionsliteratur; es war eine Demagogie, aus literarischen Reminiscenzen zu­sammengesetzt, und in der kokelten Nachahmung der französischen Rcvolutionsmänner herangebildet. In Frankreich hatten sich die Dinge von 1789 1794 in einem raschen, fatalistischen Gang so entwickelt, daß die schrecklichen Erscheinungen des Terrorismus aus der Natur der Menschen und Verhältnisse psycholo­gisch erklärt werden konnten; anders in Deutschland. Hier war schon vor der Revolution von 1848 eine Zunft von theoretischen Jakobinern vorhanden, die aller innern Wahrheit und Natur entbehrten, und sich mit den Lappen und Phrasen der Vchreckenszeit auf- zuputzen strebten. Da wurde mit demSchrecken", mit derGuillotine", mit demKonvent" in wilden Phrasen um sich geworfen, ohne daß Menschen und Zustände dazu vorhanden gewesen wären. Unsere ab- geblaßten Nachbilder, die sich mit Robespicrre'schen und Danton'schen Redensarten aufblähten, hatten das lediglich aus Büchern gelernt; sie hatten weder den