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wurden. Auch in der Scene im Schlafgemach erzielten beide eine ungeheure Wirkung, namentlich die Sonntag durch einzelne die Zuhörer wahrhaft elektrisirende Töne. Diese Scene war der Triumph der Darstellerin, die Schlußarie aber: „Ah non giungc!" bekundet in der Sonntng die erste aller Sängerinnen.

* Konstantinopel. Sir Stratford Canning ist zu­rück von seinem Ausflug nach dem Berge Athos, Lady Canning hat die keuschen Mönche des heiligen Berges zu Verletzung ihrer Gelübve verleitet. Diese Mönche dul­den bekanntlich kein weibliches Wesen in ihrer Nähe, nicht einmal weibliche Thiere. Kühe, Eselinnen, Hühner, Gänse rc. dürfen sich dort nicht blicken lassen. Als Sir- Stratford den heiligen Berg bestieg, folgte auch Lady Canning mit ihren Töchtern. Die Mönche wagten keinen Einspruch dagegen zu thun. Ebensowenig als die ganze Familie in das erste Kloster eintrat. Die Mönche waren zwar darüber verdutzt, aber sie hinderten es nicht. Ja, sie warteten sogar nach orientalischer Sitte den Damen mit Süßigkeiten auf. Ebenso im zweiten Kloster. Erst die Mönche im dritten Kloster bemerkten, als die Damen auch dieses Heiligthum durch ihren Eintritt profaniren' wollten, daß Frauen nicht zugelassen würden. Als sie aber hörten, daß auch die Mönche in den zwei andern Klöstern die strenge Ordensregel überschritten hätten, woll­ten sie nicht weniger galant sein und luden die Damen gleichfalls ins Kloster ein.

* Wien. Ein belgischer Reisender berichtet Folgendes--Wir glauben, Rubens in Belgien zu kennen und meinen, wer sich eine rechte Vorstellung von ihm machen wolle, müsse unsere Provinzen bereisen. Freilich, wer Rembrandt recht würdigen will, muß nach Holland gehen, wer Tintorct und Tizian , muß Venedig besuchen und nur in Rom strahlt Raphael in vollem Glanze. Wir aber können nicht denselben Anspruch machen, wenn von Rubens, Van­dyk und Jordaens die Rede ist; man sinket sic in jeder Bilder- gallcrie Europa's eben so und besser als bei uns. Die Gast­wirthe in Antwerpen und Brüssel werden mir einen Proceß an den Hals werfen, aber was wahr ist, das ist wahr. Wenn un­sere jungen Künstler den rechten Rubens kennen lernen wollen, müssen sic nach Wien und ins Belvedere gehen. Ich überschätze das Belvedere nicht; wenn man in seine ersten, in die italieni­schen Gallerien kommt, glaubt man zum Besten gehalten zu wer­den ; da werden Bilder mit den größten Namen geschmückt, denen sie wenig Ehre machen würden, wenn man glauben müßte, daß sie ihnen wirklich angehörten; diese Raphael, Tizian, Paul Vero­nese sind offenbar falsch. Kommt man aber in den Saal des Rubens, das ist ein anderes. Ta steht man vor zehn Kapital­bildern des Fürsten unserer Maler: eine wunderbare Assumption (Himmelfahrt der Maria) , ein St. Ignatius, der die Besessenen heilt; ein St. Franz kaver, der in Indien predigt, ein St. Am­brosius, der dem Theodosius den Eintritt der Kirche in Mailand verweigert; eine Allianz zwischen Kaiser Ferdinand III. und dem Jnfantcn Don Carlos Ferdinand ; Bacchanalien, Jagden und herr­liche Bildnisse. Alles konservirt, als ob sic gestern gemalt wären.

Man sieht, daß sie nickt in feuchten Kirchen gehangen; sie sind meist wohl erhalten aus den Klöstern geholt, die Joseph II. aus­gehoben hat. Die letzten Säle des Belvedere enthalten die Werke heutiger Künstler, darunter auch nicht eins von einigem Der- dienst. Ohne Ausnahme bezeichnen sie den traurigen Zustand der Kunst in Oesterreich. Dasselbe ist der Fall mit den Skulp­turen, sowohl im Belvedere, als aus Wiens öffentlichen Plätzen. Sie sind furchtbar geschmacklos. Wien ist die Stadt der Musik, aber nicht die der Malerei, Bildhauer - und Baukunst. Darin muß cs dem nördlichen Deutschland den Rang lassen. Der Kunst­verein hat nun eine ständige Ausstellung gestiftet. Die Regierung kann sich jetzt mit diesen Interessen nicht befassen; doch hat sie eine Anzahl Aktien genommen. Ebenso wird jetzt für andere künstlerische und litterarische Bedürfnisse durch Privatvereine ge­sorgt. Sicher wird in besseren Zeiten die Regierung die Ober­leitung dieser Anstalten wieder in die Hand nehmen. Der junge Kaiser soll die besten Absichten in dieser Beziehung hegen und ein eigenes Ministerium der schönen Künste eiurichtcu wollen. Mit der Musik ist es immerfort vortrefflich bestellt. In den Kirchen hört man die schönsten Sachen, obgleich die Kirchenmusik ihren strengen Charakter verloren, und sich gleichsam dramatisirt hat; aber solche Greuel wie in Italien hört man doch nicht in den Wiener Kirchen. Ueberhaupt wird nur in Deutschland nock Kirchenmusik in gutem Styl gemacht, und am meisten in Oester­reich. In der Burgkirche habe ich eine trefflich exckutirtc Messe von Weigl gehört. Sonntags geht das Publikum in kie Hofburg wie in sein Haus, steigt die große Treppe hinauf und geht in die Kirche, soviel tiefe nur fassen kann; wer nicht hineiukann, hälr sich im Nebensaal, wo Trabanten auf- und abgehen. Die kaiscrl. Familie geht in eine Tribüne, die mit ihren Zimmern in Verbindung steht. Die Wiener sind gewiß gut katholisch; dock singen dort die Frauen mit im Cbor, was bei uns die Geist­lichkeit nicht zugibt, so daß wir mit dem Falsett der Chorknaben vorlieb nehmen müssen. Der Musikaliensammlung der kaiserlichen Bibliothek ist nur die der Berliner zu vergleichen. In ihren Denkmälern des 15. und 16. Jahrhunderts stehen die belgischen Komponisten voran; so erfreulich das für uns ist, so muß ich docy wieder die Beschämung cingestchen, womit ich wahrnahm, daß dieselben hier zu Tausenden eingcrciht sind, während wir in Brüs­sel nur einige Fragmente haben. Also auch um die Geschichte unserer Musik zu studiren, müßten wir nach Deutschland gehen! Warum waren wir auch so lange Zeit unter fremder Herrschaft! Es ist übrigens unsere Schuld nicht gewesen. Kurz hier fanden wir die Motetten von Josquin Tcprès, Rolland de CassuS, Phi­lipp von Mons, Brunel, Peter v. Larun, Agricola, Comperc, Clemens :e., alle gedruckt bei Peter Phalcsius und Tilman Su- fato zu Antwerpen und Löwen. — Das Kärnthnerthor - Theater ist einer Hauptstadt wie Wien, wo die Musik so in Ehren steht, nicht würdig. Es ist klein, schlecht verziert, die Bühne gestattet nicht die großen Entwickelungen der modernen Oper. Ich wohnte der 30ften Vorstellung von Meyerbeer's Propheten bei; das Haus war so voll wie bei einer ersten. Der Prophet ward vor­trefflich aufgesührt; Chor und Orchester sind unvergleichlich; von einem solchen Einklang, solcher Aufopferung des Einzeleffckts zu Gunsten der Maffcnwirkung haben wir in Brüssel keine Vorstel­lung. < (Forts, folgt.)

Verantwortlicher Herausgeber: Fr. Oetker. — Druck von Fr. Sckcel in Kassel.