Einzelbild herunterladen
 

Nnterhaltungsblatt

zur Neuen Hessischen Zeitung.

M â^. Sonntag, den ^ November. 1S5O*

Driese aus Damaskus.

Der Orient, seit einem Jahre der gastliche Zu­fluchtsort der politischen Flüchtlinge Europa's, hat seitdem unsere Aufmerksamkeit mehr in Anspruch ge­nommen, so daß wir nicht unterlassen^wollen, aus einer Reihe von Privatbriefen, die im Sommer dieses Jahres namentlich von Damaskns aus geschrieben sind (und worüber die BerlinerNationalzeitung" Mit­theilungen macht) einige Auszüge zu geben.

Die Zahl der ungarischen Flüchtlinge in Damas­kus mehrt sich jetzt täglich. Sie betrug schon vor län­gerer Zeit dreißig, darunter zwölf Officiere. In der letzten Zeit war der angesehenste unter den dort neu angekommenen Guyon, der in der ungarischen Ar­mee einen bedeutenden Grad eingenommen hat. Er führt jetzt den Namen Koschid -Pascha, und ist unter den Renegaten in Damaskus der einzige, der mit der Paschawürde bekleidet ist. Vor ihm war Feisy Bey (Kollmann), der im österreichischen Militär Major gewesen war, und in dem ungarischen Heere anfangs den Rang eines Obersten, später den eines Generals erhalten hatte, in Damaskus die bedeutendste Persön­lichkeit aus der ungarischen Armee. Feisy Bey hat von seinen dortigen Schicksalsgenosien sich weit am besten in seine neue Lebensbahn hineingefunden. Er bat sich in diesem Sommer, um den wüsten türkischen Trinkgesellschaften entgehen zu können, verheirathet. Denn unter den vornehmen Türken ist die Vorschrift des Korans , sich der geistigen Getränke zu enthalten, ganz außer Anwendung gekommen, und diejenigen, welche dort trinken, machen von den Getränken einen ähnlichen Gebrauch, wie vom Opium. Nichts von dem traulichen Schöppchenstechen unserer Weintrinker oder dem harmlosen Kannegießern unserer Biertrin­ker; eine türkische TrintgeseUschaft trinkt mit unglaub- licher Schnelligkeit so viel, bis ihre Theilnehmer ihrer Sinne vollständig beraubt sind. Um diesem wüsten Treiben zu entgehen, hat Feisy Bey, obgleich er die Vierzig überschritten hat, sich entschlossen, eine Frau zu nehmen, die Tochter eines seiner türkischen Kameraden, eines Obersten, die eben eilf Jahr alt ge­worden ist. Feisy Bey ist dem Anscheine nach ein sehr eifriger Muselmann, und hat durch den Eifer in Be­obachtung der religiösen Vorschriften seines neuen Glaubens seinen Kameraden aus Ungarn schon manche Verlegenheit bereitet. Nachdem er asketisch vorange­

gangen ist, werden hierin die Ansprüche auch an die übrigen Renegaten gesteigert, und diese sind, nament­lich in Damaskus, bei der dortigen fanatischen Be­völkerung (zumal man weiß, daß die Ungarn nur aus politischen Rücksichten zum Islam übergetreten sind), wahrlich keine Kleinigkeit. Wer von ihnen das Glück hatte, mit dem Range eines Kaimakam (Obersten) in der türkischen Armee placirt zu werden, ist durch seine Stellung gegen Unbilden gesichert. Die Officiere nie­deren Grades haben aber viel von der Kontrolle zu dulden, welche der Fanatismus der damastener Be­völkerung über sie ausübt. Der Verdacht, daß sie die religiösen Vorschriften des Propheten mindestens nicht genau befolgen, ist gegen sie stets rege. Bei der geringen nnlitärischen Disciplin sind cs gerade die gemeinen Soldaten, welche ihre neuen Officiere am meisten mit ihren religiösen Inquisitionen belästigen. Mit dem vertraulichenDu" (mit welchem im Ara­bischen nicht blos der Vorgesetzte seinen Untergebenen, sondern auch dieser seinen Vorgesetzten anredet) be­drängen die türkischen Soldaten sie fast täglich in Fra­gen, wie z. B.:Warst Du heute in der Moschee?" Beobachtest Du genau die Fasten im Ramadan?" u. s. w. Die Fastenzeit, der Ramadan, ist aber für diese neuen Muselmänner eine schreckliche Zeit. Denn bei einem mäßigen Volke, wie die Araber, fin­det man sich mit dieser religiösen Vorschrift nicht in so leichter Weise ab, wie es z. B. von den Katholiken in Europa geschieht. Der gläubige Muselmann darf bei Tage, d. h» so lange die Sonne scheint, nichts genie­ßen, nicht einen Tropfen Wasser, nicht einen Zug aus einer Tabakspfeife, er der fast nie die Pfeife aus dem Munde nimmt. Selbst die Schiffer auf ihren Ruderplätzen, wenn sie auch den ganzen Tag der glü­henden Sonne des Hochsommers ausgesetzt sind, trin­ken während des Ramadan im Tage nicht einen Tro­pfen, sie, die nur die Hand auszustrecken brauchen, um das Wasser aus dem Fluß zu schöpfen. Die Schwierigkeit, in diesem heißen Himmelsstriche sich während des ganzen Tages des Wassertrinkens zu enthalten, wird von Europäern am schwersten über- wunden, und sobald einer der neuen Anhänger des Propheten bei diesem Verstoß gegen orientalische Ent­haltsamkeitsgesetze betroffen wird, machen die Bewoh­ner der heiligen Stadt (Damaskus ist wie Mekka eine heilige Stadt) einen gewaltigen Lärm.

Wir entnehmen ferner aus diesen Briefen noch die