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weder Speise noch Arznei, und mußte zwei Tage darauf in bie drei Fahrstunden von Stuttgart entfernte Heilanstalt von Winnenden, die unter der Direktion des Hrn. Hofraths Dr. Zeller stand, gebracht werden. Dritthalb Jahre blieb der unglückliche Dichter in Winnenden, abwechselnd in einem halb Hoffnung erregenden, bald verzweifelten Zustande. Da galt es einen Versuch, ob nicht eine Luftveränderung, der Anblick des Vaterlandes ihn retten könne, und Hr. Anton Schurz, sein Schwager und selbst Dichter, dessen in dem Album österreichischer Dichter enthaltene treffliche Biographie Lenau's wir bei dieser flüchtigen Skizze benutzten, und von dem wir, wie wir hören, ein größeres, jedenfalls interessantes Werk über den Verblichenen zu erwarten haben, unternahm es mit Aufopferung, ihn von Winnenden in die Jrrenheil- anstalt des Hrn. Dr. Görgen in Döbling bei Wien zu bringen. Es war vergeblich; der Organismus war zu tief gestört und zerrüttet. Wenige lichte Momente abgerechnet, blieb Lenau bis zu seinem Tode in einem dumpf hinstarrenden, vcgetirenven Zustand. Am 22. August um 6 Uhr früh brach endlich die Fessel des Leibes.
Lenau's Persönlichkeit war eine sehr interessante. Eher klein als groß, aber stämmig und breitschulterig, voll Muskelkraft, hatte er kleine aristokratische Hände und Füße. Der Kopf war ausgebildet, das Haupthaar über der breiten gedankenvollen Stirne etwas spärlich, der Backen- und Schnurbart voll und braun, die Lippen schmal und geschlossen, das Kinn energisch gewölbt, die dunklen Augen voll Geist und Schwer- muth. Lenau war, namentlich in früheren Jahren, durchaus kein Feind heiterer Gesellschaft, und das sogenante Nenner'sche Kaffeehaus, seiner Zeit der Sammelplatz aller literarischen Notabilitäten Wiens, weiß davon zu erzählen. Lenau pflegte in diesem Kaffeehause täglich nach Tische seine Partie Billard zu spielen — ein Spiel, in dem er Meister war. Noch leidenschaftlicher als das Billard liebte er aber Musik, Schlaf und Cigarren. Er spielte mit tiefem Gefühl und großer technischer Vollendung Violine und Guitarre, und er hat, wie seine „drei Zigeuner", so manche Stunde des Lebens, die ihm nachtete, verraucht, verschlafen, vergeigt und drei Mal verachtet.
Gustav Barth hatte auf Veranlassung des Dichters L. A. Frankl zwei Lieder, eines von Lenau selbst, vas andere von Schiller, ergreifend komponirt, und Mitglieder des Männergesangvereins sangen sie; Fog-
lar, ein junger Poet, sprach ein gewiß wohlgemeintes , aber für den Ort sehr unpassendes Gedicht; der Schwager Lenau's, Hr. Schurz, sprach mit ergriffener Stimme warme brüderliche Worte des Nachrufs, und Heinrich Laube drückte den Schmerz aus, der durch ganz Deutschland bei der Kunde von Lenau's Erkrankung zitterte, und jetzt bei der Kunde von seinem Tode nachzittern wird. Die Feier war eine würdige und erhebende, aber sie hätte eine großartigere sein können; denn am Ende war doch nur ein kleines Häuflein Getreuer, Frauen und Poeten, von denen man Manchen ansah, daß sie den weiten Weg zu Fuß zurückgelegt hatten, anwesend. Wir sahen, nicht einen unserer k. k. Hofschauspieler, die oft dem Vortrag Lcnau'schcr Gedichte stürmischen Applaus verdankt haben; wir sahen keinen der Komponisten, die seine melodischen Verse komponirt, und keinen der Sänger, die sie gesungen; wir sahen keine Mitglieder der Akademie der Wissenschaften und der bildenden Künste, keine Maler und Bildhauer, keine Vertreter der Universität; ja sogar einige Leute, die sich gerne Dichter nennen hören, von denen wir bestimmt wissen, daß sie in Wien anwesend sind, fanden es für gut, durch ihre Abwesenheit zu glänzen. Indessen Lenau bedarf ihrer alle im Tode nicht, weil er ihrer lebend nie bedurft hatte. Und wenn auch Niemand seinem Sarge gefolgt wäre, als alte Mütterlein, die nie seinen Namen aussprechen hörten — die Worte blieben darum doch wahr, welche sein Schwager ihm ins Grab nachsandte: „Mögen sie auch an deinem Sarge dein Wappen umkehren und ausrufen: heute Niembsch von Strehlenau und nie wieder, ich rufe: heute Nikolaus Lenau und immerdar!" (Ostv. Post.)
V e r m i s ch 1 e s.
Ueber das Spiel der Rachel schreibt man aus Berlin in Kühne's „Europa": „Alles was klassische Kunst- eindrücke aus alter Zeit zu haben vermeint, reckt im gedrängt vollen Opernhaus jetzt die Hälse nach dem neuen Wunder, das obsolete Schönheiten aus dem Grabe erweckt. Die Bewunderung die Demoiselle Rachel hier erlebt, gleicht dem Ah und dem Hélas der gespreizten Heldensprache des französischen Kothurns. Wer hätte gedacht, daß das alte Alexandrinergerassel uns Narren der Natur und Narren der Romantik noch wieder klassische Genüsse verschaffen konnte? Wir genießen diese Klassicität mit einem gewissen romantischen Grausen. Wir haben die Rachel als Camilla in Corneille's „Horace" staunend bewundert. Es ist besonders der vierte Akt, in welchem sie, wie Corneille selbst, die großen Forcen entwickelt. Valère