Unter Haltungsblatt
zur Neuem HeMfthen Zeitung»
M 38.
Sonntag, den 22. September.
1830-
Nikolaus Fenau.
Nikolaus Lenau, eigentlich Nikolaus Niembsch, Edler von Strehlenau, war der letzte Sprosse eines alten Adelsgeschlechts und wurde am 13. August 1802 im Dorfe Csatad im Banat geboren. Von Natur mit wahrhaft bedeutenden Geistesanlagen ausgestattet, von lebhaftem Wissensdrang beseelt, studirte Lenau in Wien Philosophie und später Medicin und Rechtswissenschaft. Aber das verknöcherte Formenwesen der vormärzlichen österreichischen Universität beengte seinen kühnen, strebenden Geist, und so verließ er im Jahre 1831 Oesterreich, ohne ein Fachstudium ganz absolvirt zu haben. Er reiste nach Würtemberg und lebte einige Zeit bei Justinus Kerner, der auf seine spätere melancholische, ja sogar zuweilen etwas mystische Richtung nicht ohne Einfluß geblieben zu sein scheint. Außer Kerner gehörten Gustav Schwab, die beiden Pfizer und Alerander Graf von Würtemberg zu seinem näheren, vertrauten Umgang. Im Jahre 1832 reifte Lenau nach Amerika, wo er sich mit dem Rest des kleinen Vermögens, welches er von seinen Großeltern geerbt hatte, einige hundert Morgen Urwaldes kaufte und an einen mit ihm ausgewanderten Zimmermeister aus Würtemberg verpachtete. Unterdessen hatte Gustav Schwab das zurückgelassene Manuskript, seine Gedichte, veröffentlicht, und als er bald darauf zurückkehrend in Bremen die heimathliche Erde betrat, begrüßte ihn der Ruhm und die Liebe Deutschlands. Die nun folgenden Jahre waren ein unaufhörliches Wandern zwischen Wien und Stuttgart, wo er in dem Hause des Hofraths Reinbeck und seiner liebenswürdigen gemüthvollen Frau, einer Tochter des Geheimraths Hartmann, eine zweite Heimath gefunden hatte. Außer diesem geselligen Mittelpunkt zog ihn auch der Wunsch, seine Werke, die in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung erschienen, selbst zu korri- giren, immer wieder nach Stuttgart, während ibn
andererseits die Liebe zu seiner in Wien verhcirathe- ten Schwester und ein inniges Freundschaftsverhältniß mit einer herrlichen, geistvollen Frau, die, wäre sic, als sie der Dichter kennen lernte, noch Mädchen gewesen , sein Glück wohl dauernd begründet hätte, abhielten, sich in der Hauptstadt Würtembergs für beständig anzusiedeln. Seine Gedichte erlebten rasch nach einander die bedeutende Anzahl von sieben Auflagen; Faust, Savonarola und die-Albigenser wurden zweimal aufgelegt. Außerdem gab Lenau in dieser Periode noch zwei Jahrgänge eines Frühlingsalmanachs heraus, arbeitete an einem Don Juan und dem leider unvollendet gebliebenen Ziska, und schrieb einzelne kritische und literatur-historische Aussätze, wie z. B. für die Hallische Literaturzeitung den Versuch einer Bestimmung, was eigentlich Naturpoesie sein müsse. Häufige Ausflüge in die österreichische Alpenwelt unterbrachen allein diese Arbeiten.
Im Jahre 1844 lernte Lenau in Baden-Baden ein sehr achtbares und liebenswürdiges Fräulein aus Frankfurt a. M. kennen, und kurze Zeit darauf überraschte die Allgemeine Zeitung seine zahlreichen Freunde mit der Nachricht seiner Verlobung mit dieser Dame. Nun folgten mehrere rasche Reisen zwischen Wien und Stuttgart zur Ordnung von Vermögensangelegenheiten, welche die ohnedieß angegriffene Gesundheit des Dichters völlig erschöpft haben mögen. Am 29. Sept, erlitt Lenau in dem Hause des Hofraths Reinbeck, als er mit dessen Familie am Frühstücktische saß, einen leichten Schlaganfall; am 11. Okt. zeigten sich zum ersten Mal Parorysmus und Tobsucht. Die Selbstmordversuche, welche der Unglückliche mehrmals wiederholte, wurden immer glücklich gehindert; aber am 20. Okt. sprang er mit dem Rufe: „in die Freiheit will ich!" im Hemde aus seiner damaligen Parterrewohnung auf die Straße und lief einige hundert Schritte weit fort, bis er ergriffen und zurückgebracht wurde. Von da an tobte er ununterbrochen, nahm