Nnterhaltungsblatt
zur MW Hessischen Zeitung»
M 37. Sonntag, den 15. September. MAG.
Zur Aesthetik der höheren Daukunst.
Unter obigem Titel ist (bet Th. Fischer in Kassel 1850) vom Oberbergrathe C. A. Henschel dahier ein Werkchen erschienen, durch dessen Anzeige wir zur Förderung einer gesunden Kunstansicht wesentlich beizutragen vermeinen. Wir leben einmal im Zeitalter der Theorie und Kritik; keine Macht, im Himmel und auf Erden, kann uns daraus erretten und so müssen wir uns denn freuen über jedes lebenskräftige Wort, das auf dem Kunstgebiete verlautet und tausend todt- geborne zu neutralisiren vermag. Ein solches hat der treffliche Verfasser hier ausgesprochen. Er legt mit begeisterter Hoffnung die Idee zu Grunde, daß „unsre heutige Bildung und unsre Bedürfnisse auf einem Wege der Vielseitigkeit sich befänden, daß bald mit allen Spitz-,Stumpf- und Rundbogen-Dogmen nicht mehr auszureichen sei," vielmehr die schon erwachenden Bestrebungen neuerer Architekten eine Baukunst begrün- den würden, welche naturgemäß, dem wahren Bedürfniß der Gesellschaft entsprechend — nicht grillenhaft nach antikem Ragout — sondern in eigenthümlicher Schönheit sich zeigte! Es sonnten zwar hierzu jetzt, „wo alles sich rascher und specieller zu entwickeln beginnt," dem Architekten keine dreihundertjährige Bildungskurse mehr bewilligt werden, jedoch ständen ihm zum Ersatz Konkurrenzen und Ausstellungen, sowie hilfsweise die Malerkunst zu Gebot, um sich schnell und wirksam zu fördern. „Eine entente cordiale mit den Bauherrn sei auch nicht leicht zu erreichen, die obigen Mittel würden aber gleichfalls dazu verhelfen. Zu einem neuen Baustyl böten die Naturtypen den reichsten Schatz dar. Der Styl sei ja nichts anderes als „die Vereinbarung gewisser Grundformen, mit der Idee und dem Baustoffe, welche dann die ganze Komposition durchdringen und, selbst bis in den kleinsten Schmuck, sich verwandtschaftlich verzweigen —". „Wurzel, Stamm, Blätter und Blüthe hat der Eichbaum mit dem Veilchen gemein, aber den Baustyl hat die Natur für jede dieser Pflanzen sich eigentlich aus den speciellen Umständen bestimmen lassen." — „Man hüte sich vor Gemengsel" mit Vorhandenem, dessen Grundformen jedoch — wie z. B. bei antikem Triumphbogen — sehr wohl berücksichtigt werden können; — auch die hyper-gelehrte Ueberschätzung der Alten ist schädlich. Die genialen Urheber der antiken
und mittelalterlichen Bauwerke würden selbst sich wundern über unsre Anbetung w. Weiter sagt der Verfasser: „Parallel mit der Natur gehen wir am sichersten." Sie trägt allen Nebenumständen Rechnung. Ein tieferes Eingehen zeigt, wie sich hier das Kom- plicirte vereinfacht und alles auf einem Grundprincip beruht. Alles Geschaffene trägt das Gepräge dieses heiligen Urgedankens und bietet also Analogien, mittels deren von dem einen auf das andere geschlossen werden kann. Eine gesunde Kunsttheorie würde Vieles, „was wir schon in unsere Gewalt bekommen haben, in Saft und Blut verwandelt, dann ohne Weiteres gus dem Zeichnenstifte des Meisters orthographisch herausfließen lassen." Zu diesem Zwecke sind alle coineidirenden Analogien aus der geschaffenen und schaffenden Natur, mit der Architektur und ihren Schwesterkünsten bis zur Poesie hinauf zusammenzu- stellen und daraus, zu unserer Benutzung, Resultate zu ziehen. „Trotz so mancher schätzbaren Bearbeitung der Aesthetik der Baukunst scheint doch dieses Hilfsmittel noch nicht erschöpft. Wir sehen die reizende Mannigfaltigkeit eines heiter schönen Tages übergehen in den Ernst einer erhaben schöne n Nacht, und werden, wenn wir den harmonischen Wechsel dieser scharf getrennten Charaktere näher betrachten , dabei nicht unbemerkt lassen, wie hier, bei der allmählichen Dämpfung des Lichts, die Farben ihre Ansprüche mäßigen, die Massen sich einfacher und großartiger gruppiren, — Alles in befriedigender Uebereinstimmung mit unserm Gefühle. Dann wird es auch klar, daß da nicht bloßer Zufall, sondern Naturgesetze walten, denen auch wir huldigen müssen, wenn unser Kunstwerk, wenigstens annäherungsweise, so vollständig seiner Bestimmung entsprechen, so harmonisch organisirt aus unserm Geiste herauswachsen soll, analog wie die lebenden Organismen unmittelbar aus der Natur hervorgehen. Jede neue-Eroberung auf diesem Felde läßt mehr und mehr die Unendlichkeit desselben erkennen und eröffnet dem Genie einen sich immer mehr erweiternden Spielraum. Wer dann aber nicht Begabung und Begeisterung fühlt, alle Schwierigkeiten des Fortschritts zu überwinden, der lasse ab von der höhern Kunst.
„Ich sah ein schönes Bild und wußt' nicht was ihm fehle. Jetzt aber weiß ich es, ihm fehlt das Beste, die Seele! Warum ihm Seele nicht sein Meister eingehaucht?