Unter h alt nngsblatt
ZM Umm HeMfchen ZâtAng»
M 36» Sonntag, den 8. September. 1850*
Ein Abschied.
Morgenroth ! Morgenroth! Leuchtest mir zum frühen Tod!
Lassen Sie mich eine Abschiedsscene erzählen, schreibt A. Stahr im Feuilleton ver „Köln. Ztg.", bei der sich auch ein Männerauge der Thränen nicht zu schämen hatte. Denn es wahren Thränen freudiger männlicher Rührung!
Gestern Abend zu später Stunde saßen acht unserer oldenburgischen Infanterie- und Artillerieofficiere mit einigen ihrer Kameraden noch auf der Schloßwache beisammen. Es war am Ende des zweiten Tages, seitdem sie ihr Abschiedsgesuch eingereicht hatten , um ihren deutschen Brüdern in Schleswig - Holstein zu Hülfe zu eilen. Noch immer war keine Entscheidung erfolgt. Der Großherzog hatte sich der Erfüllung ihrer Bitte entschieden abgeneigt ausgesprochen und nach langen Debatten im Ministerialrathe, ohne ein Ja oder Nein zu sprechen, die Stadt verlassen, um sich nach Schloß Rastede zurück zu begeben. Gestern hatten sie ihr Gesuch erneuert, und der General unseres Militärkorps, Graf Ranzow, hatte noch einmal sich selbst nach Rastede hinaus begeben, um den Fürsten zur Erfüllung desselben zu bewegen.
Es war spät geworden und noch immer war er nicht zurück, noch immer die braven Männer in spannender Erwartung. Der Boden brannte unter ihren Füßen. Sie hatten Alle den schweren Schritt nicht ohne innere Kämpfe mancher Art gethan. Geehrt und geachtet von den Kameraden wie von ihren Mitbürgern, durch manche starke Bande an ihre Verhältnisse geknüpft, aus sicherer Stellung einer ungewissen Zukunft entgegen gehend, um einer von allen Mächtigen der Erde verlassenen, vom ersten Glücke unbegünstigten, von so Vielen für verloren gehaltenen Sache ihr Leben zu weihen — gewiß, nichts Anderes, als die innerste Nothwendigkeit der Mannesüberzeugung von der Pflicht der höchsten Ehre, kann in solchem
Falle zu solchem Schritte treiben. Und so war es hier. Um so unerträglicher waren die Stunden, welche den kühnen Mannesentschluß durch ein unüberwindliches fremdes Zögern, Zaudern, trennte von der frischen Ausführung. Bei jedem Wagenrollen horchte man auf, in der Hoffnung, der rückkehrende General bringe die endliche, ersehnte Entscheidung. Inzwischen las man laut die frisch angekommenen Zeitungen und verschlang begierig jeden Tropfen des Trostes, dessen Balsam auf die Wunde von Idstedt fiel.
Plötzlich hieß es: der General sei zurück und wünsche die acht Officiere zu sprechen. Das verkündete, wie es schien, gute Botschaft. Eilig sprang man auf, setzte die Helme aus, schnallte die Degen um und begab sich in der Uniform, die man vielleicht zum letzten Male tragen sollte, zum kommandirenden General, Grafen Ranzow. Den Zurückbleibenden ward schnelle Nachricht versprochen. Sie kam nach einer Viertelstunde. Sechs Officieren der Infanterie, den Oberstlieutenants von Wedderkop und Becker, und den Lieutenants Strakloff, Prott, Hartmann, Heye, war der Abschied gewährt, den Artillerieoffi- cieren Strackerjan und von Plückow abgeschlagen! Es war nach elf Uhr. Keine Stunde blieb den braven Männern übrig, um den Ihrigen Lebewohl zu sagen und sich zur Abreise zu rüsten. Denn aus zwölf Uhr waren die Ertraposten bestellt, mit deren Hülfe sie noch den Abgang des ersten Eisenbahnzugs in Bremen zu erreichen hofften.
Die Stadt lag in tiefem Schlafe, als man sich wieder bei der Schloßwache zusammenfand. Freudigen Muthes schüttelten die Scheidenden den Freunden und Kameraden, welche dort ihrer harrten, die Hände zum Abschied. Ernst und düster schauten die Bleibenden. Ein letztes herzlich lautes „Lebewohl! lebt Alle wohl!" ward gerufen, und als die Schloßuhr aushub zum ersten Schlage der Mitternachtsstunde, da scholl den fortrollenden Wagen ein dreimaliges Hurrah! nach durch die sternenlichte Nacht und schweigend trennte