Unter Haltungsblatt
zur Reum Hessischen Zeitung.
M LS. Sonntag, den L1 August. 1S5O»
Die Dckenntnise des Johann Stan^.
(Aus der Darmstädter Zeitung.)
Am 3. Juni d. J. war Johann Stauff an die Straf- und Besserungsanstalt Marienschloß zu lebenslänglicher Haft abgegeben worden. Bei seiner Ankunft daselbst zeigte er eine gewisse devote^ Unterwürfigkeit. Bald darauf bat er, daß ein gewisser Heinrich Schäfer, welcher am 6. Juni nach Marienschloß gebracht werde und der schon in Darmstadt sein Zim- mergenosse gewesen sei, mit ihm die Haft theilen dürfe; der ankommende Schäfer stellte das gleiche Ersuchen, und man entsprach diesem, und wurden dem Stauff auch religiöse und Unterhaltungsbücher gegeben. Bis dahin hatte Stauss immer von seiner Unschuld gesprochen, und zwar mit einem gewissen offenen und dünkelhaften Benehmen, welches jene wahrscheinlich bezeugen sollte, und in dieser Weise verfaßte er schon am !1. Juli ein Promemoria, das er als Gnadengesuch an Se. k. Hoh. den Großherzog abzusenden bat, welches nur Betheurungen seiner Unschuld und offenbar ' ein neues Gespinnst von Unwahrheiten enthielt. Die höchste Entscheidung ließ sich voraussehen, und als diese abschlägig erfolgte, nahm Stauff die Verkündigung des Bescheides mit großer Fassung auf. Am 8. August erfolgte durch Schäfer Anzeige, daß Stauff sich nunmehr entschlossen habe, in einem neuen Gnadengesuch das offene Bekenntniß seiner Schuld abzulegen. Stauff war an diesem Tage, so wie am 11. d. M. während des Gottesdienstes sehr nachdenklich, viel blässer als sonst, die Stirn gerunzelt, in seinem Aeußern die sichtbaren Spuren inneren Kampfes. Am 14. überreichte Schäfer Namens des Stauff das neue Gnadengesuch des letztem (Bekenntnisse allgemeiner Art enthaltend und um Erlaß der Strafe unter Bedingung der Auswanderung nach Amerika bittend), sowie ein Schreiben an den Grafen v. Görlitz, und fügte bei, Stauff wünsche sehr, den Direktor der Strafanstalt zu sprechen. Als Stanff vor diesem erschien, erklärte er sich bereit, ausführlichere Geständnisse abzulegen, sowie alle Umstände, soweit sein Gedächtniß reiche, mitzutheilen; und dies Mal zeigte sich Stauff so zerknirscht und in Thränen zerflossen, daß man seiner Reue Glauben schenken konnte, aber um seines überaus bewegten Zustandes ihm Fassung gönnen und die Deposition auf die nächsten Tage anbe
raumen mußte. Als er zu diesem Zwecke am 16. vor dem Direktor Calmberg wieder erschien , war sein innerer Zustand von dem vorangedeuteten merklich verschieden, er zeigte sich ruhig, und neben seiner üblichen Devotion hatte eine Art von Keckheit Platz genommen; er erwähnte seiner That, die er nunmehr zugab, nicht mit reuiger Selbsterkennung und Buße, sondern mit leichtfertiger Gleichgültigkeit und meinte dafür schon hinlänglich gebüßt zu haben. Die Gräfin, die er jetzt seine Wohlthäterin nannte, habe ihm längst verziehen, denn in seinen Träumen erscheine sie ihm in freundlichen Gestalten; der Graf aber und die Menschen würden ihm verzeihen, wenn sie hörten, daß er die Gräfin nicht absichtlich gemordet habe. Während das Protokoll niedergeschrieben wurde, führte er Reden und Fragen über andere gar nicht dahin gehörige Dinge. — Wir erfüllen unser gegebenes Versprechen, indem wir den Lesern nachstehend eine ausführliche und aus verläßlicher Quelle geschöpfte Miltheilung aus den stauff- schen Dcpositioncn geben, diese ganz ihrem Urtheil überlassend.
Indem er die Vorereignisse des verhängnißvollen Tages als bekannt voraussetzte und darüber hinwegging, gelangte Stauff zu der fünften Nachmittagsstunde, um welche er der Gräfin seinen Abgang ins großherzogliche Patais melden wollte, deshalb hinaufging und hier die Thüre sowohl zu ihrem Vor- als Wohnzimmer offen fand und eintrat. Im Wohnzimmer war die Gräfin nicht; er warf einen Blick in das Kabinet, dessen Thür offen stand, auch hier sah er Niemand, wohl aber die Thüre zu dem braunen Eckzimmer angelernt und vermuthete dort die Gräfin. Im Wohnzimmer war die obere Hälfte der den Sekretär schließenden Klappe herabgelassen, folglich waren die sonst verschlossenen Schublaven, worin er die Werthsachen der Gräfin wußte, leicht aufzuziehen. Gelegenheit macht Diebe; ihn lockten die Kostbarkeiten und er konnte dem Gedanken, sich hier zu bereichern, nicht widerstehen. Er öffnete die Schublade und nahm nun, wie er angibt, ein goldenes Bracelet, ein anderes aus Goldfäden, zwei weitere von Bronce, ein Paar goldene Ohrringe, eine goldnc Brosche und eine dreifache Schnur weißer Wachsperlen und steckte diese Sachen, deren einen Theil sein Vater später geschmolzen habe und die sich fast alle in Etuis befanden, in seine Taschen. In diesem Augen-