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Unterhaltung» blatt

zur Renen Hessisch« Zeitung»

M 33» Sonntag, den IS» Angnst. 1S5O»

General von Willisen.

Der General V. Willisen ist gegenwärtig gegen 60 Jahre alt. Einer preußischen Adelsfamilie angehörig, wurde er bereits in früher Jugend für die militärische Laufbahn bestimmt und diente während des Feldzugs vom Jahre 1806 in einem Infanterieregiment als Junker. Nachdem die vaterländische Armee bei Jena und Auerstädt zersprengt worden war, zog er sich nach der Universitätsstadt Halle zurück, wo er, den Studien sich widmend, mehrere Jahre in stiller Zurück­gezogenheit verlebte. Da der Saalkreis zum west­fälischen Königreich geschlagen wurde, so verfiel auch Willisen der nach französischem Vorbild geordneten Militärkonskription; sein Versuch sich derselben zu ent­ziehen mißlang. Er wurde nach Kassel abgeführt und dort kurze Zeit in einem Thurm eingesperrt er­halten. Das geschah im Jahre 1800, als eben Oester­reich im Begnff stand, zum vierten Male seine Waffen gegen Frankreich zu erheben. Diese Weltverhältnisse waren Willisens Flucht, welche er mit anscheinend großer Verwegenheit ausführte, günstig. Er wendete sich nach Wien, diente in einem Freikorps in Tyrol und Italien, und trat einige Jahre später in preußi­sche Dienste zurück. 1813 bis 1815 finden wir ihn als Hauptmann im Generalstabe des Feldmarschalls Blücher. Anfangs von Scharnhorst, dann von Gnei- senau geleitet, und Manner wie die späteren Generale v. Elausewitz und Grolman in sich schließend, sam­melten sich in diesem kleinen Officierkorps außergewöhn­liche Intelligenzen. Nach dem Friedensschlüsse verblieb Willisen eine Zeitlang in der gedachteu Stellung, und übernahm zu dem Ende der zwanziger Jahre den Un­terricht in der Kriegsgeschichte im "dritten Eötus der „Allgemeinen Kriegsschule" zu Berlin. Dieser Unter­richt fußte auf einem festen und geschlossenen System der Kriegführung, welches, wesentlich sein eigenes Werk und unabhängig ausgearbeitet, in Hinsicht auf die Grundsätze aber mit den Schriften des russischen Ge­nerals v. Jomini die meiste Verwandtschaft hat. Von dem Satze ausgehend: „Die Aufgabe der Kriegskunst ist der Sieg" und „der Sieg das Erreichen des mi­litärischen Zweckes", erkennt er in der Armee das Werkzeug zu diesem Zwecke, und schreibt ihr, als sol­chem, zwei Haupteigenschaften zu: nämlich als erste und hauptsächlichste die Bedürftigkeit, und als zweite die Schlagfähigkeit. Der ersteren Eigenschaft zu ge­

nügen, ist aber die Sache der „Lehre von den Ver­bindungen" oder der Strategie, und der andern die der Taktik oder der „Gefechtslehre". Hieraus nun folgert Willisen, daß der Sieg über den Feind oder seine Vernichtung aus zwei Wegen zu erreichen ist, je nachdem man ihn in seiner Bedürftigkeit oder in sei­ner Schlagfertigkeit angreift, d. h. sich auf seine Ver­bindungen stellt oder ihn schlägt.

, Willisen unternahm es im Jahre 1831, im preu­ßischen „Militär - Wochenblatt" Aufsätze über den da­mals noch unentschiedenen polnischen Unabhängigkeits­kampf zu veröffentlichen. Sie waren zumeist strategisch- kritischen Inhalts, nahmen das gedachte System zur Grundlage, und den Ausgang des Kriegs und seiner einzelnen Operationen zum Gegenstand. Auch Rath­schläge wurden darin den polnischen Heerführern er­theilt, und hierbei eine politische Gesinnung an den Tag gelegt, die am Berliner Hofe jederzeit nur Miß­fallen finden konnte. Willisen, damals Major, fiel in Ungnade. Uebrigenö machten seine Aufsätze damals nicht geringes Aufsehen. Sie waren klar, mit einer nicht wegzuläugnenden logischen Schärfe, und stellen­weise politisch-warm geschrieben; aber der Ausgang des Kampfes nahm ihnen ein bedeutendes von ihrem Interesse, )vctl die Entscheidung im entgegengesetzten ^mne als der Verfasser sie vorausgesagt hatte aus­fiel. Willisen nämlich prophezeite: wenn die Russen unterhalb Modlin über die Weichsel gehen, so sind lie verloren. Nun, sie thaten es, und nahmen bald darauf Warschau, womit der Krieg sein Ende erreichte. Bedeutungsvoller als dieser Irrthum wurde für Wil- lilen der Tod eines seiner wissenschaftlichen Gegner, der indeß bei Lebzeiten nie öffentlich gegen ihn ausge­treten war. Am 16. Nov. 1831 starb der General v. Elausewitz, und bald darauf veröffentlichte seine Wittwe Marie, geborne Gräfin Brühl (Oberhosmei- sterin der Prinzessin von Preußen), jenes berühmt gewordene Werk „vom Kriege" als erstes aus dem reichen litterarischen Nachlaß ihres Gemahls. Bis zum Jahr 1835 wurde dasselbe vollständig der Oeffent- lichkeit übergeben, und man darf behaupten, daß seit­dem eine neue Epoche für die Kriegswissenschaft be­gonnen hat. In diesen voluminösen Werken (zehn Bände) trat auch ein docirender Stratege vor das Publikum, aber frei von allem Schematismus: ein Skeptiker, aber von unübertroffener Gründlichkeit, und ein Meister in Form und Ausdruck. Willisen