Nnterhaltungsbtatt
gur Reum HeMcheu Zeitung»
Jtë 32» Sonntag, den 11» Angnst. 1S5O»
Die deutsche /lotte.
Die jetzt vor Bremen liegende deutsche Flotille besteht aus folgenden Schiffen: 1) Das Admiralschiff „Hansa", früher „United-States", welches für 280,000 Doll. in Amerika gekauft und Vann mit einem Aufwande von mehr als 300,000 Thlrn. vollständig ausgerüstet wurde, hat fast 3000 Tonnen (â 2000 Pfb.) Gehalt, eine Decklänge von 276 Fuß, und da der Kiel sehr flach gebaut ist, einen Tiefgang von nur 15 Fuß. ^ie zählt 250 — 300 Mann Besatzung, und hat an Bord drei Stück 134-Pfänder, acht Stück 68-Pfünder und eine 12-pfündige ^ignalka- none. Sämmtliche Geschütze ruhen mit ihren Lafetten auf Drehscheiben, so daß sie, mit Ausnahme der beiden langen Kanonen zu beiden Seiten des Räderkastens, in wenigen Augenblicken durch angebrachte Schießscharten nach rechts und links angewendet werden können, ohne daß das Schiff genöthigt wäre, erst zu diesem Zweck eine Wendung zU-Machen. Hieraus erwächst der Vortheil, daß das Schiff sämmtliches Geschütz an Bord gegen den Feind verwenden kann, während ein Segelschiff nur successive und abwechselnd noch nicht ganz die Hälfte desselben spielen lassen kann und noch obendrein die Nothwendigkeit der Wendung viel Zeit verliert. Die Methode, die Geschütze auf Drehscheiben zu stellen, ist eine Erfindung der Neuzeit und bis jetzt nur auf Kriegsdampfschiffen angewendet worden. Die Maschine der Hansa, welche nach amerikanischem Maße 750 oder nach unserm gewöhnlichen Maße etwas über 1000 Pferdekraft hat, ist von so ungeheuern Dimensionen, daß sie ein geräumiges zweistöckiges Haus vollkommen ausfüllen würde. Geschützt ist dieselbe theils durch ihre tiefe Lage im Wasser, theils durch die mächtig starken Rippen des^Schiffskörpers, besonders aber durch die auf beiden Seiten der Maschine angebrachten Kohlenbehälter, welche von einer solchen Stärke sind, daß sie an der schwächsten Stelle noch eine Dicke von 6 Fuß haben. Die Schaufelräder sind von solcher Größe, daß Kugeln wohl Stücke herausreißen, aber nur eine wohlgezielte, lang andauernde Kanonade sie unbrauchbar machen kann. Die Kajüten in diesem Schiffe übertreffen an Eleganz und Comfort alle Begriffe, welche man gewöhnlich von den bewohnbaren Räumen eines Seeschiffes zu haben pflegt. Die Kajüte des Admirals gleicht einem großen, glänzenden Boudoir, die der Offiziere einem geräumi
gen, luxuriös ausgestatteten Salon, und die der Mannschaft jenen großen Schlafsälen, welche man in guten und reinlichen Kasernen und Spitälern findet *).
2) Das zweite bedeutendste Schiff der deutschen Flotille auf der Weser ist der „Barbarossa", ein Schiff, welches früher mit Passagieren zwischen Liverpool und Nordamerika fuhr; es hat 550 Pferdekraft, bedarf zur vollständigen Bemannung 250 Mann und hat an Bord 9 Stück 68 - pfündige lange Pairhans, welche gleichfalls wie bei Ve^ Hansa auf Drehscheiben stehen. Das Schiff ist im Stande, einer Fregatte von 72 Kanonen die Spitze zu bieten.
3) Das dritte Schiff ist der „Erzherzog Johann", welcher nach seinem Unglück an der holländischen Küste (bei Terschelling) nach mehr als zwölfmonatlicher Arbeit jetzt wieder seefähig ist und 2 Stück 84 - Pfänder nebst 4 Stück 68 - Pfändern tragen wird. An Größe und Bauart gleicht er vollkommen dem Barbarossa.
4) Der „Ernst August", das im Range vierte Schiff, ist etwas kleiner, hat eine Maschine von 400 Pferdekraft und sechs Kanonen, zwei lange 68-Pfünder und 4 kurze 68-Pjünder. Sachkenner behaupten, daß er in Bezug auf die Bauart das vorzüglichste Schiff der Flotille sei.
5) und 6) Der „Großherzog von Oldenburg" und „die Stadt Frankfurt" sinv große, auf englischen Kriegswersten erbaute Dampfkorvetten von 250 Pfervekraft, zu deren Bemannung 150 Mann Besatzung an Bord nothwendig wären. Jetzt beläuft sich die Mannschaft auf 70 - 80 Köpfe.
Außer diesen sechs vollständig ausgerüsteten Kriegs- dampfschiffen liegen bei Bremerhafen theils auf der Weser, theils in der Geste noch die drei Kriegsdampfer „Stadt Hamburg", „Bremen" und „Lübeck", von denen jeder 220 Pferdekraft besitzt und einen großen 48pfändigen Pairhans, einen 32-Pfänder und zwei 18-Pfänder
*) Wenn man die Hansa mit einem großen Linienschiff von 120 Kanonen vergleicht, so stellt sich die Kampffähigkeit der beiden in folgendem Zahlenverhältniß heraus: Ein Linienschiff von 120 Kanonen kann nur aus 38 — 40 Kanonen auf einmal Feuer geben, nämlich aus der Hälfte der Gesammtarmiruug, weniger die Bugkanonen (Kanonen, welche im Bug stehen), und da diese 38 — 40 Kanonen theils auS 48 - Pfündern (in der untersten Lage), theils aus 18 Pfändern (in der mittlern Lage), theils aus 12-Pfändern bestehen, so ist die Kraft derselben ungefähr ausgedrückt durch die Zahlen 12 mal 48, 12 mal 18 und 12 mal 12, zusammen 936, während die Hansa liefert 3 mal 134 und 8 mal 68, zusammen 948.