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Anterhaltungsblatt

zur MeuLR Hessischen Zeitung.

M 30. Sonntag, den 28. JnlL. 1S5O.

Eine politische Schrift von Pastor MlaUet.

Sendschreiben an den König von Preußen.

Wer den Leitartikel der W. - Z. vom 8. März zur Jahresfeier des Bremer Verfassungswerkes mit einiger Aufmerksamkeit gelesen hat, der wird sich auch erin­nern, daß der darin herrschende Ton nicht wie Jubel, sondern wie ein halb unterdrückter Seufzer klang: Bre­men ist in die Hände der radikalen Partei gefallen, Die von ihrer Obermacht einen sehr ungroßmüthigen Gebrauch macht. Einen tiefern Einblick in diese Vcr- Hälnisse gewährt eine kürzlich vom Pastor Mallet erschienene politische Flugschrift unter dem TittelVre­ni e r Schlüsse l", Nr. 6Bremen und die Schulfrage." Zwar hat sich der Verfasser auf Dem Umschlag nicht genannt; da aber dieser Vortrag im patriotischen Verein gehalten worden ist, so ist der Name des Urhebers natürlich in Bremen Jedermann bekannt. Geistvoll und gewaltig wie Alles, was von den Lippen oder aus der Feder dieses seltenen Mannes strömt, ist auch diese politische Schrift. Allerdings ist sie, wie zu erwarten, im konservativen Sinn und namentlich gegen einen ultraradikalen Kollegen, Pastor Dülon, geschrieben, welcher als Mitglied der s. g. Bürgerschaft den Weinberg des Herrn verwüsten hilft. Derselbe ist bekanntlich Verfasser der im radikalsten Sinne geschriebenen Broschüre:Vom Kampf um Völkerfreiheit," erstes und zweites Heft, auf welche die W. Z. anspielt, wenn sie die Auszüge über die demokratischen Selbstbekenntnisse Chenü's mit den Wor­ten beginnt:Allen gutherzigen Narren, welche zwi­schen ihren vier Pfählen vomKampf um Völker­freiheit"" so schöne, erbauliche Visionen haben, allen geprellten Gimpeln, welche im guten Glauben, der Freiheit zu dienen, ihr Vertrauen und ihr Geld an betrügerische Präsidenten demokratischer Vereine und souverainer Centralkomite's wegwerfen, ist dringend zu empfehlen, einen Blick in den Spiegel zu thun wel­chen der französische Demokrat ihnen vorhält." Im

Sinne eines solchen erleuchteten und gemäßigten Kon­servatismus ist nun auch Mallet's Kontroversschrifl geschrieben. Aber während die W. Z. mit der Waffe derIntelligenz" ficht, bekämpft Mallet mit dem Schwert des Glaubens" die vom Radikalismus Theils schon angerichteten, Theils noch drohenden Verwüstun­gen, namentlich auf dem Gebiet der Schule. Ich denke, einige dicta classica von allgemeinem Interesse aus dieser Schrift werden manchem Ihrer Leser nicht unwillkommen sein.Grade ein demokratischer Staat kann am wenigsten ohne Aristokratie bestehen; er schwebt immer zwischen Sein und Nichtsein und der erste Sturm wirft ihn über den Haufen, wenn nicht die Aristokratie, d. h. die Besten, Tüchtigsten, Erfah­rensten seiner Bürger an der Spitze der Regierung stehen. Niemand kann dem Staate dienen, der ihm nicht Etwas bringt. Die allergeringste Forderung, die der Staat an Jeden, der mit rathen und thaten soll, stellen muß, ist der Besitz eines guten, untadel­haften bürgerlichen Namens. Gibt der Staat diese Forderung auf oder werden ihm Solche aufgedrungen, die auch in Beziehung auf dieses Gut zu den Besitz­losen gehören, so nimmt er ein zerstörendes Gift in seinen Organismus auf. Die Revolution liegt nicht hinter uns, wir sind im Gegentheil mitten darin. Sie hat freilich die Straße verlassen, aber sie hat das Rathhaus besetzt; sie geht nicht mehr einher in der Blouse des Proletariers, sie hat den Talar des Gesetzgebers angezogen."Fürwahr es ist hohe Zeit, der demokratischen Partei mit Ernst und Entschieden­heit entgegenzutreten, solange es noch möglich ist, d. h. solange das vorgeschlagene Schulgesetz noch nicht angenommen ist. Sollte es je zur That werden, sollte je der Tag kommen, wo wir uns sagen müssen: in unserm Staat regiert eine demokratische Schulbehörde, welche jährlich über 50,000 Thlr. zu verfügen hat, die über 200 Lehrer und eine verhältnißmäßige An­zahl Seminaristen kommandirt, die bis in die kleinste Elementarschule hinein den Unterricht und die Erzie­hung überwacht und leitet, der die ganze Jugend und