Nnterhaltungsbtatt
W Reum Hessischen Zeitung.
J£ 28 Sonntag, den 21. Juli. 1S5O»
Arthur Gärgey.
Ein Beitrag zur Geschichte der ungarischen Revolution, von I. F. Horn, ungarischem
Feldpater.
(Schluß.)
Görgey hatte durch die Schlacht bei Acs die Theilnahme der Ungarn wieder gewonnen, Kvssuth hielt es daher für räthlich, den vorgeschobenen Meszaros jene voreilige Entsetzung ausbaden zu lassen, und berief Görgey in das Kriegsministerium zurück, „da die Stelle eines Ministers und Komandanten unvereinbar sei." Görgey wollte von der Armee, die ihm ganz ergeben, nicht weg, legte das Portefeuille des Kriegs nieder und behielt das Kommando. Gegen die Befehle der Regierung, welche hinter der Theiß alle Streitkräfte sammeln wollte, säumte Görgey bei Kamorn, bis ihm die Straße über Waitzen von den Russen verlegt war und ihm nur der kecke Marsch durch das Jpoly- thal nach Tokay übrigblieb. Auch dort versäumt er es, rasch nach dem Banat hinabzumarschiren, läßt Nagy Sandor bei Debreczin durch Paskewitsch, die beiden Polen Dembinski und Bem bei Temeswar von Haynau schlagen, und streckt dann unweit Arad vor den Russen die Waffen. Kosuth mochte ahnen, daß im Voraus durch den Ungehorsam Görgeyö die Sache der Revolution verloren worden. In einer Balkonrede (11. Juli), Die er in Szegedin hielt, spricht er von einem „verbrecherischen Ehrgeiz" und droht jeden Verräther des Vaterlandes mit „eigner Hand erwürgen zu wollen." Dies hält ihn jedoch bei nahender Katastrophe nicht ab, als „treuer Freund" von Szegedin aus am 28. Juli *) an seinen „theuern Arthur" zu schreiben, und dem Ehrgeiz Görgeys den Polen Dembinski halb und halb zu opfern. „Hegen wir nur keinen Groll gegeneinander, das führt niemals zum Guten", schreibt er. „Ich weiß es, daß Niemand, auch ich nicht, das Vaterland stärker liebt, als
*) Es ist wohl ein Druckfehler im Buch, und soll heißen am 18. Juli.
Du, und Du kannst überzeugt sein, daß Niemand, auch Du nicht, es stärker und reiner lieben kann als ich. Diese wechselseitige Ueberzeugung wird immer zwischen uns jene Eintracht aufrechterhalten, deren wir zur Rettung des Vaterlands bedürfen." Diese Heuchelei schlug nach des Verfassers Urtheil bei Görgey fehl, er übernahm nach der Niederlage bei Temeswar die Diktatur, bloß um bei Vilagos die Waffen zu strecken. So stellt uns das Buch die geheime Geschichte in dem Lager und an dem Hofe des „Gouverneurs" dar. Wir haben der Ansicht des Verfassers keinen Zwang angethan — wie wir sie gaben, so empfingen wir sie aus seiner Schrift.
Eine Ueberzeugung wird jeder Leser des Buchs festhalten: daß der ungarische Krieg durch den Zwist zwischen Görgey und der Regierung zu Gunsten Oesterreichs rascher beendet wurde. Die einzelnen Armeekorps der Magyaren handelten ohne gemeinsamen Plan, und als Görgcy vollends bei Waitzen von der Theiß abgeschnitten worden , mußte er ganz nach Gutdünken maschiren, denn zwischen ihm und den andern sich selbst überlassenen Truppen lag die Hauptstärke der russischen Armee. Allein unser Verfasser ist viel zu viel Magyar, um sich des süßen Wahns zu entledigen, die Ungarn hätten die Armeen zweier Großmächte schlagen können. Und deßhalb muß Görgey zum magyarischen Dumouriez werden! Ist es nicht abenteuerlich, wenn Görgey bloß deßhalb nach der obern Theiß und dann langsam an die Marosch hin- abmarschirt, damit die Kaiserlichen den ruhmvollen Marsch von Pesth nach Szegedin zurücklegen und dem unabhängigen Ungarn ein Ende machen können? Unser Buch verwahrt sich feierlich, daß schmutzige Beweggründe Görgey zum Verrath verleitet hätten, sondern nur Rache gegen die Ränke Kossuths und seiner Umgebung. Für einen solchen Ehrgeiz, der eine nationale Sache und den eigenen Namen opfert, für einen Ehrgeiz, der Mitten unter reizbaren Waffenaefährten auf unbedingte Ergebung dringt, der die Waffen streckt mit Gefahr am nächsten Galgen als Hochverräther zu sterben, für einen Ehrgeiz der solches nur thut, um