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zur Meueu HeMsthLU Zâung.

J£ 27. Sonntag, den 7. Jnli. 1S5O»

Aus den Mlemoiren von Henriette Herz.

Dem viel besprochenen BucheHenriette Herz, ihr Leben und ihre Erinnerungen", entnehmen wir einige Skizzen bedeutender Männer, mit denen die Verfasse­rin bekannt geworden «ist. Der erste derselben, Karl Philipp Moritz, ist dem gelehrten Publikum bekannt als Sprachforscher und Archäolog und Verfasser vieler in diese Gebiete einschlagenden Schriften. Er war ge­boren zu Hameln 1757, wirkte als Professor am grauen Kloster und an der Akademie in Berlin und starb 1793 auf einer Reise nach Dresden.

Karl Philipp Moritz

war ein genauer Freund unseres Hauses. Er war in der That ein genialer, aber ein kränklicher und hypochondrischer Mensch und man hat dies bei seiner Beurtheilung nicht ge­nug in Anschlag gebracht. Unwahr gegen sich selbst, wie man ihn oft hat schildern wollen, habe ich ihn nie gefunden. Es war ihm mit allen Empfindungen, die er aussprach oder die seine Handlungen bestimmten, im entsprechen­den Augenblick Ernst, aber er war unstät und daher mußte öfter sein Handeln ohne Konsequenz erscheinen. Sein Gemüth war von einer liebenswürdigen Kind­lichkeit ; da er jedoch gewohnt war, sich gehen zu lassen, so konnte es nicht fehlen, daß er bisweilen kindisch erschien. Göthe interessirte sich stets auf's lebendigste für Moritz, und in jener früheren Epoche seines Lebens that er dies selten für Andere als für sehr bedeutende Menschen. Höchst charakteristisch für Moritz war die in Berlin ihrer Zeit bekannte Kur, welche mein Mann bei einem langwierigen Fieber mit ihm vornahm. Eine lediglich eingebildete Krankheit war Moritz's Uebel nicht. Er war in der That krank, aber nicht gefährlich. Aber der Wahn, daß er ein Opfer des Todes sei, hatte ihm ein Fieber zugezogen, welches ihn aufzureiben drohte. Lebhaft erinnere ich mich noch der Besorgniß, welche Herz, der ihn sehr liebte, um ihn hegte.Gott!" rief er an jedem Abende wenn ich doch dem Moritz helfen könnte!" Eines

Morgens jedoch, als er sich zur Anfahrt bei seinen Patienten bereitete, eröffnete er mir, er habe in der Nacht ein Mittel ersonnen, welches, wenn überhaupt Hülfe möglich sei, Moritz retten werde. Ich glaubte, es handle sich um eine Arznei; und da ich mit mei­nem Manne auf dem Fuße stand, über seine Berufs­angelegenheiten mit ihm sprechen zu können, so bat ich ihn, mir das Mittel zu nennen.Lass' es gut sein," antwortete er mir.Ich werde es Dir mittheilen, sobald ich eine Wirkung davon wahr­nehme." Er fuhr nun zu Moritz, dessen Fieber er noch gesteigert fand. Der Arme warf sich im Bette hin und her und rief, wie gewöhnlich, dem Arzte entgegen:Aber muß ich denn sterben? eben ich? Ist denn keine Hülfe möglich?"Keine!" antwortete Herz,länger will ich es Ihnen nicht verhehlen. Aber es ziemt sich für einen Mann, und gar für einen Weisen, dem Unvermeidlichen mit Ruhe, ja mit Heiterkeit entgegen zu treten." Und nun sprach er trefflich, wie er sprechen konnte, weiter mit ihm, immer aber den Tod des Patienten dabei als gewiß hinstellend. Gründe der Religion konnte er dabei frei­lich nicht anführen, denn gab cs je einen Freigeist, so war es Moritz, und nie wurde er heftiger, als wenn es galt, gegen eine geoffenbarte Religion zu Felde zu ziehen. Als Herz am nächsten Morgen sei­nen Kranken besuchte, fand er ihn zum ersten Male ruhig im Bette liegend itnb dieses selbst mit Blumen geschmückt.Nun, wie geht es Ihnen?" fragte Herz.Sie sehen es!" antwortete Moritz.Ich gehe mit Fassung, ja mit Seelenruhe meiner Auf­lösung entgegen. Der Tod soll in mir keinen Feig­ling finden."Brav!" erwiederte Herz.So habe ich Sie zu finden erwartetet. Dieß Bild will ich mir nach Ihrem Abscheiden von Ihnen bewahren!" Er fühlte dem Kranken an den Puls. Das Fie­ber hatte bedeutend nachgelassen. Nach drei Tagen, welche Moritz mit der Gemüthsruhe eines sterbenden Weisen zugebracht hatte, war es gänzlich verschwunden und nicht lange darauf der Kranke völlig hergeftellt.