Unterhaltung« blatt
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M 2S Sonntag, den 23> JnnL. 1850»
Ein schöner Trost.
Luden läßt in seinen „Rückblicken in mein Leben" Goethe folgende Unterredung mit einem Oesterreicher mittheilen :
„In meiner Art auf und abwandelnd, war ich seit einigen Tagen an einem alten Manne vor etwa 78 bis 80 Jahren häufig vorübergegangen, der, auf sein Rohr mit einem goldenenn Knopfe gestützt, dieselbe Straße zog, kommend und gehend. Ich erfuhr, cs sei ein vormaliger hochverdienter österreichischer General aus einem alten, sehr vornehmen Geschlechte. Einige Male hatte ich bemerkt, daß der Alte mich scharf anblickte, auch wohl, wenn ich vorüber war, stehen blieb und mir nachschauete. Indeß war mir das nicht auffallend, weil mir dergleichen wohl schon begegnet ist. Nun aber trat ich ein Mal auf einem Spaziergang etwas zur Seite, um, ich weiß nicht was, genauer anzusehen. Da kam der Alte freundlich auf mich zu, entblößte das Haupt ein Wenig, was ich natürlich anständig erwiderte, und redete mich folgender Maßen an: „Nicht wahr, Sie nennen sich Herr Goethe?" — Schon recht. — „Aus Weimar?" — Schon recht. — „Nicht wahr, Sie haben Bücher geschrieben?" — Hm! es mag so angehen. — „Ist das Versemachen schwer?" — So, so. — „Eö kommt wohl Halter auf die Laune an, und ob man gut gegessen und getrunken hat, nicht wahr?" — Es ist mir fast so vorgekommen. — „Na, schaun's, da sollten Sie nicht in Weimar sitzen bleiben, sondern Halter nach Wien kommen." — Hab' auch schon daran gedacht. — „Na, schaun's, in Wien ist's gut; es wird gut gegessen und getrunken." — Hm! — „Und man hält was auf solche Leute, die Verse machen können." — Hm! — „Ja, dergleichen Leute finden wohl gar — wenn's sich gut halten, schaun's, und zu leben wissen — in den ersten und vornehmsten Häusern Aufnahme." — Hm! — „Kommen's nur; melden's sich bei mir: ich habe Bekanntschaft, Verwandtschaft, Einfluß; schrei
ben's nur: Goethe aus Weimar, bekannt von Karlsbad her. Das letzte ist nothwendig zu meiner Erinnerung, weil ich Halter Viel im Kopf habe." — Werde nicht verfehlen. — „Aber sagen's mir doch, was haben's denn geschrieben?" — Mancherlei, von Adam bis Napoleon , von Ararat bis zum Blocksberg, von der Ceder bis zum Brombeerstrauch. — „Es soll Halter berühmt sein." — Hm! leidlich. — „Schade, daß ich Nichts von Ihnen gehört habe. Sind schon neue verbesserte Auflagen von Ihren Schriften erschienen?" — O ja, wohl auch. — „Und es werden wohl noch mehr erscheinen?" — Das wollen wir hoffen. — „Ja, schaun's, da kauf' ich Ihre Werke nicht. Ich kaufe Halter nur Ausgaben der letzten Hand; sonst hat man immer den Ärger, ein schlechtes Buch zu besitzen, oder man muß dasselbe Buch zum zweiten Male kaufen. Darum warte ich, um sicher zu gehen, immer den Tod der Autoren ab, ehe ich ihre Werke kaufe. Das ist Grundsatz bei mir, und von diesem Grundsatz kann ich Halter auch bei Ihnen nicht abgehen." — Hm! —
Ein immergrünes Vedicht.
Herr Cherin in Paris, langjähriger Kassirer im Ministerium des Innern, pflegte folgende Geschichte zu erzählen. Im Jahre 1811, sagte er, bekam ich Anweisung, 5000 Fr. an einen Dichter auszuzahlen, der eine Ode über die Geburt des Königs von Rom angefertigt hatte. Dieß Machwerk, eine wahre Mustersammlung von schlechtgereiinten Gemeinplätzen, hatte als eine Art Chor folgende Strophe:
Si letranger, comme un seul komme, Un jour voulait nous asservir, Autour du noble roi de Rome Jurons de vaincre ou de mourir.