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Der Nichtplatz vor Arad.
(Aus Max Schlesinger's Werk „Aus Ungarn" entnommen.)
Gewöhnliche Naturen fühlen ihren Arm gelähmt, wenn der überwundene Gegner zu ihren Füßen liegt. Die Männer jedoch, welche die Spitze der österreichischen Gewalten bilden, haben den traurigen Ruhm, über oder auch unter der Gewöhnlichkeit zu stehen. Der Tod einer ganzen Heldennation schien dem Sieger nicht Strafe genug. Er rächte sich an den Häuptern der Bezwungenen.
Am 16. Okt. wurden 13 Generäle und Stabs- officiere hingerichtet. Vier von ihnen machten den letzten Gang im Morgengrauen; die „Begnadigung zu Pulver und Blei" enthob sie der Marter, ihre Gefährten sterben zu sehen. Unter ihnen war Baron Ernst Kiß. Sein Bruder war nach dem Verrath Görgey's wahnsinnig geworden, sein Vetter bei der Vertheidigung des Rothenthurmpasses gegen die Russen, ein zweiter Leonidas, gefallen, er selbst, der reichste Gutsbesitzer des Banats, in dessen gastlichem Schlosse cs Jahr aus Jahr ein von österreichischen Kavalieren und Officieren wimmelte, war am 6, Okt. vom österreichischen Kriegsgerichte, in welchem mancher seiner frühern Gäste saß, zum Frühstückstisch des Todes ge- beten. Seine Freunde hatten sich in Wien verwendet, konnten ihn aber nicht retten. Er starb eines qualvollen Todes. Die österreichischen, zur Erekutiou kom- mandirten Soldaten, die seit einem Jahre dem Kanonenfeuer standen, zitterten dem wehrlosen Opfer gegenüber. Erst die dritte Salve machte ein Ende. Sein Todeskampf dauerte volle zehn Minuten. Das Knattern der Büchsen drang bis in die Räume des Kastells, wo die zum Strang Verurtheilten sich zum Tode vorbereiteten. Pöltenberg lag noch im tiefsten Schlafe und war, wie er einem österreichischen Officier erzählte, durch die erste Salve erschreckt, schlaftrunken aus dem Bette gesprungen. Der Arme hatte geträumt, er stehe vor dem Feinde und höre die Alarmschüsse seiner Vorposten. Es war der Vorpostenruf von drüben.
Um 6 Uhr wurden die Verurtheilten auf den Richtplatz geführt. Der alte Aulich starb zuerst. Er war der Bejahrteste. Das Kriegsgericht schien dadurch die Altersrechte der Natur zu ehren. Mehr anerkennenswert!) durch seine Bemühungen als durch seine Erfolge stand Aulich vielen seiner Kameraden an Talenten nach;
in Biederkeit jedoch und in Charakterstärke konnte er sich mit den Ersten messen.
Graf Leiningen war der Dritte an der Reihe und der Jüngste im Kreise. Er hätte noch am Abend des 5. Okt. fliehen können, aber er wollte sein Schicksal nicht von dem seines Schwagers trennen, der im Kastell gefangen saß. Seine Jugend mochte die Verpflichtung in sich fühlen, den herumstehenden ältern Leidens- genoflen ein Beispiel todesmuthiger Gleichgültigkeit zu geben, und auf dem Richtplatze angelangt, rief er mit komischem Zorne: „Wenigstens hätte man uns doch ein Frühstück zum Besten geben sollen." Ein Soldat von der Eskorte reichte ihm mitleidsvoll seine wein- gefüllte Feldflasche. „Ich danke dir, mein Freund", sagte der junge General, „ich brauche keinen Wein, um Muth zu haben, bring mir ein Glas Wasser." Hierauf schrieb er auf einem Knie folgende Abschiedsworte an seinen Schwager: „Die Schüsse, welche meine armen Kameraden heute Morgen niederfireckten, tönen noch in meinen Ohren, und vor mir hängt der Leichnam Aulich's am Galgen. In diesem feierlichen Momente, wo ich bereit sein muß, vor meinem Schöpfer zu erscheinen, protestire ich nochmals gegen jene Anschuldigungen von Grausamkeit bei der Einnahme Ofens, welche ein infamer Verleumder gegen mich erhoben hat. Ich habe im Gegentheil die österreichischen Gefangenen beschützt zu jeder Zeit. Ich empfehle dir meine arme Liska und meine beiden Kinder. Ich sterbe für eine Sache, die mir immer gerecht und heilig erscheint. Wollte man in besseren Tagen meinen Tod rächen, dann mögen meine Freunde bedenken, daß Menschlichkeit die beste Staatsweisheit ist. Ueber" - hier unterbrach ihn der Henker. Es war Zeit zu sterben.
Töröck, Lahner, Pöltenberg, Nagy-Sandor, Knezich, Desseffsky starben nach einander. Zuletzt Vecsey, den man durch die neunfache Marter vielleicht dafür büßen lassen wollte, daß es seine Kanonen waren, die halb Temeswar in den Schutt verwandelten. Vor ihm kam Damjanich. Die gewöhnliche Kupferfarbe seines kolossalen Gesichts schien durch Wuth und Ungeduld gesteigert. Er hatte nie weiter gesehen, als die funkelnde Spitze seines schweren Reitersäbels reichte. Das war der Stern, dem er sein Lebenlang gefolgt war. Jetzt sah er, wohin er ihn geführt, und wüthend rief er, als er zum Galgen hinkte: „War ich doch überall der Erste, warum muß ich hier so lange warten?" Die bedächtige Langsamkeit der Schläch-