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zur Neuem Hessischem Zeitung»
M 2â. Sonntag, den LG. JnnL. 1S5O*
Die neuesten Werke hiesiger Maler.
II.
Seit einigen Tagen ist Glinzers großes Bild vollendet, und in dem Atelier des Künstlers zum Beschauen aufgestellt. Zugleich findet man daselbst vielfache Studien in Oel, Skizzen mit Feder und Tusche, nebst einigen kleineren Landschaften um das Hauptgemälde gruppirt, welche zeigen, wie sorgfältig Glinzer seinen Gegenstand erforscht hat und wie es ihm gelang, ein solches Meisterwerk in diesem Fache zu liefern. Dennoch möchten wir es lieber ein Gedicht über die Natur, als eine Landschaft nennen, müssen aber sowohl zu unserer Rechtfertigung, wie zur Erläuterung des Gesagten bemerken, daß der Maler hier Alles verschmähte, was sonst ein Landschaftsbild anziehend machen kann, als heitere Luft, schone Wolken, liebliche Ferne, Widerschein des Wassers u. dgl. , und daß er ganz allein eine Stelle schilderte, deren hochpoetische Kraft und Schönheit — wie wir bis jetzt glaubten — nur empfunden, nicht aber auch mit dem Pinsel dargestellt werden konnte. Ein riesengroßer Baum mit stark bemoostem, hier und da schon morschem Stamme, aber noch kräftigen Zweigen und frischem Grün, nimmt die Mitte des Bildes ein und breitet sich mit seinem tiefen, feuchten Schatten über einen großen Theil desselben aus. Namentlich ist die obere Hälfte fast durchaus von seinem Blätterdache erfüllt. Im dichten Hochwald, wie er hier gemalt, leider in Wirklichkeit bei uns aber immer seltner zu finden sein wird, trifft es sich oft, daß „der verschlungenen Aeste dicht Gestrüpp" den Himmel und das Licht verhüllen. Allein es fragt sich, ob diese Nacht auch ein künstlerischer Vorwurf ist, besonders da sie sich stets mehr über dem Beschauer, als vor ihm befindet. Wir möchten daher dem oberen Theile des Gemäldes einige durchsichtigere Stellen wünschen, und sind überzeugt, sie würden den eigentlich hellen eben so wenig schaden, als sie auch vermöge des Re
flexes nothwendig und natürlich sind. Selbst ein kleiner Durchblick von blauem Himmel, wie er an den Seiten so keck gelang, dürfte nicht überall fehlen. Auch die Farbe des Stammes in einigen lichten Partien hat uns nicht ganz befriedigt. Ganz unvergleichlich dagegen ist die Wirkung der Sonne gemalt, Theils wo sie in voller Kraft auf die Zweige und den Boden fällt, Theils nur spielend durch die Blätter scheint oder verstohlen noch einen Strahl in die Dämmerung sendet. Eben so reizend sind die Punkte, wo es vergönnt ist, tiefer in den Wald und seine magischen Schatten zu blicken. Je länger man das Bild betrachtet, um so mehr freut man sich der Auffassung und geistreichen Durchführung eines wahrhaft dichterischen Gedankens und Übersicht willig kleine Mängel im Einzelnen. Wie es uns bedünken will, würde sich schon das Ganze bei einer etwas größeren Entfernung, als es im engen Raum des Zimmers möglich ist, vortheilhafter gestalten. Hier würde die Täuschung noch größer sein und aus dem Halbschatten Alles kräftiger hervortreten; denn der eigenthümliche Farbenton, der sich auf allen Bildern Glinzers findet, gibt selbst den tiefsten, dunkelsten Stellen noch etwas Durchsichtiges und ist auch in diesem Gemälde, so reichlich angebracht, daß sich das Auge erst daran gewöhnen und mit ihm vertraut machen muß. In den Studien haben wir ihn weniger gefunden und er scheint dem Künstler zuweilen auf Kosten der Wahrheit zu entschlüpfen, oder aus dem Streben zu entstehen, die Gegenstände mit einem Glanze zu umhüllen, der wenigstens unserem Klima abgeht. — Der Vorgrund ist unendlich reich an Farrenkräutern, Schwäm- men, Schlingpflanzen, alten Baumwurzeln jc. und befriedigt sehr durch Mannichfaltigkeit und Richtigkeit der Zeichnung und Gruppirung. Vielleicht können wir bald ein ähnliches schönes Bild unseres trefflichen Künstlers anzeigen. Denn wir glauben die Anlage zu einer noch umfangreicheren Landschaft in dem Atelier bemerkt zu haben.
Kassel, 6. Juni. E.