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Hlnterhaltungs blatt

zur Reum Hessisch« Zeitung.

M 22 Sonntag, den 2. Juni. 1S5O»

A. v. Willisen,

Obergeneral in Schleswig-Holstein.

Die Nordd. Freie Presse theilt über den jetzigen Ober- general in Schleswig-Holstein, A. v. Willisen, folgende verbürgte Nachrichten mit. Zur Zeit des polnischen Frei­heitskampfes gegen Rußland war Willisen Major im gro­ßen Generalstabe und Lehrer an der Kriegsschule zu Ber­lin. Er benutzte nicht nur seine Vorträge, welche er über Taktik und Strategie hielt, sondern auch die Presse zu einer schonungslosen, aber wahren Kritik der rus­sischen Operationen. Dies mag ihm allerdings nicht die Freundschaft des russischen Kaisers zugezogen haben, und auch von Seiten Preußens wurde es, wegen der Stellung zu Rußland, nicht gern gesehen und blieb nicht ungerügt. Einige Jahre später kam Willisen als Ehef des Generalstabs zum 5. Armeekorps nach Posen. Hier war er ganz in seinem Element. Der damalige kommandirende General v. Grolmann war einer der gebildetsten und humansten Officiere det preu­ßischen Armee. Der polnische Adel, von Natur Sol­dat, entzieht sich selten der allgemeinen Wehrpflicht, sondern, wenn er auch nicht lange unter preußischer Fahne aushält, so benutzt er doch diese Zeit gewissen­haft, um sich praktische und theoretische militairische Kenntnisse zu erwerben, weil sie ihm vielleicht einst bei der nie aufgegebenen Befreiung seines Vaterlands von Nutzen sein können, uno in dieser Beziehung war sowohl Grolmann als Willisen manchem jungen Polen ein treuer Rathgeber und Lehrer. Auch anderweitig kam Willisen viel mit Polen in Berührung. Es hatte in Posen sich ein Verein für Pferdezucht gebildet, dessen aktive Mitglieder größten Theils Polen waren. Willisen nahm sich mit Sachkenntniß und Eifer der Sache an und wurde Präsident des Vereins. Während seines Aufenthalts in Posen erschien bei Duncker in Berlin Die Theorie des großen Kriegs von A. v. Willisen". Dieses militär-philosophische Werk ist eines der vor­züglichsten derMilitärliteratur und sollte im Besitz eines

jeden gebildeten und denkenden Officiers sein. Es zer­fällt in zwei Theile. Der erste Theil hehandelt die Theorie, der zweite die Anwendung derselben auf den russisch-polnischen Feldzug. Von Posen wurde Willisen als Generalmajor und Brigadekommandeur nach Pom­mern, von hier aber bald auf seinen Wunsch nach Breslau (wo sein Schwager, der Graf Ijork, in der Nähe lebt) versetzt. Hier nahm er sich wiederum sehr der Pferdezucht an und wurde ebenfalls Präsident des Vereins zur Veredelung derselben. Im Auftrage des Vereins ging Willisen 1844 nach England, wo er für circa 50,000 Thlr. Pferde kaufte. Als in Folge des 18. März 1848 sich den gefangenen Polen in Berlin die Gefängnißthüren öffneten, dem Großher- zogthum Posen Versprechungen gemacht wurden und die Bewegung daselbst begann, bat die polnische Partei, der preußischen Regierung mißtrauend, durch fortwährende Rüstungen und Truppen - Vermehrungen beunruhigt, um den als Ehrenmann bekannten General von Willisen als königlichen Kommissar zur Verwirklichung der versprochenen Reorganisation. Die Bitte, erst abgeschlagen, wurde später gewährt. Willisen wurde von der polnischen Partei mit Enthu­siasmus , von der deutschen mit Kränkungen empfan­gen. Selbst die Truppen des wohldisciplinirten herr­lichen Kriegsheers versagten dem preußischen General zum Theil den schuldigen Respekt. Willisen betrachtete sich nur als ein Bote des Friedens, doch gelang es ihm nicht, den Kampf zu hintertreiben, und er sah beim Beginne der Feindseligkeiten seine Mission als beendet an. Er hat sein Benehmen in einer Broschüre gerechtfertigt. Willisen kehrte nicht auf seinen Posten nach Breslau zurück, sondern wurde dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten überwiesen. Er er­hielt nunmehr eine Mission zu Radetzky, welche ihm Gelegenheit gab, einen dritten Theil seiner Kriegs­theorie, die Anwendung derselben auf die Operationen Radetzky's, erscheinen zu lassen. Im Jahre 1849 wurde Willisen zum Abgeordneten für die I. Kammer