— 82 —
mit teil Regenbogenfarben der Einbildung sein dunkles Loos betüncht. — Ihr Besuch bei den schwarz- braunen Sumpftretern des grünen Irlands, ihre Erscheinung in ben grambelasteten Hütten des armen lustigen Paddy, fiel in dasselbe Jahr, in welchem sie in Folge eines großen Bankbruches um ihr Vermögen kam. Sie verlor jenen Landsitz, wo sie alle ihre zehn Kinder geboren hatte und suchte nun Zuflucht in den engen Gassen der Londoner Altstadt. Aber der Saame, den sic ausgestreut, ging bereits in aller Welt auf, sie blieb im Mittelpunkte ihrer weltweiten Verbindungen. Dr. Julius hatte ihre Schrift in's Deutsche übersetzt; 1830 trat in Berlin die Gräfin v. d. Gröben an die Spitze eines Frauenvereins zum Besuche weiblicher Gefangener; in Turin errichtete Frau von Barrol ihr Asyl für reuige Gefallene. Elisabeths Thätigkeit war staunenswerth. Bald arbeitet sie mit Burton und Wilberforce zur Abschaffung der Sklaverei, bald für die Negererpedition, welche 1841 zur Verbreitung der Gesittung in Afrika ausgerüstet wurde, bald für die Befreiung Griechenlands, bald für die Aufhebung des Opiumhandels mit China. Alle Siech-, Irren- und Krankenhäuser Londons erfahren die Segnungen ihres persönlichen Wirkens, und entfernten Orten, die ihr Fuß auf ihren Liebesgängen nicht erreichen kann, sendet sie getreue Boten, die in ihrem Sinne walten. Allmächtig wird ihr Einfluß, über die ganze Welt verbreitet sich ihr Arm, bis in die entlegensten Kerker dringt ihr Blick, das tiefste Elend des dunkelsten Jammers lichtet ihr Segensspruch. In der That, die Wunderkraft mittelalterlich katholischer Glaubensstärke schien auf eine Frau des kalten protestantischen Nordens übergegangen zu sein, lind hier wirkte kein dunkles somnambules Sichselbstverlieren; hier war Nichts thätig, als die helle Verstandeskraft der hülsreichen Menschenliebe, hier ward kein Opfer der fünf wachen Sinne als Bedingung gefordert, hier heilte die praktische Menschenhand ohne magnetische Wundergabe, der Verstand ohne Verzückung schwelgerischer Empfindungen, der Glaube als hülfreiche That im wirklichen Leben der Menschen.
Elisabeth Fry gewann die Königin Adelheid in England für ihre Zwecke, Lord Ashley ward ihr getreuester Apostel der christlichen That. Sie suchte die Paläste der Großen aller Orten auf, um für die Hütten der Armen zu werben. Mit Guizot sitzt sie in Paris zu Tische und verwendet sich bei ihm für die
Sandwichinsulaner; an Gerando's Seite besucht sie die Wohlthätigkeitsanstalten in der Seinestadt, wirkt am Hofe Louis Philipps für ihre Plane und ertheilt dem griechischen Gesandten christlich praktischen Rath. An König Friedrich Wilhelm III. von Preußen entwarf sie ein freilich ohne Erfolg aufgenommenes Bittgesuch um Einstellung der Verfolgungen gegen die Altlutheraner. Erst der vierte Friedrich Wilhelm, den sie 1841 auf ihrer Festlandsreise zu Fischbach in Schlesien traf, konnte ihr die Versicherung geben, daß in Preußen der Glaube, der an Luthers Worten und Buchstaben festhalten will, nicht ferner gekränkt werde. Ein Jahr darauf suchte der preußische König sie zu London in ihrer eigenen Behausung auf. Man erzählte von der Thräne in seinem Auge, als diese nicht christlich romantische, aber christlich pragmatische Frau Altenglands ihm von der Nothwendigkeit sprach, in seinem Reiche für Alle Gewissensfreiheit herzustellen. Man kennt dieses Königs Toleranzedikt, das die Altgläubigen freigab, um Neugläubige zu behindern. Man bedauert, daß was der Verstand des Mannes und gesunde Vernunft erledigen konnte, erst der Apostelsprüche einer Frau bedurfte, schließlich sogar erst der Gewaltthat des Volkes gegenüber „frei" beschlossen wurde.
Ihren 64sten Geburtstag hatte sie noch in voller Rüstigkeit und Thatkraft zu Paris im Kreise gleichgesinnter Männer gefeiert. Zwei Jahre später, im Oktober 1845, starb Elisabeth Fry zu Ramsgate in England. Die Läden der Stadt schlossen sich vor ihrem Sarge, die Küstenwächter thaten, „was sie thun, wenn eine Königin stirbt" , die Flaggen der Schiffe, wurden bis auf die Hälfte der Masten herabgelassen. Ganz England trauerte; der Fischer an seinem Netze, der Seemann am Steuer, der einsame Wächter am Strande, der ebenso einsame Gefangene im Kerker, der Kranke aus seinem Lager und das Kind auf seinem Spielplätze. Alle hatten eine Wohlthäterin verloren, Thron und Hütte trauerten um den Verlust einer Seherin voll soviel thatsächlichen, lebendig wirksamen Christenthums, um ben Verlust eines Wesens, das aus höheren Regionen zu stammen schien und doch auf die tausendfache Verlorenheit des bedürftigen Lebens, auf die Knechtsgestalt des Menschen in seiner leiblichen und geistigen Bedrängniß so klug und so hülfreich, so sanft und so durchdringend, unermüdlich einzuge-- hen wußte. (EuropaZ