Unterhaltungsblatt
zvr Neuem Hessischen Zeitung.
J£ 28. Sonntag, den 2G. Mai. MZG.
Elisabeth /ry.
Ein Bild englischer Frömmigkeit.
(Schluß.)
Vor Allem richtete Elisabeth ihre Aufmerksamkeit auf die Sträflingsschiffe, um den Verbannten durch Wort und That den Segen des inneren Heils Mit auf den Weg nach Neu-Südwales zu geben. Es hing jedes Mal von dem Befehlshaber des Schiffes ab, den Zutritt zu den Sträflingen zu gewähren, und so mußte sie fast immer erst die Gefängnißwärter bekehren, bevor sie ihr Werk bei den Verbrechern beginnen konnte. Aber sie scheute kein Hinderniß; ihre Unermüdlichkeit überwand die härtesten Felsen in der Gewohnheit und im Vorurtheil der Menschen. Von ihrem Bruder Joseph begleitet, erschien sie unerschrocken im schmutzigsten Kerker und unter dem wildesten Haufen im untersten Schiffsraum. Wenn sie ihren kleinen Strohhut abnahm und ruhig, ihres großen Werkes gewiß, um sich blickte, legte sich überall der Tumult der tollsten Leidenschaften, und wenn sie, die einfachste Prophetin unter allen, die jemals Gott gefeilter, als wäre sie unter den Ihrigen, ganz heimisch und traulich die Lippen öffnete, so bezwang der Zauber ihrer Anmuth auch die verstocktesten Gemüther. Ein Kapitain jener Sträflingsschiffe schrieb von ihr: „Ich hatte Vorurtheile gegen diese Sekte der Quäker, allein wer konnte dieser schönen, sanft überredenden, himmlisch gesinnten Frau widerstehend Sic sehen, hieß sie lieben; sie hören, war ein Gefühl, als zeige euer Schutzengel euch den Weg, den Versuchungen und Uebeln des Lebens zu entfliehen, um in der Heilandsliebe einen ewigen Zufluchtsort zu finden. In ihr konntet ihr vereinigt sehen, was ein Weib anziehend macht, verklärt durch die Lichtstrahlen reinster Menschenliebe, die Blüthe der Jugend, der Gesundheit und Anmuth hinopfern im Dienste ihres himmlischen
Meisters. Nicht gering ist die Gabe anzuschlagen, die ibr in diesem Antlitz verliehen war, das in jedem Blicke und jeder unwillkürlichen Bewegung das Ueber# wallen des reinsten Herzens kund that. So war sie ein demüthiges Werkzeug tu der Hand der Vorsehung, hoch begnadigt unter den Frauen."
1824 errichtete sie in Brighton nach Dr. Chalmers Armenpflege unter den wohlhabenden Einwohnern einen Verein zur Hülfsleistung für Kranke und ein Bureau zum Nachweis für Arbeitsfähige. Auf die Küstenwächter, die dem Unbill des Wetters, den Ueber# fällen der Schleichhändler ausgesetzt, in schlaflosen Nächten ein Leben voll Mühe und Gefahr theilen, richtete sich nicht weniger ihre kluge aufmerksame Sorge. Sic vertheilte an sie Bibeln und lehrreiche Schriften; die ganze britische Kriegsflotte segnet ihr Wirken in der Verbreitung des Heils unter den zurückgelassenen Frauen, Kindern und Kranken. Die armen Schafhirten von Salisbury, die armen Fischer von Crone nahmen Theil an ihrer Verkündigung des Christenthums , — an der Verkündigung dieses alten Heils, das doch immer erst wieder neu zu predigen, den Heiden eine Thorheit und der Welt ein Aergerniß ist. Schon 1836 eristirten in England unt den Kolonien 620 Büchersammlungen von mehr als 52,000 Bänden. 1824 gründete Elisabeth den ersten Verein für Sonntagsschulen zum Wohl der dienenden Klassen; zwei Jahre darauf gab sie ihre werthvollen Bemerkungen „über den Besuch, die Beaufsichtigung und die Leitung weiblicher Gefangenen" in Druck.
Im Schmutz der kinderwimmelnden Hütten des armen grünen Irlands erschien sie wie ein lichter Bote aus seligen Gefilden. Sie hatte ein Herz für das Unglück dieses armen, durch die eigne phantastische Seltsamkeit wie durch die Härte des englichen Gesetzes verwilderten Volkes, das in den Höhlen seines Jammers so viel kindliche Liebebedürftigkeit verbirgt und