Nnterhaltungsdlatt
zur Rrueu Hessischen Zeitnrrg.
M 2«
Sonntag, den LV. Mai.
1850»
Elisabeth Fry.
Ein Bild englischer Frömmigkeit.
(.KWetzung.)
Elisabeth kehrte aus der großen Welt Londons an vielfachen Belehrungen und Erfahrungen reicher, aber ebenso unerschütterlich religiös in ihrer Stimmung zurück. Sie hatte innerlich Nichts verloren und war nach außen hin fester geworden, ohne in weichlicher Froinmseligkeit sich auf sich selbst zurückzuziehen und die Welt in ihrer Aeußerlichkeit als eine sündhafte und verlorene zu verdammen. Auf die Freuden, aber nicht auf die Pflichten in der Welt hatte ihre Frömmigkeit verzichten gelernt. Der Anblick der in Arbeit und Genuß wimmelnden Menschheit auf dem großen Weltschauplatze hatte sie die ganze Hülfsbedürftigkeit der Kreatur erkennen lassen. Nur der helfende Mensch, das lernte dort ihre gläubige Andacht, ist der wahrhaft Fromme. Ohne feindlich in die Gewohnheit der Ihrigen einzugreifen, eröffnete sie sich nach ihrer Rückkehr als Liebhaberei eine besondere Wirksamkeit. Sie saß wieder wie sonst zu Pferde, mit fliegenden Locken, mit wehendem Schleier, im scharlachnen Reit- gewande; allein ihr Sattel war reich beladen mit Körben und Beuteln. Hier galt es, einem Kranken mit Labung beizuspringen, dort einer.armen Wittwe Thränen zu stillen, einer kinderwimmelnden Stube Brod zu bringen. So machte die Amazone täglich, doch nie mehr ohne Ziel und Zweck ihre Ausflüge in der Umgegend von Norwich. Sonntags sammelte sie eine Schaar von Dorfkindern, die sie mit hingebender Liebe unterrichtete; sie eröffnete ihre Schule mit einem armen Knaben und hatte bald ihrer siebenzig um sich. Nach und nach mit der Anhäufung ihrer frommen Obliegenheiten ward sie immer strenger gegen sich selbst, aber niemals unduldsam und hart gegen die Welt. Ihr väterliches Haus hatte mit der Gesellschaft der Freunde Handelsverbindungen. Diese wurden für Elisabeth, für ihr Herz und zunächst für die
Gewohnheit ihres Lebens von nachhaltiger Bedeutung. Sie nahm allmählich die eigenthümlichen Formen der Quäkersekte an, kleidete sich in deren einfache Tracht und gewöhnte sich im Verkehr mit Menschen an das vertrauliche Du. Tanz und weltlicher Gesang hörte für sie auf, denn sic brauchte die kurzen Momente der Erholung einer inneren Sammlung. Sie legte alle helleren Farben ab und glaubte immer mehr auch äußerlich in Knechtsgestalt ihrem Herrn und Meister, dem geheiligten Stifter des Christenthums, dienen zu können. Eine zwanzigjährige Blondine wird sie uns um's Jahr 1789 geschildert im schieferfarbenen Gewände, in's reiche Haar einen schwarzen Schleier gewunden, dessen Enden zu beiden Seiten hernieder- hittgen. Ein Jahr darauf gab sie Herz und Hand dem reichen Londoner Handelsherrn und Mitglied der „Gesellschaft der Freunde", Joseph Fry.
Ihre Frömmigkeit war nicht hinderlich, eine glückliche kinderreiche Ehe zu führen. Leib und Seele in schöner Harmonie zu halten, die Gaben Gottes und der Natur mit rüstiger Thatkraft für die Menschheit auszubeuten: das ist der Hauptgrundsatz der englischen Frömmigkeit, die weit entfernt ist von allem krankhaft pietistischen Augenverdrehen, allem trügerisch erheuchelten Trübsinn eines deutschen Muckerthums. — Ihre segensreiche Ehe ward durch Todesfälle und Leiden aller Art vielfach geprüft. Aber zweiundvier- zig Jahre nach ihrer Verheirathung stellte sie dem vierten Friedrich Wilhelm von Preußen, der in England ihr einen Besuch zurückgab, acht Töchter und Schwiegertöchter (drei waren abwesend), sieben Söhne und fünfundzwanzig Enkel vor. Die Pflichten des Weibes, der Hausfrau, der Mutter und Großmutter, der Tochter und Schwester, vollzog sie mit einer unermüdlichen Rüstigkeit an Geist und Leib. Es gab Zeiten, wo sie im Kreise der Ihrigen von einem Krankenbett zum andern eilte; es gab Zeiten, wo der Sturm des Mißgeschicks sie und alle die Ihrigen vom Gipfelpunkt des Wohllebens an den Rand drük- kender Noth herabschleuderte. Mit dem Fall eines